Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 646 Dr. Mocb's Mocbenscbrtkt. Nr. 52 Darstellung nach dem Bedürfnisse der Zeit in allen Schichten des Volkes weithin zu verbreiten. Der „Volkslehrer" enthält aber mehr als Gutachten über religiöse Fragen, Predigten, Vorschläge zur Kultusreform und diverse Mitteilungen, wie Kayserling (1. e. S. 866) behauptet. Er bringt historische Abhandlungen, kritische Streifzüge, literarische Zeit- und Streitfragen und wir werden gleich sehen, daß er einer vielumstrittenen Literaturfrage näher tritt, mit der man sich ja auch in den letzten Jahren viel beschäftigte, ich meine die Frage nach den Quellen von Shakespeare's Dramen. Wenn wir die einzelnen Jahrgänge des „Volkslehrers" einer genauen Durchsicht unterziehen, so müssen wir sagen, dieses in Oktavform erschienene Blatt wollte durchaus nicht zu jenen Blättern oder Blättchen gezählt werden, die für den Tag geschrieben, auch vom Tage verweht werden. Es steht auf einer wiicklich hohen Warte, gemäß dem Wahrspruche „Al Mschmarti eemando" (Hab. II, 1) und von dieser aus überblickt es mtt fteiem, weithinschauendem Auge die Verhältnisse des Judentums der damaligen Zeit in beiden Hemisphären. Leopold Stein starb am 3. Dezember 1882 zu Frankfurt a. M. und er konnte damals, als er vor 22 Jahren die müden Augen schloß, sagen, die Ideen, für die er gekämpft, seien noch lange nicht zum Siege gelangt, und was die politische Stellung der Juden anbelangt, so wisten wir, wie ein Großer, der am 8. Februar desselben Jahres 1882 gestorben, kein Geringerer als Berthold Auerbach, über die antisemitische Bewegung sich geäußert und wie sie ihm das gute, treue Herz gebrochen hat. — Und nun zur Sache selbst, die uns beschäftigen soll. Da habe ich in den vergilbten Blättern des Jahrganges 1858 des „Israelitischen Volkslehrers" geblättert. Aber bald wurde meine Aufmerksamkeit gefesselt durch eine literarische Notiz mit der Ueberschrift „Zur Shylock-Sage". Die Notiz enthält eine briefliche Mitteilung des Rev. Dr. Mayer zu Charleston (17. 8. 8. K.) und ist vom 27. Jänner 1858 datiert, bezieht sich aber auf eine im „Volkslehrer" Jahrgang 1855, S. 388 f£. mttgeteilte Novellette von Steinheim, welche die Geschichte des „wahren" S h y l o ck enthüll. Es ist bekannt, daß die Sage von dem blutigen Rechtsstrett, die „Der Kaufmann von Venedig" behandelt, die Forschung in hervorragender Weise beschäftigte. Wir sehen hier davon ab, daß, wie schon B e n f e y nachgewiesen, diese Legende sich auch im indischen und russisch-mongolischen Sagenkreise findet. Sie spielt sich dort zwischen einem Brahmanen und einem Holzspalter, hier zwischen zwei handeltreibenden Brüdern ab. Jedenfalls hängt sie mit der grausamen Auffassung des Schuldrechtes bei den alten Völkern zusammen, gegen die wir zahlreiche Gesetze in der Bibel finden (Vgl. II. Mos. XXII, 24 L u. a. a. St.), das aber, wie es scheint, doch häufig sehr strenge gehandhabt wurde (Vgl. II. B. der Könige, Kap. IV., V. 1). Das römische Zwölftafelgesetz besagt: Wenn ein Schuldner seinen Gläubigern nicht bezahlen kann, dann gehört er ihnen an und „in^partes seeanto". Man fragte zu Shakespeare's Zeiten nicht viel danach — und man tut es heute auch nicht — ob der Geist des Judentums mtt einer solchen blutigen Auffassung des Schuldrechtes übereinstimme, der Haß, den man Ahasvers Enkeln entgegenbrachte, fand vielmehr seinen Ausdruck darin, daß man den Juden zum Träger solcher Anschauungen machte, wie diesen Shakespeare in seinem „the Merchant of Venice" Ausdruck gegeben in den Worten: „Ich bitt euch, denkt, ihr rechtet mit dem Juden. .Ihr mögt so gut das Härteste besteh'n, Als zu erweichen suchen — was wäre härter? Sein jüdisch Herz." (Nach Schlegel und Tieck.) G r a e tz hat eine vortreffliche Schrift über den „Kaufmann von Venedig" geschrieben. In dieser legt er besonderes Gewicht auf die Forschungen des Engländers Lee, der nachweist, daß, obwohl es zu Shakespeares Zeiten keine Juden in England gegeben (Menaffe ben Israel suchte erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts ihre AnsiedlUng bei dem Lord-Protektor Cromwell zu erwirken), doch in dem Jnselreiche viele aus Spanien und Portugal entflohene Marannen (Schcinchristen) gewesen, unter denen sich ein einflußreicher Mann, Dr. Rvdrigo Lopez befand, der als Dolmetsch in wichtigen diplomatischen Angelegenheiten und Leibarzt der Königin Elisabeth, sich mit seinen Gönnern Leicester und Essex, den bekannten Günstlingen der Königin und dem flüchtigen portugiesischen Kronprätendenten Antonio entzweite, später in einen Hochverratsprozeß verwickelt und hingerichtet wurde. Die Prozeßakten sind erhalten und erweisen seine Unschuld. Das Volk aber glaubte an seine Schuld, kehrte sich gegen den „Juden" und manches Drama der damaligen Zeit schmeichelte dieser Volksstimmung. Shakespeare verarbeitet in seinem „Schauspiele" mehrere Stoffe, die sich ursprünglich in der mittelalterlichen lateinischen Märchensammlung „Gesta Romano rum“ vorfinden, folgte aber doch, wie allgemein bekannt, einer Erzählung der italienischen Novellensammlung „II Pecerone" des Giovanni Fiorentino, die zuerst 1554 zu Mailaüd in Druck und später in einer verloren gegangenen englischen Bearbeitung erschien. Lee's Untersuchungen weisen nun auf das Bemerkenswerte hin, daß Shakespeare den Novellennamen A n d a l s o in Antonio verwandelt. Nach diesen Vorbemerkungen ist es Zeit, daß wir uns der Notiz Dr. Mayer's wieder zuwenden. II. Papst Sixtus V. und Shylock. Schon im Jahre 1828 hatte, nach der mehrfach erwähnten Notiz Dr. Mayer's, Isaak Harby (eine Cornelia Harby ist auch jetzt als Dichterin in Amerika bekannt), Gründer der jüdischen Reform in Amerika und einer der ausgezeichnetsten Schriftsteller unter den Juden Amerikas, darauf aufmerksam gemacht, daß die „Biograpliia Dramatica“, geflissentlich die Quelle verschweigend, erzählte: Die Handlung des „Kaufmann von Venedig" beruhe auf einer wahren Begebenheit, die sich irgendwo in Italien ereignete, aber mit dem Unterschiede, daß die beabsichtigte Grausamkeit die des Christen und das unglückliche Opfer seiner grausamen undbarbarischenRache der Juden gewesen". — Woher Harby diese literarische Notiz entnommen? Auch darüber werden wir belehrt. Schon 10 Jahre, bevor er sie in seiner Abhandlung über den „Kaufmann von Venedig" veröffentlichte, also im Jahre 1818, wurden die Juden aus Anlaß einer in Maryland geführten parlamentarischen Debatte über ihre Zulassung zu öffentlichen Aemtern (oh Amerika, du hast es besser!) in einer herrlichen Rede von einem gewissen Thomas verteidigt, lange bevor dies Macaulay im britischen Parlamente getan; es wurde von dem Redner darauf hingewiesen, daß Miß Egdeworth in einem ihrer Werke („Harrington") zeigt, es sei der Christ gewesen, der darauf bestand, das Pfund Fleisch zunächst dem Herzen des Juden zu erhalten". Miß Edgeworth verweist zur Bekräftigung der Wahrheit ihrer Behauptung auf Shvens „Leben Sixtus V." Dieses Werk ist uns nicht bekannt geworden, was aber Miß Edgeworth anbelangt, so ist sie eine bekannte englische Novellendichterin. Ursprünglich eine Judenfeindin, ist sie später, durch eine hochgebildete jüdische Dame, Mrs. Lazarus, eines Besseren belehrt (ein weißer Rabe, in der Tat!) zu einer begeisterten Verteidigerin der Juden in dem erwähnten Buche „H a r r i n g t o n" geworden. Gehen wir nun der Erzählung „Sixtus V. und Shylock" etwas mehr nach. Dr. Mayer bezieht sich auf eine Novellette, die S t e i n h e i m im Jahrgange 1855 der Zeitschrift „der israelitische Volkslehrer" auf P. 388—395 und 424—430 mitteilt. In N i e b u h r's „Röm. Geschichte (3. Ausl. Berlin, 1828 T. I. p. 50) heißt es in einer Note: „Und im 16. Jahrhundert findet sich die Novelle von Shylock, als wirklich geschehen, so erzählt, daß es ein Christ ist, dessen teuflische Unerbittlichkeit gegen einen Juden durch den Spruch eines klugen Richters, des P a p st e s Sixtus V., vereitelt wird." Niebuhr will damit einen Beweis für „die Umkehrung der Sagen" liefern. Wenn wir nun auch nicht die oben erwähnte Geschichte des Papstes Sixtus V. von Shven kennen, so entnehmen wir schon