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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 820 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Ar. 51 jüdischen Gelehrten Spaniens, Frankreichs und Italiens in die feindlichen Lager der Maimunisten und Antimaimunisten teilte. Näher auf diesen Streit und den dadurch herbeigeführten merkwürdigen Schriftenwcchsel einzugehcn, ist hier nicht der Ort, der Schreiber dieses hat darüber in seiner „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden" I, S. 67 ff. ausführlich gehandelt. Aber so heftig auch die Parteien einander entgegentraten, so wagten doch auch die Gegner der philosophischen Spekulation nicht, den Charakter Maimunis anzutasten und seine Bedeutung zu verkleinern. Die letztere hat im Gegenteil durch den Streit nur gewonnen, und beide Werke sind sort und fort zu immer größerem Ansehen gelangt. Der bleibende und segensreiche Gewinn des Streites besteht aber darin, daß Ketzergerichte über Glaubensftagen im Judentum eine Unmöglichkeit geworden sind. Es hat sich in seiner freien Betätigung durch die Fesseln einer Dogmatik nicht beengen lassen. Das Merkwürdigste ist, daß Maimuni selbst Glaubensartikel, dreizehn an der Zahl, aufgestellt hat, sie aber keine kanonische Geltung erlangt haben. So ist Maimuni gleichsam über sich selbst hinausgewachsen; die Freiheit und Selbstständigkeit, zu denen er den Grund gelegt und die er für sich in Anspruch genommen, sind zum Gemeingut aller geworden. Das Judentum schließt wegen Glaubensmeinungen keinen von sich aus, der nicht selbst sich von ihm ausschließt. Dies ist im Grunde das bleibende große Resultat der grundlegenden, die extremsten Gegensätze in sich vereinigenden Lebensarbeit Maimunis und des darüber entbrannten Streites, und wenn auch im Mittelalter und sogar auch in der neueren Zeit die Bannflüche hin und wider flogen, so haben sie über die Bedeutung des Parteihaders und Parteigezänkes sich niemals erhoben und die Einheit des Judentums nicht alteriert. Wenn diese durch die Aufftellungen Maimunis und den Kampf, den sie entfachten, nicht erschüttert, sondern im Gegenteil gestärkt worden ist, so hat es auch in alle Zukunft gute Wege damit und sie wird unter den Epigonenkämpfen nicht leiden. Und noch ein anderer Gewinn ist dem Judentum aus dem Leben und Wirken Maimunis erwachsen. Alle Anstrengungen, es von den Quellen der Wissenschaft abzudrängen und es zur Einseitigkeit zu verdammen, haben sich als vergeblich erwiesen. Maimuni war einer der universellsten Geister aller Zeiten und er hat gezeigt, daß das Judentum durch universelle Bildung nicht verlieren, sondern nur gewinnen kann. Dadurch hat er, wie wir im Eingang dieses Aufsatzes sagten, dem Judentum seine Bahn vorgezeichnet, auf der es allein bestehen und gedeihen kann. Der Stern Maimunis steigt immer höher, um diese Bahn zu beleuchten, auf die er als „Führer der Verirrten" jederzeit zurücklenkt. „Es wird die Spur von seinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehn". („Israelitische Wochenschrift.") Wiens Bürgermeister. Ja doch, — er meint es nicht so schlimm. Er ist ja, wie seine Freunde nicht müde werden zu versichern und wie selbst seine Gegner nur allzuhäufig harmlos genug sind, zuzugeben, doch ein fescher Kerl. Er selbst ist weit entfernt davon, sich ernst zu nehmen. Und daran tut er sehr klug. Denn wenn er sich nur einen Augenblick ernst nähme, müßte selbst er, mit seiner Stirne, in die größte Verlegenheit geraten. Wo sollte er denn damit anfangen? Er hat dem Juden Mandl Gefolgschaft geleistet und den Demokraten, die die „Menschenrechte" auf ihr Panier geschrieben hatten, viel zu früh für uns, erst hundert Jahre nach dem, daß sie von der übrigen Kulturwelt zu Glaubensartikeln der Zivilisation erhoben und angenommen worden sind. Und dann ward er ein Knappe des schwarzen Prinzen, jenes Liechtensteiners, dessen Sehnen noch über die hundert Jahre seit der Proklamierung der Menschenrechte, noch um weitere hundert oder zweihundert Jahre zurückreicht, da mit Ketzern und Juden noch ganz anders verfahren wurde, als es selbst heute und bei uns mehr möglich ist. Einmal ist er das Bollwerk für das Deutschtum in Oesterreich, dann wieder ist eres, der auf „seine Böhm" nichts kommen läßt. Heute ist er die festeste Stütze von Thron und Altar, — er war es nicht immer. Es gab eine Zeit, da er in heller Begeisterung aufflammte wider den ruchlosen Schwindel mit dem Blutritual, der von fanatischen Betrügern immer wieder versucht wird, eine Zeit, da er dafür von dankbaren Juden mit einem sinnigen Emblem in Gold und Edelstein geschmückt wurde, und heute ist er ein Gesinnungsgenosse des Mechanikers Schneider und hält Reden, in welchen er nichts Anderes verlangt, als daß die hundertundsechzigtausend Juden, die in Wien leben, einfach ausgehungert werden. Wäre es ein katholischer Geistlicher, der so spräche, so wäre darüber weiter nicht viel zu sagen. Große historische Kulturprozeffe müssen ihren Verlauf nehmen. Es besteht nicht die Absicht bei uns, uns einzumengen in die internen Angelegenheiten des katholischen Ultramontanismus, noch weniger die Absicht, einen natürlichen Prozeß in seiner Entwicklung aufzuhalten, zumal diese nicht nur für das Judentum, sondern für alle freisinnige und humane Anschauung nur von Nutzen sein kann, aber darauf darf wohl hingewiesen werden, daß der große Abbröckelungsprozeß innerhalb des Katholizismus niemals durch die Juden in solchem Maße gefördert worden ist, wie durch die fanatischen Geistlichen selbst. Sie waren es, die in ihrem frommen Eifer das Nächste, die eigene Glaubenslehre, aus dem Auge verloren und dann immer glücklich daneben eiferten. Die große Reformation, von der her die Geschichte den Abschluß des Mittelalters und den Anbruch der neuen Zeit datiert, hätten die Juden nie zu Stande gebracht, da mußte sich schon die fanatische Geistlichkeit selber bemühen. Wir können ohne sonderliche Gemütsbewegung auf einen neuen Johann Tezel warten, der wieder einmal dem Faß den Boden durchschlägt. Es ist aber kein fanatisierter Priester, der so sprach, es ist das Haupt der Bürgerschaft einer Reichshaupt- und Residenzstadt, die einhundertundsechzigtausend Juden beherbergt; es ist der Bürgermeister selber/ der ' über diese den gesellschaftlichen und geschäftlichen, den politischen und konfessionellen Boykott verhängt, sie in Acht und Bann erklärt. Man forsche doch nach in der ganzen zivilisierten Welt — doch wozu diese Einschränkung? — man nehme die unzivilisierte auch noch dazu, man suche den ganzen Erdball ab — wo sonst wäre das noch möglich?! Und das Bemerkenswerte: nicht ein unauslöschliches Hohngelächter, nicht eine universelle Kundgebung der Entrüstung ist die Antwort darauf. Die Mehrheit der Bevölkerung begreift vielleicht die Unsinnigkeit solcher Aufforderungen und Verhetzungen, vielleicht, aber sie schmunzelt dazu. Er ist halt doch ein fescher Kerl! Die Zeit ist ja geschickt gewählt. Das Christfest naht, das Fest der Liebe. Da regt sich in den verhärtetsten Gemütern vielleicht ein Gefühl der Versöhnlichkeit, der Duldung, der allgemeinen Menschenliebe. Das ist die richtige Zeit, um Haß zu säen, die Zwietracht zu schüren, brutale Leidenschaften zu entfesseln. Sonst besorgte um diese Zeit gewöhnlich der schwarze Prinz persönlich das Geschäft, und es ist ja zu erwarten, daß auch er noch auftreten wird, aber seine Lorbeeren ließen den Bürgermeister nicht ruhen. Diesesmal wollte er der Erste sein. Der Jubel der Zuhörerschaft war sicher — weshalb sollte er sich die Wonne der Applaussalven entgehen lassen? Das ist Musik in seinen Ohren, und dieser Musik zu Liebe tut man auch schon etwas, was man sonst vor Gott und der Welt nicht verantworten kann. Es ist ja möglich und nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Bürgermeister, um zu beweisen, daß er nicht nur ein fescher, sondern auch ein guter Kerl ist, in der Folge bei irgend einem Anlaß irgend eine abschwächende Erklärung geben wird. Er habe das nicht so, sondern so gemeint. Solche Fälle sind schon dagewesen. Hat er doch sogar, um darzutun. daß sein Freisinn keine Grenzen kennt, einmal erklärt, daß er die Stadt für Christen und Juden beleuchte! Und wieder werden sich dann vielleicht auch unter seinen Gegnern, vielleicht auch unter den Juden selbst Leute finden, die da der Meinung sind, daß er doch ein fescher Mensch sei, dem man nicht gram sein könne, — den man nicht ernst nehmen könne, wäre vielleicht

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