Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8t Dr. Bloch’s Iahrgan» XXI Centralorgsn für die gefammtrn Interessen des Iudenthums. A. ft. Postsparkassen-Rink Clearing-Verkehr Nr. 810 976. Redaktion und Administration. Wien IX/1, Verggafse Nr. 39. -»-«IspKon Nr. 14.847. Wien, 16. Dezember 1964. Erscheint jeden Freitag. -^—»--1—4.- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Rrzugsprei» flir Srstrrrrtrh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 86 Heller. Für'« Nusland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Znm Todestag des Mose Maimonides. — Wiens Bürgermeister. — Max Liebermann. — Korrespondenten: Ans der Plenarsitzung des Knltnsvorstandes. Ein Schreiben an Bürgermeister Dr. Lueger. Die antisemitischen „Norodni listy" und ihre jüdischen Abonnenten. Die Frankfurter Konferenz zur Organisation der osteuropäischen Auswanderung. Von der ostafrikanischen Kommission. Botschaft des Präsidenten Roosevelt. New-Pork. — Vermischtes: Keanzablösnugsspenden zugunsten der Ehewra- Kadischa in Wien. Wien. Primarins Professor Dr. S. Ehrmann. Vortragszyklus aus der Geschichte der Inden in Deutschland und Oesterreich. Wien-Fünfhans, Wien. Michael Straßer. St. Pölten, Nikolsburg, Wieliczka-Klasno. Klattau, Olmütz, Pozega, Mistelbach, Hanriover — Feuilleton: Sie ist feine l ... — Nene Bücher. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Znm Todestag des Mofe Maimonides. Von Oberrabbiner Dr. Güdemann, Wien. Sieben Jahrhunderte waren am 13. Dezember d. I. seit deni Tode dieses großen Lehrers in Israel abgelaufen, aber sein Ruhm ist im Lause dieses langen Zeitraums nicht verblaßt, der Glanz seines Namens hat vielmehr stetig zugenommen und ist noch immer im Wachsen begriffen. Das ist eben das Merkmal des wahrhaft großen Mannes, daß er, obgleich er seiner Zeit angehört, — denn auch der größte ist das Produkt seiner Zeit — richtunggeben) für j)ie Nachwelt wird und der Zukunft ihre Bahn vorschreibt. Solche Persönlichkeiten ziehen gleichsam die Bilanz der Vergangenheit, indem sie deren Resultate in sich zusammenfassen. Dadurch sind sie imstande, aus dem Erbe früherer Zeiten das der Erhaltung Werte auszuscheiden, das dann, von ihrem Geist befruchtet, zum Keim weiterer Entwicklung sich gestaltet. Zu diesen Persönlichkeiten gehört Mose Maimonides. Seit Maimonides hat die Geschichte der Juden keinen aufzuweisen, der eine gleiche Fülle geistiger Kraft in sich vereinigt hätte. Worin besteht nun die Größe dieses Mannes, sowie die nachhaltige Wirkung, die er auf das Judentum ausgeübt hat? Diese Fragen wollen wir zu beantworten versuchen, zuvor aber aus seinem Leben das hervorheben, was zum Verständnis seiner schöpferischen Tätigkeit notwendig ist. Maimuni war nach seinem bürgerlichen Berufe Arzt, und daß er als solcher zu den ersten und berühmtesten seiner Zeit gehörte, beweist schon der Umstand, daß er am Hofe des Sultans Saladin seine Kunst ausübte und bei dessen Sohn und Nachfolger Alfadhal die Stelle eines Leibarztes bekleidete. Es wird auch berichtet, daß der englische König Richard Löwenherz, der Held des dritten Kreuzzuges, ihn zu seinem Leibarzt berief. Er lehnte aber die Berufung ab und blieb in Egypten. Ueber den Umfang seiner Praxis schreibt er selbst: „Der Sultan wohnt in Kairo und ich in Fostat, beide Städte liegen zwei Sabbathwege (ungefähr eine halbe Meile) von einander entfernt. Mit dem Sultan habe ich einen schweren Stand; täglich rüuß ich ihn des Morgens besuchen, und wenn er oder eines seiner Kinder oder eine seiner Haremsbewohnerinnen leidend ist, darf ich Kairo nicht verlassen. Wenn aber auch nichts besonderes vorfällt, kann ich doch erst Nachmittags nach Haus kommen. Wenn ich nun sterbend vor Hunger mein Haus betrete, finde ich die Vorzimmer voll von Menschen, Juden und Mohammedaner, Vornehme und Geringe, Freunde und Feinde, eine bunte Mischung, die meinen ärztlichen Rat erwarten. Kaum bleibt mir Zeit, von meinem Zelter zu steigen, mich zu waschen und etwas zu genießen. So geht es bis in die Nacht hinein, und ich muß dabei vor Schwäche aus dem Ruhebett liegen. Nur am Sabbath bleibt mir Zeit, mich mit der Gemeinde und der Lehre zu beschäftigen. Ich pflege an diesem Tage die Gemeindeangelegenheiten für die laufende Woche anzuordnen und einen Vortrag zu halten. So fließen mir die Tage hin." (Grätz, Geschichte der Juden VI, 2. Aust., S. 356). Daß Maimuni, wie die letzten Zeilen besagen, sich eingehend mit den Gemeindeangelegenheiten befaßte und religiöse Vorträge hielt, hängt damit zusammen, daß er neben seiner ärztlichen Tätigkeit auch die Befugnisse des Vorsitzenden des Rabbinatskollegiums in Fostat ausübte. Aus dieser Stellung bezog er aber keinen Gewinn, denn nach seiner Ansicht, die er in seinem Kommentar zu den „Sprüchen der Väter" mit großer Wärme vertritt, widerstreitet es dem Geist der jüdischen Lehre, für die Unterweisung darin Besoldung anzunehmen. Er bezeichnet die Annahme von Gehalt für die Ausübung rabbinischer Tätigkeit geradezu als Entweihung des göttlichen Namens, denn das Volk werde dadurch zu der Meinung verleitet, die Pflege der Thora sei ein Erwerbszweig wie jeder andere, während sie als göttliches Gebot um ihrer selbst willen auszuüben sei. Die Verhältnisse haben sich seitdem geändert, und schon im Mittelalter, vollends in der Neuzeit, ist die Ausübung rabbinischer Tätigkeit ein Berusszweig geworden, der seinen Mann ganz in Beschlag nimmt und es ihm unmöglich macht, durch Nebenbeschäftigung für feinen Unterhalt zu sorgen. Immerhin bekundet die Haltung Maimunis religiöse Begeisterung, und diese Eigenschaft erklärt die Hingebungsfreudigkeit, womit er sein Leben und fast seine gesamte schriftstellerische Tätigkeit der Darstellung des Judentums gewidmet und dieser eine Vollendung gegeben hat, die vor ihm niemals erreicht worden war. Bei der Ausführung dieser Aufgabe wird ihm ohne Zweifel seine ärztliche Bildung und Erfahrung insofern förderlich gewesen sein, als sie ihn in Stand setzten, gut zu beobachten, kritisch zu urteilen und Erscheinungen, die in der damaligen Zeit aus abergläubischen Vorstellungen abgeleitet wurden, aus ihre natürlichen Ursachen zurückzuführen. So wurde sein Geist durch den Einblick in das Wesen der