Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Le'.:-. 856 Dr. JBlocb s MlocbenscbrM<!>it 53 auf Grund des G.-A. XX : 1848 heute dem Staate gegenüber bereits mit Forderungen auftreten, lege die Judenschaft die Hände untätig in den Schoß. Es müsse ein ernster Versuch zur Vereinigung der Judenheit gemacht werden, um mit dem starken Machtwort des Zusammenhaltens zur Erringung der berechtigten Ansprüche austreten zu können. Er beantragt die Entsendung eines Komitees, welches mit den Orthodoxen in Berührung treten soll. Max S z a b o l c s i ersucht den Präsidenten, er möge sich nicht an den zweiten Punkt des 1868er Kongreßstatuts klammern, der wegen der althergebrachten Zeremonien den Friedensbruch verursachte. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen, wurde das Präsidium ermächtigt, das erforderliche Komitee unter Präzisierung der Aufgaben zu entsenden. Es wurden sodann mehrere Ausschüsse gewählt. BrüttU. In seiner Weihnachts-Nummer leistet sich der katholische „Mährische Volksbote" einen augenverdrehenden, salbungsvollen Leitartikel „Friede auf Erden". Aber wie der Friede gemeint ist, verkündet auf der 3. Seite ein Aufsatz „Makkabäer-Flüchtlinge aus Rußland", in welchem zweihundert russische Flüchtlinge, die sich angeblich in Mähr.-Ostrau befinden sollen, einfach denunziert werden. Der Artikel sagt zwar: „Unter den Flüchtlingen befinden sich viele, die kein Hcnld auf dem Leibe haben. Viele sind gänzlich mittellos und mit ganz unzureichender Kleidung versehen. In der Nacht müssen stets je zn'ci Personen auf einem schmalen Strohsack schlafen; sie hungern und stieren. Nun soll in den nächsten Tagen von Krakau abermals ein großer Transport, man spricht von vierhundert Personen, nach Mähr.-Ostrau kommen". Sollte man nicht glauben, daß nun ein milder Ausruf um Unterstützung folgt. Weit gefehlt! Das „Blatt der Liebe" beklagt sich, daß diese Flüchtlinge „von Ungeziefer strotzen", „dabei herrscht unter ihnen die ekelhafteste Unreinlichkeit und das größte Elend", und schließt seinen menschenfreundlichen Artikel: „Warum läßt man denn diese schmutzigen Juden nach Oesterreich herein? Man schubiere sie nach Rußland zurück". Just, als ob diese übermütigen Weltreiscnden Vergnügens, halber Haus und Hof verlassen hätten, um so erhebende Willkommsgrüße entgegenzunehmen. Dieser Artikel eines frommen Blättchens spricht Bände!- Ich möchte mir nur folgende Bemerkung dazu gestatten: Wenn nur ein Teil des jüdischen Geldes, das hier für Weihnachts-Bescheerungen gespendet wird und ein so liebevolles Echo findet, nach Mähr.-Ostrau wanderte, wie viel uns näher liegendes Elend könnte gemildert werden.?!? Prag. (Dr. Moritz Lichten st ern gestorben.) Am 21. d. M. ist Advokat Dr. Moritz Lichtenstern, Obmann der Repräsentanz der Landesjudenschaft im 72. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war in Groß-Jenö bei Prag geboren, widmete sich nach Absolvierung der juridischen Studien dem Anwaltstande und errang sich durch sein Wirken im Dienste der Oeffentlichkeit allgemeine Anerkennung; für seine Verdienste speziell aus humanitärem Gebiete, wurde er vor einigen Jahren durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josefs-Ordens ausgezeichnet. Der Verblichene war Obmann der Repräsentanz der Landesjudenschaft in Böhmen, lebenslängliches Mitglied des Kuratoriums der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, Direktionsmitglied des Karlsbader isr. Hospitals. Obmannstellvertreter des Gemeinbundes der ist. Kultusgemeinden in Böhmen, Ausschußmitglied des allgem. isr. Bundes in Wien, Ehrenmitglied mehrerer humanitärer Vereine und gewesener Präsident der Vororte- Baubank in Prag. Gelegentlich seines 70. Geburtsfestes und zugleich seines 30jährigen Jubiläums als Präses der Landesjudenschaft, veranstaltete letztere vor zwei Jahren eine erhebende Festversammlung, in der dem Jubilar eine von den Vertretern der der Landesjudenschaft angehörigen Kultusgemeinden Böhmens unterfertigte, kunstvoll ausgestattete Glückwunschadrasse überreicht wurde. — Am 10 d. M. erkrankte Dr. Lichtenstern an Influenza, zu der sich später eine Lungenentzündung gesellte. Am 21. d. M. um 3 Uhr morgens trat infolge Herzschwäche der Tod ein. Nach seinem letzten Willen wird seine Leiche obduziert und hierauf zur Verbrennung nach Gotha überführt werden. Er hinterläßt einen Sohn, Dr. Otto Lichtenstern, Advokat in Karlsbad und eine Tochter, die mit dem Direktor der Prager Filiale der Versicherungsgesellschaft „Viktoria" Robert Gerstel vermählt ist. Der Verstorbene hat in seinem Testamente folgende hochherzige Legate bestimmt: Dem Vereine für geregelten Gottesdienst in Prag 1200 Kronen, dem Nächstenliebe-Verein zur Unterstützung verschämter Hausarmer 2000 Kronen, ferner eine Stiftung von 20.000 Kronen für Mädchen-Waisen jüdischer Konfession auf den Namen Dr. Moritz und Amalia Lichtenstern'sche Heirats- Ailsstattungsstiftung, eine Stiftung von 24.000 Kronen für 18 Witwen jüdischer Konfession. Einweihung einer Zeremonienhalle in Jglau. Sonntag den-11. d. M. hat unter großer Teilnahme der Bürgerschaft und in Anwesenheit der städtischen und kommunalen Autoritäten die Einweihung einer neuen Zeremonienhalle aus dem israelitischen Friedhofe in Jglau stattgefunden. Zu der um V.,11 Uhr vormittags abgehaltenen Feier waren erschienen: der Bürgermeister von Jglau I n d e r k a mit dem Vize-Bürgermeister kais. Rat Kilian und zahlreichen Gemeinderäten. In Vertretung der Bezirkshauptm.annschaft k. k. O e r k o m m i s s ä r D r. B a ch, in Vertretung der Garnison k. u. k. Major Glogar nebst einer größeren Anzahl von Offizieren des 81. Infanterieregimentes; in Vertretung des LandN'ehr-Kommandos k. k. H a u p t m a n n Mossau nebst mehreren Landwehr-Offizieren und Militär- Aerzten, Vertreter des evangelischen Presbyteriums, Professoren der Landes-Oberrealschule, Oberfinanzrat Kloß mit dem Finanzrat Dr. Kohn und Oberkommissär Stein, die Landesgerichtsräte Lorenz und Tiber; sodann an der Spitze des gesamten Kultusvorstandes der Präsident Direktor Lieblich, der Vorstand der frommen Bruderschaft (Chewra- Kadischa) mit dem Präsidenten Oe st reicher; der Erbauer der Zeremonienhalle Baurat Stiaßny aus Wien, Baumeister und Gemeinderat Lang aus Jglau, Vertreter der benachbarten Kultusgemeinden, darunter von Deutsch-Brod, Gr.-Meser i t s ch, Pi rn itz und eine überaus große Anzahl von Bürgern der Stadt Jglau nebst ihren Damen, so daß die neue große Halle vollständig gefüllt war. Die Feier begann mit dem Vortrage eines vom Chormeister Joses Kohn komponierten und durch den Tempel- Gesangsverein „Schir Zion" zum Vortrag gebrachten „Weiheliedes". Hierauf ergriff der Architekt Baurat Stiaßny das Wort. Er übergab das eben vollendete Gebäude in die Verwaltung der Chewra-Kadischa, dankte dem Vorstande der letzteren für das ihm durch die Uebertragung der Bauleitung erwiesene Vertrauen und sprach seinen Mitarbeitern, insbesonders dem Baumeister Lang, dem Zimmermeister Vretschneider und seinem langjährigen Bauleiter Architekten Reiser den besten Dank aus. Sodann fuhr er fort: „Mit der Zunahme der Kultur hat zu allen Zeiten und bei allen Völkern die Ehrung, welche dem Andenken der teuren Verstorbenen von ihren zurückgebliebenen Verwandten und Freunden zuteil wurde, gleichen Schritt gehalten. Wir sehen dies bei den Egyptern wie bei den Griechen. Aber vor allen anderen haben seit jeher die Bekenner der monotheistischen Religionen das Bestreben an den Tag gelegt, dem Andenken an verstorbene Glieder der Familie Ehrerbietung zu zollen. Und auch in dieser Richtung sind wir Juden nicht hinter unseren Mitbürgern zurückgeblieben. So wie der Einzelne den Gefühlen der Pietät Ausdruck verleiht durch die Aufstellung von Gedenksteinen an den Gräbern der geliebten Familienangehörigen, so auch die Gemeinden, indem sie Zeremonienhallen in angemessener, würdiger Form errichten, in welchen das dahingeschiedene Gemeindemitglied die letzte Rast hält, bevor es zur immerwährenden Ruhestätte einkehrt. Wenn der Araber von dem Tode des Freundes erzählt, so sagt er: „In der Tat hat er sich begeben von dem Hause der Vergänglichkeit nach dem Hause des steten Verweilens." Und bei uns Juden nennt sich der Friedhof: „Der gute Ort" und das Leichengebäude: „D as Haus d es (ewigen)