Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021599--14133-3038824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 830 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Str. 51 Senator Fischer in wochenlanger Arbeit vorbereitet worden war. Wir hoffen, daß der kürzlich in Angriff genommene Erweiterungsplan l es Knabenhauses, deffen Kosten von etwa 60.000—70.000 Mark allerdings erst ungefähr zur Halste gedeckt sind, es der Anstalt im nächsten Jabre ermöglichen wird, das Fest in eigenen Räumen zu feiern und dadurch noch schöner zu gestalten. Feuilleton. Sir ist gar keine! . . . Von H. Uork-Steiner. Wladimir Alexandrowitsch war ein kleines, rundes Männchen mit großem Kahlkopf und dünnem Bartwuchs im gutmütigen Gesicht, eine Gestalt, wie man sie bei der Polizei selten findet. Er hatte auch keine Karriere gemacht. Man schob ihn vom inneren Dienst langsam in den Vorsaal hinaus, wo er zumeist die Protokolle ins Reine brachte. Die großen Männer mit den harten Gesichtern, denen er hatte Platz machen müssen, neckten ihn mit seiner Erscheinung; sie nannten ihn Wladimir Weliki, Wladimir den Großen. Zuweilen kränkte ihn dies. Wenn er jedoch Abends über die Chrestialska ging, während das Erzbild seines großen Namensvetters oben auf dem Berge am Ufer des Dnejpr von flammenden Lichtern umgeben aufblitzte und das Kreuz auf seiner Schulter erglühte, dann fühlte er sich dem Heiligen verwandt und war wieder zufrieden. Denn er war in seinem Herren wahrhaft fromin. Die Anderen sagten, er sei ein Philosoph. Das machte ihm bei den Vorgesetzten einen schlechten Ruf, denn ein Polizist soll nicht allzuviel Nachdenken. Iwan Wassiljewitsch, genannt Iwan Blasni, der Amtsdiener und Aufseher über die Gefangenen, sein nächster Untergebener, sagte ihm sehr oft, wenn er eine polizeiliche Maßregel als ungerecht oder schädlich kritisierte: „Euer Gnaden belieben, . . ein Nihilist zu sein." Heute hatten es die zwei wieder einmal miteinander. Wladimir saß mit dem Rücken gegen das einzige Fenster des kahlen Vorsaales vor einem tintenbefleckten Tische, auf dem schmierige Folianten aufgestapelt lagen. Iwan ging immer wieder durch eine der drei Türen, die in das Innere des Bureaus, zur Treppe und zu den Gefängnissen führten, und stets kam er wütend zurück. Denn Iwan war, wie sein Beiname besagte, ein Wüterich. Der hohe, bärtige Mann mit dem derbknochigen, stülpnasigen Gesicht bemühte sich auch heute, seinem Namen Ehre zu machen, soweit dies seine Augen, die kleinen wafierfarbeuen Verräter, gestatteten. Er schnaubte wild auf, schlug die Türen zu und rief heftig: „Alle soll man sie nach Sibirien schicken — diese Schelmensöhne, alle; Lügner sind sie, Betrüger, Schufte, Schufte, ja . . Judasse!" Wladimir Alexandrowitsch ließ diesen Wutausbruch ruhig austoben, dann ftagte er mit teilnahmsvoller Stimme: „Und was macht sie denn, die arme Kleine?" „Der Teufel mag's wissen!" war die barsche Antwort. „Liegt da zusammengekauert, steif wie ein Klotz, mit dem Gesicht zur Wand, rührt sich nicht, ißt nichts, trinkt nichts, antwortet nicht. So ein verdorbenes Frauenzimmer ist mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Alle Welt ftagt nach ihr, sogar der reiche Rentier Rubinglanz war schon zweimal da; man kommt, steckt mir einen Rubel um den anderen in die Tasche, dickt, ich soll sie gut bchandeln. Was soll man sie denn schlecht bchandeln, man ist doch ein rechtgläubiger Christenmensch! Bring' ihr also ein Glas Wein — etwas Gebäck, Obst — ruck rufe sie. „He", sag' ich also, „Du Täubchen", Seelchen, He^chen, rühre Dich, steh' auf, hast ja seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen!" Sie rührt sich nicht. Zuckt nur so in ihrem Körper, wie wenn ein Kindlein im Weinen einschläft." Ich fang' also wieder an: „He, Du dummes Töchterchen, paß auf, was geschieht! Du wirst mir krank. So ein Arrest, hm, das ist recht ungesund. Und wenn Dir was zustößt, dann werden sie sagen, wir haben Dir was angetan." Ruhig hebt sie langsam den Kopf, wischt sich die verschwollenen Augen — dreht sich um und — sieht mich an — so — so — na, zum Lachen war's nicht. Ich aber zwü g mich und mach' ein freundliches Gesicht, und da — sie muß mich wohl erkannt haben — schreit sie auf — so entsetzlich, als ob ich Gott weiß was wär'. Schlägt mit dem Kopfe auf die Pritsche und stöhnt, stöhnt —: „Mutter, Mutter, o hilf mir, hilf!" Da bin ich aber recht zornwütig geworden. „Was hast Du denn," schrie ich sie an. „Tust, als wenn weiß Gott was geschehen wäre. Deine Vorfahren haben unseren Herrn und Heiland gekreuzigt, das ist viel schmerzhafter gewesen." Sie aber stöhnt: o, Du mein Herrgott, helfe mir vor diesem Menschen. Ich aber werde wütend und schrie sie an: „Was für Menschen, Du — Du Schwindlerin, Du." Wladimir Weliki sprang auf. „Beschimpft hast Du sie auch noch, die arme Kleine? Schämst Du Dich nicht, Du — Du Wüterich, Du Barbar —" „Ich ein Barbar," rief er. „Beschimpfen soll^ch mich lassen wegen so Einer —?" „Was für Eine?" donnerte ihn Wladimir an und schaute ihm starr in die Augen. Iwan senkte den Blick, wie Jemand, den man auf einer Unwahrheit ertappt hat. Er schimpfte in sich hinein und brummte eine ärgerliche Schlußkadenz. „Und eine Schwindlerin ist sie!" rief er hinterdrein. „Ja, eine Schwindlerin und eine Strafe bekommt sie auch, ja, Isidor Gawrilowitsch hat es gesagt." Der kleine Beamte, der inzwischen an seinem Protokoll geschrieben hatte, unterbrach seine Arbeit und winkte den ungeschlachten Gesellen zu sich heran. „Komm' doch mal her, Du Wüterich, und hör' einmal an, was das für eine Schwindlerin ist. Das Protokoll habe ich in Gegenwart von Isidor Gawrilowitsch ausgenommen" — sagte er mit einem Anflug von Autorenstolz. Und in der Tat, das Protokoll war sehr sorgfältig abgefaßt: -— Da wurde uns der älteste Bruder zum Militär genommen, so daß uns der sechzehnjährige Abraham ernähren sollte, was er aber gar nicht verstand. Die Mutter war nach dem Tode des Vaters nie ganz gesund, so daß wir auch für die Apotheke Geld ausgeben mußten. Nach und nach hätten wir alles verkauft, nur das Bett der Mutter war in der Stube geblieben — aber auch das war schon verpfändet. Wir hungerten seit Monaten, und die Mutter wurde immer schwächer. Da gab man mir den Rat, ich sollte stenographieren lernen, dann könnte ich beim Kreditverein eine Stelle mit zwanzig Rubel monatlichem Gehalt bekommen. Das wäre für uns ein großes Glück gewesen. Ich konnte aber in unserem kleinen Städtchen das Stenographieren nicht erlernen, ich sollte daher nach Kiew gehen. Gute Menschen haben mir das Geld verschafft, aber einen Paß konnte mir niemand besorgen, weil uns doch der Aufenthalt in Kiew nicht gestattet ist. Da kam ein Mann — dessen Namen ich nicht kenne — „Aha", höhnte Ivan. „Ein Mann, dessen Namen ich nicht kenne." Wladimir Alexandrowitsch ließ sich das nicht gefallen — „diese Worte hat mir, Isidor Gawrilowitsch selbst diktiert, verstehst Du!" Er wiederholte: „Da kam ein Mann, dessen Namen ich nicht kenne und gab meiner Mutter diesen Rat. Sie weinte Tag und Nacht, denn sie schämte sich sehr, es mir zu sagen." . . Iwan wurde ungeduldig. „Verzeihen Euer Wohlgeboren, was für eine Komödie — muß sie denn stenographieren, oder wie das Zeug heißt? Alle diese Judenmädchen wollen was Besonderes — hätt' eben in den Dienst gehen sollen!" Wladimir dachte eine Weile nach. „Du müßtest so eine Judenstadt erst kennen lernen; sind ihrer zwanzig- bis hunderttausend Juden, immer von jedem Geschäft um ein paar Hundert zu viel. Auch Dienstmädchen gibt's zu viel. Sind zumeist arme Leute, die kein's brauchen, und keines kann hinaus aus dem Judenrayon. In Jekaterinoslaw braucht man zwanzig Tischler, in Berditschew verhungern achtzig — hilft nichts — müssen in Berditschew bleiben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.