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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 818 Dr. JSlocb’s Mocbenscbrtn. Nr 51 Dinge aus dem Dunkel herausgeführt und vermochte sich zur Höhe philosophischer Erkenntnis aufzuschwingen, von wo aus sein Licht einerseits den Königen der Philosophie, wie Thomas von Aquino und Albert d. Gr., und andererseits den Philosophen unter den Königen, wie Kaiser Friedrich II. und Robert von Neapel geleuchtet hat. Ihm selbst aber war es nur darum zu tun, die Thora und den Talmud wissenschaftlich zu durchdringen, und die Ueberzeugung von der Wahrheit der jüdischen Religion, die ihn erfüllte, auch ihren Bekennern einzuflößen. Zu diesem Zwecke hat Maimuni die Lehre des Judentums von zwei Seiten, von den entgegengesetzten Enden aus, zu bearbeiten unternommen. Diese Bearbeitung liegt in zwei monumentalen Werken vor, die einzig in ihrer Art sind, und zwischen denen, so verschieden auch die jedem von ihnen eigene Behandlungsweise ist, die in beiden hervortretende Geistesrichtung und Grundüber^eugung des Verfassers die Einheit herstellt. Wir schicken diese Bemerkung deshalb voraus, weil es oft als rätselhaft, ja unbegreiflich bezeichnet worden ist, wie zwei so verschiedenartige Werke aus der Feder eines und desselben Autors hervorgehen konnten. Die Lösung dieses Rätsels liegt in der Persönlichkeit Maimunis, in dessen umfassendem Geist selbst das scheinbar aneinander Entgegengesetzte zur Einheit verschmolz; und was von allen Schriftwerken gilt, die nicht bloß literargeschichtliche Bedeutung besitzen, sondern die Geister revolutioniert haben, daß sie nicht sowohl durch sich selbst, als vielmehr durch die Persönlichkeit ihrer Autoren von epochemachender Wirkung gewesen sind, das findet seine Anwendung auch auf die beiden Hauptwerke Maimunis, die erst von dem Hintergrund seiner Persönlichkeit aus ihre rechte Beleuchtung und Bedeutung erhalten. Würde jedes dieser Werke von einem anderen Autor herrühren, so würden sie dadurch an ihrem inneren Wert nichts einbüßen, aber sie würden nicht die Umwälzung verursacht haben, die tatsächlich durch sie herbeigeführt worden ist. Diese Wirkung erfolgte eben dadurch, daß sie aus einer und derselben schöpferischen Hand hervorgegangen find. Wie kann man nun rätselhaft an ihnen finden, was ihr Wesen ausmacht und worin ihre Bedeutung beruht? Die wahre Größe ist für die hausbackene Menschheit immer ein Rätsel, während sie an sich die Einfachheit selbst ist. Das erstere der beiden Werke, von denen hier die Rede ist. das Maimuni in der verhältnismäßig kurzen Zeit von zehn Jahren ausarbeitete, führt den Titel „Mischne-Thora" oder „Jad Hachasaka". Dieses Werk hat den Namen Maimunis oder des „Rambam" (d. i. Rabbi Moses ben Maimun) die weiteste Verbreitung verschafft. „Der Rambam sagt" — diese seit Jahrhunderten übliche Formel verweist in der Regel aus das soeben genannte Werk. Mit ihm hat sich Maimuni auf die geschichtliche Basis der jüdischen Religion gestellt. Um die Bedeutung des Werkes, das diesen Bau darstellt, zu ermessen, muß man sich zweierlei vor Augen halten. Erstens, daß weder in der Thora noch im Talmud die Religionsvorschriften nach den verschiedenen Materien, über die sie sich erstrecken, geordnet find. Belehrungen über das Wesen Gottes und die Bestimmung des Menschen, zivil- und strafrechtliche Festsetzungen, Forderungen der Ethik, Anweisungen für die praktische Religionsübung, Polizeigesetze, Kultusvorschristen u. s. w. sind unter einander gemischt. Der Talmud hat wohl schon gemäß den Ordnungen der Mischna die verschiedenen Materien unter den bestimmten Rubriken vereinigt, doch schlingen sich die Fäden von einem Traktat in die anderen hinüber, so daß von einer wirklich durchgeführten Sonderung und Einteilung des Stoffes nicht die Rede sein kann. Diese hattte auch den Redakteuren des Talmud nicht als Absicht vorgeschwebt. Sie wollten vielmehr das Bild der Verhandlungen, wie sie in den Lehrhäusern stattgefunden hatten, festhalten. Das Wesen dieser Debatten bestand aber gerade darin, daß man Uebereinstimmungen wie Widersprüche mit aus anderen Materien, als die in Verhandlung standen, entlehnten Gründen nachwies, wobei der höchste Scharfsinn und die ausgebreitetste Kenntnes der Tradition bekundet wurden. Man hat deshalb gegen das Werk Maimunis, das diese Knäuel von Fragen und Antworten, Behauptungen und Widerlegungen auflöste, den Vorwurf erhoben, daß es dadurch, wie durch die nackte Aufftellung der Resultate der talmudischen Verhandlungen diese selbst, und damit den Talmud überhaupt in den Hintergrund zu drängen und die selbständige Entscheidung religiöser Fragen unmöglich zu machen drohe. Doch wollen wir der Untersuchung nicht vorgreifen. Soviel ist gewiß, daß das Werk einem Bedürfnis entsprach. Dies beweisen die Kompendien älterer Meister, in denen einerseits die nicht mehr in Geltung befindlichen religiösen Bestimmungen, wie die Opfervorschriften u. dgl. übergangen, und andererseits die talmudischen Diskussionen zwar beibehalten, aber abgekürzt waren. Offenbar sollten diese Kompendien solchen, die sich nicht in den Talmud selbst vertiefen konnten, als Ersatz dienen. Von der Ordnung der Materien war natürlich in diesen Kompendien nicht viel mehr als im Talmud selbst vorhanden. Es waren Versuche, die auch heute noch hohe Bedeutung besitzen, denen sich aber das Werk Maimunis als eine vollendete Leistung anreihte. Sie ist in Anlage und Ausführung das großartigste, von einem einzigen Autor geschaffene Denkmal der rabbinischen Literatur, und es dürfte nicht zuviel behauptet sein, wenn man sagt, daß auch andere Literaturen ihm kein ähnliches an die Seite zu setzen haben. Die Systematik ist hier aus das Strengste durchgeführt, jede Materie ist für sich in besonderen Abschnitten, die wiederum in Kapitel und Paragraphen zerfallen, genetisch behandelt, so daß die Darstellung von der betreffenden biblischen Bestimmung ausgeht und sich in der Anreihung der Ausführungen und Erweiterungen, die sie in der Mischna, im Talmud und in späterer Zeit erfahren, fortsetzt. Man stelle sich die außerordentliche Quellenkunde vor, die Maimuni hierbei an den Tag legte, indem er das Zusammengehörige in den verschiedenen Grundschriften, in denen es zerstreut war, aufzufinden wußte. Noch mehr zu bewundern ist die Sicherheit und der Mut seines Urteils. In den Talmuden bleiben viele Fragen unentschieden, der Streit der Meinungen ist nicht geschlichtet. Maimuni jedoch — und dies ist das zweite Moment, das man sich bei der Beurteilung seines Werkes vor Augen halten muß — 'schreckte nicht vor der Entscheidung zurück. Er stellt sie als etwas Ausgemachtes, Unantastbares hin, ohne sich aus eine Begründung einzulaffen, ohne sich auf eine Autorität zu berufen, höchstens daß er einmal sagt: „So lehrten meine Meister." Das Bemerkenswerteste an dem Werk Maimunis ist aber dies, daß darin nichts von dem übergangen ist, was je einmal einen integrierenden Bestandteil der jüdischen Religion gebildet hatte, wenn es auch bereits seit vielen Jahrhunderten durch die Verhältnisse aus dem Leben geschwunden war. So widmet er besondere Abschnitte den Opfervorschriften, der roten Kuh u. s. w., ja selbst dem Aussatz. Maimuni hat damit zum erstenmal einen systematischen Kodex der jüdischen Religion in ihrer Gesamtheit geschaffen, er hat das Gebäude dieser Religion, vom Fundament nach allen Seitentrakten, bis zur Vollendung aufgeführt. Dies wäre bei bloßem antiquarischen Interesse nicht möglich gewesen. Nur von der Ueberzeugung aus, daß trotz mancher Abbröckelung und des teilweisen Zerfalles das jüdische Religionsgebäude dereinst seine Wiederaufrichtung erfahren werde, konnte ein solches Werk geschaffen werden, in dem die Vergangenheit zu neuem Leben erweckt wurde und die Zukunft vorgebildet war. Bei aller Sachlichkeit des Vortrages bricht deshalb die hohe Meinung, die Maimuni von der jüdischen Religion in allen ihren Verzweigungen besitzt, in goldenen Worten hervor. So sagt er am Ende des Abschnittes über das rituelle Schlachten in summarischem Ueberblick über alle rituellen Gebote: „Man hüte sich bei ihrer Vollziehung vor geringschätzigem Betragen, wodurch die Gebote dem Menschen verächtlich werden, denn die Ehre gebührt nicht den Geboten selbst, sondern ihm, der sie befohlen, gelobt sei er, der uns davor bewahrt hat, in der Finsternis zu tappen, der uns eine Leuchte zugerichtet hat, die Verkehrten zurechtzuführen, und ein Licht, um die Wege der Geradheit zu weisen, wie es heißt: „Eine Leuchte für meinen Fuß sind deine Worte und ein Licht meinem Pfade." Besonders am Ende verschiedener Abschnitte, worauf wir hier bloß verweisen können, schlägt Maimuni diesen Brustton der Ueberzeugung an, wobei auch seine

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