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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 862 Nr. 53 Dr. Mortz's Wochenschrift. projektiert. Nur durch die Intervention des Prager Erzbischofs» Chlumcansky, der es nicht unterlassen hatte, gelegentlich der letzten Beerdigung, den jüdischen Friedhof zu besuchen und den Gemeindeältesten die gewissenhafteste Erhaltung dieses seltenen, altertümlichen Denkmals anzuempfehlen, wurde bei Kaiser Franz I. erwirkt, daß das bereits ausgearbeitete Projekt nicht zur Durchführung kam und selbst eine teilweise Aufhebung des Friedhofes unterblieb. So gelang es, den Friedhof in seiner Gänze bis auf unsere Tage zu erhalten. Erst den Plänen des Prager Afsanierungsprojektes, die vielfach als total verfehlt und unmodern bezeichnet werden, blieb es Vorbehalten, trotz der Proteste aller Kunstfreunde Prags, den schon erwähnten Vandalismus auszuführen. Durch eine Statthaltereientscheidung vom 23. April 1901 und durch Beschluß des Stadtvcrordneten-Kollegiums von Prag wurde bestimmt, daß der dem neuen Gebäude des akademischen Gymnasiums gegenüberliegende Teil des Friedhofes zur Errichtung einer neuen, in jener Gegend ganz überflüssigen Gasse benützt werden soll. Infolgedessen wurde von dem Friedhofe eine Fläche von 1905*10 Quadratmeter, auf welcher sich etwa 1200 Grabsteine befanden, enteignet und dadurch auch ein bedeutender Teil des einzigen, in dieser Gegend bestehenden Gartens vernichtet. Wir entnehmen diese Details einem soeben im Prager Kunstverlage B. Koci erschienenen Prachtwerke von Dr. L. Jerabek, „Der alte Prager Judenfriedhof", übersetzt von A. Major und Dr. Sp. Wukadinovic. Mit Beiträgen von Doktor I. Pollak, das sowohl textlich als illustrativ eine würdige Monographie über die berühmte Sehenswürdigkeit Prags bildet. Das Werk gibt auf Grund alten, vorhandenen Quellenmaterials und ftüherer einschlägiger Publikationen nicht nur eine Geschichte des Friedhofes, sondern auch historisch-biographische Daten über zahlreiche Persönlichkeiten, die hier seit Jahrhunderten begraben ruhen. Eine der reizvollsten Partien des Buches bildet aber die Auslese der interessantesten Sagen dieser legendenumwobenen ' uralten Gräberstätte. Einige derselben seien im Nachstehenden wredergegeben. Der Friedhof führt den hebräischen Namen „Beth- Chajim", das Haus des Lebens. Aber er wird auch vielfach mit dem poetischen Ausdruck „der Garten der Todten" bezeichnet. Eine der ältesten Legenden erzählt von Einem, der auch hier im stillen, friedlichen Garten der Todten in seinen: Grabe keine Ruhe fand. Dieser Unglückliche, dessen verödetes Grab sich auf dem alten Judenftiedhofe Prags befindet, ist, wie die Sage erzählt, in seiner Jugend seinem Stamm und Glauben abtrünnig geworden. Denn er nahm den katholischen Glauben an und wurde Priester und Kaplan bei St. Beit. Als aber seine letzte Stunde nahte, ward er seiner Abstammung eingedenk und wurde von der Sehnsucht erfüllt, im „Garten der Todten" in der Judenstadt zu ruhen. Lag doch dort ein junges jüdisches Mädchen begraben, das er einst in seiner Jugend heiß geliebt hatte. Und so starb er wieder als Jude und die Juden bestatteten ihn, wie er sich's gewünscht hatte, nahe dem Grabe seines geliebten Mädchens. Allein die Ruhe, die ihm zeitlebens nur selten beschicken, war, fand er auch im Tode nicht. Allnächtlich steigt er aus dem Grabe und eilt zur Moldau, wo ein Kahn mit einem gespensterhaften Knochenmann als Ruderer seiner harrt. Im Dunkel wie im Mondschein, bei Unwetter und Kälte fährt er zum andern Ufer hinüber. Dort steigt der treulose Priester ans Land, und der Ruderer geleitet ihn zur Prager Burg hinan, in die St. Veitskirche. Dort in der Kirche setzt sich der Priester-Jude zur Orgel und spielt, während der Knochenmann den Blasebalg tritt. Kirchliche Bittgebete und Bußpsalmen Hallen dann durch den stillen und düsteren Kirchenraum. Es ist der Priester, der in diesen erschütternden Klängen wehklagt und zu Gott um Vergebung fleht. Doch die ergreifenden Klagelieder verhallen unerhört. Ehe der Glockenschlag die Mitternachtsstunde am Kirchturm zu St. Veit austönt, ist die Orgel verstummt, und der Orgelspieler kehrt traurig wieder zum Fluß hinab. Der gespenstische Ruderer führt ihn wieder über den Fluß, und der Priester kchrt auf den Friedhof seiner Väter in sein Grab zurück, um in der nächsten Nacht wieder aufzustehen und über den Fluß zu fahren und zu St. Veit mit Bußpsalmen und Klageliedern seine endliche Vergebung zu erflehen. Auf dem alten Judenfriedhofe befindet sich auch ein Grabhügel, der den Namen des „Grabhügels der unschuldigen Kinder" führt. Den Ursprung dieses Grabhügels der unschuldigen Kinder im südlichen Teil des Friedhofes erzählt eine ergreifende Sage, in deren Mittelpunkt der weise Rabbi Bezalel Löw steht; dieser Rabbi Löw, dessen Grabmal sich auch auf dem Prager alten Judenfriedhofe bis zum heutigen Tage erhalten vorfindet, ist eine aus Sage, Geschichte und Dichtung berühmte Persönlichkeit, die der Zauber übernatürlicher Kräfte umwehte. Er ist der Held der weltbekannten Golemsage, der sich aus Lehm einen Menschen formte und ihn durch Zauberkraft belebte. Dieser Homunkulus, der dem Rabbi als Diener diente, ist eben der sogenannte Golem. Rabbi Löw ist aber auch eine geschichtliche Persönlichkeit, ein Zeitgenosse Kepler's und Tycho de Brahe's, und sein Rat war hochgeschätzt von Kaiser Rudolf II., der sich bekanntlich mit Alchemie beschäftigte. Er starb im Alter von 97 Jahren am 22. August des Jahres 1609. Die Sage vom Grabhügel der unschuldigen Kinder erzählt: „Als Rudolf II. in Böhmen regierte, brach unter der jüdischen Bevölkerung Prags eine Seuche aus, die merkwürdiger Weise stets nur die ganz jungen, unschuldigen Kinder dahinraffte; ältere blieben davon verschont. Hunderte von Leichen wurden täglich, begleitet von den tiefunglücklichen Eltern und Geschwistern, - nach dem Beth-Chajim, dem alten jüdischen Friedhofe, gebracht, wo die kleinen Leichen oft tagelang unbeerdigt liegen mußten, da es nicht genug Hände gab, um so viele kleine Gräber zu graben. Dadurch wurde die Pest nur noch verschlimmert, denn die giftigen Ausdünstungen der auf dem Beth-Chajim liegenden Leichen verpesteten das ganze Ghetto. Der Jammer und das Klagen der Juden war groß — denn da die Seuche nur in ihrer Gemeinde herrschte, sahen sie darin eine Strafe Gottes, die eines unbekannten Verbrechens wegen die ganze Gemeinde traf. Fasttage wurden angeordnet und besondere Gebete verrichtet, doch Alles war vergeblich, der Todesengel wütete weiter. Da versammelten sich die gelehrtesten Talmudisten und Rabbiner der Stadt, um zu erforschen, worin der Grund dieser entsetzlichen Strafe liege. Doch trotz aller Anstrengung wollte es keinem gelingen, die wahre Ursache herauszubringen. Unter den Versammelten befand sich auch Rabbi Bezalel Löw, der sich durch große Weisheit und Gelehrtheit, Kenntnis des Talmud, der Kabbalistik und Astrologie auszeichnete. Des Nachts lag er traurig und über das Unglück nachbrütend auf feinem Lager, er hörte im Geiste das Jammern und Wehklagen der unglücklichen Mütter und Väter und Tränen entströmten seinen Augen. Mit größter Inbrunst betete er zu Gott, er möge ihm doch durch ein Zeichen kundtun, wie Hilfe geschaffen werden könne. Dann entschlief er und im Traume sah er den Propheten Elias, der ihn an der Hand nahm und zur Mitternachtsstunde nach dem Beth-Chajim führte; dort sah er die Leichen der kleinen Kinder aus ihren Gräbern steigen. Rabbi Löw erwachte und dachte über den sonderbaren Traum nach und sah darin einen Fingerzeig Gottes. Nachdem er diesem für die Gnade der Erleuchtung gedankt, rief er einen Schüler zu sich und redete ihn also an: „Siehe, Gott ist erzürnt über uns, er hat Elend und Unglück über uns verhängt, denn wir haben schwer gesündigt. Nun müssen wir in Erfahrung bringen, welches Verbrechens wir uns schuldig gemacht haben. Darum fasse Mut und geh' heute um Mitternacht auf das Beth-Chajim, und wenn Du die gestorbenen Kinder in ihren weißen Tachrichim (Sterbekleidern) aus ihren Gräbern aufstehen siehst, so entreiße einem von ihnen die Tachrichim und bringe sie mir!" Der Schüler tat, wie ihm befohlen war, und begab sich vor Mitternacht auf das Beth-Chajim. Die Sterne strahlten über dem Gottesacker und tiefe Ruhe herrschte, nur. das leise Säuseln des Windes in den Hollunderbüschen war vernehmlich; doch mit dem Schlage Zwölf veränderte sich das Bild. Voll Grauen sah der Schüler die Leichen der kleinen Kinder, in ihre Tachrichim gehüllt, den Gräbern entsteigen und einen sonderbaren Geistertanz aufführen. Die Haare standen ihm zu Berge und

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