Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr 52 Dr. Bloch's Wochrntrtzrrf). Seite 847 der Lebensbeschreibung .dieses Papstes von Gregorio Leti manches Wissenswerte. In neuerer Zeit hat Hübner die Geschichte dieses merkwürdigen Mannes, der die gesetzliche Zahl der Kardinale auf 70 festsetzte und die vatikanische Bibliothek begründete, geschrieben. („Sixte-Quint“, deutsch 1871 erschienen). Felix Peretti, Kardinal von Montalto saß als Sixtus V. von 1585—1590 auf dem Stuhle Petri. Man kann wohl sagen, er ist der merkwürdigste unter den Päpsten in den letzten 300 Jahren. Er zeigte eine starke Hand. Schon als Kardinal zeichnete sich Peretti durch große Sittenstrenge aus und machte durch scheinbare Schwäche die Kardinäle sorglos. So kam er auf den Stuhl Pelri. „Da zeigte er sich in hochaufgerichteter Männergestalt und intonierte mit einer so gewaltigen Stimme das Tedeum, daß das Gewölbe davon widerhallte, und es erstaunten und erschracken die Purpurträger und die Sünder unter ihnen erblaßten" („isr. Volkslehrer", 1855, S. 391). Und nun berichtet die von Steinheim mitgeteilte Novelle, wie Sixtus im Bettlermantel unerkannt die Straßen Roms und Trastaveres durchwandert, ein zweiter Harun al Raschid, wie er hört, daß der grausame Antonio Zavella einen Hebräer schinden lassen wolle, „der sich mit einem Pfunde Fleisch nahe seinem Herzen für eine Schuldforderung so gleichsam zum Scherze verschrieben; aber die Zavella verstehen keinen Spaß" .... Der Hebräer heißt Shylock. Antonio hatte sein Auge auf des Juden Tochter, I e s s i k a, geworfen. Um diesen Preis wollte er die ganze Schuld fahren lassen. „Aber solche Schande zu ertragen, vermochte weder Vater noch Tochter". Um diese zu erlangen, hat sich A n t o n i o mit der Kupplerin P o r t i a verbunden. Diese aber kann bei der keuschen I e s s i k a mit ihrem elenden Handwerke nichts ausrichten. Und nun schildert die Novelle weiter, wie der Papst selbst am Tage des Gerichtes als „unverdächtiger Zeuge" gegen Antonio auftritt, gerade da dieser Shylock dem Messer des Henkers übergeben will, und ihm zuruft: „Jener Unschuldige duldet, weilDu ihm zwar dieSchuld von 1000 Z e ch i n e n erlassen wollte st, aber nur um den Preis der Schande seinerTochter, dieDeineLüsternheit erregt hat . . . Bereite Dich vor zum Tode. Der Hebräer behält die 1000 Zechinen als Schmerzensgeld. Führt ihn zu seiner frommen Tochter in den (sie!) Ghetto zurück" (1. e. S. 430). So lautete der Spruch Papst Sixtus V. — Wir müssen es uns versagen, auf den ganzen Inhalt der von Steinheim in „frischer Gestalt" dem Lesepublikum vorgeführten recht schönen Novelle einzugehen. Er Libt sie in treuer Uebersetzung, weil, wie er bekennt, die Novelle selbst ihm nicht zugänglich gewesen sei. Und jetzt kommen wir zu der großen Frage: War diese Erzählung Shakespeare bekannt? Sein „Llarebaut of Venice“ erschien nach der allgemeinen Annahme 1594, und so ist es ja leicht möglich, daß ihm der wahre Sachverhalt nicht unbekannt gewesen sei. Allerdings steht fest, die letzterwähnte Geschichte aus Gregorio Letis Lebensbeschreibung des Papstes Sixtus V. ist jünger als das älteste englische Schauspiel desselben Inhaltes, aber sie bietet einen Beweis für die durch die Stimmung der Zeit bedingte Veränderung der Sage, für „die Umkehrung von Sagen", um mit Niebuhr zu sprechen, den Dr. Mayer in seiner Notiz mit Raumer verwechselt. Halten wir die Volksstimmung, die entschieden gegen die Juden gerichtet war, mit dem zusammen, was wir oben über die Geschichte des Rodrigo Lopez sagten, so kommen wir zu dem Resultate: Shakespeare kannte wohl den wahren Verlauf, aber in seinem Schauspiel trug er der Volkesstimme Rechnung und wandte sich der Ueberlieferung zu, wie sie ihm ein älteres Schauspiel, wie sie ihm die Novelle des Giovanni Fiorentino gegeben. Und frtrg, — der Jude wird verbrannt. In seinen Abhandlungen „Shakespeares Mädchen und Frauen" (1835) erzählt Heine, wie eine „schöne blasse Britin", als der „Kaufmann" in Drurylane aufgeführt wurde, am Ende des vierten Aktes heftig weinte und mehrmals ausrief: „The poor man is wronged“ („Dem armen Manne geschieht Unrecht!"). Heine hatte diese Worte gehört, denn die „schöne blasse Britin" stand hinter ihm in der Loge. Es ist der große Rechtslehrer Jhering, der die Rechtsfrage in seiner Abhandlung „der Kampf ums Recht" eingehend behandelt. Shylock kämpft um sein Recht, etwa so wie Michael Kohlhaas oder Karl Moor. Nach unseren Ausführungen aber bekommen die Worte: „Dem Manne geschieht Unrecht" noch eine ganz andere Bedeutung, wenn wir erwägen, wie Shakespeare vielleicht gegen seine bessere Ueberzeugung und gegen die ihm bekannte Ueberlieferung „die Justifikation einer unglücklichen Sekte aussprach, welche von der Vorsehung aus geheimnisvollen Gründen mit dem Haß des niederen und vornehmeren Pöbels belastet worden". Nene Bücher. Otto Krans. Sozialismus und Zionismus Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1904. Dr. At. Atargel. Deutsch - hebräisches. Wörterbuch. Vollständig in 40 Heften, Heft 11 und 12. Preis eines Heftes 50 Heller. Subskriptionspreis 15 Kronen 15 Mark. Preis des vollständigen Werkes nach Erscheinen 20 Kronen 20 Mark. Kommissionsverlag von Leopold Klein, P o z e g a, 1904. Jüdische Turnzeitung. Oktober—November 1904. Das soeben erschienene Doppelheft der „Jüdischen T u r n z e i t u n g", die von jetzt ab im „Jüdischen Verlag e" erscheint, enthält folgende Beiträge: In dem, „Ein Angriff aus der deutschen T n r n e r s ch a f t" betitelten Leitartikel wird die Stellung der jüdischen Turnvereine zum deutschen Turnerbund anseinandergesetzt und dargetan, daß die positiven Aufgaben der jüdischen Tnrnbewegung (deren kultureller Wert, insbesonders für das osteuropäische Jndeiltum, noch immer nicht genug gewürdigt wird) die Interessensphäre der „deutschen" Turnvereine nicht berühren, und daß demnach kein Anlaß vorliegt, das Verhältnis beider Organisationsgrnppen anders als freundnachbarlich zu gestalten. Sodann schildert Dr. Ludwig Werner, Wien, den großen, propagandistischen Nutzen der „Jüdischen Schauturnen", gelangt aber ans der Erwägung, daß die zunächst erforderliche innere Festigung der Vereine unter der allzuhäufigen Veranstaltung solcher Schauturnen stark zu leiden habe, zu dem Resultat, in Zukunft seltener turnerische Schaustellungen vorzuführen. Einem die Aufgaben der jüdischen Turnerschaft des Verbandes d r jüdischen Turnvereine behandelnden lehrreichen Aufsatz von Julius Berger-Köln folgt ein hochinteressanter Artikel des bekannten Dr. Franz Oppenheimer über „Sport". Der vom Standpunkt des Nationalökonomen und Mediziners aus geschriebene Aufsatz ist von geradezu grundlegender Bedeutung und verdient auch schon wegen der geistvollen Art der Darstellung weiteste Beachtung, lieber eine im Aufträge der „Jüdischen Turnerschaft" nach Westdeutschland unternommene Propagandareise berichtet der Redakteur der Zeitschrift. Der Artikel zeigt, daß die jung-jüdische Turnbewegung rührig bei der Arbeit ist. Es folgt sodann ein „Einblick in die Entstehungsgeschichte der Turngeräte" aus der Feder des in Fachkreisen .wohlbekannten Wettturners Alfred Flatow" (1. Sieger auf dem deutschen Turnfeste in Hamburg). Eine Reihe von Berichten über die Tätigkeit der einzelnen Vereine, Bücherbesprechnngen, Notizen, und endlich turnerische Uebungsgrnppen bilden den Schluß des 4* Seiten starken Heftes Das Heft ist zu Propagandazwecken in größerer Auflage hergestellt worden. Propaganda-Hefte werden gratis und franko versandt. Das Jahresabonnement auf die „Jüdische Turnzeitung" (Charlottenburg, Herderstrabe 3—4) beträgt Mk. 3.— und kann bei der Reichhaltigkeit und der Eigenart dieser Zeitschrift nur empfohlen werden. Krirfkaste«. Im Begriffe, die Adreßschleifen für das Jahr 1905 neu in Druck legen zu lassen, ersuchen wir unsere geschätzte» Abonnenten, etwaige Richtigstellungen im Namen, Charakter oder Adresse gefl. postwendend an uns gelangen z» lassen. Die Administration. Dr. S. K. Der Brief des Maimonides an R. Samuel ibn Tibon hat Profeffor Graetz?um erstenmal ins Deutsche übersetzt; aus diesem Grunde wird bei Zitierung dieser Uebersetzung Graetz als Quelle angegeben. Das hebräische Original abzudrucken, ist kein Anlaß. „Leser". Getaufte Inden, welche den Antisemiten gelegentlich Handlangerdienste leisten, können unmöglich von jüdischen Fachblättern Schutz und Hilfe verlangen. Herrn Professor Moeller trifft ein wohlverdientes Geschick. A. R. in B u d a p e st. An einem Fasttag wird in den Wiener Synagogen keine Trauung vollzogen. Auch der sel. Adolf Jellinek hat aus Rücksicht iür die offizielle Trauer die Teilnahme an einer Trauungsfunktion an solchen Tagen abgelehnt.