Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blocb s Mocbenscvrtn. Seite 1° unsere Anschauungen von denen der Verfasser des kalholischen Promemvria sich unterscheiden. „Was sollen uns neue Gesetze, wenn die alten nicht gehandhabt werden", sagte einst der greise Präsident der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde Arminio Cohn zu dem damaligen Justizminister Grafen S ch ö n b o r n. An gesetzlichen Dämmen und Schranken gegen politische, religiöse und gesellschaftliche Verhttzung fehlt es nicht. An Strafbestimmungen gegen die Uebeltäter leiden wir keinen Mangel urd an preßpolizeilichen Verfügungen zur Unwirksammachuug solcher Agitationen steht unseren Staatsanwälten ein ganzes Arsenal zur Verfügung. Wiv-brauchen kein neues Reglement, keine neuen legislatorischen Maßnahmen — es würde vollständig genügen, wenn die Staatsbehörden die schon bestehenden zur Anwendung brächten. Diese Anwendung aber muß eine unparteiische, eine nach allen Richtungen mit gleichem Maße messende sein. Sie muß allen Bevölkerungsklassen, allen Nationalitäten, allen Konfessionen in gleichen: Maße gerecht werden. Sie darf auf der einen Seite nicht begünstigen, was sie auf der anderen Seite für veriverflich und strafwürdig erklärt, sie darf auf der einen Seite nicht mit vielsagendem Schmunzeln dulden, was sie auf der anderen Seite mit dem Eifer eines Tmquemada verfolgt. Und was von der Staatsgewalt gilt, das gilt auch von den einzelneu Parteien. Den Vertretern der katholischen Vereine rufen wir in diesem Augenblicke zu, daß das alte, gut deutsche Sprichwort: „Was Du nicht willst, daß man Dir tu', das füg' auch keinem Andern zu!", auch für sie grundsätzliche Geltung hat und daß eine Mißachtung früher oder später, wie sich ja jetzt eben gezeigt hat, auch sie selbst in den Wirbel der allgemeinen Rechtlosigkeit hinabziehen muß. Vom Aabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Der Ruf nach Verfassung in Rußland. — Die Wiener Antisemiten und die russische Konstitution. — Verfassung mit Ausschluß der Juden — Die Bewegung in Oe st erreich. — Der Kreuzzug u n d das Aergernis. — Die Konjunktur für die Bewegung. — Das übliche Ende vom Lied.) Eine starke Bewegung macht sich geltend in Rußland und so auch in Oesterreich. Richtung und Ziel sind hier nicht dieselben wie dort, aber beide Bewegungen sind kulturgeschichtlich denkwürdig und wert, mit aller Aufmerksamkeit ins Auge gefaßt zu werden. In Rußland beginnt das Volk aus einem schweren und wüsten Traum zu erwachen und seine Forderungen zu stellen. Es fordert das Einfachste, das Natürliche, das Selbstverständliche, also das, was am schwierigsten zu erlangen ist, sein Menschenrecht, seine Menschenrechte. Es vollzieht sich da ein weltgeschichtliches Schauspiel mit der eisernen Konsequenz der Logik der Tatsachen, und es fehlt nicht an Analogien dazu, auch in Oesterreich nicht. Das Volk muß erst aus tausend Wunden bluten, ehe es sich auf sein Recht besinnt, und der Absolutismus mit seinen starken Stützen, mit seiner Kamarilla und seinem Militarismus. muß erst Bankerott gemacht haben, bevor ein Volk so frei sein darf, frei sein zu wollen. Es ist also der Ruf nach einer Verfassung, der nun in Rußland erhoben wird und jetzt vielleicht lauter als je zuvor. Es ist das Los der Kreatur, daß jede Geburt unter Schmerzen erfolgen muß, und immer hat es insbesondere eine schwere Geburt gegeben, wenn die Freiheit das Licht der Welt erblicken sollte. Das russische Volk mußte erst bis an den Rand des Verderbens, bis zur Verzweiflung getrieben werden, bis ihm die Erleuchtung wurde, daß ein Volk sozusagen aus Menschen besteht und nicht aus Schlachttieren, und daß jene vor diesen doch Einiges voraus haben müßten. Die furchtbare Demütigung des Falles von Port Arthur mußte das russische Volk erst erleben, um sich zu der Erkenntnis aufzuraffen, daß es Anspruch habe auf menschenwürdige Behandlung. Demütigung ist vielleicht nicht einmal das richtige Wort. Die Demütigung mag der Beherrscher aller Reußen und seine großen Herren, die Großen des Reiches empfunden haben, deren Eigenliebe verletzt ist und die es wurmt, eine Schachpartie um hohen Einsatz verloren zu haben. Für das Volk hatte die Katastrophe mehr zu bedeuten. Es waren seine Söhne, die dort zerfleischt, in Stücke gerissen wurden, es sind seine Söhne, die dort die Qualen der Hölle erlitten haben, die dort hinsiechen und nun scharenweise in die Gefangenschaft geschleppt werden. Für jene Empfindungen, die durch solche Vorstellungen wachgerufen werden, ist Demütigung in der Tat nicht das rechte Wort. Das war immer so, und es hilft nichts, sich dabei mit düsteren Betrachtungen auszuhalten. Erst müssen Niedertracht, Herrsch- und Eigensucht die Partie verloren, erst muß das System der brutalen Volksausbeutung seinen Niederbruch erfahren haben, bevor aus seinen Ruinen die Wunderblüte der Freiheit aufsprießen kann. Port Arthur ist gefallen. Nicht nur die großen Sklavenhalter, das ganze russische Volk hat einen zerschmetternden Schlag empfangen — ex ossibus ultor! Mit elementarer Kraft erhebt sich nun der Ruf nach einer Verfassung. Die Logik der Tatsachen ist eine so zwingende und überzeugende, daß sogar die Wiener Antisemiten, die doch sonst Fortschritt und Freiheit nicht auf ihr Panier geschrieben haben, mit in diesen Ruf einstimmen, sogar das „Deutsche Volksblatt" erhebt seine maßgebende Stimme, um für das russische Volk eine Konstitution zn verlangen. Was bedeutet denn nun der Ruf nach einer Verfassung? Er ist nichts anderes, als ein vieltausendstimmiger Schrei nach Gerechtigkeit. Und die Staatsweisheit des Antisemitismus sollte in einen solchen Ruf miteinstimmen?! Nein: es gibt keine Wunder. Es wird Konstitution, Freiheit und Gerechtigkeit verlangt, aber — mit Ausschluß der Juden. Wie erhebend ist doch der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit! Man stelle sie sich nur vor, die Morgenröte der neuen Aera der Herrschaft der Menschlichkeit. Der Antisemitismus kämpft mit; dixit et salvavii animam suam. Nach anderer Richtung zielt eine mächtige Bewegung, die wir jetzt bei uns in Oesterreich zu verfolgen Gelegenheit haben. Ein Kreuzzug ist eröffnet: von den Kanzeln wird gepredigt; Sühngottesdienste werden abgehalten; es gibt Versammlungen in schwerer Menge mit apologetischen, homiletischen und polemischen Reden; die höchsten kirchlichen Würdenträger haben gesprochen und selbst das Zeugnis des Papstes ist angerufen und aufgeboten worden. Was ist geschehen? Ein alldeutsches, gut antisemitisches Blättchen, das nicht leben und nicht sterben kann, das kein Mensch sieht und liest und das beinahe mit Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheint, hat sich in einigen Schmähungen wider die Einrichtungen der katholischen Kirche gefallen. Kein vernünftiger Mensch, auch wenn er sonst zum Katholizismus auf gegensätzlichem Standpunkt stehen mag, hätte sich gesunden, der Abgeschmacktheiten und Roheiten, welche geeignet sind, die religiösen Gefühle einer großen Glaubensgemeinschaft auf das Tiefste zu verletzen, nicht verurteilt hätte. Das steht einmal fest; weiters steht fest, daß auch nicht ein Neunundneunzigstel der jetzt durch einen so gewaltigen Apparat in hochgradige Erregung versetzten Massen auch nur die leiseste Kunde von dem Majestätsverbrechen an dem heiligen Geiste der katholischen Religion erhalten hätte, wenn das Sumpfblümchen, das sv still im Verborgenen blühte, nicht gewaltsam ans Licht gezogen und an die große Glocke gehängt worden wäre. Wenn nun das Merkmal des „Aergernißgebens" in religiösen Dingen in der Beunruhigung und Verwundung ahnungsloser Gemüter besteht, so waren die Veranstalter des weitausgreifenden Rummels sicher viel erfolgreicher am Werke, als der dunkle Ehrenmann, der seine Insulten in einen leeren Sack hineingeflüstert hatte. Wenn aber weiters daraus gefolgert tverden sollte, daß es nicht sehr klug gewesen sei, das sonst kleine Aergernis zu einem großen zu gestalten, indem man einer gleichsam im tiefsten Vertrauen gefallenen Aeußerung eine ungeheure Publizität lieh, dann könnte man doch sehr leicht zu einem recht erheblichen Trugschluß gelangen. Man konnte sich nicht dem Wahne hingeben, die paar Leser des alldeutschen und antisemitischen Blattes zu bekehren. Die haben einmal ihre Meinung und diese strebt — los von