Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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2Hl. 1 Dr. Blocb s TWlocberts mst. Sette 13 Feuilleton. Die agndischeii Erzählungen und ihr geschichtlicher Hintergrund. Von Rabbiner Stark. Seitdem die Juden aus ihrer länger denn tausendjährigen Abgeschlossenheit aus- und in das allgemeine Kulturleben eingetreten sind, seitdem die Tätigkeit ihres Geistes und anerkannten Scharfsinnes nicht mehr auf die Erforschung ihrer Religionsquellen allein sich beschränkt, sondern aus alle Gebiete menschlicher Erkenntnis und Wissenschaft sich erstreckt, ist auch die Art und Weise des Talmudstudiums eine von der früheren verschiedene geworden. Während man in früherer Zeit beim Studium des Talmud hauptsächlich die richtige Feststellung der Halacha fürs praktische Leben vor Augen hatte, wozu später — namentlich durch die Tossafisten angeregt — auch das Aufwerfen von Fragen, die Lösung von vermeintlichen Widersprüchen, die Kombinationen zur Verteidigung und Rechtfertigung älterer talmudischer Autoritäten gegen die Angriffe jüngerer auf deren Behauptungen und Entscheidungen hinzugekommen u. s. w., sind es gegenwärtig hauptsächlich die sprachlichen, ethischen und kulturhistorischen Momente, die das Interesse des Talmudforschers, nachdem er sich die Kenntnis der Halacha (ohne diese kann und darf niemand zum jüdischen Gelehrten gestempelt, oder gar Rabbiner gemacht werden, weil ein Rabbiner ohne Talmud- und Halachakenntnis ein Unding ist) in Anspruch nehmen. Diese Aenderung und Wandlung im Talmudstudium hat ihre guten Gründe. Abgesehen davon, daß das jüdisch-religiöse Leben jetzt im Allgemeinen derart ist, daß der Rabbiner mit Ausnahme vom Synagogen- und Trauerritus gar nicht in die Lage kommt, seine halachischen Kenntnisse in der Praxis zu verwerten und zur Geltung zu bringen, hat die frühere ausschließliche Beschäftigung mit der Halacha zur Folge gehabt, daß auf diesem Gebiete des Talmuds kaum noch etwas Neues, nicht schon früher bis zur Erschöpfung Erörtertes zur Besprechung gebracht werden könnte. Die unbeantwortet gelassenen Fragen der Tossafot und des „Meharscha" haben bereits eine tausendfache Antwort gefunden, und die Einwendung des R. Abraham b. David (Rabed) gegen die halachischen Bestimmungen des Ramban (Moses b. Maimon) sind schon zu tausendenmalen als nicht stichhältig dargetan worden. Wer daher glaubt, auf diesem Gebiete noch etwas Verborgenes und Unbekanntes aus den tiefen und dunklen Schachten des Talmud zu Tage fördern, etwas „mechadisch sein" zu können, befindet sich in einem Irrtum. Gewiß ist das von ihm mit großem Aufwande an Zeit, Scharfsinn und Mühe Gefundene und Entdeckte, wenn es nicht gerade ein Unsinn ist — manchmal auch dann — schon früher gefunden worden, und in einem der Tausende von Glossarien und Novellen zum Talmud kann er das finden, wovon er glaubt behaupten zu können: „Siehe, das ist etwas Neues!" Anders jedoch verhält es sich mit dem nichthalachischen Teile des Talmud, mit der Agada, zu der auch alle Midraschim gehören. Der Erforschung der Agada wurde in früherer Zeit nur wenig Zeit gewidmet. Nur die sogenannten Darschonim und Magidim (Prediger und Volksredner) befaßten sich mehr mit derselben, aber auch diese nur zu erbaulichen und nicht zu wissenschaftlichen Zwecken. Um sich bei ihren Zuhörern Gehör zu verschaffen, um deren Herzen zu gewinnen und Gemüter zu bezwingen. (Lais agada moschchin es haleb) flochten sich interessante Agadastellen in ihre Reden ein, oder bauten sie ganz auf solchen auf und stellten das, was sie sagen wollten, in diese hinein, was ein approbates Mittel war, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer rege zu erhalten und das „Gesagte" wirkungsvoll zu machen. Die Agada hat auch jetzt diese ihre Anziehungskraft nicht ganz verloren, obgleich die Zahl derjenigen, welche die einer Bibel- oder Agadastelle gegebene Deutung und besonders die sprachlichen Pointen zu erfassen imstande find, von Tag zu Tag geringer wird. Auch ein mittelmäßiger Prediger kann, wenn er seine Rede mit einer Erzählung oder ein Gleichnis aus Talmud und Midrasch zu würzen versteht, auf Beifall rechnen. Ein unübertroffener, ja unerreichter Meister in der Kunst der Kanzelberedtsamkeit und der Verwendung von Midraschim in der modernen Predigt wird wohl noch lange der sel. Jellinek bleiben. Dieser war aber auch ein großer Meister in der wissenschaftlichen Erforschung der Agada. Denn dazu gehören philologische, philosophische und vor Allem gründliche historische Kenntnisse. Nur mit Hilfe dieser kann die Agada für die jüdische Wissenschaft fruchtbar und zu einer unerschöpflichen Fundgrube gemacht werden, für alle jene Disziplinen, welche zusammen die jüdische Wissenschaft bilden. Wenn aber auch bei der Schaffung und Entstehung der Agada mehr Herz und Gemüt als Kopf und Verstand tätig gewesen und dieselbe mehr als ein Kind der Phantasie, als des logischen Denkens zu betrachten ist, so genügt zu deren Erforschung doch nicht Phantasie allein, diese muß, um richtig zu gehen, von einer gründlichen Kenntnis der Zeitverhältnisse geleitet werden. Denn die überwiegende Mehrheit der agadischen Aussprüche und Schriftdeutungen spielen auf Zeitverhältnisse an und haben einen geschichtlichen Hintergrund. Man muß zwar nicht so weit gehen, jedem im Talmud und Midrasch vorkommenden Maschal (Gleichnis) eine historische Grundlage zu geben, aber gewiß ist, daß jedem dort erzählten Faktum (Maaße, Ubda) auch wirklich etwas Tatsächliches zu Grunde liegt und keine bloße Dichtung, keine bloße Schöpfung einer regen Phantasie ist. Und selbst wenn auch Letzteres der Fall wäre, wird man zugeben müssen, daß die Agadisten Meister in der Erfindung von Geschehniffen waren, durch welche das, was sie zum Ausdrucke bringen wollten, eine unübertreffliche Illustration erhielt. Hier nur einige Proben. Der Midrasch Threni (der Midrasch zu den Klageliedern) ist reicher denn alle anderen Midraschim an Erzählungen von Begebenheiten, die zur Illustration des zu erklärenden Textes dienen. Sind doch die Leiden des jüdischen Volkes so zahlreich und so mannigfach gewesen, daß es wirklich nicht schwer fiel, jede Klage über Unrecht und Gewalt, über grausame Bedrückung und blutige Verfolgung mit einer Tatsache zu begründen. Zu Klagelieder 3—59 „Du siehst, o Ewiger alle meine Unbill, nicht mein Recht" erzählt nun der genannte Midrasch folgendes: Ein Jude ging an dem Kaiser Hadrian vorüber und grüßte ihn ehrerbietigst. Dieser fragte ihn, wer er sei, und jener antwortete: „Ein Jude", da sprach der Kaiser zu ihm: „Und ein Jude wagt es in die Nähe des Kaisers zu kommen und gar zu grüßen!" und sofort gab er seinen Begleitern den Befehl, den Juden zu töten. Ein anderer Jude, der das gesehen hatte, hütete sich nun wohlweislich, als sein Weg ihn in die Nähe Hadrians brachte, zu grüßen. Dem Kaiser entging das nicht, und er fragte wieder: „Wer bist Du?" und da der Angeredete antwortete: „Ein Jude!" da erwiderte der Kaiser: „Und ein Jude wagt es an dem Kaiser vorbei zu gehen, ohne zu grüßen!" und wieder gab er den Befehl, den Juden sofort zu töten. Selbst seine Begleiter konnten es nun nicht unterlassen, ihrem Befremden über seine Handlungsweise Ausdruck zu geben. „Wer Dich grüßt", sagten sie, „wird getötet und wer Dich nicht grüßt, wird auch getötet". Hadrian aber erwiderte ihnen: „Ihr wollet mich belehren, wie ich mit Juden, meinen Feinden, zu verfahren habe!" Schmerzerfüllt, schließt der Midrasch seine Erzählung, rief nun der Genius des so blutig verfolgten jüdischen Volkes aus: „Du siehst, o Ewiger, all meine Unbill u. s. w." Ob nun diese Erzählung von Kaiser Hadrian und den zwei Juden wahr ist oder nicht, jedenfalls ist sie die kürzeste und treffendste Zeichnung von den schweren Leiden und Drangsalen der Juden unter der Regierung dieses judenfeindlichsten aller römischen Kaiser. Ist sie nicht aber auch die treffendste Illustration zu den Worten des Lesfing'schen Patriarchen: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" oder zu dem aus dem Leben und aus der Erfahrung hervorgegangenen Spruche: „Wie der Jude tut, tut er nicht recht!"