Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021601--14163-3038856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 858 Dr. JSlocb’s Miocbenscbrttt. Nr 53 Gewiß, meine Verehrten, das Sterben ist, wenn der Ausdruck erlaubt ist, das Ausgleichende im Leben. Die Erdenkinder, die durch Stand und Rang, durch Sprache und Nationalität, durch Rasse und Klasse geschieden, getrennt, zersplittert und zerfasert sind, vereinigen sich tatsächlich erst im Sterben zur vollen Gleichheit, wie es schon jener biblische Dulder mit einer gewissen Genugtuung ausspricht: „Gering und Vornehm sind dort (im Grabe) und los ist der Knecht seines Herrn und Gebieters" (Hiob) ..... In diesem Spiegel betrachtet, verliert der Tod alles Grauenhafte und erscheint blos als ernster Mahner, daß das Erdenwallen nur ein Durchgangspunkt zum ewigen Leben ist ... . Im jüdischen Volksmunde heißt der Friedhof demgemäß: „Der gute Ort". Seine Steine reden eine allgemein verständliche Sprache, eine Weltsprache, denn sie künden mit tausend Zungen die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen. Eingedenk des Talmudwortes: „Das Sterben entsühnt"; „Das Sterben entlastet", halten wir die Entschlafenen für vorwurfsfrei, ausgesöhnt mit dem Himmel und mit der Erde, so daß sie auf rücksichtsvolle Behandlung ihrer irdischen Ueberreste gerechten Anspruch haben.Das Recht abzr duldet weder Unterschiede noch Ausnahmen. Daraus entwickelte sich im jüdischen Kreise schon sehr frühzeitig die gleichmäßige. und würdige Form der Leichenbestattung, sowie aller Maßnahmen, die zu diesem traurigen Akte in Beziehung stehen. Um so schmerzlicher empfand man im Schoße unserer Gemeinde seit Jahr und Tag den Mangel einer würdigen Zeremonienhalle. . . . Dank dem Wohltätigkeitssinne der Mitglieder unserer Gemeinde ist es dem rührigen Ausschüsse der „Chewra-Kadischa" gelungen, einen Baufonds zu sammeln und an die Ausführung dieses stattlichen Bauwerkes zu schreiten, welches ein Wahrzeichen rühmlicher Opferwilligkeit ist. . . . Der stilvolle Bau ist nach dem kunstmäßigen Plane des k. k. Baurates, Herrn Wilhelm S t i a ß n y, von dem gewandten, hiesigen Stadtbaumeister, Herrn Ignatz Lang, ausgeführt worden. Die königliche Stadt Jglau dürfte nun durch dieses bescheidene Denkmal, dessen innere und äußere Form mustergiltig ist, um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden sein. In gehobener Stimmung haben wir uns heute deswegen zusammengefunden, um das fertiggestellte Bauwerk zu weihen und für dasselbe den himmlischen Schutz und Beistand demutsvoll anzurufen. Wir weihen dasselbe mit dem uralten Segensspruche .... Neben diesem Dankesworte, allgütiger Vater, erflehen wir inbrünstig Deine schirmende Huld und Gnade für Se. Majestät, unseren erhabenen Monarchen und Landesvater, Franz Josef I., den erlauchten Schutzherrn aller gemeinnützigen Bestrebungen, für unsere geliebte Stadt Jglau und ihre Behörden .... Möge Deine Huld, Ewiger, über uns walten und das Werk unserer Hände mit Festigkeit und Dauerhaftigkeit segnen und beglücken. Amen." Mit dem Vortrage mehrerer Verse aus Psalm 16, komponiert von Heinrich Hirschl, schloß die erhebende Feier. Alle Anwesenden zollten dem monumentalen Bau, um dessen Zustandekommen und Durchführung sich der allverehrte Präsident der Chewra-Kadischa Herr Wilhelm Oe st reicher das größte Verdienst erworben hat, die vollste Anerkennung. Agram. In der jüngsten öffentlichen Sitzung des weiteren Ausschusses unserer schon auf 4000 Seelen angewachsenen Kultusgemeinde wurde Herr Ingenieur Josef Siebenschein, Gemeinderat der Stadt Agram, einstimmig zum Präsidenten der Kultusgemeinde — nunmehr zum neuntenmale — wiedergewählt. Dieses Votum brachte die großen Sympathien der Mitglieder gegenüber ihrem Führer und den allgemeinen Dank für die langjährige segensreiche Tätigkeit des Gewählten zum Ausdrucke und zollte der seltenen Verwaltungskunst und der aufopfernden Hingebung desselben die gebührende Anerkennung. Auch die einstimmige Wiederwahl der beiden Vizepräsidenten, des Hof-Architekten Herrn Leo Hönigsberg und des Advokaten Herrn Dr. Karl Goldmann, kennzeichnet die Beliebtheit dieser Zierden der Judenschaft und unerschrockenen Kämpfer im Dienste des Judentums. Nicht minder zu gratulieren ist unserer Gemeinde zu der Wi°derwahl ihrer ebenso würdigen als bewährten Mitglieder des engeren Ausschusses, der Herren: Ignatz Grünfeld, Robert Kolmar, Samuel Ornstein, Adolf Rosenseld, Wilhelm Schwarz, Prof. Dr. David Segen, Salomon Wasserthal und Emil von Weiß. Bukarest. Gelegentlich der Einweihung eines Verwaltungsgebäudes in Bottoschani wurde zu Ehren des anwesenden Ministers des Innern Vasile Laskar ein Bankett veranstaltet, an dem auch Vertreter der jüdischen Bevölkerung teilnahmen. Dr. Olivenbaum brachte folgenden Toast aus: „Die jüdischen Einwohner Vottoschanis, diese friedliche, das Vaterland und die Dynastie liebende Bevölkerung, erhebt durch mich dieses Glas zu Ehren und auf die Gesundheit des Ministers, in der Hoffnung, daß unter den befreienden Reformen, welche derselbe vollführt hat und noch vollführen wird, zum Wohle und Fortschritte des rumänischen Landes, er auch seinen Schutz und seine Aufmerksamkeit den jüdischen Gemeinden zuwenden wird, die heute isoliert und ohne gesetzliche Grundlage sind". Der Minister antwortete darauf wörtlich: „Die Judenfrage ist eine der wichtigsten in unserem Lande; wir können folglich nicht leicht über dieselbe hinweggehen. Die Juden sind in Rumänien in großer Anzahl und manche von ihnen haben sich seit langer Zeit hier niedergelassen. Wir sind nicht gegen die Juden, welche das Vaterland lieben. Als Beweis dafür können die Naturalisierungen gelten, welche die Regierung in der vorigen Session bewilligt hat. Sagen Sie aber, Herr Doktor, Ihren Glaubensgenossen, daß wenn sie die Verbesserung ihrer Lage wollen, sie ihre Blicke nicht über die Grenze, richten sollen, denn dies kann ihnen nur noch mehr schaden, aber nicht nützen. Zeigen Sie uns Ihre Leiden, richten Sie an uns Ihre Klagen, denn wir sind die Herren in diesem Lande". Die Rede erregt in Bukarest großes Aufsehen. Die rumänischen Juden wissen aus Erfahrung, was sie von den Rumänen selber zu hoffen haben. Bukarest. In dem Städtchen Podul Turkulni bei Fokschani ist ein furchtba.es Verbrechen begangen worden. Mitten in der Nacht überfiel eine Diebsbande das Haus des wohlhabenden Herrn Israel Feldmann und mißhandelte durch Schläge mit Eisenstäben ihn selbst, seine Frau und seine ältere Tochter, sowie seinen Schwiegersohn aus Jassy, den Mitinhaber des großen Jassyer Drogengeschäftes Gebrüder Rosenstein, so schwer, daß die 18jährige Tochter des Feldmann sofort verschied, während die anderen Opfer kaum mit dem Leben davonkommen dürften. Jedenfalls werden sie Krüppel bleiben. Die Hilferufe der Unglücklichen wurden von den in der Nachbarschaft wohnenden Schwiegersöhnen vernommen. Dieselben eilten zu Hilfe, der eine mit einem Revolver, den er auch abfeuerte. Den Dieben gelang es jedoch, zu entkommen. Der Eine der Schwiegersöhne hatte aber unter ihnen einen Waldhüter des Israel Feldmann erkannt. Dieser wurde verhaftet, zu einem Geständnis gebracht, und nun stellte sich etwas Unerhörtes heraus: An der Spitze der Diebsbande hat nämlich der Chef der Ortspolizei gestanden. Er hatte die Wächter, nachdem er ihnen befohlen, die Straßen-Laternen auszulöschen, nach Hause geschickt, und dann ging das oben geschilderte Werk los. Unter den Dieben, die jetzt sämtlich verhaftet sind, befand sich auch ein Pope Namens Conduraki aus einem benachbarten Dorfe. Das arme Mädchen, das den Schlägen erlegen ist, hatte den Popen erkannt, und dies war ihr Verhängnis, denn als dieser es merkte, schrie er seinen Genossen zu: „Die müssen wir töten, sonst sind wir verloren". Petersburg. Am 1. Jänner 1905 (19. Dezember 1904) wird hier die Feier der 25jährigen literarischen und bürgerlichen Tätigkeit des bekannten russisch-jüdischen Schriftstellers Dr. L. S. Katzenelsohn begangen. Dr. Katzenelsohn, der als wirklicher, tiefer Dichter eine große Popularität genießt, hat sich auch als geistreicher Publizist rühmlichst hervorgetan. Seine zahlreichen Tagesartikel, Feuilletons und andere Schriften sind in verschiedenen russischen und hebräischen Zeitschriften zerstreut; einige