Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 824 Vr. Biocb’s Mocdenscdrttr. Nr. 51 der staatlichen und städtischen Wirtschaft geworden ist, die Grundlagen der Existenz entzogen würden. Würde die von Ihnen propagierte Absonderung der Christen von den Juden zur Wahrheit werden, dann würden dies allerdings die mittleren und unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung schwer empfinden, es würden aber auch Tausende von christlichen Gewerbetreibenden, Privatbeamten, Lehrern, Handlungsgehilfen, Arbeitern und Dienstboten, die von Juden und bei Juden Beschäftigung finden, ihres Gewerbes verlustig gehen. Zu innig verwebt und verbunden ist die Tätigkeit und Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung Wiens mit der allgemeinen ökonomischen Entwicklung dieser Stadt, als daß sie auf das Geheiß eines wenn auch noch so machtbewußten Bürgermeisters aus derselben ausgeschaltet werden könnte. Wohl aber ist der von Ihnen erhobene Nus geeignet, durch die Verschärfung der vorhandenen Gegensätze, durch die Wiederentfachung und Verewigung des Rassen- und Klassenkampfes den Frieden der Bürgerschaft dauernd zu untergraben und damit das Gesamtwohl der Stadt schwer zu schädigen. Wir protestieren deshalb gegen die von Ihnen sanktionierte Verhetzung, in der wir eine Nichtachtung der Gesetze, einen Mißbrauch der bürgermeisterlichen Würde und eine Beeinträchtigung der Wohlfahrt dieser Stadt erblicken. Genehmigen Herr Bürgermeister den Ausdruck der vollsten Hochachtung, welche wir als gute Bürger unter allen Umständen dem Oberhaupte unserer Stadt schulden. Wien, am 8. Dezember 1904. Für den Vorstand der Oesterr.-Jsr. Union: Siegmund Mayer, Wilhelm Anninger, Präsident Vize-Präsident Julius Granichstädten, Schriftführer. Die antisemitischen „Narodni listy" und ihre jüdischen Abonnenten. Unter dem Titel „Glückliche Tage der Prager Lese- und Redehalle" veröffentlichte das Organ der Jungczechen am 5. d. M. eine längere Notiz, die etwas niedriger gehängt zu werden verdient. Dieses Hetzblatt benützt nämlich das Weihefest des obgenannten studentischen Vereines zu einem rüden Ausfall gegen die Prager Juden, die sie nicht leiden mag, deren Geld es aber sehr gern nimmt. Die „Narodni listy" haben am 5. Dezember folgendes geschrieben: „Der Kern des Prager Deutschtums sind nicht eigentlich die deutschen Christen, sondern die mit dem Deutschtum Hand in Hand gehenden Juden. Diesen unsren „Leuteschindern", die das czechische Volk in den Städten und auf dem Lande wirtschaftlich ausziehen, müssen wir noch zu einer pikanten Erhöhung ihrer samstägigen und sonntägigen Wohlfahrt dadurch dienen, daß man uns noch hinter der Verschanzung der Polizeimannschaft fühlen läßt, daß wir ihrem pseudodeutschen frechen Uebermut gegenüber machtlos sind ..." Der Prager „Öas", das Organ des Professors Masaryk, unterzieht sich nun im Anschlüsse an die antisemitischen Auslassungen der „Narodni listy" der dankenswerten Aufgabe, nicht weniger als 55 jüdi scheFirmen namen tlich aufzuzählen, die den „Narodni listy" als Inserenten in der Sonntagsnummer „das dem czechischen Volke aus den Taschen gezogene Geld" abgeliefert haben. Es befinden sich darunter 43 jüdische Firmen aus Prag und 12 solche aus anderen Städten, darunter mehrere aus Wien, wie z. B.: Sam. S. Bing L Komp., Gottlieb Taussig, Anton Rix und Bruder, „Hotel de l'Europe" (Wien—Olmütz); aus Bud a- P e st: Hermann Herz' Söhne, Weinberger . „Diese Erscheinung", heißt es im „Cas" weiter, „ist zwar lehrreich für beide Parteien, lehrreicher aber noch für unsere Antisemiten. Denn, wer die Erklärung abgibt, daß die Juden Schinder sind, sollte wenigstens kein Geld von ihnen nehmen und ihre Geschäfte dafür zum Einkäufe nicht dem jungczechischen Leserkreise anzeigen." Wir aber sagen, bei den „Narodni listy" ist eben Geschäft Geschäft, nicht nur im Inseratenteil, sondern auch in der Politik, und bedauerlich bleibt es nur, daß Juden dieses Geschäft unterstützen. Die jüdischen Inserenten mögen nur einmal ausbleiben, und dann wird man staunend wahrnehmen, was der im Vorderteil der „Narodni listy" gezüchtete Antisemitismus durch das Ausbleiben der jüdischen Annoncen im Hinterteil des Blattes mit einem Male urplötzlich aus den „Leuteschindern" machen wird. Die Frankfurter Konferenz zur Organisation der osteuropäischen Auswanderung. Heber den Verlaus der Frankfurter Konferenz zur Organisation der osteuropäischen Auswanderung wird gemeldet: Sämtliche zuständigen jüdischen Organisationen, sowie eine große Anzahl Privatpersonen, welche für die Lösung der in Betracht kommenden Fragen besonders kompetent sind, waren eingeladen worden und hatten Delegierte entsandt. Am Sonntag Abend fand die Regelung der Vorfragen, zunächst die Wahl des Präsidiums statt. Es wurden in das Präsidium berufen die Herren James Simon-Berlin für den „Hilfsverein der deutschen Juden", Justizrat Timendorfer-Berlin für die Großloge für Deutschland, Direktor. Dr. Bärwald- Frankfurt a. M. für die Allian66 israölite universelle, Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M. für das hiesige Lokalkomitee, Hermann Landau-London für die Anglo Jewish Association, Wilhelm Pappenheim-Wien für die Israelitische Allianz in Wien, Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer-Köln für das zionistische Aktionskomitee, Dr. Mark. Warschawsky-Petersburg, Advokat Dr. Stern- Bukarest, Professor Dr. Simonsen-Kopenhagen. Nachdem die Versammlung sich über den Abstimmungsmodus schlüssig gemacht, erstattete Herr Dr. Paul Nathan-Berlin, Geschäftsführer des „Hilfsverereins der deutschen Juden", das Referat über die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation. An die Ausführungen des Referenten schloß sich eine überaus lebhafte und eingehende Debatte, welche am Tage darauf fortgesetzt worden ist. Allseitig wurde anerkannt, daß im Interesse der Juden 'Osteuropas eine Organisation der Auswanderung geschaffen werden muß. Zugleich wurde einmütig hervorgehoben, daß in keiner Weise Maßregeln ergriffen werden dürfen, die geeignet sind, eine Steigerung der Auswanderung herbeizuführen, daß die Auswanderer insbesondere auf Geldunterstützung seitens des Komitees nicht zu rechnen haben. Die positive Aufgabe der zu schaffenden Organisation muß vielmehr sein, die Auswanderer über die Vorbedingungen aufzuklären, unter denen allein ein Verlassen ihrer osteuropäischen Heimat ratsam ist. Es soll den Auswanderern alsdann auf ihrer Reise Rechtsschutz gewährt und für eine möglichst billige und gute Fahrt auf den Eisenbahnen und Schiffen gesorgt werden. Diese Aufgaben sind zu lösen von Comitees, die jedes einzelne Land im Anschluß an die bestehenden zuständigen Organisationen selbständig zu schaffen hat, insofern sie nicht bereits vorhanden sind. Die nötigen Informationen für jene Komitees sollen durch ein ständiges Bureau, das alle erforderlichen Materialien zu sammeln hat, herbeigeschafft werden. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Ländern wird gewährleistet durch periodisch wiederkehrende Konferenzen, entsprechend derjenigen, wie sie in Frankfurt a. M. stattgefunden hat. Diese Anschauungen der Versammlung fanden ihren Ausdruck in nachstehenden Resolutionen: „Davon ausgehend, daß in keiner Weise irgend etwas unternommen werden darf, was zur Auswanderung ermuntern könnte, wird beschlossen: 1) Daß die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde. 2) Daß ein spezielles Bureau mit dem Sitze in Berlin für Jnformationszwecke gebildet wird. Die daselbst eingehenden Informationen werden den zuständigen Organisationen zur Verfügung gestellt; die Organisationen behalten aber, das Recht der unmittelbaren Einziehung der Information. Das Bureau in Berlin wird seitens des „Hilfsvereins der deutschen Juden" und der Groß-Loge U. O. B. B. für Deutschland ins Leben gerufen.