Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dr. Dlocb s MlocbenscbrM. Nr. i sein Credo dieser Weltanschauung darf die geharnischte Adresse betrachtet werden, die er vor zwei Jahren dem erstgenannten Buche einverleibte und die heute noch in den Ohren derer nachgellt, an die sie gerichtet war: „Endlich noch ein persönliches Wort — heißt es daselbst — ohne dessen freimütige Aussprache ich in dem Momente, da ich einen Teil meiner Lebensarbeit der Okffcntlichkeit übergebe, der Unaufrichtigkeit mich bezichtigen müßte. Die allgemeine Weltlage widerspricht dem Geiste echter Philosophie, der immerdar die Weltanschauung des Idealismus darstellt. Selbst der deutsche Sinn ist von seiner weltbürgerlicheu Richtung abgeirrt Daher die Hintaustellung von Recht und Gerechtigkeit hinter Macht und Wohlfahrt, und die Zurücksetzung der Humanität hinter der Religion. Trotz aller dieser traurigen, betrübenden und kränkenden Sturmsahnen halte ich au der Zuversicht auf den Sieg der Freiheit und Wahrheit fest. Und es ist nicht allein mein Glaube an die religiöse Wahrheit des prophetischen Messianismus, der solchen Optimismus in jeder Zeit- und Lebenslage zum Leitstern macht. Es ist zugleich das freudige Gefühl der unmittelbaren Lehrtätigkeit . . welche mich mit der Gegenwart, in der die Zukunft erblüht, in frohmütigeu Zusammenhang erhält .?) Die neueste populär - wissenschaftliche Schrift des Philosophen: „Ethik und Religionsphilosophie in ihrem Zusammenhänge"') ist unstreitig die geistvollste Würdigung der messiauischen Idee während der letzten Jahrzehnte. Zur Illustrierung derselben müßten wir sie Wort für Wort hier wiedergebeu. Es seien hier nur die markantesten Momente angeführt: „Die jüdische Gottesidee hat zu ihrem ausschließlichen Inhalt die Sittlichkeit des Menschen. ... Es gibt eine Religion, welche von allen Zaubern der Mythologie sich grundsätzlich frei macht, das ist die Religion der Propheten, die Religion des Judentums. Und der Schlüssel für dieses Geheimnis liegt in dem einfachen Gedanken, daß für die Propheten der Name Gottes schlechterdings nichts anderes besagen und bedeuten soll, als die Bürgschaft des Einzigen Gutes, nach dem sein Geist verlangt; das ist die Sittlichkeit."* 2 3 4) „Jude sein heißt, als den Grund des Daseins, als den Halt der Welt den einig einzigen Gott bekennen. Israels Recht auf geschichtliches Dasein steht und fällt mit seinem einig einzigen Gotte. Wessen Kopf nicht durchleuchtet ist von diesem Grundgedanken, der kann mancherlei von jüdischer Art gnstig und sittlich besitzen; es fehlt seinem Wesen aber der Schwerpunkt."*) Seit den Tagen H. St. Chamberlaiu's und Weininger's wird das geflügelte Wort von dem „abstrakten Götzen" gegen das Judentum ausgespielt. Interessant ist es nun, wie Cohen durch die „messiauische Idee" und den „Gott der Weltgeschichte" gleichsam mit einem Federzuge die Frage löst: „Daher muß die Existenz des Juden in der modernen Kultur haltlos, schwankend, zweideutig werden, wenn nicht dieser Leilstern aus allem seinem Denken. Fühlen und Handeln hervorlenchtet, daß er mit ganzer Seele au den Gott der Geschichte glaubt, den die Propheten offenbart haben. Der Gott Israels ist in der messiauischen Idee zur Offenbarung gekommen; er ist der Gott der Weltgeschichte. Dies ist die Wurzel unseres Glaubens; und es ist die Quelle unserer Ethik. . . ."5) Zu wahrhaft er¬ ') Logik der reinen Erkenntnis, Einleitung. 2) Berlin 1904. 3) a. a. O. S. 14 f. 4) a. a. O. S. 21. 5) a. a. O. S. 21. Es ist nur eine andere plastische Form für denselben Gedanken, welchen G ü d e m a n n in seiner eigenen geistvollen Weise folgendcrmaßen prägt: „Eine ewige Wahrheit ist an keine Zeit gebunden, wirkt jedoch zu allen Zeiten". Güdemann: „Das Judentum in seinen Grundzügen , S. 96. hebenden Gedanken entwickelt sich die Schrift am Schluffe, woselbst der Meister der Wissenschaft des Judentums sozusagen die treue väterliche Richtschnur vorzeichnet: „Die Wahrheit braucht nicht betteln zu gehen; es kann ihr der Weg sehr schwer und sehr sauer gemacht werden; endlich aber muß sie doch zur Anerkennung kommen. Dem messianischen Gemüte geziemt kein kleinmütiger Pessimismus. . . . Mögen sie (die Reuen im Judentum) in der Förderung des literarischen Gutes den Alten die Hand reichen, daß die Kenntnis und das Studium, das ganze innerliche Studium des rabbinischen Schrifttums nicht aufhöre in Israel; daii die Quellen nicht versiegen, aus denen sich in der ganzen bisherigen Geschichte stets von Neuem das jüdische Leben und Denken gekräftigt, gerüstet, beseelt hat. . . . Wir haben diesen Sätzen nichts hinzuzufügen. Jedes Wort der Erklärung wäre eine Abschwächung des edlen Geistes, den sie atmen. * * * Das philosophische Weltbild bliebe aber ein unvollständiges ohne jene Idee, die demselben gewissermaßen die lichte Perspektive bietet: Der religiöse Optimismus. Es ist nicht zufällig, daß alle Pessimisten Verächter der Bibel, alle Optimisten aber Freunde derselben sind. Pessimismus heißt Fahnenflucht, Degenerierung; Optimismus aber Lebensbejahung, Energie, Widerstandsfähigkeit. Der Optimismus ist der abgekürzte Ausdruck von Israels Wandel durch die Geschichte. Was wäre das Dasein des Judentums ohne denselben? Ein Schemen, ein Schatten. Erst das Bewußtsein gibt ihm den Inhalt, daß sein Leid einen erhabenen Zweck hat, daß er nicht nur für sich, sondern für die Menschheit duldet. Denn es bleibt nun einmal eine unumstößliche Wahrheit, erhärtet durch tausendfältige Erfahrung: Ueberall, wo das Judentum leidet, dort leiden auch die Güter der Menschheit: die Humanität, die Aufklärung, das Recht, wo es aber anerkannt wird, dort werden auch diese anerkannt. So erweist sich das Judentum als Träger der messianischen Weltanschauung. Und einen weitern geistvollen Interpreten nach der bezeichneten optimistsichen Richtung besitzt dieselbe in dem zweitgenannten Forscher: Professor Dr. Ludwig Stein in Bern. Hinsichtlich der Konzeption ihres philosophischen Systems sind Stein und Cohen gleichsam geistige Antipoden. Dies konstatiert übrigens Stein selbst mit Bezug auf ihre entgegengesetzte Stellung zum „Monismus", d. h. zur einheitlichen Deutung alles Weltgeschehens, u. zw. in einem glänzenden Artikel der „Neuen Freien Presse" vom 10. Juli l. I., betitelt: „Die energetische Gottesidee". Doch in ihren Zielen begegnen die Denker einander vollständig. Das Licht der Wahrheit bricht sich in mannigfaltige Strahlen, aber sie sammeln sich wieder in einen Brennpunkt. Und so findet Stein fast denselben Ausdruck für seine messianische Weltanschauung, wie wir ihn oben bereits kennen gelernt. In ihm tritt uns ein Denker von erstaunlicher Universalität und genialem Scharfsinn entgegen. Die Zahl seiner exakten und populär-wissenschaftlichen Arbeiten in selbständigen Werken und in den vornehmsten Journalen ist Legion. *) Er schrieb ein Buch unter dem Titel: „An der Wende des Jahrhunderts".') In demselben präludiert er gewissermaßen in einem Essay: „Der religiöse Optimismus", den Inhalt seiner Artikelserie in der „Neuen Freien Presse" : „Die energetische Gottesidee und Messiasidee".3) Folgende ') Hier nur eine knappe Auswahl: „Das Problem der Willensfreiheit", „Die Psychologie der Stoa", „Leibniz und Spinoza", „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie", „Der Sinn des Darms" und obendrein noch seine eine besondere Kraft absorbierende Tätigkeit als Herausgeber des „Archiv für Geschichte der Philosophie". *) Freiburg 1899. 3) Von: 10. Juli und 17. Juli 1904.