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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Dlocb s Mlocdenscdrm. Sette 5 studierte dann 3 Jahre lang in Europa, um 1890 wiederum am Sinai, wo er eine Forschungsstation errichtete, zurückzukehren. 1894 bereiste er zusammen mit Professor Schweinsurth Nordabessynien und Erythrea und ein Jahr darauf wieder den Nil und 1896 mit Dr. Schöller und C. Schilling Aequatorial- Ostafrika, wobei er speziell das englische Ostafrika studiert hat. Seit 1899 bekleidet Kaiser das Amt eines wissenschaftlichen Beraters der Berliner Kolonialgesellschaft „Nordwest-Kamerun". Iie messianische Weltanschauung in ihren gegenwärtigen Hanptvertretern. Das Kennzeichen echter Wahrheit ist ihre überwältigende Kraft. Jeder Denkende muß sich ihr willig nnterordnen. Sie muß ihn erheben über alles Niedrige und Gemeine, das ihn bändigt. In Freud und Leid muß sie ihm Stütze sein. Als das klare Himmelslicht der Erkenntnis muß sie in die Nacht seines Zweifels hineinleuchten. Die Beseligung jener Liebe muß sie erwecken, die über alle Schranken hinweghebt, welche Menschen aufgerichtet, jener Liebe, die sie allesamt unter dem einigenden Zeichen wahrhafter Erleuchtung sanft umschlingt. Mit diesem Anspruch tritt seit jeher die m e s s i a n i s ch e Weltanschauung an die Menschheit heran. Die messianische Weltanschauung bekundet sich als jene G edankenrichtung, die nachmenschlich möglichst er Läuterung der Gottesidee strebt, um dadurch die denkbar sicher st e Glückseligkeit den Menschengeschlechtern zu bieten. Und als der lebendige Ausdruck des ersten Satzes dieser Definition gilt uns der M o s a i s m u s. Frei von allem bildlichen Beiwerk, von Personifizierung der Gottesidee, ist er dennoch dessen sich bewußt, daß nur diese Art des göttlichen Begriffes imstande ist, das Sehnen des Gemütes zu befriedigen. Denn nur diese gestaltlose Auffassung des göttlichen Wesens war es immer, die das ahnungsreiche Menschenherz in wahrhaft empfindungsvollen Augenblicken beseelte und beseligte. Indessen beginnt das eigentliche Interesse der Geisteswissenschaft für den Mosaismus erst seit dem Beginn der Neuzeit. Es datiert seit dem Anbruch jenes lichten Morgens am Himmel der spekulativen Forschung, welcher gegen Ende des 16. Jahrhunderts die mächtige humanistische Bewegung, beeinflußt vom biblischen Schrifttum, angebahnt. Nebst Geistesheroen wie Bacon, Pascal, Bodiu, Carlyle, Macaulay, ragt hier zunächst einer der Hauptträger der europäischen Kultur seiner Zeit, L e i b n i z hervor. Unter seinen unzähligen Aeußerungen über den Mosaismus lautet eine der bezeichnendsten: „Von allen Völkern des Altertums haben nur die Hebräer allgemein bekannte Dogmen in ihrer Religion gehabt. Abraham und Moses begründeten den Glauben an einen einigen Gott, die Quelle alles Guten, den Schöpfer aller Dinge. Die Hebräer sprechen von ihm in einer Weise, die der h ö ch st e n S u b st a n z durchaus würdig i st, und mit Ueberraschung sieht man, daß die Bewohner eines kleinen Winkels der Erde aufgeklärter sind, als die ganze übrige Menschheit. Die Weisen anderer Völker haben zuweilen vielleicht ebenso richtig von Gott gesprochen, aber sie haben nicht das Glück gehabt, daß man ihnen zur Genüge folgte und ihre Lehre zum Gesetz erhob. Moses hatte bereits die schonen Vorstellungen von der Größe und Güte Gottes gegeben, mit denen viele zivilisierte Nationen heute übereinstimmen. * * 2) Allein, wie schon angedeutet, der Mosaismus im Sinne dieses Polyhistors, Leibniz, als die Formel für die B i l dl o s i g k e i 1 und die h ö ch st e G ü t e des göttlichen Wesens, ist nur der eine Teil des ewigen Heilsplams, nur die Grundlage der sittlichen Weltordnung. Ihren Gipfel soll die *) ® W. Leibniz: Die Theodicce, Vorwort. Verbrüderung der Menschengeschlechter krönen. Diese aber ist der Inbegriff des Prophetismus oder der meffianischen Weltauschauung. Der Mosaismus ist die notwendige Voraussetzung, der Messianismus die unweigerliche Folge. Wahre Philosophie muß wahre Menschenliebe erwecken. Die Unvorstellbarkeit der Allmacht ergibt notwendig Autonomie des Verstandes auf logischem, des sittlichen Willens ans moralischem, der edelsten Humanität auf sozialem Gebiete. In diesem innigen Zusammenhang der geläuterten Gottesidee mit wahrer Humanität beruht bei genauerer Betrachtung der unaustilgbare t h e i st i s ch e Charakterzug in der Psyche des jüdischen Stammes. Für ihn bestiegen seine Helden den flaminenden Holzstoß, für ihn leiden heute noch seine Märtyrer, für ihn erwärmen sich seine überzeugungstreuen Charaktere! Und so ist es nur folgerichtig, daß jene Forscher in seiner Mitte, die es mit ihrem Gewissen ernst nehmen, sich rückhaltlos der messiauischen Weltanschauung anschließen müssen. Aus dem Reiche derselben ragen gegenwärtig insbesondere zwei Denker ersten Ranges hervor: der Marburger Professor der Philosophie Geheimer Regierungsrat Hermann Cohen und der Berner Professor Ludwig Stein. Beide, originelle Denker, gereichen zweifellos der deutschen Wissenschaft zur Zierde, originell auch in dem Sinne, daß ihr Wissen und Wirken erst durch ihr Wesen erkannt wird, wie es dem Schreiber dieses während der Zeit vergönnt war, wo er ihnen zu Füßen gesessen. Cohen wurzelt tief in der meffianischen Weltanschauung. Jeder Zoll an ihm ein treuer Bekenner des prophetischen Judentums '). Ein voller, ganzer Charakter, der. auf der gleichen Höhe seines glänzenden wissenschaftlichen Namens steht. Das Prototyp attischen Scharfsinnes, harmonisch vereint mit semitischem Sarkasmus, von dem Kuno Fischer die beißende Charakteristik entworfen: „Mehr Rasse, als Philosophie!" Cohen gilt allgemein als der Führer der neukantianischen Richtung, was zwar seine Originalität auf philosophischem Gebiete zu beeinträchtigen geeignet erscheint. Sein schöpferisches Verdienst nach dieser Richtung besteht vielmehr darin, daß er die vollständige Emanzipierung des Denkens vom Gegebenen, die Reinheit der Erkenntnis, die Selbsterzeugung des Seins durch das Denken fordert; während nach Kant die Gegenstände erst mittelst der Sinnlichkeit uns gegeben werden''). Cohen bildet den Typus deutscher Gelehrtengründlichkeit. Seine Lehrmethode gilt als orakelhaft. Und wie auch anders? Ist doch leine Gedankenverbindung der Absolutheit Gottes mit den meffianischen Idealen der Propheten nur für einen treuen, verständnisvollen Kreis geeignet, darum eben der e s o t h e r is ch e Charakter seines Vortrages. Ihm verdankt aber die deutsche Philosophie Werke von unvergänglichem Wert. Allen voran sein seit vier Jahren erscheinendes System der Philosophie, von welchem bisher vorliegt: „Logik der reinen Erkenntnis" 3) und „Ethik der reinen Erkenntnis4). Kein Geringerer als der gefeierte Psychologe der Wiener Universität Professor Friedrich I o d l war es seinerzeit, der dieses Werk der Gelehrtenwelt anpries, indem er seinen Autor als den Schatzgräber der Wissenschaft hinstellte, in dessen Vergleich seine philosophischen Zeitgenossen nur„Kärrnerdienste" leisten. So weit über die Persönlichkeit des Forschers. Sie schien uns charakteristisch für seine Stellungnahme zu dem in Rede stehenden Gegenstand. Denn diese Koryphäe der deutschen Wissenschaft ist es, die es nicht verschmäht, mit dem Vollgewichte ihrer Persönlichkeit jederzeit für die messianische Weltanschauung einzutreten. Gewissermaßen als 0 Bezeichnend hiefiir sind zwei von ihm unter vielen anderen gehaltenen Vorträge: „Die Mesfiasidee, im jüdischen Literaturverein zu Karlsruhe, und „Der prophetische Styl", in der Wiener „Gesellschaft für Sammlung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums". 2) Vgl. die feinsinnige Würdigung Cohens im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" l. I. Nr. 40 k. 3) Berlin 1902. 4) Berlin 1904.

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