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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 53 Dr. Blocbs MwcdenscvrM. c.eue 861 wenig Glück ihm sein Glaubcnswechsel gebracht, daß er ein Jahr nach seinem Uebertritt eine geliebte Frau und zwei blühende Kinder verloren, an jüdischen Feiertagen stets eine Art Heimweh empfinde. Besonders interessierte er sich für jüdische Lotzelach. „Das ist doch echte Poesie" pflegte er ' oft zu sagen, wenn ihm ein jüdischer Witz besonders gefiel und die Herren unserer Bekanntschaft taten das Ihrige, den Meschumed, wie sie ihn nannten, mit anzüglichen Witzen zu regulieren. Da erzählte der Eine, daß ihm ein russischer Geistlicher gestern gesagt: „Sonderbar! Wie viele Juden ich auch schon getauft, begraben habe ich noch Keinen!"*) — Ein Anderer, ehemaliger rumänischer Offizier teilte mit, er habe, ehe er seine Reise antrat, einen getauften jüdischen Soldaten, der sich des Diebstahls schuldig gemacht, zu 20 Stockstreichen auf Befehl seines Obersten verurteilen müffen. Als der Delinquent die ersten Hiebe verspürte, rief er nicht, wie es die Christen bei dieser Prozedur stets zu tun pfegten: „Hilf Maria und Josef!" sondern: Ei wai! Ei wai! Merotti tat, als amüsire ihn all das köstlich; im Inneren mochte er vielleicht doch von den Glossen, die man über die getauften Juden machte, nicht sonderlich erbaut sein. „Haben Sie die Mazzes-Geschichte schon gehört?" fragte ihm einst, als wir, vor dem Musik-Pavillon fitzend, den Klängen der gutgeschulten Musikkapelle lauschten, ein schlagfertiger Berliner. Merotti verneinte. „Ein Missionär", begann der Berliner, „hatte den Auftrag von seinem Oberen, jährlich mindestens zehn Juden zum Christentum zu bekehren; es standen ihm, da die Bekehrten zumeist geldbedürstig waren, Mittel zur Verfügung. Im vorletzten Jahre hatte er bis Ende Dezember nur neun arme Teufel zum Uebertritt bewegen können; der Zehnte fehlte; koste es was immer, er mußte den Zehnten ausfindig machen. Man sa-,.te ihm, daß der Tischler Moses die Vorträge der jüdischen Gemeinde nicht anhöre; der dürfte leicht zu überreden sein. Er ließ sich den Tischler rufen, bot ihm 100, 200, endlich 400 Kronen, wenn er sich zum Christentum bekennen wollte. Moses blieb, obgleich es ihm schlecht ging und er eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte, standhaft. Einige Tage vor Pessach kam er unaufgefordert zum Missionär und sagte, daß er es sich überlegt hahe; er wolle, wenn man ihm 400 Kronen gebe, zum Christentum übertreten. Der Missionär sagte ihm, daß aus dem Geschäft nichts werden könne, er habe jetzt keine Mittel flüssig. Der Tischler war enttäuscht. „So geben Sie 200 Kronen", sagte er. „Auch die habe ich nicht!" „Eppers werden Sie hundert haben?" „Auch nicht einmal zwanzig!" „So geben Sie zehn", sagte Moses mit einem verzweifelten Entschluß ringend. „Sonderbar", sagte der Missionär, „vor drei Monaten wollten Sie nicht um 400 Kronen Ihren Glauben aufgeben und heute sind Sie für 10 Kronen dies zu tun willens." „Will ich Ihnen sagen", antwortete Moses, „Uebermorgen zu Guten ist Jontef und weil ich kein Geld zu Mazzes Hab' und nicht Chometz essen will, Hab' ich gedacht" — „Schwindler, Elender", herrschte ihn der Missionär an und warf ihn zur Tür hinaus. Auf Merotti schien diese Erzählung einen tieferen Eindruck gemacht zu haben. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und ging eiligen Schrittes davon. Trafen wir ihn an den folgenden Tagen, so wich er uns aus. „Den hat die Taufe auch nicht glücklich gemacht", dachte ich oft, wenn ich den einsamen, weltfremden Menschen beobachtete, wie er oben am Berigo stundenlang auf einer Bank sitzend vor sich hinstarrte, als suche er des Weltenrätsels Lösung zu finden. *) Den in Rußland zum orthodoxen Glauben übertretenden Juden ist es bekanntlich bei Strafe der Verschickung nach Sibirien verboten, je wieder zum Judentume zurückzukehren. Die es tun wollen, sagen Rußland auf Nimmerwiedersehen Adieu, gehen ins Ausland und begeben sich der zweifelhaften Glückseligkeit, einst von einem Popen eingesegnet in russischer Erde begraben zu werden. Den schönen Dczembertagen folgten stürmische, an denen es nicht geraten schien, auszugehen. Da bot uns das Grammophon, das wir mitgenommen, angenehme Zerstreuung. Wurde aber bei uns im Zimmer gespielt, so standen die Leute und lauschten den Gesängen Caruso's, Tomegeo's, Slezak's. Auch eine Platte haben wir mitgenommen, die stets ein andächtiges Publikum fand: es war der polnisch-jüdische Xol-nitlre-Gesang eines Londoner Oberkantors. Eines abends, als ich gerade die Xol-niäre-Platte eingelegt und diese herzergreifende Melodie angestimmt, sehe ich, das lauschende Publikum musternd, zum Fenster hinaus und erkenne unter den Vielen, die da vor dem Hause Posto gefaßt, auch Merotti. Kurze Zeit hernach läßt er sich melden und bittet, man möge ihn empfangen. „Ich bin tief ergriffen", sagte er, „der XoI-niäre-Gesang hat mich in innerster Seele gepackt! Meine Jugend, die Zeit, in der ich noch glücklich war, lebte wieder in mir auf! Es ist doch etwas Seltsames um all die Erinnerungen, die uns — Weiter kam er nicht, wandte sich ab und — weinte. Nach einer Weile sagte er, und der sonst so gedrückte, ernste Mensch schien glückstrahlend und heiter: „Noch einmal, ich bitte! Mein Herz verlangt nach den heiligen Tönen, die mich einst mit Wonneschauern durchglühten!" In Andacht versunken lauschte er, dann fiel er mit wohlgeschulter Stimme ein und „Dindarno! Dindarno!" rang es sich jubelnd aus seiner Brust. „Mein Entschluß ist gefaßt", sagte er, als die letzten Akkorde verklungen; „ich kehre zum Glauben meiner Väter zurück; mein Testament werde ich umstoßen und die Gelder, die ich dem christlichen Hospitz in Genua vermachte, der Alliance israölite zuwenden! Vielleicht erbarmt sich der Gott unserer Väter eines einsamen, freudlosen Menschen und läßt ihn den Abend feines Lebens im Kreise jener Edlen verbringen, die das Glück hatten, nicht zu straucheln und ein dem Wohltun und der Gottesfurcht geweihtes Leben zu führen." Tags darauf verließ Merotti, nachdem er eine ansehnliche Spende für die hier weilenden armen Juden zurückgelaffen, San Remo. Er hat Wort gehalten und die einleitenden Schritte getan, um zum Judentum zurüHukehren; als wir ihn einige Wochen später in Genua wiedersahen, überreichte er uns seine Vifitkarte, auf derselben stand: Julius Mayer alias Merotti. Jda Barber. Der alte Prager Iuderrfrirdhof. Seine alten Sagen und seine neue Gestalt. (Ein Vandalismus. — Die Pietät früherer Zeiten. — Erzbischof Chlumcansky. — „Beth-Ehajim." — Uralte Sagen und Legenden. - Der Kaplan von St. Veit. — Rabbi Löw. — „Der Grabhügel der unschuldigen Kinder." — Die Pest in Prag. — Der Traum des Rabbi. — Der Geisterzug der Kinder. — Eine erschütternde Sage. — Der restaurierte Friedhof.) Bekanntlich hat der tzechische Prager Stadtrat sich an einem der merkwürdigsten Altertümer der böhmischen Landeshauptstadt versündigt, indem er vor einigen Jahren den barbarischen Entschluß faßte, den weltberühmten alten Prager Judenfriedhof teilweise zu kassieren. Dieser Vandalismus ist auch schon zur Ausführung gelangt und ein Teil des Friedhofes dient zu einer neuen Straßenanlage. Die Prager Stadtväter hätten sich wahrlich ein Vorbild nehmen können an der Pietät früherer Zeiten. Denn als schon einmal die Gefahr vorlag, diese ehrwürdige Gräberstätte anzutasten, wurde dies von berufener Seite verhindert. Im Jahre 1787 hatte nämlich Kaiser Josef II. aus sanitären Rücksichten einen Erlaß herausgegeben, daß wie auf den übrigen, innerhalb Prags gelegenen Friedhöfen auch auf dem alten Judenfriedhof weitere Beerdigungen nicht mehr zulässig sind. Damals fand die letzte feierliche Beerdigung auf diesem Friedhofe statt, und die völlige Vernichtung wurde

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