Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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!>» 5 ‘6 Dr. JSlocb’s MocbenscbrM. Seite 857 Lebens. Uns Allen aber gelten diese Hallen als ein Bindeglied zwischen dem Hause, in dem unsere Mitmenschen gelebt und gekämpft und gelitten haben, und der Stätte, an der sie zur ewigen Ruhe gebettet wurden. Möge die gütige Vorsehung den Trauernden, welche sich in unseren Tagen, wie in fernen Zeiten in dieser Halle vereinen und welchen der Schmerz um das Hinscheiden eines teuren Familiengliedes Klagen und Tränen erpreßt, Trost in ihrem tiefen Leide spenden. Möge jede Wunde, die der gewaltige Tod geschlagen, Balsam erhalten durch die allmächtige Heilkraft der Zeit! Deß walte Gott!" Nunmehr hielt der Vorsteher der Chewra-Kadischa, Herr Wilhelm O e st r e i ch e r, die nachfolgende Ansprache: „Hochgeehrte Versammlung! Wenn wir sonst im Leben diese heilige Stätte betreten, beschleicht ein de- und wehmutsvolles Gefühl unser Herz, und unser Auge richtet den Blick nach jenen Grabeshügeln, unter welchen die uns teueren Wesen ruhen, die wir im Leben geachtet, geehrt und geschätzt und an welchen wir mit innigster Liebe, Treue und Hingebung und mit allen Fasern unseres Herzens gehangen; aber heute, hochverehrte Anwesende, wollen wir uns so wehmutsvollen Gefühlen nicht hingeben, feiern wir doch heute ein Fest, welches in den Annalen eines Gemeinwesens nicht wiederkehrt, feiern wir doch heute die Einweihung der neuerbauten Zeremonienhalle, die aus Pietät für die teueren Verstorbenen zur Ehre unseres Allmächtigen, zur Ehre unserer Gemeinde und zur Zierde unserer Stadt erbaut wurde. Hochgeehrter Herr Baurat! In der Generalversammlung der Chewra-Kadischa im Monate März 1902 wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, auf dem israelitischen Friedhofe in Jglau eine Zeremonienhalle zu erbauen. Nach den getroffenen Vorbereitungen haben wir uns an Sie, hochgeehrter Herr Baurat, mit der Bitte gewendet, uns zu diesem Zwecke die Baupläne zu verfassen und die Bauleitung zu übernehmen, wußten wir doch, daß, wenn Sie einen Bau für Kultuszwecke übernehmen, Sie diesen mit ihren reichen Erfahrungen und mit ihren eigenen genial und ideal angelegten Ideen würdevoll zur Ausführung bringen werden. Sie haben mit treuem, glaubensbrüderlichem Heiden den Bau übernommen, geleitet und zu Ende geführt und diese für uns heilige Stätte, die heute ihrem hehren Zwecke geweiht werden wird, bleibt ein immerwährendes Denkmal für den genialen Meister. Wollen Sie, hochgeehrter Herr Baurat, sowohl für sich, als auch für Ihren heute hier anwesenden geschätzten Mitarbeiter Herrn Architekten Reiser unseren herzlichen Dank entgegennehmen. Hochgeehrter Herr Stadtbaumeister! Es wird Sie gewiß mit besonderer Genugtuung erfüllen, daß wir Sie mit der Ausführung des Baues dieser uns heiligen Städte betraut haben, haben Sie doch schon vor 40 Jahren als Baueleve in Vertretung Ihres Herrn Vaters bei. Anlage des Friedhofes den Bau geleitet. Für die korrekte Durchführung des Baues sei sowohl Ihnen, als auch allen anderen Gewerbetreibenden unser Dank ausgesprochen. Hochgeehrter Herr Kultusvorsteher! Jni Namen des Baukomitees übergebe ich Ihnen heute den fertiggestellten Bau in den Besitz der Kultusgemeinde, wobei ich gleichzeitig die selbständige unbeschränkte Verwaltung dieser Stätte für unsere Chewra-Kadischa übernehme. Es wird Sie gewiß, hochgeehrter Herr Kultusvorsteher, mit besonderer Befriedigung erfüllen, daß dieser Bau in die Periode Ihres vieljährigen, segensreichen Wirkens in unserer Gemeinde gefallen ist. Von dieser Stelle aus will ich auch allen Jenen danken, die durch edle Spenden diesen Bau gefördert, danken den Spendern der inneren schmuckvollen Ausstattung, danken den geehrten israelitischen Frauen Jglaus. danken der geehrten Stadtvertretung und deren Referenten für das uns während des Baues entgegengebrachte Wohlwollen, danken den geehrten Mitgliedern des Baukomitees, die sich so eifrig in den Dienst der Sache gestellt. Und nun ihr teueren Toten, die ihr da draußen in kühler Erde ruhet, verzeihet uns, daß wir euere Ruhe gestört, nur um einem langjährigen Bedürfnisse abzuhelfen und um euer Andenken zu ehren, haben euere Hinterbliebenen diesen Bau gewünscht und gefördert." Hierauf ergriff der Vorsteher der Kultusgemeinde Herr Direktor Lieblich das Wort zu folgender Rede: „Hochverehrte Versammlung! An der Eingangspforte eines Friedhofes las ich einst den sinnigen Spruch: „Wir waren was ihr seid, Ihr werdet was wir sind!" Diese wenigen Worte bilden die Brücke, welche das Leben mit dem Tode verbindet und aus solcher Empfindung entstand wohl der Gedanke, unseren teueren Dahingeschiedenen ein fichtbares Zeichen der Liebe und Verehrung zu widmen, welches unserer Pietät für fie auch nach dem Tode Ausdruck geben soll. Auch wir wollen unserer Dahingeschiedenen in Liebe und Verehrung gedenken und haben als deren sichtbares Zeichen diese Halle errichtet, welche nach dem Entwürfe des genialen und hochverehrten Herrn Baurates Stiaßny in Wien von unserem hochverehrten Mitbürger Herrn Baumeister Lang in so gelungener Weise ausgeführt wurde und welche wir heute ihrem Zwecke übergeben. Dem Danke an Alle, welche zur Errichtung und Ausführung dieses schönen Bauwerkes beigetragen haben und welchem der Herr Vorstand der Chewra-Kadischa bereits Ausdruck gegeben hat, schließe ich mich aus vollem Herzen an. Im Namen und in Vertretung der ganzen israelitischen Kultusgemeinde danke ich dem Herrn Baurat Stiaßny, dem Herrn Baumeister Lang, dem ganzen Baukomitee, sowie Allen, welche durch materielle und werktätige Mithilfe an diesem schönen Werke mitgearbeitet haben; ich danke insbesonders dem hochverehrten Bürgernieister und den Vertretern der Stadtgemeinde, den Vertretern der hohen Behörden und den Vertretern des löblichen Osfizierkorps dafür, daß sie unseren heutigen Weiheakt durch ihre persönliche Anwesenheit geehrt haben. Und so übernehme ich denn diese Halle in das Eigentum der israelitischen Kultusgemeinde in Jglau und in die Verwaltung des Wohltätigkeits- und Beerdigungsvereines Chewra-Kadischa für mich und meine Amtsnachfolger, damit fie ein bleibendes Zeugnis ablege, wie wir die Pietät für unsere Dahingeschiedenen stets im Herzen bewahren und daß wir ihr Andenken in Ehren halten wollen für alle Zeiten. Das walte Gott!" Nach Absingung des Psälmes 103, komponiert von Adolf Grünzweig, hielt Herr Rabbiner Dr. I. I. Unger eine der Bedeutung des Tages und dem Ansehen der Gemeinde angemessene Weihepredigt, von welcher die Zuhörer tief ergriffen waren. Herr Rabbiner Dr. Unger sprach: »Hochgeehrte Versammlung! Nach dem Berichte einer grauen Urkunde fand sich in der Thora-Handschrist des gefeierten Denkers Ns'ir bei den Worten der Schöpfungsgeschichte: „w’hinn&i tob m’odu, „Siehe, es war sehr gut", die finnige Randbemerkung: „hinneh tob moth“, „Siehe, das Sterben ist gut". Der Gleichklang der Wortformen: m'od „sehr" und moth „Sterben" erweckte den kühnen Gedanken, daß das Sterben kein Uebel, vielmehr ein Gut ist, ja, gegen giftige Geschicke und Widerwärtigkeiten zuweilen sogar das wirksamste Gegengift, das in der Hausapotheke der Menschheit nicht fehlen dürfte. Und wer von uns möchte Bedenken tragen, dies zu unterschreiben?