Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021598--14116-3038806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 814 Dr. BLoch's Wochenschrift^ Nr. 50 Krankheit war auch der kleine Schnitzer ergriffen worden; aui Vorabend des Versöhnungstages hatte sie den Höhepunkt erreicht, Vater und Mutter standen mit verweinten Augen am Lager des kranken Kindes; da trat eine ehrwürdige Greisengestalt ans Bett, in Sterbekleider gehüllt, auf die der lange weiße Bart herabwallte: der Großvater des Kranken. Der Einundachtzigjährige segnete den Knaben, verhieß ihm Genesung und nahm ihm das Versprechen ab, Talmud zu lernen. Dieser Handschlag war entscheidend für das ganze Leben des glücklich Genesenen. Er ging „lernen" und hörte nicht auf, das Gebiet des Talmud zu pflegen. Aus seinem Dorfe weiß übrigens unser gelehrter Rabbiner eine Fülle intereffanter Kleinigkeiten zu erzählen. Vor der Synagoge, einem wahrhaft monumentalen Prachtbau, stand ein Pflock mit zwei eisernen Bändern, „Halseisen", die Jenen als warnende Kravatte umgelegt wurden, die irgend ein religiöses Verbot öffentlich übertreten oder gegen den Gemeindevorsteher sich aufgelehnt hatten. Die jüdische Gemeinde hatte damals autonome Justiz, die bisweilen in sehr drastischer Weise einschritt. Ein verheirateter Mann, der im Verdachte stand, unerlaubte Beziehungen zu einer Witwe unterhalten zu haben, wurde rücklings auf einen Esel gesetzt und von einer johlenden Menge, die auf Blechbecken schlug, begleitet, durch die Gassen geführt, ihm zur Seite der Nachtwächter, der in sein Horn stieß. Diese Art der Sühne ist mm allerdings — soviel uns bekannt — nicht ausschließlich hunsdorftsch, sondern eine Nachahmung des mittelalterlich deutschen kommunalen Justizverfahrens; interessant bleibt es jedenfalls, daß der Brauch in Ungarn noch zu einer Zeit anzutreffen war, da man ihn anderwärts längst abgeschafft hatte. Keinerlei Zweifel können dagegen obwalten, wenn Dr. Schnitzer für Hunsdorf den Ursprung des folgenden guten Wortes reklamiert. Der Hunsdorfer Rabbiner Salomon Perlstein, ein Mann, den der Nimbus eines großen Talmud gelehrten und frommen Asketen umgab, sprach seine Kanzelreden in lithauischem Jargon, den kaum Jemand verstand. Nach einer solchen Rede hörte man den folgengen Dialog: „Ach, wie gut hat heut' der Rebbe gepredigt!" — „Was hat er denn gesagt?" — „Ach, hundert Jahr' soll er leben, wer versteht ihn denn?" . . . Zu den originellen Figuren der Gemeinde zählte Berl Baß, der eigentlich als „Liberer" (Leichenbestatter) von Hunsdorf bestellt, noch hundert kleine Geschäfte betrieb. Er war Fleckputzer, reparierte Regen- und Sonnenschirme, schnitt Haare und Hühneraugen, verkaufte rituelles Rasirpulver, war aber vor Mem „Sarver", das heißt Hochzeitskellner, der in einer Schürze von fragwürdigem Weiß, ein Handtuch malerisch über die Schulter geschlagen, die Hochzeitsgäste zum Male lud, wobei er nie vergaß, hinzuzufügen, daß jeder Gast Meffer und Gabel selber mitzubringen habe. Auch als Marschalik, das ist Hochzeitsnarr, stellte Berl Baß seinen Mann. Er drechselte Reime, spielte die Geige und schnitt possierliche Grimaffen dctzu. Zur Purimzeit ging der Schalknarr einmal, als Moses verkleidet, durch die Pfütze, die auf dem Hunsdorfer Hauptplatze das Rote Me« markierte und fein behender Wortwitz verließ ihn selbst dann nicht, als seine Frau erkrankte und die Aerzte bei der Patientin „Moll" konstatierten. Moll bedeutet Geschwür, im Jargon aber auch Kleidermotte. (Die Etymologie weist auf das ungarische „Moly“ hin.) Berl Baß erklärte darauf, sein Weib könne unmöglich an Moll leiden, da er die Frau regelmäßig, alle vierzehn Tage — ausgeklopft habe. Rühreud ist die Schilderung, die Dr. Schnitzer von seinen Eltern und deren ärmlichem Hause entwirft. Der Vater, ein armer, aber umso gewiffenhafterer Lehrer, nahm den Sohn nur so nebenher mit. Die zahlenden Schüler standen für ihn in der ersten Linie, und als einen Raub an den Anderen würde er es betrachtet haben, wenn er seine Aufmerksamkeit dem eigenen Kinde zugewendet hätte. Dennoch lernte der Junge alles Erreichbare, er konnte hebräisch und deutsch fehlerftei schreiben, wußte sogar eine Menge Schiller auswendig und erteilte mit elf Jahren zwei Schülerinnen Unterricht. Die eine war bereits Braut, und da erwuchs dem kindlichen Lehrer die Pflicht, die Briefe des auswärts wohnenden Bräutigams zu beantworten und der geschätzten Braut beim Abschreiben der Aufsätze die Hand zu führen. Einmal rüttelte man den elfjährigen Korrespondenten um Mitternacht aus dem Schlafe — was tut man nicht um ein Monatshonorar von sechs Silberzwanzigern! — und die Herzensergüsse scheinen kein Ehehindernis geschaffen zu haben, denn aus den Beiden wurde ein Paar und ein recht Mckliches dazu. Und wie Alles im Leben mit Varianten sich wiederholt, so gelangte in späteren Jahren der erwachsene Student wieder in die Lage, aus materiellen Rücksichten einem alten Junggesellen den gleichen Liebesdienst zu erweisen, und auch in diesem Falle gestaltete der Ausgang sich erfreulich für alle Beteiligten. Ungemein charakteristisch ist, was der gelehrte Rabbi über die Eheschließungen in frommen jüdischen Familien jener Zeit erzählt Braut und Bräutigam hatten einander kaum gesehen, kein Sterbenswörtchen mit einander gesprochen und schon wurden die Einladungen zur Verlobung versendet. Unser Rabbi selbst, der nachmals in überaus glücklicher Ehe mit seiner Gosttin gelebt, wurde verlobt halb gegen seinen Willen, da er das Mädchen, das seine Lebensgefährten werden sollte, nur ein einziges Mal gesehen hatte. Und da gelangt man zu einem Thema, das, obwohl vielfach behandett, nichts von seinem Interesse verloren hat. Die Rabbiners-- frau, oder wie sie genannt wird die „Rebbezen" ist in der alten jüdischen Gemeinde ein mächtiger Fattor. Ehrwürdige Rabbinen beherrschen ihre Gemeinden, die Rebbezen aber beherrscht den Rabbiner. Der logische Schluß ergibt sich dann vou selbst. Und in den zahlreichen Sta!ionen seines dornigen Studienweges, der über Mähren nach Ungarn znrücksührte, fand Dr. Schnitzer fast überall die Regel bestätigt; Ansnahmen nur dort, wo die Frömmigkeit zu äußerstem Asketentum geworden war. Selbst der berühmte Prager R. Jonathan stand unter dem milden Pantoffel seiner schönen, klugen, ja geistreichen Frau. Von dieser Frau erzählt man ein famoses Geschichtchen. Sie sagte eines Tages ihrem Gatten, unten vor dem Hause stehe der Wasserträger Feiwel, ein schmutziger, verkrüppelter, häßlicher Mensch, und dieses Scheusal spreche täglich das Dankgebet: „Gelobst seist Du. Ewiger, unser Gott, daß Du mich nicht als Weib geschaffen". „Sieh' mich an, — ich bin Prager Rebbezen und dieser Feiwel dankt Gott, das er nicht ist, was ich bin! Ist das recht?" Der Rabbi lächelt und antwortet: „Aber Liebe, wie kannst Du nur so reden? Kennst Du denn Feiwel's Weib? Der Mann dankt Gott gewiß mit Recht, daß er nicht ist, wie sein Weib." Mit dieser Auslegung gab sich die schöne Frau zufrieden. Die Memoiren des Komaromer Rabbiners bringen als Würze noch eine Fülle derartigen anekdotischen Beiwerks, allein die amüsanten Zutaten lenken Dr. Schnitzer von der Hauptsache nicht ab. Er zeichnet die Verhältnisse in großen mährischen und ungarischen Gemeinden mit einer Objektivität, dabei mit einem Freimut und einer liberalen Gesinnung, die bei einem Manne in seiner Position selten genug anzutreffen sind. Die Achtung vor der strengsten Observanz verletzt er nie, wenngleich ihm, dem europäisch, das heißt auch weltlich hochgebildeten Manne das Wesen des Glaubens immer das Wichtigste bleibt; allein zur Verurteilung des extremen Chassidismus, der im Wunderrabbinentum einen schier unausrottbaren Auswuchs hervorgebracht hat, findet er ebenso kraftvolle Worte, wie zur Geißelung von Unduldsamkeit hüben und drüben. Und das umfangreiche Kapitel über Komärom enthält eine Menge vortrefflichen kulturgeschichtlichen Materials. Die Namen bekannter Größen machen die Erinnerung an ferne und nahe Vergangenheit lebendig, und der Umstand, daß ein jüdischer Rabbiner der Seelengröße und der vornehmen Gesinnung des reformierten Bischofs, des Superintendenten Gabriel Pap, ein prachtvolles Denkmal setzt, mag andeuten, auf welchen Ton diese Memoiren gestimmt sind. Sie machen in der Tat im Innern auferstehen, „was uns nach außen unterging". M a x R o t h a u s e r. Kriefkaflr«. Dr. L. in K. Die Lumpereien des Dr. Otto Frischauer machen natürlich der „Deutschen Zeitung" viel Freude. Da sie über die christlichsozialen Zuchthausadvokaten Löbel, Semek, Hödl, Orlowski und über die dunklen Geschäfte des alten Herrn Dr. Kienböck und des Dr. Tasch nicht lange Artikel schreiben durfte, entschädigt sie sich an dem Otto Frischauer, welcher in die Vorrechte der christlichsozialen Advokaten eingegriffen hat. Rabb. Dr. Sp. in M.-Ostran. Mittwoch der 26. Cheschwan 5647 der 24. November 1886. D. S. Der Berliner sozialdemokratische „Vorwärts" geißelt treffend die christliche Pose unserer getauften oder vorläufig noch ungetauften Juden, indem er schreibt: Herr, siehe dein Volk an! So möchte der wahre Christ oft ausrufen, wenn er vernimmt, daß der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggemertzelten Kameelinschrift die einzig erwünschten größeren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Religion der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umsturz huldigt. Noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bekenntnisfreudigkeit, und wer je am praktischen Christentum gezweifelt hat, der soll sich jetzt die Liste der deutschen Männer betrachten, die sich beim Bau der Kirche zu Grunewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel, Kirchenfenster, Kronleuchter, Taufgerät, Altar, Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher (?) Hand gegeben worden. Unter den frommen Spendern werden jetzt offiziell genannt die Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul Nachod und der Bankdirektor Dernburg. Ist es zu viel gesagt, wenn wir behaupten, daß aller Religionsfeindschaft zum Trotz das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der christlich-germanische (!!) Geist bei ihnen in strenger Rassenreinheit eine Pflegestatt findet! I. L. D. Wenn der Gutsbesitzer oder der Verzehrungssteuerpächter in Ihrer Gemeinde den Wohnsitz auch nicht für einige Monate im Jahre hat, kann er zur. Kultussteuer nicht herangezogen werden. Dr. A. T. Im türkischen Heere dienen ausschließlich Mohammedaner. S. Fried in L-. Auch beim Erstgeborenen einer zweiten Frau muß ein Pidjon stattfiuden, selbst wenn bei dem Erstgebornen der ersten Frau ein solcher bereits stattgefunden hat. Da das Kind am 12. November geboren worden, so hätte der Pidjon am 12. Dezember, als am 4. Tebeth stattzufinden. llllöm dH odero . . . Religionslehrer. Ihre Erregung über „die der Lehrerschaft in der unlängst stattgehabten Wählerversammlung zugefügten kränkenden und tief verletzenden Insulten" ist unserer Meinung nach völlig unmotiviert. Wenn Sie nochmals ruhigen Blutes den von uns hierüber veröffentlichten Bericht einer genauen Durchsicht würdigen wollen, werden Sie sicherlich zur Ueberzeugung gelangen, daß es dem betreffenden Redner ganz ferne gelegen war, dem honorigen