Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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grft' 860 Dr. Dlocb's Mlocbenscvnrr. Jtr, 53 Gönner und Freunde der Kleinen ihre Wohltaten in reichlichem, erhöhtem Maße denselben zuzuwenden, von welchem ein regelmäßiger Schulbesuch, ein Lernerfolg und Fortschritte abhängen, die einzige Zukunft der armen Kinder, die nach Beendigung der Schule zumeist in die Lage kommen, sich dem Handwerke zu widmen oder das Studium fortzusetzen. Möge es mir auch hier gegönnt sein, im Namen der armen Kleinen den oberwähnten Damen, dem edlen Herrn Lasar Bloch, Dr. B. Bloch und Herrn Schuldirektor Dr. L. Herzet, wie auch allem Wohltätern dieser Anstalt den tiefgefühlten Dank ausznsprcchen! . . M. M a r k st e i n. Stmnslau. Am 26. d. M. ist Frau Scheindel K i e s l e r, Gattin des Präsidenten der hiesigen Kultusgemeinde Herrn K.Kiesler, verschieden. Diese Frau ragte besonders durch ihre Tugenden und ihren Wohltätigkeitssinn glänzend hervor. Vielen Unterstützungsvereinen gehörte sie, bald als Vorsitzende, bald als Mitglied an; keinem Armen und Hilfsbedürftigen, der sich an sie wendete, versagte sie ihre Unterstützung und ließ solche nie leer allsgehen. Sie spendete und spendete und hörte nie zu geben auf. Das imposante Begräbnis, das heute stattfand, und an dem fast die ganze Bevölkerung unserer Stadt sich beteiligte, gab beredtes Zeugnis von den Sympathien, welche diese Frau in allen Schichten der hiesigen Gesellschaft genossen hat. Die irdische Hülle der Verblichenen wurde in ihre eigene Synagoge gebracht, worauf der hiesige Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Horo w i tz, wie auch der Rabbiner-Stellvertreter Ehrwürden Herr Meller ergreifende Trauerreden hielten. Am Grabe sprachen dann der Rabbinats-Asftsior Herr Jechiel Nebenzahl, wie auch der hiesige Gemeindelektor Herr Lewi Gnttmann, deren Reden bei den Anwesenden eine ergreifende Wirkung übten. Baujaluka. Am 10. Dezember veranstaltete die hiesige österreichisch-ungarische israelitische Kultusgemeinde ein Makkabäerfest, dessen Reinerträgnis dem hiesigen Tempelbaufonde zu Gute kommen sollte. Die Feier, die im „Hotel Bosua" stattfand, war sehr zahlreich besucht, denn auch die Mitglieder der Sephardim-Gemeinde waren in großer Anzahl erschienen. Unser neugewählter Rabbiner Dr. M. Frankfurter hielt die Festrede. Langanhaltender Beifall lohnte den Redner für seine schwungvolle Rede. Die Herren Dr. Jur. M. Frank, Rosenzweig, Herzog und Neubach brachten einige jüdisch-nationale Gedichte zu Gehör. In der hierauf folgenden Poffe traten besonders die Hauptdarsteller Frau Serafine Herzler und Herr Singer hervor, auch die übrigen Darsteller Fräulein Alma Fischer und Herr S. Herzler ernteten Beifall. Einige lebende Bilder vervollständigten das gelungene Programm. Der hierauf folgende Tanz hielt den größten Teil der Gesellschaft bis in die grauen Morgenstunden beisammen. Um die Regie haben sich die Herren Herzog und Neubach das größte Verdienst erworben. Straßuitz. Anläßlich des Chanukafestes veranstalttte der hiesige Schulkreuzerverein am 4. Dezember eine Schulfeier, bei welcher 20 arme Schulkinder mit vollständiger Winterbekleidung beteilt wurden. Der Oberlehrer I. Robitschek begrüßte als Schriftführer des Schulkreuzervereines die zahlreich erschienenen Mitglieder des Vereines und die Gäste und dankte denselben für die eingelaufenen milden Spenden. Nebst vielen patriotischen und auf das Chanukafest bezughabenden Gedichten wurde von der Schuljugend das Singspiel „Großmütterchens 70. Geburtstag" ausdrucksvoll zum Vortrage gebracht. Den Schluß dieser würdigen Feier bildete die gediegene Anrede an die Schuljugend von Seite Seiner Ehrwürden Herrn Dr. A. Friedmann und das Absingen der Volkshymne. Hierauf wurde sämtliche Schuljugend mit Obst und Backwerk beteilt. Deutschbrod. Herr Ignaz Renner, Beamter der Firma Brüder Stiaßny in Deutschbrod, wurde zum gerichtlichen Sachverständigen im Buchfache bestellt und in dieser Eigenschaft vereidigt. Paris. Der zur Zeit auf einer Inspektionsreise in Rußland befindliche Direktor Dr. S. Sonnenfeld von der Jüdischen Kolonisationsgesellschast ist in St. Petersburg vom Minister des Innern empfangen worden und hat chm über die Tätigkeit, die Zwecke und Erfolge der I. C. A. Bericht erstattet. Feuilleton. Wie Merotti wieder Jude wurde. Zu den interessantesten Menschen, die ich auf meiner diesjährigen Reise nach dem Süden kennen lernte, zählte ein alter Herr, der gar viel von seinen Reisen, seinen Erlebnissen sprach, dem man gern zuhörte, da er alles, was er erlebte, anschaulich zu schildern wußte. Wir saßen eines Nachmittags am Strand, sahen dem Spiel der Wellen zu, beobachteten, wie die Tageskönigin, einer riesigen Feuerkugel gleich, ins Meer hinabsank, alles mit ihren Strahlen vergoldend. „Gottes Wunder!" sagte der alte Herr — nennen wir ihn Merotti — „hat Lessing nicht recht, wenn er sagt: „Der Wunder Größtes ist, daß uns die echten, wahren Wunder nicht als solche scheinen?" Wie in Andacht versunken, schauten wir noch eine Weile dem Spiel der grauen, sich in Abendrot brechenden Wolken zu, als Merotti plötzlich fragte: „Sagen Sie, können Sie es verstehen, daß Hunderttausende armer Juden sich ihres Glaubens wegen malträtieren lassen? Leuchtet diese Sonne nicht gleichzeitig über Juden und Christen? Ist es nicht gleich, zu welchem Glauben wir uns bekennen, wenn wir nur unseren Menschheitsidealen treu bleiben." „Sie fragen zu viel auf einmal", antwortete ihm mein Mann, „zunächst sagen Sie mir — ich nehme an, daß Sie zu unserem Glauben gehören — ob die armen, ihrer Religion wegen verfolgten Juden Ihre Synipathie haben? Ich möchte Sie dann bitten, der ^lllanes Israßlito, die so viel für die armen Verfolgten tut, deren Schicksal Ihnen nahe zu gehen scheint, als tätiges Mitglied beizutreten." Merotti sann eine Weile nach und sagte dann, offenbar mit seinen Erinnerungen kämpfend: „Ja, ich war Jude; seit zehn Jahren bin ich zum Christentum übergetreten. Ich halte dafür, daß die Satzungen des Judentums veraltet sind, daß man mit der Zeit Schritt halten müsse!" Es folgte nun eine lange Kontroverse bezüglich Religionswechsel und Glaubenstreue. Merotti gab zu, daß er oft seinen Schritt bereut habe, sich keineswegs glücklicher als Christ, denn als Jude fühle, aber da er nun einmal getauft sei, auch dem angenommenen Glauben treu bleiben wolle. Mein Mann, der eine offenbare Abneigung gegen alle Konvertiten hat, mied seither Merotti's Gesellschaft. Während einer ganzen Woche sahen wir ihn nicht, dann hörten wir, daß er krank sei. Einige Tage später trafen wir ihn wieder am Strande: er sah elend, entkräftet aus, klagte, daß ihm die Hotelkost nicht zusage. In diesem Punkte stimmten wir mit ihm überein; auch uns mundete die italienische Küche nicht; ich sagte ihm, daß wir deshalb nach San Remv übersiedeln würden, dort sei ein gutes, deutsches Restaurant, alles gut, kräftig, schmackhaft, so daß man die heimischen Kochtöpfe kaum vermißt. „Ah bei Rebenzahl?", meinte er. „Ja wie sehne ich mich nach einer kräftigen Suppe, einem guten Braten der Frau Rebenzahl! Aber Sie werden begreifen", fügte er wehmütig hinzu, „daß ich, seitdem ich getauft bin, nicht mehr dahin gehen kann, wo die frommen Juden, zusammen kommen!" „Aber Sie werden in Ihrem Zustande bei der elenden Kost hier zu Grunde gehen!" mahnte ich. Er dachte eine Weile nach und sagte dann: „Sie haben recht; nächste Woche übersiedle auch ich nach San Remo; mehr als die Palmenstraße und die Rosengärten dort lockt mich die bessere Kost! Sie ahnen ja kaum, welch eine Poesie in einer guten Fleischsuppe, einem nach jüdischer Art geschmorten Braten liegt! Was man hier Suppe nennt, ist Wasser mit Grünzeug, das Gemüse ist nicht zum Essen, der Braten fast- und kraftlos; ich habe in den letzten vier Wochen in Folge des schlechten Essens um vier Kilo abgenommen!" „Geniert es Sie selbst in das koschere Restaurant zu gehen," tröstete ich den offenbar durch mangelhafte Ernährung sehr herabgekommenen, einsamen Mann, „so lassen Sie sich das Essen in ihr Hotel bringen". Er schmunzelte schon im Vorgeschmack der guten koscheren Braten, die ihm Frau Rebenzahl, die er sehr wohl kannte, liefern würde. Als wir ihn acht Tage später in San Remo trafen, sah er wohlgemut und kräftig aus, dankte mir für den guten Rat, den ich ihm bezüglich der Beköstigung gegeben und sagte: „Es gehe doch nichts über eine gute koschere Mahlzeit!" „Den führt die Magenftage", sagte mein Mann, „nochmals zum Glauben seiner Väter zurück" und seither unterhielten wir uns öfter mit ihm, vernahmen, wie