Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Dlocb's Mocbenscvrltt. Sette 813 und dann sollte eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft im Hause der Eltern seiner Vögele den Schluß der schönen Feier bilden. Die ganze Gemeinde würde Teil an dem Feste nehmen, denn Vögeles Eltern gehörten zu den geachtetsten und waren sie auch wenig mit Glücksgütern gesegnet, so galt doch sein Schwiegervater für einen großen Talmudgelehrten und seine Schwiegermütter für eine fromme und gottesfürchtige Frau, die stets bereit war, zu helfen und in Krankheit und Not Hilfe und Beistand bot. Sein Vögele aber schmückten alle Tugenden, die ein jüdisches Mädchen zierten, und wenn sie auch oft in den letzten Wochen etwas blaß und müde erschienen, so war er doch gewiß, daß keine andere so arbeiten und hauszuhalten verstand, als gerade sie! Wie oft war er den Weg durch ein Jahrzehnt von einer Stadt bis zur anderen gewandert, an heißen Sommertagen, im Regen, Schnee und Wind — stets unverdrossen, hoffend und sehnend nach endlichem Ziele. Nun, da er heute den Weg zum letzten Mal allein machte, schien er ihm endlos. Die Füße versagten ihm die Kraft, die starren Hände konnten kaum den Stock mehr halten und die Kniee zitterten. Ob er wohl ein wenig ausruhte? Immer schwerer wurden ihm die Glieder, immer träger der Gang. Er schalt sich jetzt, daß er die Nacht zu seiner Wanderung bestimmt. Der Schlaf, der ihn tagelang vorher geflohen, er drohte ihn jetzt zu übermannen. Und Plötzlich brach er zusammen. Der kleine Ranzen fiel vom Stock und rollte an den Straßenrand. Mit aller Macht versuchte er, sich zu erheben. Aber er glitt auf der glattgefrorenen Schneedecke aus. Er seufzte tief auf. Nur einen Augenblick des Rastens! Dann mußte es ja wieder schneller vorwärts gehen! Da lag ja schon der kleine Wald, hinter diesem die Brücke — dann das kleine Dorf und dann das Städtchen. Er drückte die Hände fest auf die Brust. Sie schmerzte so arg und der .Atem ging keuchend. Schwer schloffen sich die Lider über die schmerzenden Augen. Mit einem Male wurde ihm so leicht und froh zu Mute. Er sah sich neben Vögele in dem feierlich erhellten Gotteshaus, er hörte die Stimme des Priesters und den Gesang der Chorknaben, und seine heiße Hand umschloß in innigem Druck die seines Weibes. Doch das Gotteshaus schien ihm heller und weiter, und die Lichter, die dort fl-immten, größer und reiner und strahlender! Ihm war's, als würde er langsam gehoben und getragen, als flöge er weiter und weiter in endlose Fernen — immer höher hinauf zu einem großen strahlenden Licht, das gleich einer ewigen Lampe ihm entgegenleuchtete. Je höher er flog, in desto verklärterem Scheine sah er das Licht schimmern und Sphärenklänge umrauschten sein Ohr und süße Stimmen flüsterten: „Du bist in der Heimat — im ewigen Licht!" Er sah sich nach Vögele um. Sie winkte ihm mit der Hand, lächelnd und grüßend. Sie war nicht mehr blaß und krank, sondern rosig lächelnd und schön, jung und frisch, wie er sie vor Jahren gesehen, als sie sich Treue gelobten. Er breitete die Arme aus und seufzte tief auf. Die Glieder streckten sich, ein erstarrtes Lächeln teilte die halbgeöffneten Lippen. Der langsam am Horizont verblassende Mond warf sein bleiches Licht auf den stillen Schläfer und der Sterne kalte Pracht lächelte unbewegt dem Müden, den der starre Frost langsam in die fernen Gefilde ewigen Lichts geführt! Als am Morgen der alte Botengänger von der Stadt die Landstraße daher kam, sah er schon von Ferne den starren Körper am Boden liegen. Rasch eilte er zur Stelle und erkannte in dem Erfrorenen den Melamed! Stumm faltete er die Hände, dann sagte er leise vor sich hin: „Es gibt einen barmherzigen Vater im Himmel, der Juden und Christen, seine Kinder, gleich lieb hat! Dir, armer Melamed, hat er eine große Gnade erwiesen, denn heute sollt" ich Dir melden, daß Deine Vögele heimgegangen. Wie hättest Du das ertragen? Nun feiert ihr oben Hochzeit und Chanuka und das ewige Licht leuchte euch!" Dann schlug er ein Kreuz, deckte dem Toten den Mantel über das Gesicht und schritt eilig der Stadt zu. Literatur. Aus den Memoiren eines Rabbiners.*) Die Memoiren eines Rabbiners! Das klingt absonderlich, beinahe paradox. Wenn es noch ein „Wunderrabbi" wäre, in deffen Brust zwei Seelen wohnen: die des Fanatikers, der die Glaubensseligkeit befeuert, weil er ja von dem Aberglauben der Anderen lebt, und die des überlebenden Spötters, der in Stunden eigenster Beschaulichkeit die Schwächen der leicht betörbaren Menge beobachtet, notiert und der Oeffentlichkeit preisgibt. — gewiß, ein solcher Mann könnte dem Sensationsbedürfniffe überreick en Stoff zuführen; aber ein Landrabbiner, der zwar den Ruf seltener Gelehrsamkeit genießt, aber nie etwas dazu getan hat, um in den Geruch der Heiligkeit zu gelangen: weiß der wirklich Dinge zu erzählen, die auf allgemeines Jntereffe Anspruch erheben dürfen? Nun denn, die Kulturbilder, die der Komäromer Oberrabbiner vor dem Leser aufrollt, beseitigen alle Zweifel. Sie sind nicht nur Zeugnisse der scharfen Beobachtungsgabe eines fein und modern gebildeten, liebenswürdig schildernden Stylisten, sondern auch schätzenswerte Beiträge zur Kulturgeschichte einer noch nicht allzu fernen und doch halbvergeMmn Zeit. In vorderster Reihe wenden die Aufzeichnungen Dr- Schni^M sich natürlich an das Verständnis seiner Glaubensgenossen, allmWs findet sich darin gar Vieles, das die verdiente Aufmerksamkeit von der Konfession des Lesers ganz unabhängig erscheinen läßt. Zum Beispiele, wenn Dr. Schnitzer von der Zeit des ungarischen Freiheitskampfes spricht und die Beschreibung deS gewaltigen Völkerfrühlings den greisen Seelenhirtrn zu mächtig ergreifendem Pathos stimmt, da empfindet man förmlich etwas von dem Gluthauch der Begeisterung, die in jenen großen Tagen alle Unterschiede aufhob und alle Dissonanzen aufgehen ließ in der machtvollen Symphonie der Vaterlandsliebe. „Wie wenn droben auf waldiger Bergspitze der Donner iu tiefem, dumpfen Grolle» zu dröhnen beginnt, mit lautem und immer lauterem Getöse au den Felswände» hinrollt, und von den Gipfeln der Berge hundert- und hundertfach wiederhallend, hineindringt in die stillen Täler, die tiefen Schluchten, bis endlich die ganze Gebirgskette unter dem wilden Aufruhr der entfesselten Elemente erbebt, — so war es auch, als der Freiheitsgedanke, dem zuckenden Blitze gleich, aus gewitterschwarzen Wolkenhöhcn von fernen Westen her zündend in die Geister fiel und der Aufruhr entfesselter Völker sich fortpflanzte von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, bis endlich das ganze alte Reich in seinen Grundfesten erbebte und das morsch gewordene Gebälk der verwitterten Staatsverwaltung in allen seinen Fugen krachte." So malt sich der Anbruch einer neuen Weltordnung in der Phantasie eines Rabbiners, der freilich schon «t seiner Kindheit, erfüllt von berauschenden Freiheits-Ideen, in Ludwig Koffuth einen ungarischen Wilhelm Tell erblickte. Dort oben allerdings, in der Zipser Gegend, der Heimat des jungen Freiheitsschwärmers, hielt die Begeisterung nicht allzu lange vor. Man sah zwar die braven Deutschen förmlich brennend vor Kampflust zu Tausenden gegen General Schlick ausrücken, mit Sensen. Heugabeln und einigen verrosteten Flinten; allein nach wenigen Tagen kamen die Leutchen wieder heim, einzeln, traurig und — unverletzt. Ein paar unschädliche Raketen, die der Feind aufsteigen ließ, hatten genügt, um die ungeübte, friedfertige Schar zur Retraite zu veranlaffen. Schlick brauchte einen stärkeren Gegner, und er fand ihn auch: in Görgey. Die braven Zipfer entschuldigten und trösteten sich ebeu mit der Erklärung: „'s war' ja gutt, — wenn's nur nit schießen taten. Jzunder Waas meer, was Krik bedajt." Bis ins Alter hatte jedoch der kleine Junge von damals auch die glorreichen und tief traurigen Erinnerungen des Freiheitskampses bewahrt: den Durchzug der Görgey'schen Armee, die Tollkühnheit der ungarischen Guerilla» und den Heimzug der Russen, die Volk und Land aus tausend Wunden blutend zurückgelaffen. Und zu dem Jammer gesellte sich auch noch als Würgengel die Cholera, der die Aerzte ratlos gegenüberstanden. Jeder Tag forderte neue Opfer und so dachte man in der Heiniatsgemeinde Schnitzer's (sie hieß Hunsdorf) an ein „probates Mittel". Die Gemeinde sollte ein armes Waisenmädchen ausstatten und mit einem armen Jungen verheiraten, die Trauung aber samt der Hochzeit sollte auf — dem Friedhöfe gehalten werden. Es kam nicht dazu, denn die Krankheit hörte auf, allein daß das Mittel genutzt hätte — dem Waisenmädchen nämlich — erleidet keinen Zweifel. Von der bösen *) „Jüdische Kulturbilder" (Aus meinem Leben). Von Dr. Arnim Schnitzer, Oberrabbiner in KomLrom. Kommissions-Verlag Josef Schlesinger, Budapest. Ueber dieses in den Spalten der „Oesterr. Wochenschrift" erschienene Werk des Komorner Oberrabbiners bringt der „Pester Lloyd" vorstehenden Artikel.