Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Blocb’s Mocdenscbrm. Seite 7 tiefempfundene Worte widmet er unserem Gegenstände in genanntem Buche: „Sollten die optimistischen Grundinstinkte, als deren Reflex sich ein fortschrittsfreudiger Enthusiasmus entstellt, die Errichtung eines Gottesreiches auf Erden verwirklichen, so darf man in diesem Kampfe nicht deswegen erlahmen, weil er 3000 Jahre dauert. Ohne diesen Kampf wären die Israeliten längst intellektuell eingerostet; vielleicht ein schweifender Beduinenstamm im Hauran geblieben, kulturlich gestorben, verdorben. Der ewige Kampf hat die Israeliten emporgepeitscht, hinaufgezüchtet, alle ihre Kräfte gewaltsam herausgetrieben, alle ihre Lebensenergien geschärft, gehoben"?) So tief ein elastischer Gegenstand zu Boden füllt, ebenso hoch springt er sodann wieder in die Lüfte. Die Spirale schnellt in demselben Maße empor, in welchem sie nndergedrückt wurde. Und so ist es auch auf geistigem, moralischem Gebiete. Am Grabdenkmale Leibnizens, des klassischen Optimisten, leuchtet der Spruch: „lueliuatu. resurget!“ Und diese geistige Elastizität, diese nie erlahmende Schwungkraft ist es, in welcher Stein die Widerstands-, die Lebensfähigkeit des Mosaismns findet: „Dieses Symbol der optimistischen Weltanschauung, die Spirale, gilt wie für alle Geschichte, so insbesondere für die Geschichte der Bekenner des Mosaismns. Während die erste Hälfte unseres Jahrhunderts eine Epoche bedeutete, in welcher die spiralförmige Bewegung d r Geschichte Israels mächtig emporschnellte, sind die Jetztlebenden in den rückläufigen Bewegungsrhythmus hineingeraten. An der Wende des 19. Jahrhunderts beugt sich die Spirale mit einer Wucht, als ob sie jeden Augenblick in Stücke zersprengt werden sollte." * 2 3) Allein die zuversichtliche Gewähr des Optimismus ist die Macht der Wissenschaft. „Echte Wissenschaft wirkt tatenerzeugend", so schrieb Leopold Zunz unter sein Porträt, dadurch aber zugleich versöhnend und verbrüdernd. Es gibt keine christliche oder jüdische Mathematik, sondern nur d i e Mathematik. Die Bildung weist uns auf dasjenige hin, was das Gemeinsame aller Menschen ist und sie allesamt vereint, anstatt die Gegensätze noch mehr zu verschärfen, deren es ja leider ohnehin genug gibt. Stein ist ausgesprochener Intellektualist, und zwar im messianischprophetischem Sinne: „Das Gemeinsame aller Schattierungen unseres Kultnrsystems ist eben das Vorherrschen der Intelligenz. Wenn wir also unserem Kultursystem die Weltherrschaft sichern wollen, so ist dies gleichbedeutend mit dem prophetischen Worte: „Und die Erde wird voll sein von Erkenntnis, wie das Wasser die Meere erfüllt". (Jes. 11, 9.) Die Suprematie unseres Kultursystems, welche wir im 20. Jahrhundert vollbewußt und unbeirrt durchsetzen wollen, ist aber nur die Erfüllung dieser Verheißung: Die Weltherrschaft der Intelligenz"?) Eine der lichtvollsten und zugleich markigsten Stellen des Stein'scheu Buches lautet überaus kennzeichnend für seinen Autor: „Diese optimistischen Instinkte sind nun einmal nicht auszurotten, durch keinerlei noch so trübe Erfahrung zu tilgen. Mag man allerorten daran hämmern und zimmern, neue Ghettonianern zu errichten. Es wird alles nichts nützen. Die am westeuropäisch-amerikanischen Kultursystem genährten Israeliten haben sich im letzten Jahrhundert mit allen Kulturerrungenschaften gesättigt, sie scheiden geistig unendlich bereichert aus diesem Jahrhundert. In einem Augenblick, da selbst die chinesischen Mauern geschleift werden, wird man keine Ghettomaueru mehr errichten. Und wenn selbst, es kann ') „An der Wende des Jahrlmnderts", S. 345 f. 2) ei. fl O., S. 346. 3) a. a. O., S. 390. ihnen nichts mehr anhaben. Denn das seelische Ghetto ist einmal und für immer vom Erdboden verschwunden (a. a. O. S. 347). Diese Beispiele erhebender Fernblicke, welche die genannten Denker uns eröffnen, die nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben, sie sind nicht die ersten und nicht die letzten, die den innigen Zusammenhang der messianischen Weltanschauung mit der Hoffnung aller Guten, der Ueberzeugung aller Gebildeten bekunden. Zweck dieser Zeilen sollte es lediglich sein, den gegenwärtigen Stand dieses Problems an den Hanptvertretern desselben zu illustrieren und in dieser vielgelesenen Zeitschrift darauf hinzuweisen, wie wahrhaft vorurteilsfreie Forscher über das Judentum denken, über seine Wahrheit und Wissenschaft, sein Recht und seine Ethik. Wir können daraus für manche Unbill der Zeiten Trost und Ermutigung schöpfen. Neutitschein, Chanukah 1904. Dr. Simon Mandl, Rabbiner. Korrespondenzen. Die XXXI. ord. Generalversammlung des israel. Tempelvereines für Mariahilf nnd Neubau. Der Tempelverein für die westlichen Bezirke Wiens hielt Donnerstag den 29. Dezember seine diesjährige Generalversammlung zum erstenmale im neuen eigenen Heim des Vereines, VI., Schmalzhofgasse 3, ab. Während der Sommermonate wurde es an der Stelle des alten rechtsseitigen Wohntraktes in der Schmalzhofgasse erbaut. Gleichzeitig wurde auch der linke Trakt umgestaltet, alles in die geänderte Baulinie gerückt und beide Trakte durch einen gedeckten Portalbau verbunden, welcher auch die Zufahrt zum Tempel gestattet und die Aussicht auf denselben freiläßt. Trotz der bescheidenen Mittel macht der gothische Ziegelrohbau eine sehr monumentale Wirkung. Der neue Sitzungssaal ist 11!/.a m lang, 5 '/2 m breit und 4 '/„ m hoch, einfach und würdig ausgestattet, da er auch für gottesdienstliche Zwecke verwendet werden soll; derselbe zeigt die reich ornamentierte Decke und die stilgemäß bemalten Wände, welche auch mit hohen Lambrien vertäfelt sind, Anklänge an die Tempelmalerei. Sechs Fenster gestatten dem Tageslichte den Eintritt, während die Abendbeleuchtung durch zwei fünfarmige stilvolle Gasluster bewerkstelligt wird. Die Beheizung erfolgt durch zwei Gasöfen. Anschließend an den Saal ist die Vereinskanzlei.mit Vorranm. Der Saal machte denn auch auf alle Anwesenden einen erquickenden Eindruck und reiht sich würdig den zahlreichen Kunstwerken des Meisters Fleischer an. Mit einer warmen, zu Herzen gehenden Ansprache begrüßte er als Vereinspräsident die Versammlung: „Mit freudig bewegtem Herzen und in gehobener Stimmung begrüße ich Sie heute im eigenen Heim des Vereines. — Wer wie ich die Phasen der Entwicklung durchgemacht hat und sich erinnert an die Zeiten, da der Vorstand, ich möchte sagen, obdachlos war, d. h. für seine Beratungen keinen festen Ort besaß, sondern von Ort zu Ort wanderte und die höchste Errungenschaft ein beim Vereinskantor gemietetes möbliertes Zimmer war, der wird diese meine Stimmung heute begreifen, um so mehr, als cs eine Generalversammlung ist, welche hier abgehalten werden kann; fortan werden auch die Beratungen des Vorstandes hier abgehalten werden. Dankbar anerkenne ich demnach die Opferwilligkeit unserer Mitglieder, durch deren Gemeinsinn wir bis hierher gelangt sind. Dem Allmächtigen danke ich aber aus der Tiefe meines Herzens, daß er mich hat diesen Tag erleben lassen. Es hat sich die beschlußfähige Anzahl der Mitglieder eingesunden und so eröffne ich die31. ordentl.Generalversammlung."