Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Nr. 1 Dagegeg°n hat eine in England zur Zeit Cromwells entstandene Sekte, deren Anhänger sich „Glcichmacher" (levellers) nannten, ihre Abstammung von den Juden behauptet. Ja, sie erklärten sogar in einer Petition, daß alle rein sächsischen Einwohner Englands jüdischen Stammes seien, die durch die normännischen Eroberer ihrer Freiheit beraubt worden seien. „Wir werden unter ärgerer Sklaverei gehalten als unsere Vorväter in Egypten, aber jetzt ist die Zeit der Befreiung gekommen und Gott wird sein Volk aus der Sklaverei erlösen". Die Levellers beschäftigten sich nur mit Ackerbau, predigten Gleichheit, Brüderlichkeit und Frieden, ihre Führer behielten auch vor Höherstehenden ihre Hüte auf. Carlyle sieht in den Grundsätzen der Sekte die Keime des Quäckerismus. Auch sonst pflegte man sich in früheren Zeiten jüdischer Abstammung nicht zu schämen und sich nicht ungern auf jüdische Beispiele zu berufen. So sagte Karl der Große in dem Eingang zu einem Gesetze, sich auf König Josia (Joschijahu) berufend: „Nicht etwa, daß ich mich mit dem heiligen Könige vergleiche, sondern weil wir stets uns die Heiligen zum Beispiel nehmen sollen." Zionisten und deutsche Fortschrittspartei. Prag. Dr. Emil Margulies aus Teplitz richtete Ende vorigen Monats an den Führer der deutschen Fortschrittspartei in Böhmen, Dr. Eppinger, einen offenen Brief, in dem er das Verhältnis zwischen den zionistischen Juden und der deutschen Fortschrittspartei erörtert. Der offene Brief geht davon aus, daß Dr. Eppinger auf Intervention eines jüdischen Mitgliedes der deutschen Fortschrittspartei, das den Zionismus als eine der deutschen Fortschrittspartei feindselige Richtung bezeichnte, bei den deutsch-liberalen Blättern in Teplitz und Prag eine Aktion wegen Nichtaufnahme von zionistischen Angelegenheiten eingeleitet habe. Dr. Margulies erklärt, Dr. Eppinger habe sich hier in einen Streit zwischen Zionisten und Assimilanten innerhalb der Judenschast eingemengt, der die deutsche Fortschrittspartei gar nicht berühre. Der Zionismus sei eine unpolitische Bewegung. Der Nationalismus, zu dem sich die Zionisten allerdings bekennen, sei nicht identisch mit dem Nationalismus der Völker, unter denen die Juden leben. Denn es fehle ihm die Beziehung zum geschlossenen Terrttorium, ferner fehle den Juden untereinander auch die Kongruenz der wirtschaftlichen und sozialen Interessen, denn sie gehören den verschiedensten Klassen an. Dagegen bestehe jene Kongruenz zwischen den Interessen des einzelnen Juden und denen der politischen Parteien im Staate. Deshalb können die Zionisten auch mit den nationalen Parteien gehen, weil diese ein politisches und wirtschaftliches Programm haben. Die deutschen Juden sind mit festen Banden der Sprache und Kultur an das deutsche Volk gekettet. Auch die Zionisten unter den deutschen Juden haben ein Interesse daran, daß ihre Kinder in deutschen Schulen herangebildet werden, daß die Kultur, die sie umgibt, deutsch sei. Darum unterstützen sie, auch ohne sich für Deutsche auszugeben und als solche sich im Vordergründe des nationalen Kampfes zu betättgen, wovon sie schon der Takt abhalte, die nationale Polttik der Deutschen, beziehungsweise die der deutschen Fortschrittspartei. Dr. Eppinger habe daher mit seiner Aktion gegen die Zionisten unrecht. Diese verlangen, daß die deutsche Fortschrittspartei in dem Kampfe innerhalb der Judenschaft vollkommen neutral bleibe. Eine Demonstration gegen den Zaren. Aus New-Iork wird gemeldet: Eine eigenartige Kundgebung gegen den Zaren fand am Montag abends in der hiefigen Akademie für Musik statt, wo die AuMhrung eines Melodramas stattfand, das die Metzeleien von Kischenew zum Gegenstand hatte. Bei der Vorführung der Schreckensszenen brach die ganze Zuhörerschaft in lautes Toben gegen den Zaren aus. Nach dem letzten Aufzug wurden dem Verfasser große Huldigungen dargebracht. Die mitwirkendeu Schauspieler wurden durch den Inhalt des Stückes so in Aufregung versetzt, daß einem Schauspieler bei der Vorstellung dieser Szenen die Hand fast vom Arm getrennt wurde, so daß er ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Die Ugandakommission hat Mittwoch den 28. Dezember London verlassen, um sich in Triest mit dem österreichischen Lloyd nach Ostafrika einzuschiffen. Die Ankunft in Mombasa, dem Hafenplatz von Englisch-Ostafrika soll programmmäßig am 10. Jänner erfolgen. Von da geht die Reise mit der Ugandabahn bis Lundiana, der dem Lande der Versprechung nächsten Eisenbahnstation. Das jüdische Reservat ist stellenweise 295 englische Meilen lang und 55 Meilen breit, umfaßt zirka 5000 englische Quadratmeilen und liegt nördlich der Ugandabahn. In Lundiana wird die Expedition auf die sie begleitende Karavane stoßen, die jedoch ausschließlich aus Trägern bestehen wird, mit Ausschluß jeder bewaffneten Macht. Major A. St. Hill Gibbons, der die Seele der Expedition zu sein scheint, hat auf seinen Querzügen durch Afrika die Erfahrung gemacht, daß man da am besten ohne bewaffnete Eskorte wegkommt. Major Gibbons gibt zu, daß für diejenigen Juden, die nach England auswandern, Ostafrika keineswegs geeignet sei. Es gibt aber noch andere Juden, die, wie die zahlreichen Beispiele in Palästina und Südrußland gelehrt haben, sehr wohl für die Landwirtschaft geeignet sind. Für solche Emigranten ist nach Major Gibbons Ansicht das Hochland von Ostafrika, das eeteris xaribus dieselben Verhältnisse wie Südamerika und Südafrika aufweist, sehr Wohl geeignet. Major Gibbons hält eine jüdische Besiedelung von Ostafrika im eigenen Interesse Englands als dringend geboten, da die Juden ein loyales und dankbares Volk sind, das niemals den Versuch machen werde, sich von England unabhängig zu machen. Major Gibbons wie Professor Kaiser glauben, daß, nachdem die entsprechenden Vorbereitungen getroffen sein werden, es gelingen dürfte, in Ostafrika 1 Viertel Million Juden anzusiedeln. Zu diesen Vorbereitungen werden auch gehören, daß gegen 1000 Ansiedler auf öffentliche Kosten nach Uganda geschickt werden, worauf die nachfolgenden Emigranten die Ueberfahrt aus eigenen Mitteln werden bestreiten müssen. Nebst Major Gibbons und Professor Kaiser gehört zu der Ostaftikaexpedition auch ein Dr. Wilbusch, dessen eigentlicher Name, wie wir seinerzeit richtig vermuteten, Wilbuschewitz ist. Herr Wilbuschewitz hat, bevor er' sich über Basel nach Triest begeben hat, zirka 8 Tage in Berlin geweilt und sich daselbst mit einer jungen Dame aus Rußland verheiratet. Es ist merkwürdig, daß die englischen Blätter einschließlich des „Jewish Chronicle" ihn hartnäckig Dr. Wilbusch nennen. Sollte das wohl Absicht sein und die englischen Zionisten sich etwa des russischen Namen Wilbuschewitz gar schämen? Wir trauen so etwas den englischen Zionisten schon getrost zu. Desto mehr müssen die anderen jüdischen Blätter auf die Veröffentlichung des richtigen Namens des jungen jüdischen Ingenieurs bestehen. Der junge Mann bekommt für diese anstrengende Reise nicht mehr als die Reisekosten ersetzt und es wäre ein himmelschreiendes Unrecht, wenn er aus kleinlichen Gründen, etwa aus Abneigung gegen die „polnischen Juden", um seinen einzigen Lohn, die Ehre, an der Expedition teilgenommen zu haben, betrogen werden sollte. Bei dieser Gelegenheit wollen wir einige uns zur Verfügung gestellte Daten über den Professor Kaiser bringen. Alfted Kaiser ist 1862 in Arbon (Schweiz) geboren, wo er eine Mittelschule besucht hatte. Von einem angeborenen, unbezähmbaren Forschungsdrang getrieben, begab er sich nach Kairo, um von da als Araber verkleidet auf eigene Faust seine erste Forschungsreise nach dem Sudan anzutreten. Nach dem Sturz Arabi Paschahs trat er, der inzwischen vom Christentum zum Mohammedanismus übergetreten war, in den Dienst der egyptischen Regierung. Im Jahre 1886 bereiste er die Sinaihalbinsel,