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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 819 wunderbare Kunst in der Handhabung der hebräischen Sprache hervortritt. Es fand denn auch bei den Zeitgenoffen die verbreitetste Anerkennung und mitunter schwärmerische Bewunderung. Aber auch Gegner blieben ihm nicht erspart. Der hervorragendste unter ihnen war der berühmte R. Abraham b. David aus Posquiöres, der den Religionskodex Maimunis mit Anmerkungen versah, die sich durch ihre Kürze, ihre kritische Schärfe, endlich durch den abweisenden, ja zuweilen wegwerfenden Ton, in dem sie gehalten sind, auszeichnen, die aber doch in ihrer Gesamtheit ihren Verfasser als einen Maimuni wenigstens auf talmudischem Gebiet ebenbürtigen Geist bekunden. Denn dieser Kritiker mußte den Spuren, auf denen Maimuni zu seinen Resultaten gekommen war, nachgehen; da aber die letzteren ohne jede Quellenangabe und Begründung hingestellt waren, so waren ein ebenso bewunderungswürdiger Scharfsinn, wie die umfassendste Belesenheit erforderlich, jene Spuren aufzufinden. Gleich in einer der ersten Anmerkungen nun bezeichnet er den wunden Punkt an dem Werke Maimunis, indem er von ihm sagt: „Er hat gemeint, zu verbessern, er hat aber nicht verbessert, denn er hat den Weg aller früheren Autoren verlassen, welche Beweise für ihre Meinungen beigebracht haben, indem sie die Quellen angaben. Das war von großem Nutzen, denn oft neigt die Meinung des Richters auf Grund eines Ausspruches dahin, ein Verbot oder die Erlaubnis auszusprechen. Wüßte er aber, daß bereits ein Größerer als er den Fall anders entschieden habe, so würde er seine Meinung ändern. Nun weiß ich nicht, weshalb ich von meiner Tradition und begründeten Anschauung wegen des vorliegenden Religionskodex abgehen soll. Ist mein Gegner größer als ich, gut. Bin ich aber größer als er, weshalb soll ich denn meine Meinung der seinigen halber aufgeben?" Es traten auch andere Gegner auf, die nicht, wie Abraham b. David, sich gegen die Einrichtung des Religionskodex und manche der darin getroffenen Entscheidungen wendeten, sondern die Rechtgläubigkeit Maimunis in Zweifel zogen. Damit wurde ein ganz neues Moment in das Judentum eingeführt. Denn seitdem der Monotheismus als Fundamentalsatz der Religion im Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft sich befestigt hatte, war die Auffassung dieses Grundgedankens und seine Anwendung auf das Leben immer Sache des Individuums und dessen Herzensangelegenheit gewesen. Nicht, was einer glaube, sondern wie er den Vorschriften der jüdischen Religion gemäß lebe und handle, bildete das Kriterium für die Stellung des Juden zu seiner Religion. Den besten Beweis für diese Behauptung bildet eine der Anmerkungen des R. Abraham b. David zu dem Religionskodex Maimunis. In dem Abschnitt über die „Buße" hatte dieser den Satz aufgestellt, daß der ein „Abtrünniger (Min)" sei, der zwar an einen einzigen Gott glaube, denselben aber körperlich oder unter irgend einer Gestalt sich vorstelle. Dazu bemerkt der genannte Kitiker: „Warum nennt er solchen einen Abtrünnigen? Viele größere und bessere als er waren dieser Meinung, weil sie durch gewisse Schriftverse und noch mehr durch verwirrende Agadas dazu verleitet wurden". Damit wird die Erforschung des Gewissens durch eine andere Instanz als Gott und die eigene Prüfung des Menschen selbst als dem Geist der jüdischen Religion fremdartig abgewiesen. In der Tat gewinnt man aus den Anzweiflungen der Rechtgläubigkeit Maimunis, die von Spanien ausgingen, den Eindruck, als ob der in dem dortigen Christentum verbreitete Geist der Ketzergerichte und nachmaligen Inquisition auch auf die jüdischen Kreise eingewirkt habe. Bevor wir jedoch hierauf eingehen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit dem anderen Hauptwerke Maimunis zuwenden. Dieses arabisch abgefaßte, nachmals auch ins Lateinische und in die modernen Sprachen übertragene philosophische Werk führt in der verbreitetsten hebräischen Übersetzung den Titel „Norsli Nebuchim“ d. i. „Führer der Verirrten". Der Abstand zwischen ihm und dem Religionskodex erscheint allerdings auf den ersten Blick so groß, daß man sie, wäre es nicht verbürgt, nicht für die Erzeugnisse eines und desselben Autors halten würde. In dem einen Werk wird das gesamte historisch gegebene religiöse Material als unerschütterlich und unantastbar hingestellt, in dem anderen erscheint die Religion in der Schwebe und bis in ihre Grundfesten der Prüfung unterworfen; dort herrscht die Formelhaftigkeit einer Gesetzessammlung, hier tiefsinnige Spekulation, dort der engste Anschluß an die Tradition, hier die freieste Behandlung der Bibel und des Talmud. Maimuni stellt in dem „Führer" ein geschloffenes religionsphilosophisches System auf, in dem er die Lehre des Judentums mit der aristotelisch - arabischen Philosophie in Einklang zu bringen versucht, bei aller Abhängigkeit von beiden jedoch so viel Selbständigkeit bekundet, daß er dadurch seinem Werke die Beachtung hervorragender Scholastiker und einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der mittelalterlichen Philosophie erobert hat. Wir würden die Grenzen einer allgemeinen Betrachtung weit überschreiten müssen, wollten wir dieses System auch nur in seinen Umriffen wiedergeben. Eine klare und übersichtliche Darstellung desselben hat M. Joel in der Schrift „Die Religionsphilosophie des Mose ben Maimuni" (in dem Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau 1859) geliefert. Um aber einen Begriff von der Freiheit der Auffassung zu geben, die Maimuni bekundet, sei erwähnt, daß er die Opfer als eine Konzession an das Sinnlichkeitsbedürfnis der menschlichen Gottesverehrung bezeichnet, biblische Erzählungen, die offenbar Tatsachen berichten wollen, wie die von dem Besuch der drei Gottgesandten bei Abraham und die Erzählung von Bileam und seiner Eselin, in das Gebiet der Traumvorgänge verlegt, und dahin auch die prophetischen Inspirationen, mit Ausnahme der des Mose, verweist u. dgl. m. Alles in allem genommen, so wird durch diese Ausstellungen der Glaube an die Göttlichkeit des Bibelwortes scheinbar auf das Heftigste erschüttert. Maimuni war damit nicht bloß von der traditionellen Auffassung der biblischen Berichte abgegangen, sondern die von ihm geltend gemachte ließ sich auch mit diesen nicht in Einklang bringen, und nur die außerordentliche Verehrung, die Maimuni durch den Kodex sich erobert hatte, macht es erklärlich, daß der fromme und gemütstiefe R. Mose b. Nachman (Nachmanides) trotz der gewagten Behauptungen des „Führers" in dem nachmaligen Streit treu an seiner Seite aushielt. Mit Recht macht der Genannte auf die Unvereinbarkeit der maimunischen Auffaffung von dem Besuch der drei Gottgesandten bei Abraham mit dem Wortlaut der heiligen Schrift aufmerksam. Denn einer dieser Gesandten vollzog nach den Worten der Bibel die Zerstörung von Sodom. War nun die ganze Gesandtschaft bloß ein Traumvorgang, so mußte folgerichtig auch die Zerstörung von Sodom, mit allem, was sich dabei ereignete, ein solcher gewesen sein, was unannehmbar ist. Aber so auffallend auch der „Führer" von dem Religionskodex in Konzeption und Ausführung absticht, so ergänzen sie sich doch und tragen einander. Schon in dem ersten Buch des Kodex, das den Titel „Buch der Erkenntnis" führt, offenbart Maimuni den freien philosophisch gerichteten Geist, der dem Wesen der Religion auf den Grund ging und es in der Vertiefung der Erkenntnis, wie in der Veredlung des Herzens verwirklicht wiffen wollte. Das „Buch der Erkenntnis" enthält eine vollständige Ethik, die zwar ebenfalls von dem Einschlag der aristptelischen Philosophie durchzogen ist, die Kette des Gewebes aber ist unverfälscht jüdisch. So wird zwischen den beiden Werken der Zusammenhang hergestellt durch die Persönlichkeit Maimunis, deren Einheitlichkeit und Größe sich auf dieselben übertrug und ihnen gleichmäßige Bewunderung errang. Trotz dieses Zusammenhanges, oder vielmehr wegen desselben, brach ein Sturm über den „Führer" wie über das „Buch der Erkenntnis" herein, deffen Beginn Maimuni selbst noch erlebt hat. Ein junger, durch rabbinische Gelehrsamkeit wie heißblütige Frömmigkeit bekannter Spanier R. Meir b. Todros halevi aus Toledo stellte die Rechtgläubigkeit Maimunis wegen verschiedener von ihm in den erwähnten Schriften behaupteten Meinungen in Frage und entfachte dadurch einen Streit, der über das ganze dreizehnte Jahrhundert sich erstreckte und die

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