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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Bloch’s Jahrgang XXfefefp Ä * ■ Centralorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthums. A. k. PofisxsrcsH'en-Nnrr Elraring-Verkehr Nr. 610.976. Kebactton und Administration. Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wien, 6. Jänner 1905. Erscheint jeden Freitag. --4-- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Bezugspreis für Oesterreich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene j Petitzeile 24 Heller. Jj =-.. —=-m Inhalt: Leitartikel: Das neue Ministerium. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zur Geschichte der Juden in Deutschland. Semiten und Arier. Ueber die Abstammung der Japaner. Zionisten und deutsche Fortschrittspartei. Eine Demonstration gegen den Zaren. Die Ugandakommission. — Die messianische Weltanschauung in ihren gegenwärtigen Hauptvertretern. — Korrespondenzen: Die XXXI. Generalversammlung d:s israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und- Neubau. Wien. Brief aus Bielitz. Ein Kantoren-Jubiläum. Paris. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Bielitz, Prag, Purgstall, Olmütz, Lemberg, Budapest. — Feuilleton: Die agadischen Erzählungen und ihr geschichtlicher Hintergrund. — Israel von Brünn. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Dns neue Ministerium. Es ist besser gekommen, als wir in unserem Neujahrsartikel vermuteten. Nicht die Freunde der Christlich-Sozialen, sondern Freiherr v. G a u t s ch hat die Erbschaft Dr. v. Koerber's angetreten. Der neue Ministerpräsident repräsentiert die guten, alten Beamtentraditionen, die Dr. v. Koerber in einer fünfjährigen glänzenden Verwaltung in durchaus modernem Geiste zu entwickeln verstand. Dieser Gewinn aus der Aera Koerber wird nicht mehr verloren gehen, und auch von der Regierung des Herrn v. iranisch darf man erwarten, daß sie weder grundsätzlich noch im Einzelfalle eine Unterscheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Staatsbürgern machen wird. Die Antecedentien des neuen Kabinetschefs rechtfertigen diese Hoffnung. Baron Gautsch ist aus der Schule Taaffe's hervorgegangen, der — was ihm auch immer an politischen Sünden uachgesagt werden mag — ein entschiedener Gegner jeder Rassenhetze war und konfessionelle Vorurteile nicht kannte. Es mag in diesem Augenblicke daran erinnert werden, daß die erste Ministerpräsidentschaft des Freiherrn v. Gautsch nach dem Sturze Badeni's mit der Auflösung des antisemitischen Hetzvereines „Narodni obrana" in Prag und seiner sieben Zweigvereine inauguriert wurde und daß Baron Gautsch im Vorjahre als Präsident der österreichischen Delegation dem Versuche Schneider's, die Judenhetze auch in dem gemeinsamen Vertretungskörper eiuzubürgern, ebenso vornehm als energisch entgegentrat. So wenig erfreulich auch in Folge der nationalen Wirren die Lage der österreichischen Juden im Allgemeinen sein mag, so haben wir dennoch keine Ursache, eine Verschlimmerung dieser Lage unter dem neuen Kabinetschef zu besorgen. Man sagt, daß der politische Kurs der alte bleiben werde. Möglich — aber die politische Direktion hat unter Koerber nicht viel Erfreuliches geboten. Die nationalen Zwistigkeiten sind ins Ungemessene gewachsen, das Parlament ist der Tummelplatz wüstester Obstruktion geblieben, die staatliche Autorität wurde schwer geschädigt und die wirtschaftliche Not macht sich überall in kaum noch erträglichem Maße fühlbar. Herrn v. Koerber hat ein seltsames Schicksal ereilt, von dem bisher nur wir Juden betroffen waren. Die erbittertsten nationalen Gegner haben sich für einen Augenblick vereinigt, um gemeinsam über ihn herzufallen. Wir Juden wissen, was es heißt, mit rastloser Hingebung, mit wahrer Selbstaufopferung, mit unerschütterlichem Patriotismus dem Staate zu dienen und dennoch der Zielpunkt für die Angriffe aller destruktiven Elemente zu sein. Wir können deshalb nicht sagen, daß uns die politische Seite der jüngsten Ministerkrise nicht tiefer berührt. Es ist eine kurzsichtige Weisheit, die da sagt, daß der aufgeklärte Absolutismus besser sei als der zügellose Parlamentarismus, den wir seit fünf Jahren in Oesterreich besitzen. Wenn wir auch zugebeu, daß das arbeitende Parlament in seiner derzeitigen Zusammensetzung eine stetige Gefahr fib Die Juden bedeuten würde, die ihren einzigen Rückhalt in letzter Zeit bei der Regierung fanden, so sind doch die staatsbürgerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen nur auf verfassungsmäßiger Basis haltbar und die künftigen Schicksale der Juden sind mit dem Fortbestände und der Entwicklung der konstitutionellen Einrichtungen untrennbar verbunden. So hart es uns im gegebenen Moment erscheinen mag und so sehr die magere gesetzgeberische Arbeit, welche dieses Haus mit zeitweiliger Unterbrechung der Obstruktion leistete, direkt gegen das jüdische Erwerbsleben gerichtet war — den unparlamentarischen Zustand, die schrankenlose Herrschaft des § 14 oder gar eines unverhüllten Absolutismus können und dürfen wir nicht wünschen, weil wir vou freien und gleichberechtigten Staatsbürgern nicht wieder zu — Schutzjuden herabsiuken wollen. Das ist es, was uns trotz aller Vorurteilslosigkeit des Ministeriums Koerber in vielen Fragen, wo es sich um Stellung und Rechte des Judentums und einzelner Inden handelte, ein Gefühl der Bitterkeit verursachte. Es hat sich in den letzten Jahren ein Zustand herausgebildet, der stark an die Zeiten der „Kammerknechte des heiligen römischen Reiches" erinnerte. Durch den rapiden Wechsel der Ministerien und Systeme war in der politischen Verwaltung der sichere Maßstab für Recht und Gesetz ins Schwanken geraten; daß die Staatsgrundgesetze in vielen Belangen nur auf dem Papier standen und praktisch nicht gehaudhabt wn'-d:n, ist ja zur Genüge bekannt; dehnbar waren die Bestimmungen der Gewerbeordnung, wandelbar der Geist der Justizpflege. Die Rechtsunsicherheit hatten vor Allem die Inden zu spüren und die parlamentarische Tribüne, die sonst überall

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