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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 53 Dr. Blocb’s Mocbenscbrttt. Seite 851 sollten nicht zu verurteilen sein, die ihren Angehörigen, Staatsbürgern, Untertanen einen so grausamen Gewissenszwang auferlegen, sie durch so surchtbare Pressionen in Versuchung führen, sie förmlich zu einem Unrecht, zur Untreue, zu Lüge und Heuchelei zwingen? Ja wohl, zu Lüge und Heuchelei. Denn auch darin stimmen wir mit dem hochwürdigen Prälaten überein: es ist wunderselten der Fall, daß die innere Ueberzeugung von der Haltlosigkeit des jüdischen Glaubens und der tiefe Drang inbrünstiger, andächtiger Liebe zu einem andern Glauben den Uebertritt eines Juden bewirkt haben. Es ist lediglich der brutale Zwang der äußeren Umstände. Wenn man aber den Stab bricht über eine Gaukelei, die wohl die traurigste ist, die sich auf dem großen Jahrmarkt des Lebens 'abspielt, dann muß man ihn doch wohl auch brechen über die schmachvolle Rückständigkeit des Staates, der Gesellschaft, der öffentlichen Zustände, die zu solchen Felonien anreizen, förmlich zwingen. Und wenn man den Juden aus deu mit alten Mitteln eines rücksichtslosen Zwanges erpreßten Vergehungen wider den heiligen Geist ihrer Religion ein Spezialverbrechen macht, so hat man die Gegenprobe darauf doch noch nicht gemacht, wie sich zahlreiche, recht zahlreiche Bekenner des Christenglaubens einer so durch Jahrhunderte fortgesetzten Bedrückung und Ungerechtigkeit gegenüber verhalten haben würden. I. Lanin, der bekannte englische Schriftsteller, schrieb vor 20 Jahren: „Der zehnte Teil der Leiden, welche die russischen Juden zu ertragen haben, hätte hingereicht, das gesamte russische Volk zum Schamanentum und jedem Fetischkultus zu bekehren. Daß die russischen Juden trotz all der Peinigungen bei ihrer Religion treu ausharren, ist eines der größten Wunder der Geschichte." Ja, auch die christliche Religion hat ihre Märtyrer gehabt. Es hat auch eine Zeit gegeben, da viele Anhänger des jungen Christentums unter Martern als Blutzeugen ihres Glaubens gestorben sind. Man halte aber daneben das Martyrium, das das Judentum nicht in einer Epoche, sondern in allen Epochen seit zwei Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag zu erdulden hatte. Die Peinigung wurde fortgesetzt, es gab kein Aufatmen, und der Geist der neuen Zeit hat die Tage von Kischenew nicht verhüten können. Die Geschichte des Judentums ist die Geschichte eines Martyriums. Die Blutzeugen sind klassische Zeugen, Monsignore Dr. Scheicher, und die verdienen mehr Glauben, als die paar falschen Zeugen, nach welchen Sie das Judentum zu beurteilen wünschen. Man beachte wohl, daß bei jener freiheitlichen Regung, die von dem Korrespondenzbureau mit so edler Begeisterung in alle Welt hinaustelegraphirt worden ist, nur von getauften Juden die Rede ist. Von den wirklichen Juden schweigt die offiziöse Weltgeschichte. Die kommen überhaupt nicht in Frage. Es sind doch auch Menschen, der jüdische Soldat ist doch auch einer Mutter Sohn, er leistet auch seine Blutsteuer, er wird verwundet und stirbt oder erfriert jammervoll, übersehen vom Roten Kreuz auf dem wüsten Schlachtfeld, das sich über eine Strecke dehnt, die der von Wien bis nach Linz gleichkommt, er hungert und leidet nicht anders als der rechtgläubige Russe, er darf alles mitmachen, nur muß er es mitmachen, ohne Aussicht, ohne Hoffnung. Er darf von allem haben, nur das Recht ist ihm vorenthalten. Von ihm war überhaupt niemals die Rede. Offizier?! Er mag sich auszeichnen, wie er will; geistige Tüchtigkeit, Ergebenheit, Tapferkeit — aussichtslos. Er ist Jude! Der Abtrünnige, der Heuchler — darüber läßt sich noch reden, aber als ehrlicher Jude —! Von ihm war niemals die Rede; niemals die Rede davon, daß auch ihm sein Recht werde. Die wunderbare freiheitliche Regung bezieht sich nur auf den getauften Juden, und das spricht Bände! An nichts läßt sich aber die tiefe entsittlichende Wirkung des Antisemitismus so klar ermessen, wie an dem indifferenten Gleichmut, mit welchem nun schon Nachrichten, wie die vom Korrespondenzbureau über die neue russische „Reform" gemeldete, hingenommen werden. Die Welt ist abgestumpft und die Scheiben sind von den Miasmen der allgemeinen Versumpfung der Gewissen blind geworden und hemmen den klaren Ausblick. Man sieht die Dinge nicht mehr, wie sie find. Das Gefühl ist abgestorben für Recht und Unrecht. Man wundert sich über nichts mehr und man schäumt nicht auf in heiligem Zorn über himmelschreiende Versündigung am Menschenrecht. Die Gewissen sind abgehärtet, sie haben Schwielen bekommen. Whig. Kapitalismus uni» Korrfeslian. Die beiden letzten großen volkswirtschaftlichen Werke von Sombart und Weber haben Pfarrer I). Naumann die Anregung zu einer kleinen Studie über Kapitalismus und Konfession gegeben, die indes nicht den Anspruch erhebt, die interessante Frage erschöpfend zu behandeln. Wir kommen später auf den Gegenstand noch zurück und lassen hier nur zur Illustration dafür, wie der Führer der früheren national-sozialen Partei das Problem behandelt, einige Abschnitte aus seiner in Nr. 40 der „Hilfe" erschienenen Abhandlung folgen: „ . . . Im Lehnswefen des Mittelalters ist das Ausnutzen fremder Arbeit sehr hoch gesteigert gewesen und doch fehlte der damaligen Wirtschaftsweise etwas, was wir als das eigentümliche Merkmal unserer Wirtschaftsart empfinden. Dieses Etwas, das den Unterschied der Zeiten ausmacht, gilt es festzustellen. Es ist keineswegs bloß der Trieb nach Gewinn. Auch dieser war immer und überall vorhanden und tritt in Gegenden, die noch nicht kapitalistisch sind, oft viel roher und unfeiner zutage als in der kapitalistischen Gesellschaft. Irgend ein orientalischer Gauner ist noch lang nicht kapitalistisch in unserem Sinne. Der Unterschied verkriecht sich, wenn man ihn sucht. Es ist aber äußerst wichtig, ihn trotzdem zu finden, weil wir nur dann hoffen können, ein einigermaßen zutreffendes Urteil über die Zukunft zu gewinnen. Sombart steht bei seinen Untersuchungen auf dem Boden von Marx, ändert aber den Begriff Kapitalismus insofern, als er ihn wesentlich als eine Sinnesweise der Menschen auffaßt, die ihr Geschäft von einem gewissen Zeitpunkt an rationell, rechnerisch, methodisch betrieben. Der „Kapitalismus" verliert danlit das Gespensterhafte und Unpersönliche und wird zur menschlichen, geschichtlichen Erscheinung. In dieser Richtung geht nun eine Untersuchung von Proffefior Max Weber noch weiter, deren Anfang sich im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" (Tübingen bei Mohr) findet. Sie ist überschrieben: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Eine volle Würdigung dieser Untersuchung muß natürlich warten, bis sie einmal fertig vorliegt, aber schon das, was bis jetzt geboten wird, ist von hohem Interesse. Man kann das Gebotene ebensogut eine Kritik wie eine Ergänzung der Sombartschen Arbeit nennen. Prof. Weber nimmt die Sombart'sche Frage auf: Wie entstand die eigentümliche Geschäftszeit der Neuzeit? Er untersucht aber nicht: woher kamen die materiellen Mittel und woher kam die Kunst des geschäftlichen Rechnens, sondern er fragt: Wo und wie entstand die moralische Temperatur, in der der Geschäftsgeist intensiv, das heißt rücksichtslos und hingebend werden konnte? Und deshalb, weil er die moralische Seite der Sache prüft, setzt Weber nicht bei den Italienern ein, sondern bei Calvinisten, bei den reformierten Protestanten. Die moralische Temperatur des Kapitalismus entstand mit und durch die kirchliche Reformation. Nicht als ob die Reformatoren den Kapitalismus hätten rufen oder pflegen wollen! Im Gegenteil. Aber, wie so oft sonst in der Welt, wirkten auch hier die einmal freigemachten Kräfte anders als ihre Befreier übersehen konnten. . . Der Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Tatsache, daß der Jude im Durchschnitt mehr Kapital hat als der Protestant und der Protestant mehr als der Katholik. Um die zwei letzteren handelt es sich zunächst. Auf Katholikentagen und von Schriftstellern, wie v. Hertling und Schell, ist öfter darauf hingewiesen worden, daß Kapitalbesitz und Unternehmertum vorwiegend protestantischen Charakter tragen und daß die obere gelernte Arbeiterschicht mehr protestantisch ist als katholisch. Der Katholik läßt feine Kinder weniger auf höhere Schulen gehen

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