Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021601--14157-3038850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

eeia 852 Dr. Dlocb's MLocvcnscbrM. ^r. 53 und hat größere Neigung, im Handwerk zu verbleiben als der Protestant. Dieser Unterschied läßt sich nicht einfach damit erklären, daß der Protestantismus weltförmiger ist, als der Katholizismus. Das mag er heute vielfach sein, aber gerade in seinen Anfängen und gerade dort, wo der Kapitalismus am ersten wuchs, war er es nicht. Die englischen, holländischen, amerikanischen und deutschen Puritaner, Quäker, Mennoniten, Herrenhuter waren keineswegs weltfrcudig im Sinne materialistischer Aufklärung. Und doch sagten von ihnen die Spanier mit Recht, daß „die Ketzerei den Handelsgeist befördere". Viele alte, große Handelshäuser sind in ihrem Ursprung pietistisch. Man wird das in Basel, Frankfurt, im Wuppertal und Crefeld ohneweiters verstehen. Auch der protestantische Reichtum im heutigen Frankreich gehört hierher. Und zwar liegt es nicht so, daß diese Kreise reich wurden, obwohl sie fromm waren, sondern weil sie nicht in katholischer, sondern in reformierter Weise fromm waren. Wie das zusammenhängt, darüber wird uns Weber in Zukunft noch mehr mitteilen. Jetzt muß es genügen, darauf hinzuweisen, daß alle Protestanten einen anderen Begriff vom irdischen Beruf haben als die Katholiken. Die katholische Frömmigkeit ist etwas, was neben oder über dem irdischen Beruf steht. Die Erdenarbeit wird abgemacht, weil man leben muß, sie ist aber nicht der Inhalt der frommen Seele. Der Protestant sagt, daß man in seiner Erdenarbeit dienen soll als Landmann oder Kaufmann oder Knecht. Von Möncherei und Messe hält er weniger. Erst der Protestantismus schuf das Wort und den Begriff „Beruf", wofür Weber sprachliche Belege beibringt. Dieser Berufsbegriff braucht nun noch lange nicht zu neuer Art der Berufserfüllung zu führen und hat es tausendfach nicht getan, aber er öffnete die Tür dafür, daß man mit gutem Gewiffen gewinnbringende Geschäfte treiben konnte. Dieses gute Gewiffen beim Gelderlverb an sich fehlte im mittelalterlichen Christentum. Erst bei den Mystikern beginnt es sich zu regen. Und wenn nun der reformierte Kaufmann Geld erwarb, so half ihm seine strenge Religion den Reichtum zu vermehren, denn er lebte nicht nobel wie ein reicher Italiener, eben weil er streng calvinisch war. Aller Pomp der Welt war ihm verboten und er selbst hatte in sich die Lust zu solchem Pomp ertötet. Sein Theater war die Kirche, und die war billig. Er saß abends bei den Seinen und erzog sie in der Zucht und Vermcchnung des Herrn. Damit brachte er es fertig, daß das Geld seinen Nachwuchs nicht ruinierte. Und wenn er Arbeiter brauchte, dann bevorzugte er die Frommen, denn sie waren arbeitswillig, nicht nur im Sinne der Geduldigkeit, sondern auch in den: höheren Sinne, daß auch diese Leute nicht Besseres kannten, als in ihrem Beruf als treue Haushalter Gottes erfunden zu werden. Man braucht nur an die ältere Textilindustrie zu denken, um solche Arbeitgeber und Arbeiter vor sich zu sehen. Ich habe sie noch in ihren Ausläufern so gekannt." Nachträgliche kurze Kemerkungeu zu meinem Artikel „Der Kolks stamm der Chulifeu als Inden". Um nicht die eng gezogenen Grenzen eines Artikels, bestimm für eine Wochenschrift, zu überschreiten, muß ich vieles auf dieses Thema bezughabende Material vorläufig unerörtert bei Seite lassen. Wenn ich nichtsdestoweniger es jetzt für angezeigt erachte, auf einen Punkt wenigstens mit einigen Worten zurückzukommen, geschieht es nicht etwa nur deshalb, mit diesem Beweis eine bis nunzu allgemein rezipierte Ansicht als falsch über den Haufen zu werfen, sondern aus dem Grunde, weil es einiges Licht über den Stand der traditionellen Lehre bei den Juden, um das Kaspische und Schwarze Meer wohnend, im frühen Mittelalter verbreitet. Es werden in den Responsen der Gaonim Differenzen zwischen bmar px '221 mws 'WS wiederholt namhaft gemacht über Ritualien, von denen die der Ansche Misrach den Vorschriften des Talmuds analog lauten, während die der Lene Erez Jisroel mit diesen in direktem Widerspruch stehen. Die „Ansche Misrach" sind bekanntlich die Babylonier und werden die Palästinenser dagegen sowohl im Talmud als auch in der späteren gaonäischen Literatur nais/a '22 genannt. Allgemein wird zwar angenommen, weil keine andere plausible Erklärung vorhanden war, daß hier mit Bene Ejez Jisroel die Palästinenser gemeint wären, was aber absolut unrichtig ist, da in Palästina während d'r gaonäischen Zeit fast keine rabbinische Autorität war, um mit den Gaonim in Babylon einen Ideenaustausch zu pflegen, und werden solche von einem Respondenten (Schaare Zedek 4, 4, 40) geradezu als Idioten hingestellt; dann können in Palästina solche direkt antitalmudische Gebräuche gar nicht platzgegriffen haben, um sich als Usancen einzubürgern, Ritualien, denen der Schismatiker mehr ähnlich, als denen der rabbinischen Juden. Hier können also mit Bene Erez Jisroel nur die int Norden wohnenden Juden gemeint sein, wo die Tradition des Talmud, wie ich bereits erwähnte, selbst bei den mehr südlich wohnenden Juden und Babylon näher liegenden Gegenden nie festen Fuß faßte und daher Differenzen sich ergeben mußten. Diese Gegenden, um das Kaspische und Schwarze Meer, wurden einer alten Tradition gemäß, daß dorthin die zehn Stämme Israels vertrieben worden sind, wie ich bereits feststellte, deshalb Erez Jisroel, das Land der zehn Stämme Israels, genannt. Es lebten dort viele rabbinische Juden (wie dies auch später Jbn-Daud bestätigt) und in den südlich gelegenen Gegenden näher zu Babylon, wo gewiß das traditionelle Judentum aus dem leichteren Verkehr mit den babylonischen Juden eher Wurzel faßte als im hohen Norden*), korrespondierten jüdische Gelehrte, von denen manche Namen erhalten blieben, mit den Gaonim in Babylon und erwähnten die Gaonen oft diese Differenzen. Es ist hier nicht der Ort, dieses Thema erschöpfend zu behandeln, sonst müßte ich den für diese Bemerkungen gefaßten Rahmen weit, weit überschreiten; daher greife ich nur einige Beispiele heraus, die kurzgefaßt als illustrierende Fakten dienen sollen. Zum Beispiel Schaare Zedek (Resp. der Gaonim) III, 4,1i pK '221 Dl’ “b lxbtt'tf Np 2^1,2 by J'^XnD J’X N212 "V2X .101’ |2 ib'DX Dieser Brauch der Ansche Misrach basiert auf Talmud Schabbath 135 b (ibid.) lb*SK ^22,2 *2ab ^2X,2 PX s’NViL m?Ö ’L'2X .t2nn ’3äb "2 ib 1.2'lv Np 2222 12’X *2>X21v’ pX '221 ristX ,2PV Dieser Usus der Ansche Misrach beruht auf M o e d K a t a n 23 a; dagegen widersprechen die Riten der Bene Erez Jisroel den strikten Vorschriften des Talmud. Ueberhaupt' muß hervorgehoben werden, daß das talmndische Judentum solche strenge Observanzen und Härten gar nicht kennt und konnten solche strenge Bräuche, die nur den jüdischen Sekten noch eigen sind, nur bei den Juden im Norden sich einbürgern, weil sie in der Entwicklung der mündlichen Ueberlieferung von altersher zurückgeblieben sind, die aber das talmudische Judentum in jeder Hinsicht milderte, was noch solche unzählige Beispiele beweisen können. Z. B. Responsen der Gaonim Schaare Tschuba ed. Fische! Nr. 72 pX ’221 h’2,2 ’222 ^22 flBÖWÖ .222 N2,v "V2X rc. n*?2 N1P2'2 i2*x ^2»’ (ibid. 176) 2c. npö xb s’^2112 p’X rntia 'V2X welch letztere Bräuche besonders den Sekten, die dort in diesem Wetterwinkel guten Nährboden fanden, und auch den Samaritanern eigen und auch mit den Ritualien Eldads in vieler Beziehung ganz konform sind. Ich beschränke mich jetzt nur auf den kurzen Hinweis, da dies vorläufig genügt. S. Spinner. Juden auf dem Schlachtfelds. Aus Anlaß des russisch-japanischen Krieges wurde neuerdings in den Wiener Antisemitenblättern über die Untauglichkeit und Minderwertigkeit der jüdischen Soldaten viel geschimpft. Russische Blätter melden nichtsdestoweniger wiederholt einzelne Episoden, in welchen jüdische Soldaten sich durch Heldenmut auszeichneten. Interessant ist aber eine von Ben-Zion gebotene Darstellung: Aus der Geschichte des Infanterie-Regiments Nr. 30 (Ergänzungsbezirk Lemberg), deren Authentizität nicht angezweiselt werden kann, da die Regimentsgeschichten von Mitgliedern des Offizierskorps und unter der Kontrolle derselben bearbeitet werden. Nun haben sich innerhalb des obgenannten Regimentes sehr viele jüdische Soldaten während der Feldzüge von 1859, 1864, 1876 und 1875 durch Umsicht und todesmutige, Andere anfeuernde Tapferkeit hervorgetan. Viele sind unter ihnen, die auf der Wahlstatt blieben und für immer in fremder Erde schlummern, viele der Ueberlebenden wurden nach *) Die hoch im Norden wohnenden Inden scheinen von der Tradition sehr wenig gewußt zu haben und erzählt der Reisende R. Patachia später: Als er in das Land der Tartaren kam, fragte er die dortigen Halbjuden (d’2’D, wie sie ein damaliger Rabbiner des Westens nicht anders bezeichnen konnte), warum sie nicht nach den rabbinischen Vorschriften leben, worauf diese antworteten, daß sie von ihren Eltern nichts hievon in Erfahrung gebracht haben und nie von dem „Talmud" was hörten. Am Freitag haben sie das Brot, das sie am Samstag verzehrten, geschnitten 2c. Das sind keine Karäer,sondern alteingewanderte Juden oder Proselyten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.