Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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©ttt c 14 Dr. Blocb’s TRUocbenscbrtrt. Nr. 1 Als eine passende Illustration hiezu kann wohl auch ein anderes im selben Midrasch zu e. 4 v. 19 erzähltes Faktum angesehen werden. An die Stelle: „Schneller waren unsere Verfolger als die Adler des Himmels" knüpft nämlich der Midrasch folgende Erzählung, die einen unbezweiselten historischen Hintergrund hat. Dem Kaiser Trajan wurde, während er in der Berberei in Nordafrika zur Unterdrückung eines dort ausgebrochenen Aufftandes weilte, ein Sohn geboren. Allenthalben wurde das freudige Ereignis in dem kaiserlichen Hause mit einer Illumination gefeiert. Nur die Juden zündeten in ihren Häusern keine Lichter an, weil gerade der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems und des Tempels der neunte Ab war, an dem auch, jetzt noch selbst das Gotteshaus nur spärlich beleuchtet wird. Damals war noch nicht ein halbes Jahrhundert seit dem großen Nationalunglücke vergangen. Ein unglücklicher Zufall wollte es nun, daß dieses Kind, anläßlich dessen Geburt am neunten Ab illuminiert wurde, gerade am Chanukafeste starb. Nun blieben am Abend alle Häuser als Zeichen der Trauer unbeleuchtet, aber die Häuser der Juden erstrahlten im hellsten Lichterglanze, denn sie hatten die Chanukalichter angezündet, obgleich sie von der Gefahr, welche sie dadurch gegen sich heraufbeschworen, eine Ahnung hatten. Sie waren nach längerer Beratung zu dem Entschluß gekommen: „Wir erfüllen das religiöse Gebot, komme über uns was da will!" Die Judenfeinde — an solchen hat es nie gefehlt — schwärzten die Juden bei der Kaiserin an. „Bei der Geburt des Kindes", sprachen sie, „trauerten die Juden, bei dessen Tode freuten sie sich und zündeten Lichter an". Sie schrieb sofort an ihren Gemahl, daß er, statt die aufständischen Berber im fernen Lande, die Juden in der kaiserlichen Residenz zum Gehorsam zwingen möge. Der Kaiser ließ sofort die Legionen die Schiffe besteigen und, vom Winde begünstigt, war er, statt in zehn Tagen, in fünf Tagen an Ort und Stelle. Nun wurden alle Juden der Insel Cypern, Männer, Frauen, Kinder, mehr als 200.000 Personen niedergemetzelt. Den historischen Hintergrund dieser Erzählung bildet der Aufftand der Juden unter Kaiser Trajan in einem großen Teile des römischen Reiches, namentlich in Egypten, Kairuan und auf der Insel Cypern, wo damals viele Juden wohnten. Ueber diesen Aufftand und über das unter den Juden auf Cypern angerichtete furchtbare Blutbad (Sukka 516) berichtet auch der Geschichtsschreiber Dio Cassius, wie auch der Kirchenvater Eusebius in seiner Chronik, nur war es nicht Trajan selbst, sondern sein Feldherr Martius Turbo, der gegen die Juden kämpfte. Aus der Erzählung des Midrasch ergibt sich jedenfalls die Lehre, daß alle Handlungen der Juden, selbst wenn ihre Motive klar zu Tage liegen, von ihren Feinden mißdeutet werden, und wie der Jude tut, tut er nicht recht, ob er trauert oder jubelt, ob er bei einer Illumination bebeleuchtet oder nicht — seine Fenster werden jedenfalls eingeschlagen. - Auch für die gemeinen Schmähungen der Rassenantisemiten (auch solche hat es schon vor Jahrtausenden gegeben) findet sich im genannten Midrasch die treffendste Illustration. Den Klageruf: „Siehe, o Ewiger und schaue, wie erniedrigt ich werde" (e. 1 v. 11), beleuchtet ein Agadist mit folgendem köstlichen Geschichtchen. In Askalon, erzählte er, gerieten zwei Weiber der gemeinsten Art in einen heftigen Streit miteinander. Sie überschütten sich gegenseitig mit den unflätigsten Schimpfwörtern. Endlich glaubte eine den höchsten Trumpf auszuspielen, indem sie der anderen zurief: „Du siehst ja aus wie eine Jüdin!" Vor diesem unerhörten Schimpf erstarrte dieselbe und schwieg, wodurch der Zank ein Ende hatte. Nach einigen Tagen söhnten sich die beiden Hetären wieder aus; doch konnte die so arg Beschimpfte nicht unterlassen, zu der andern zu sagen: „Alle Schmähungen, mit welchen Du mich überhäuftest, verzeihe ich Dir, daß Du aber sagtest, ich sehe wie eine Jüdin aus, das werde ich Dir mein ganzes Leben lang nicht vergessen können"; deswegen die Klage: Siehe, o Ewiger, u. s.w. Jetzt möchten wir einen solchen Vorfall nicht so tragisch nehmen, und würde er uns höchstens ein verächtliches Lächeln abzwingen. ' Die üblen Erfahrungen von anderthalb Jahrtausenden haben uns etwas weniger empfindlich gemacht. Solche Worte, wie sie einst nur in den Straßen Askalons aus dem Munde von Dirnen zu hören waren, kann man jetzt in gewissen Land- und Gemeindestuben hören. Die Wortführer dürfen jedenfalls auf ihre Vorbilder stolz sein; vielleicht stammeu sie sogar von diesen ab und können in diesen nicht allein ihre Vorbilder, sondern auch ihre Stammmütter verehren. Israel von Krimn *). Im Jahre 1420 wirkte in Brünn**) als Rabbi und Lehrer der damals, trotzdem er erst 24 Jahre alt war, in der talmudischen Wissenschaft wohlerfahrene Israel, dessen Geschicke 'merkwürdig genug sind, daß sie späteren Geschlechtern erzählt werden. Nicht nur unter den Juden der damaligen Zeit, sondern auch unter, den Christen war der stets einsam lebende Mann wegen feiner Sittlichkeit und durch manche Wohltaten, die er auch an Christen übte, hochgeachtet und wohlgeschätzt. Seine Ausbildung in allen rabbinischen Fächern hatte er in Nürnberg genossen, wo er seinen Studien mit besonderem Fleiße unter der Anleitung Jakob Weils oblag. In Brünn schaarte sich um ihn eine große Zahl von Schülern, und der Ruf seiner Gelehrsamkeit war bald ein so bedeutender, daß man sich von Nah und Fern an ihn mit Anfragen über religionsgesetzliche Gegenstände wandte, welche er in gelehrten Rechtsgutachten beantwortete, die von B r ü n n datiert sind. Der Pentateuch- Kommentar des Jakob ben Ascher wurde von ihm mit gelehrten Glossen versehen, und die „Dikduke Raschi“ (erschienen 1560) nach seiner mit Noten versehenen Handschrift herausgegeben. Während Israel also in Brünn nur seiner Wissenschaft lebte, tat der Synagogenmeister Gadel aus Orenburg die Absicht kund, sich in Brünn niederzulassen. Dies hörte Israel und begab sich zu dem berühmten JsraelJsserlein nach Wiener-Neustadt, um gegen Gadels Absicht anzukämpfen, aber Jsserleins, des allgemein bekannten Herausgebers der Gutachtensammlung „larmuatk-Iia-vssebsn", Bescheid fiel gegen Israel aus, und dieser zog es nun vor, die Ankunft Gadels in Brünn gar nicht abzuwarten, sondern mit Weib und Kind nach Regensburg auszuwandern. In diesem Rabbinerkampfe erkennt wohl ein heutiges Geschlecht manches Lehrreiche aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Doch Israels fernere Schicksale mögen uns noch über vieles belehren, was, mit kleinen Abänderungen, auch unter uns in der lichten Gegenwart sich zutragen könnte oder zugetragen hat. Ist denn nicht auch unsere Geschichte eine ma^istra vitae? Doch fahren wir in der Erzählung fort. In Regensburg kam es nach der Ankunft Israels zu einem nicht sehr erbaulichen Rabbiner st reite. Dort versah ein Rabbi Anschel Levi, ohne damit amtlich betraut zu sein, die rabbinischen Funktionen. Anschel war Israel gegenüber nicht gerade wählerisch in seinen Waffen. Des Streites Lärm durchhallte die Gemeinden Deutschlands. Auf Israels Platze in der Synagoge fand man Kreuze gezeichnet mit dem Namen E p i kurus (Api kores). Vergebens warnten Männer wie David Sprinz, Moses Mintz, Israel Jsserlein und vor allen Jakob Weil in einem an die Gemeinde gerichteten „Ermahnungsschreiben" vor diesen häßlichen Zänkereien. Er sagt in diesem Schreiben, daß in Wien, Krems, Nürnberg und Mainz auch mehrere Gesetzeslehrer sich niedergelassen haben und ihr Wetteifer dem Studium der Lehre nur Vorteile bringe. Die Personen hätten sich schon vertragen, aber Anschels Partei hatte Israel von Brünn Feindschaft geschworen und ver- *) Wir entnehmen die folgenden Mitteilungen den Aufzeichnungen von Eljakim Carmoly (gest. 15. Februar 1875 zu Frankfurt a. M.), in der Zeitschrift „Der Freitagabend". Vergleiche über diese Nr. 52 der „Oesterreichifchen Wochenschrift" vom ^3. Dezember 1904. **) Es ist jetzt nachgewiesene Tatsache, daß Brünn nicht Brun „der Marktflecken in Niederösterreich", wie Carmoly meint, sondern die Hauptstadt Mährens sei.