Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Setie 2 Dr Blocb ö Mocdenscbritt. Nr. 1 der Hort der Bedrängten und Entrechteten ist, war nur dazu da, daß wir noch mehr gedemütigt und beschimpft wurden. Die Regierung und die von Koerbers freier Auffassung erleuchtete hohe Bureaukratie war d'e einzige Zuflucht, die einzige Stätte, wo unsere gedrückten Glaubensgenossen Klage und Beschwerde aubringen und, soweit dieselben begründet waren, auch Erfolge erzielen konnten. Aber diese wohlwollende Behandlung unserer Gravamina war doch immer von dem Willen — diesmal glücklicherweise von dem guten Willen — eines einzelnen Mannes oder einer Anzahl einzelner Beamter abhängig, und bei einem Wechsel der Regierung, der sich nicht bloß auf die Personen, sondern auch auf das System erstreckte, hätte dieser gute Wille in das Gegenteil Umschlagen können. Mau sieht, daß die politischen Fragen, welche den Sturz des Dr. v. Koerber und die Berufung des Freiherrn v. Gautsch zur Folge halten, für die jüdische Bevölkerung Oesterreichs nicht so unwichtig sind, als daß wir kühl an denselben Vorbeigehen könnten. Wir dürfen nicht sagen, daß uns auch an dem Regime Gautsch nur die Verwaltung, nur das Maß von Wohlwollen, das uns Juden gegenüber bekundet werden wird, interessiert. Wir können vielmehr den Wert jeder Regierung nur darnach abschätzen, in welchem Maß es ihr gelingt, die Achtung vordem Gesetze wiederherzustellen und nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der gesammten Bureaukratie jenen Respekt vor den verfassungsmäßigen Rechten jedes einzelnen Staatsbürgers zu festigen, ohne welchen keine Autorität und kein Gemeinsinn denkbar sind. Wir begrüßen den Amtsantritt des Freiherrn v. Gautsch mit ehrlicher Sympathie, denn er hat sich als ein gerechtdenkender und vorurteilsloser Mann in unser Gedächtnis eingeschrieben. Er wird den Juden nicht unfreundlicher begegnen als Herr v. Koerber, dem wir für alle Zeit ein dankbares Andenken bewahren werden. Von jeder Regierung aber, und daher auch von Herrn v. Gautsch, müssen wir fordern, daß sie uns zur vollen und uneingeschränkten Anerkennung unserer politischen Rechte verhelfe und alle diejenigen, deren Sport oder politische Tendenz es ist, diese Rechte zu verletzen, rücksichtslos zur Verantwortung ziehe. Denn läßt man einmal die Rechtlosigkeit auf einem Punkte des Staatslebens zu, dann greift sie auch bald auf alle anderen über. Immer wieder rufen wir es unseren Staatslenkern zu: Das Schicksal der Juden wird auch das Schicksal dieses Staates sein, denn kein Bevölkeruugselement ist so selbstlos patriotisch, so rückhaltlos österreichisch als das jüdische. Wir verfechten kein Souder-Slaatsrecht, wir haben keine Grenze, über die wir sehnsüchtig schielen, wir sind keine nationalen Autonomisten — wir sind die Oesterreicher quand meine I — Hub darum beschimpft und unterdrückt mau uns! Vom Zabrmarkt des Lebens. GLoffen zur Tagesgeschichte. (Ein perfectum und ein futurum exactum. — Verhe ißungsvolle Ministerkombination. — Der Fall Port Arthurs. — Japan und Rußland. — Der arische Kulturgradmesser.) Das Ministerium Koerber ist gewesen, das ist ein perfectum, und das Ministerium Gautsch wird gewesen sein, — das ist ein futurum exactum. Es kommt nicht viel darauf an, warum es gewesen sein wird, sicher ist nur, daß dann die Dinge in Oesterreich auf demselben Punkte stehen werden, wo sie heute stehen. Denn „die Namen sind verändert bloß, doch sind's dieselben Helden lobebären". Nicht einmal viele Namen sind verändert; der Kurs bleibt der alte. Einige Ministerkombinationen hatten allerdings Hoffnung geboten. Prinz Alois Liechtenstein ward genannt, dann der Herr v. Wittek, der stille Verehrer Dr. Lueger's, und dann endlich, als sollte aus dem Reiche der Unwahrscheinlichkeiten das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten werden, Dr. Lueger selber. An ein Kabinet Liechtenstein freilich hätten wir keine besonderen Hoffnungen geknüpft. Es wäre die alte Geschichte gewesen, die sich schon oft genug abgespielt hat. Die feudale Reaktion hätte wieder einmal Oberhand behalten. Schon dagewesen. Es wäre sogar besser, sie träte heraus ans Licht und trüge die Verantwortung vor der Welt, als daß sie noch weiterhin ihre unbegrenzte und unbehinderte Machtfülle walten lasse in der bequemen Dunkelheit, in die nicht hineingeleuchtet wird durch die Kontrole der Oeffentlichkeit. Da wäre doch die Kombination Dr. Lueger weit verheißungsvoller gewesen. Schade! Da hätte es sich nämlich mit merkwürdiger Geschwindigkeit und Klarheit offenbaren müssen, daß die großen Tiraden, die im ^Wirtshaus, in den Vereinen und selbst — unter den gegebenen Verhältnissen — im Rathause ihrer Wirkung sicher sind, vom Ministerfauteuils aus losgelaffen, kläglich versagen. Der starre Feudalismus, mag er auch ein Unglück für die Völker sein, ist doch in sich geschloffen und von seinen Prämissen aus logisch begründet. Der schwarze Prinz repräsentiert ein Prinzip und ein System, über das ein Zweifel nicht mehr möglich ist, auch wenn er mal gelegentlich beim Luchsen ein Gastspiel absolviert, zum Volke hinabsteigt und sich die sonderbarsten Bundesgenossenschasten gesallen läßt. Ein Anderes ist es aber mit den Komödianten und Gauklern, die sich auf die großen Freiheitshelden und Volksfreunde Hinausspielen und dabei doch dem Feudalismus, dem Klerikalismus und der Reaktion in jeglicher Form dienstwillige Gefolgschaft leisten. Es wäre ein erhebendes Schauspiel gewesen, wie ungeheuer rasch und gründlich die verlogene Zwiespältigkeit da abgewirtschaftet hätte, wenn sie solcherart einmal vor ein entscheidendes hic Rhodus, hic salta gestellt worden wäre. Die hohle Phrasenhaftigkeit wäre in ihrer absoluten Impotenz schleunigst enthüllt gewesen und die Welt wäre endlich fertig geworden mit den bramarbasierenden Bezirksgrößen, deren winziges Talent sie auf das Brettl verweist, nicht aber auf eine Weltbühne und die auf dieser sich mit zauberhafter Geschwindigkeit abgenützt hätten. Schade um das der Welt entgangene Schauspiel! Man hätte doch etwas erlebt, während jetzt doch nur wieder das allbekannte und gewohnte, das alt österreichische Thema aus der Tagesordnung steht — das Fortwursteln. Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz vollzieht sich gerade jetzt mit dem Falle P o r t A r t h u r s der jämmerliche Zusammenbruch des Staates nach dem Herzen der Herren Lueger, Liechtenstein. Kriege sind eben immer noch, trotz aller Schwärmereien für den Weltfrieden, die augenfälligsten und die entscheidenden Kraftproben der Völker. Denken wir uns den Fall, Rußland hätte Japan besiegt, wie hätten die „Europäer" höhnisch die Achseln gezuckt über die affenartige Nachahmung der „europäischen" Zivilisation durch die unansehnlichen, häßlichen, einer eigenen Kultur unfähigen Mongolen. Das Schlagwort von der Inferiorität der Rasse wäre wieder tausendmal mißbraucht worden, trotzdem, daß die Japaner das Meiste nicht in den Werken des Krieges, sondern in der Kunst geleistet haben und trotzdem, daß ihre Kultur, wenn auch in vielen Beziehungen unter der europäischen stehend, dieser andererseits in nicht wenigen überlegen ist. Der Zarismus hat im tiefften Frieden die schwerste Blutschuld auf sein Haupt geladen, gebrandmarkt von dem Fluche der Völker kann er sich zur Freiheit und Gerechtigkeit nicht durchringen, während der japanische Staat ganz ohne autokratischen Zwang ein weit mehr geordneter, einheitlicherer und glücklicherer als der russische. Der Siegeslauf Japans, über den die Wiener Herrschaften so viele Tränen vergießen, wird von allen Männern der Freiheit und allen Freunden des Fortschrittes mit Jubel begrüßt als eine Offenbarung göttlicher Gerechtigkeit in der Geschichte. Die Japaner sind die Vorkämpfer der wahren Zivilisation gegen das halb barbarische, in mittelalterlichen Staatsformen und fetischistischen Religionsformen dahinvegetierende Rußland. Daß sie dies sind, wird aber wohl erst anerkannt werden, wenn sie den Krieg siegreich zu Ende führen, und nur wenn ihnen der