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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 850 Dr Blocb ö Mocbenscbritt. -ir. 58 dauert achselzuckend, daß mau die Frevler mit der Schärfe dieses Strafgesetzes nicht treffen könne, und .verweist die Opfer des Boykotts auf die journalistische Abwehr. Die journalistische Abwehr! In den antisemitischen Blättern ist gar viel von der „Judenpresse" die Rede. Aber wo ist diese Presse, welche mit unerschütterlicher Ueberzeugungstreue die verfassungsmäßigen Rechte der Juden vertreten würde? Was bei uns „Judeupresse" genannt wird, scheut vor der Notwendigkeit zurück, in dem großen Kampfe der jüdischen Parias gegen ihre arischen Unterdrücker öffentlich Stellung zu nehmen. Und die parlamentarische Tribüne! Soll s i e vielleicht den Fortbestand eines spezifisch jüdischen Kampforganes unnötig machen? Selbst wenn diese Tribüne nicht verlegt wäre durch eine fünfjährige Obstruktion, wer wollte denn im Parlament das Wort führen für die gehetzten und unterdrückten Juden? In einem freisinnigen Vereine Wiens wurde vor Wochenfrist begründete Klage darüber geführt, daß dieselben Parteien, welche gegen die christlichsoziale Verwüstungsarbeit im niederösterreichischen Landtage die hellste Entrüstung tragieren, sich nicht eutblöden, im Reichsrate die Gemeinbürgschaft mit diesen Christlichsozialeu zu hegen und zu pflegen und sich unter die Führung des antisemitischen Dr. Lueger zu stellen. Nein und dreimal Nein! Den Superklugen, den Uebergescheiten unter unseren Glaubensgenossen in der Residenz und in der Provinz müssen wir noch immer zurufen: Gewehr im Arm gegen die Feinde des Judentums! Den Schwachmütigen und Mattherzigen müssen wir sagen: Wer aus Reih und Glied tritt, ist ein Verräter an unserer heiligen Sache! Und den Krittlern und Nörglern müssen wir entgegeuhalten: Noch immer hat die „Oesterreichische Wochenschrift" eine Mission zu erfüllen, noch immer müssen wir unser Pulver bereit und unser Schwert scharf e. halten, weil wir uns nicht ruhig abschlachteu lassen können. Wem ist nicht das Blut siedend ins Gesicht gestiegen, als vor Kurzem der Häuptling der Wiener Antisemiten einem unserer Vertreter im Gemeinderate höhnend das Wort zuschleuderte: „Lassen Sie mich endlich mit den Judengeschichten in Ruhe!" Wer hat sich nicht gesagt, daß hier wieder einmal das Lamm dem Wolf das Wasser getrübt hat? Und dazu sollen wir schweigen? Solchen Hohn sollen wir ruhig dulden, ohne aufzumucken? Es hat ja Glaubensgenossen gegeben, die sich in letzter Zeit mit dem Herrn von Wien an die Tafel setzten und mit ihm pokulierten. Es hat ja Juden gegeben, die sich tief genug Prostituierten, um Herrn Dr. LuegerWeihrauch zu streuen und den Staub von seinen Fußsohlen zu küssen. Uns aber, die wir seit mehr als zwanzig Jahren die Ehre und die Rechte des Judentums gegen eine Welt in Waffen verteidigen, kann man solche Proskynesis nicht zumuteu. Man kann auch uns zurückdrängeu, man kann auch unseren Einfluß schwächen, aber beugen und brechen wird man uns nicht, solange die große Mehrheit unserer Glaubensbrüder treu und redlich zu uns hält und das Prinzip anerkennt, welches für die Gründung und die Führung unseres Blattes maßgebend war und bleiben wird: Keine Unbill ruhig zu dulden, keinen Schimpf widerspruchslos zu erleiden, solange noch ein Blutstropfen in uns die Abwehr ermöglicht. Geleitet von der Ueberzeugnug, daß ein Blatt wie die „Oesterreichische Wochenschrift" auch heute noch eine Notwendigkeit ist, wie sie es vor einundzwanzig Jahren war, werden wir ausharren im Kampfe unverzagt und ungebrochen und auch das neue Jahr mit der Devise beginnen: „Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen"! Und wir hoffen, daß dieser Devise auch unsere Freunde und Leser treu bleiben und nicht erlahmen werden in dem Beistände, den sie uns bisher geliehen haben. Eine russische Reform. Die konstitutionelle Bewegung in Rußland hat noch nicht viel Erfolg gehabt, und es ist nicht recht wahrscheinlich, daß sie in absehbarer Zeit irgend ein positives Ergebnis aufzuweisen haben wird. Man muß erst noch abwarten, ob die Barbarei der halbwilden Japaner das durchsetzen wird, was durchzusetzen die hohe Zivilisation in Rußland selbst nicht stark genug war. Wir haben nämlich nicht weit zu suchen nach Beispielen, die dartun, daß schwere Niederlagen auf den Schlachtfeldern sich als recht fördersame Faktoren zur Beschleunigung des Entwicklungsprozesses der in der Luft liegenden Ideen der Freiheit und der Menschlichkeit erwiesen haben. Bevor diese zur Geltung gelangen können, müssen erst die Kamarilla und die mit ihr innig verbundenen Filialen Militarismus und Klerikalismus abgewirtschaftet und Bankerott gemacht haben. Dann dämmert doch schön langsam die Erkenntnis auf, daß es so nicht weitergehe, und man entschließt sich, der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, sehr contre coeur und weil es nun einmal doch sein muß, es anders zu versuchen. Wenn es also vorderhand noch verfrüht wäre, an die vorläufig noch wunderbar zahmen konstitutionellen Bestrebungen in Rußland besonders sanguinische Hoffnungen zu knüpfen, so fehlt es gleichwohl nicht an kleinen verheißungsvollen Symptomen. Da wird vom Korrespondenzbureau in Petersburg in alle Welt hinaustelegraphiert, daß der im Reichsrat eingebrachte Gesetzentwurf, wonach die Beförderung getaufter Juden zu Offizieren verboten sein sollte, zurückgezogen worden sei. Eine wunderbare Kulturtat! Gemüter, die leicht zu begeistern sind, mögen darin schon das glorreiche Aufflammen einer feierlichen Morgenröte der aussteigenden Sonne der Freiheit begrüßen. Also getaufte Juden können auch weiterhin noch Offiziere werden. Es ist nicht direkt verboten. Forschen wir nicht nach der landesüblichen Praxis, — es ist nicht direkt verboten. Das wäre ja wieder etwas für den Prälaten Herrn Dr. Scheicher, den Verkünder der Religion der Liebe, dessen Verachtung für den stivolen Glaubenswechsel wir ja vollkommen teilen, der aber immer nur die eine Seite sieht, weil er die andere nicht sehen will. Gewiß verdient jeder Jude moralisch verurteilt zu werden, der um äußerer Vorteile willen dem Glauben seiner Väter untreu wird, aber ebenso gewiß setzt er sich, wenn er ihm die Treue hält, schwerer Unbill, zahlloser Ungerechtigkeit und bitteren Leiden aus, die er sonst nicht zu erdulden hätte. Das ist sein Martyrium, er muß es tragen, muß leiden und dulden. So geht es seit tausend und tausend Jahren, und schließlich — sein Glaube ist es wert, daß um ihn geduldet und gelitten werde. Da findet aber auch schon die Entrüstung des hochwürdigen Prälaten ihre Grenze. Das aufrichtige, schreiende Unrecht, das da sonst noch in die Erscheinung tritt, läßt ihn kalt. Der Jude zieht ins Feld und kämpft, nicht anders wie der „rechtgläubige" Soldat aus Stadt und Land. Er tut es nicht gern. Das sei ruhig zugegeben, zumal der Nachweis schwer zu erbringen sein wird, daß der rechtgläubige Russe sich mit besonderer Begeisterung durch ganz Asien schleppen läßt, um dort unsägliche Qualen zu dulden für eine Sache, von der sein Geist nichts weiß, für die sein Herz nichts fühlt, hinschleifen läßt von Allem weg, was ihm auf Erden teuer ist, zu der hohen Wahrscheinlichkeit eines grauenhaften Todes. Wenn nun ein gebildeter Jude, der von einer Kulturtradition von Jahrtausenden erfüllt, die den russischen Bauer nicht beschwert, sich bestrebt, sich über die Fuselatmosphäre des gemeinen Soldaten in der russischen Armee zu erheben, um wenigstens nicht in dieser seine Todesfahrt anzutreten, und wenn ihm dazu kein, aber auch gar kein anderes Mittel übrig bleibt, als die Untreue an dem Glauben seiner Väter, dann mag ihn ja der Vertreter der christlichen Liebe, in deren Schoß sich das unglückliche Opfer geflüchtet hat, verurteilen, so grausam er will, wir werden nichts dawider sagen. Denn es gibt eine Untreue, für welche keine Absolution erteilt werden kann. Aber der Herr Prälat darf da nicht plötzlich seiner Entrüstung Halt gebieten. Er müßte ein wenig auch nach der anderen Seite blicken. Wie, ein Staat, eine Gesellschaft

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