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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 849 Dr. Dlocb's Mocbenscvrlrr Nr 52 der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien mit dem Sitze in Wien gebildet. Er will nicht Almosen spenden; die augenblickliche Not zu lindern, muß er der Privatwohltätigkeit überlassen. Ihm gilt es, allen jenen, die durch ehrliche Arbeit ihr Leben zu fristen fähig sind, Gelegenheit zur Arbeit zu verschaffen. Er will allen, die arbeiten wollen — und die galizischen Juden, welche auch die anstrengendsten Handwerke betreiben und die schwersten Berufe als: Lastträger, Erdwachsarbeiter, Kutscher u. s. w., ausüben, scheuen wahrlich keine Arbeit — durch Erhaltung und Weiterentwicklung der vorhandenen Handwerke und der Ansätze zu solchen Hausindustrien, die dort von Juden betrieben werden, oder durch Einführung neuer Industrien Erwerb vermitteln; er will insbesondere das Heranwachsende Geschlecht, die Jugend, dem Handwerke und womöglich dem Ackerbau zuführen. So soll den Juden in ihrem Elend beigesprungen, ihr wirtschaftliches und damit zugleich ihr geistiges und sittliches Niveau gehoben uud ihnen eine glücklichere Zukunst eröffnet werden. Schon hat der Hilfsverein seine Absichten zu verwirklichen begonnen. Er hat die Haarnetzindustrie in Galizien eingeführt, in der in fast 100 Ortschaften mehrere Tausend jüdische Frauen und Mädchen als Heimarbeiterinnen einen verhältnismäßig lohnenden Erwerb finden; andere Exportindustrien, die einer weiten Ausbreitung fähig sind, wurden bereits eingerichtet oder sind zur Einführung ins Auge gefaßt; gerade jetzt wird mit der Unterbringung von Absolventen der Baron Hirschschulen in Galizien bei Handwerksmeistern angefangen und eine schriftliche Enquete über die Frage der Zuführung galizischer Juden zur Landwirtschaft ist im Zuge. Darum ist es Pflicht jedes Einzelnen, diesen Verein zu unterstützen, und nicht bloß Unterstützung durch Geld erwartet der Verein von den jüdischen Glaubensgenossen, sondern auch die Mitteilung von Anregungen zur Einführung neuer Industrien in Galizien und sich nicht durch oberflächliche Antipathien oder sonstige Gründe davon fern halten zu lassen, sondern mitzuhelfen bei der Linderung des Elends, bei der kulturellen Hebung der galizischen Glaubensgenossen. Dem mit Beifall aufgenommenen Vortrag folgte eine Diskussion, an der sich Herr Dr. M. Lang, sowie der Schriftführer der Ortsgruppe Herr Rabbiner Dr. Goldberger und der Vortragende besonders beteiligten; insbesondere gab Herr Rabbiner Dr. Goldberger durch verschiedene Anregungen, betreffend die Möglichkeit der Erhöhung der Vereinsmittel, die Zuführung zuni Handwerk, die Ausbildung zu Dienern und Dienstmädchen, dem Vortragenden Gelegenheit, der Versammlung weitere Aufklärungen über die Arbeit des Vereines, sowie über den Stand der Dinge in Galizien zu geben. — Zahlreiche Beitrittserklärungen zeigten, daß der Vortragende die Sache des galizischen Hilfsvereines den Zuhörern nahe gebracht. An den Schluß des offiziellen Teiles schloß sich ein gemütliches Beisammensein, das die Teilnehmer des Abends in anregender Unterhaltung vereinte. Israelitischer Handwerkerverein in Bielitz. Junge Reiser auf dem goldenen Boden des Handwerkes zu verpflanzen, deren Entwicklung zu überwachen und zu leiten, hat sich Herr Rudolf Kestel, der derzeitige Präses des israelitischen Handwerkervereines, zur Lebensaufgabe gestellt und diese nicht zu unterschätzende Arbeit bisher mit Erfolg durchgeführt. Gleich einem Vater sorgt der auch sonst immer hilfbereite Mann für die manuelle und geistige Ausbildung der itm anvertrauten Zöglinge, um dieselben zn nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft heranzuziehen, und viele der einstigen Zöglinge, die heute eine geachtete Lebensstellung einnehmen, danken dies hauptsächlich dem im Dienste der Wohltätigkeit unermüdlichen Rudolf Kestel. Alljährlich erhalten die Zöglinge auch komplette Anzüge und Schuhwerk. Der Tag, an welchem die Verteilung der Kleidungsstücke erfolgt, gestaltet sich für sie zu einem Freudenfeste. Die diesjährige Bescherung fand am 11. Dezember nachmittags statt. Zu derselben hatten sich viele Gönner des Vereines und auch ehemalige Zöglinge desselben cingefnnden. Herr Kestel begrüßte die Erschienenen zu unterbinden; Maßnahnien der Gesetzgebung und der Verwaltung , und richtete hierauf einige ernste, tiefempfundene Worte an die Zögtun noch das Uebrige. Unter mächtigem Schutze und mit Unterstützung ' linge. Er forderte dieselben auf, mit Lust und Liebe an die Arbeit der Landesbehörden breiten sich über das ganze Land Konsum- und j/zu gehen, sich nicht auf frembe Hilfe zu verlassen,sondern durch eigene Handelsvereine aus, denen die jüdischen Krämer unterliegen; der Kraft denk Ziele zuzustreben. Zum Schluffe ermahnte er sie, stets an - Salzverkauf, der früher Hunderte ernährte, ist monopolisiert, die Pro- Gott zu denken und sich durch nichts vom Wege der Tugend ablenken pinationspachtungen sind erschwert und verteuert; im Wettbewerb um zu lassen, den Meistern stets gehorsam und treu zu bleiben, auf daß Verkaufslizenzen, um öffentliche Arbeiten, um Dienststellungen werden ihre Arbeit, vom Segen begleitet, ihnen selbst nnd dem Vereine zur die Juden hintangesetzt; die zahlreichen jüdischen Handwerker erhalten! Ehre gereiche. An die austrctenden Zöglinge richtete er überdies noch von Nichtjuden nur selten Beschäftigung, abgesehen davon, daß sie, herzliche Worte des Abschiedes. Hierauf wurden 26 Zöglinge mit sowie auch die jüdischen Kleinhändler, die ohnedies den Samstag auf £ Kleidern und Schuhen beschenkt. Nach der Bescherung erstattete Herr das Strengste feiern, durch die Sonntagsruhe auch noch einen zweitens Kestel den Jahresbericht. Demselben ist zu entnehmen, daß der Verein Tag in der Woche für ihre Arbeit verlieren — kurz die Juden werden'^, im verflossenen Jahre 135 Mitglieder zählte. Der Verein hat seit unbarmherzig, geradezu systematisch ausgehungert. Tausende ExistenzenM^seinem Bestände für 135 Zöglinge bis zur Freisprechung gesorgt und wurden so vernichtet, tausende von Familien an den Bettelstab gebracht.^ außerdem noch 40 Zöglinge auf seine Kosten nach Wien gebracht. An Vom Hunger getrieben, wandern die Bejammernswerten, Erwerb suchendHUaußerordentlichen Spenden erhielt der Verein von den Herren Viktor in Scharen aus den Dörfern in die Städte, aber nur mit dem Erfolge,DUSchaffer anläßlich seines sechzigsten Geburtsfestes 100 K, Michael daß sie das Elend der dort ansässigen Juden vergrößern und schließlichZ/LBraun anläßlich des Ablebens seiner Frau 50 K, Theodor Pollak mit diesen zusammen in Not und Krankheit verkommen. Eine derartige,Msanläßlich des Sterbetages seiner Mutter 40 K, Karl Bachrach anzielbewußt herbeigeführte Verelendung so großer Menschenmassen kann8»läßlich der Vermählung seiner Tochter 20 K, Osias Schmelz anläßlich in ihren schrecklichen Folgen nicht auf Galizien allein beschränkt bleiben.vWder Vermählung seiner Tochter 10 K nnd Lustig anläßlich der Ueber- Die Gefahr, die es mit sich brächte, wenn sich diese verhungernden>»siedlung in eine neue Wohnung 10 K. Der Vorstand dankt den Menschen in Bewegung setzten, um in den Nachbarländern die RettungLlGönnern des Vereines und bittet um weiteres Wohlwollen. Zu dem zu suchen, die sie daheim nicht finden — diese Gefahr braucht nur an-»»Rechenschaftsbericht ergreift Herr Dr. Haas das Wort, weist auf die gedeutet zu werden, um als eine furchtbare erkannt zu werden. UmLINotwendigkeit des Handwerkerstandes hin, auf dessen Unentbehrlichkeit, dieser unerhörten Not Schranken zu setzen, hat sich bereits im Jahre 190lWund wünscht, daß die Zöglinge sowohl auf die Vervollkommnung in darf, einer bedauerlichen Gleichgültigkeit begegnet. Unser Verein, der die Ausgestaltung und Erhaltung einer Lehranstalt zum Zwecke hat, deren Leistungen unmerklich und allmählich reifen, zu deren richtigen Würdigung ein abgeklärtes, unbefangenes Urteil gehört, wie man es nur bei einer erlesenen Minderheit findet, kann sich allerdings nicht mit den raschen Erfolgen anderer Vereine messen, die einer momentanen Notlage oder andauernder Dürftigkeit Abhilfe bringen. Der Proseminarverein hat höhere Bedürfnisse, vitales Glaubens- und Stammesinteresse im Auge: die Heranbildung tüchtiger religiöser Funktionäre, sowie, was vielleicht das Beachtenswertere ist, die Pflege und Verbreitung jüdischer Lehre und jüdischen Wiffens, welches eine sichere Bürgschaft für das Erblühen, Gedeihen und den Bestand des Gemeindewesens zu breten bestimmt ist. 70 bis 80 Zöglinge erhalten Unterricht an unserer Anstalt, einige davon zur beruflichen Befähigung und weitaus die meisten, welche einmal die leitende und maßgebende Intelligenz in den Kultusgemeinden bilden sollen, nehmen daraus Kenntnis, Sinn und Verständnis für das Judentum, für dessen Mission, Wissenschaft und Bedeutung in das vielgestaltige Leben mit. Die meisten Schüler der Anstalt erhalten auch Stipendien, die bei den spärlich uns zufließenden Mitteln leider auch kärglich bemessen sind. Durch die Begründung der Israelitisch-theologischen Lehranstalt mit Vorbereitungskursen in Wien, sowie durch den Umstand, daß die Zahl der Abiturienten, welche sich dem Rabbinate widmen, sichtlich abnimmt, sahen wir uns veranlaßt, die Unterrichtstätigkeit an unserer Anstalt zu verallgemeinern und deren Schwerpunkt in die berufliche Ausbildung von religiösen Funktionären, deren Mangel immer fühlbarer wird, nämlich von Religionslehrern und Kantoren zu verlegen. Die Kantorenschule bildet eine Abteilung des Proseminars und steht unter der unmittelbaren Leitung des hiesigen Oberkantors Herrn Josef Heller, der als anerkannter Meister der traditionellen, wie der modernen Sangesweise, auch über bedeutende hebräisch-sprachliche und liturgische Kenntnisse verfügend, Schüler heranbildet, welche selbst von größeren Gemeinden gesucht und berufen werden. Den Unterricht am Proseminar erteilen in 6 Abteilungen die Herren: Professor Dr. Max Grünfeld, Dr. Nathan Steinhart, Dr. I. H. Oppenheim, Professor Dr. Heinrich Redisch, Berthold Kahn, Oberkantor Josef Heller und Abraham Deutsch. Die Anstalt wurde im Schuljahre 1901/2 von 71, 1902/3 von 80 und 1903/4 von 73 Zöglingen besucht. Stipendien erhielten im Schuljahre 1901/2 32 im Betrage von L 863'—, 1902/3 49 im Betrage von K 1453' , D03/4 53 im Betrage von 1436-80. Möchten doch Kultusgemeinden und deren Mitglieder in der vorangeschickten Darlegung einen wirksamen Appell an ihre Teilnahme für die Anstalt erblicken, welche mit geringe» Mitteln Bedeutsames zu leisten sich bemüht, und derselben eine opferwilligere Beachtung zuwenden als bisher. Der Obmann: Dr. B. P l a ö z e k. Galizischer Hilfsverein. Marienbad. Samstag den 26. November fand Hierselbst im „HotelLeipzig" eine Versammlung der Ortsgruppe Marienbaddes Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien statt, an welcher zahlreiche Mitglieder unserer Kultusgemeinde teilnahmen. Der Vorsitzende Herr J. ü. Dr. Josef Steiner, Advokat Hierselbst, begrüßte die Anwesenden, insbesondere Herrn Dr. Wilhelm Löwy, Magistratssekretär i. P. aus Wien, Sekretär der Zentrale des Hilfsvereines in Wien, der zur Abhaltung eines Propagandavortrages über Einladung der Ortsgruppe erschienen war. Herr Dr. Löwy schilderte auf Grund der Berichte und eigener Anschauung, worin das Elend der galizischen Juden bestehe; nicht nur in der vorhandenen Armut, sondern noch vielmehr in der systematisch betriebenen Aushungerung und Erwerbsentziehung. In den letzten Jahren hat die bitterste Not auch jene Schichten ergriffen, die bis dahin im Kleinhandel und Kleingewerbe ihr häufig nur kümmerliches Auskommen gefunden hatten. Offen und geheim wird darauf hingearbeitet, den Juden die Existenzbedingungen

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