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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 812 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. Nr. 60 feffor Senator zum Direktor der neugeschaffenen dritten medizinischen Klinik und der Universitätsklinik ernannt. Durch seine aus den meisten Gebieten der internen Medizin bahnbrechenden Hoffnungen hat Professor Senator den Ruhm der deutschen Wissenschaft in alle Lande getragen und in seiner „Albuminurie im gesunden und kranken Zustande" ein in mehrere Sprachen übersetztes klaffisches Werk geschaffen. Professor Senator ist auch Mitglied des Repräsentanten-Kollegiums der Berliner jüdischen Gemeinde und sitzt im Vorstand zahlreicher jüdischer Humanitätsvereine. Feuilleton. Zum ewigen Licht. Eine Chanuka-Geschichte von Jda Oppenheim. Die Dämmerung eines lichtlosen Wintertages sank auf das stille Ghetto eines mährischen Städtchens herab und warf ihre Schatten in die kleinen, bleigefaßten Fenster eines alten, fast verfallenen Häuschens, in dem der Melamed seine kleinen Schüler unterrichtete. Die Kinder konnten kaum mehr die Buchstaben in dem Gebetbuch unterscheiden und blickten mit Sehnsucht nach der Tür, die sich endlich öffnen und ihnen die ersehnte Freiheit bringen sollte. Jetzt schlug das kleine, hagere Männchen langsam das Buch zu und schon waren die Kinder von ihren Sitzen aufgesprungen, hatten nach Mützen und Mänteln gegriffen und stürmten in Hast davon. Die müden Augen, die so träge ins Dämmerlicht geschaut, funkelten jetzt vor Vergnügen. Wartete aller doch heute eine ganz besondere Freude. Den ersten Chanukaabend zeigt? der Kalender'heute; da ging es überall lustig her. Nach dem Schulgang zündete man zu Haus das erste Lichtchen an, sang die altbekante Weise das „Ho'ans zur, jeschu ossi“. unb dann spielte man mit Würfeln, knackte Nüffe und trieb Kurzweil, bis der Schlaf die müden Lider schloß. Der Melamed hatte heute, entgegen seiner Gewohnheit, in Gedanken am Fenster gestanden und fast das Abendgebet versäumt. Endlich riß er sich von seinen Träumen los und ging langsam ins Gotteshaus. Heimgekehrt zündete er das Chanukalichtchen in der mit Oel gettänkten Menorah an, begann, auf- und abgehend, zu singen. Dann stand er sinnend vor dem kleinen hinsterbenden Flämmchen, bis es endlich erlosch. Es war dunkel im Stübchen geworden und kalt. Er nahm eine kleine Unschlittkerze, beugte sich über einen alten Koffer, nahm langsam aus der Truhe ein weißes Gewand, seinen Talles und sein Käppchen, breitete die Gegenstände auf dem Tisch aus, indem er mit der Hand behutsam glättend über jedes Stück fuhr. Dann holte er einen alten Reisesack aus der Ecke, säuberte ihn und mühte sich, den verrosteten Verschluß zu öffnen. Langsam arbeitete er so ruhig fort. Seine starren Hände konnten kaum seinem Willen gehorchen. Seinen Körper schüttelte der Frost, aber seine Augen glühten und auf seinen eingesunkenen Wangen brannten rote Flecken. Bor seinem Geiste jagten die Gedanken und führten ihm Bilder vor, die er längst vergessen geglaubt. Sein ganzes, karges, entbehrungsreiches Leben lag vor ihm, bis zu dem heutigen Tage, auf den er Jahre laug gehofft, nach dem er sich gesehnt und um den er gekämpft. Heute sollte er nach dem Nachbarstädtchen wandern, um am morgigen Tage mit seiner Braut vereint zu werden, die er nach den Landesgesetzen nicht eher heiraten durfte, als bis ein Familienoberhaupt durch den Tod abberufen worden war. Dieses strenge Gesetz, das die große Kaiserin gegeben, halle den armen Inden viel Qual und Herzeleid verursacht, und der Melamed hatte fast ein Jahrzehnt auf die Zell gehofft, die ihm die Bereinigung mll seinem Mädchen bringen würde. Beide hatten ein Jahrzehnt gespart, gedarbt, gehungert, um sich das Nötige für ihr gemeinsames Leben zu ersparen, hatten treu zu einander gehalten. Und nun waren sie am Ziel! Wie langsam die Zell dahin schlich. So lange Jahre hatte der arme Melamed auf diesen Tag gewartet, und heute schienen ihm die Stunden sich zu Ewigkeiten zu dehnen. Er wollte die Nacht wachen, um am frühen Morgen fortzugehen, damit er Mittags das Nachbarstädtchen erreichen konnte. Er fing an, seine Sachen in den Sack zu legen, zuerst sorgsam Gebetriemen, dann das weiße Hochzeitsgewand mll dem Käppchen, den Talles, einen kleinen funkelnden Ring, das Ergebnis mühsamen Sparens, das Brautgeschenk für sein Vögele. Er betrachtete lange den kleinen, schmalen Reifen, steckte ihn an jeden Finger, ließ ihn im Lichtschein blitzen und leuchten, legte ihn dann in sein Kästchen zurück und barg dieses in dem Reisesack. Nun war auch die Arbeit vorüber. Er öffnete die kleine Tür, die von der Schulstube in einen kleinen Nebenraum führte. Hier blühten an dem kleinen Fenster die Eisblumen, dennoch sah es wohnlich und friedlich aus. Ein weißgescheuerter Tisch mit zwei Stühlen stand in der Mitte, ein Schrank und zwei sauber verhüllte Betten. Hier sollte sein Weib die neue Heimat finden. lieber sein unschönes, vergrämtes Gesicht stoß ein Lächeln des Glücks. Liebkosend strich er über die einzelnen Gegenstände, glättete und ordnete die Falten der Decke, ging dann langsam hinaus, indem er alles mit einem Blick noch einmal umfaßte und verschloß dann die Tür. Nun kauerte er wieder auf feinem niedrigen Schemel, nähe dem kalten Ofen, legte die Hände auf die heißen Schläfen und wartete. Draußen war der Mond aufgegangen und sein silbernes Licht fiel auf den hartgefrorenen Schnee, daß dieser Diamanten gleich, funkelle und glitzerte. Am tiefblauen Nachthimmel strahlten in wunderbarer Klarheit die Sterne und der Melamed sah schweigend zum Fenster hinaus und dachte, ob es nicht besser wäre, die mondbeglänzte Fahrstraße jetzt dahinzuwandern und früh am Morgen das Städtchen zu erreichen. Da würde die Zell schneller dahingehen und er würde die verzehrende Ungeduld los sein, die ihn peinigte, die ihn keinen Schlaf finden ließ, die ihm weder Hunger noch Durst fühlbar Machte, die nur das Blut in seinen Adern unruhiger und fiebernder rollen ließ. Am Morgen wäre dann alles Überstunden, er säße bei seinem Vögele im warmen Hinterstübchen und trank eine Schale heißen Kaffee und aß vom Hochzellskuchen. ß KDer Gedanke, nachts zu wandern, beherrschte ihn so sehr, daß er, ohne viel zu überlegen, in sein dünnes Mäntelchen schlüpfte, ein wollenes Tuch um den Hals wand, das Ränzchen mll dem Stock auf den Rücken nahm und rasch das Haus verließ. Draußen raubte ihm der entgegenwehende eisige Wind einen Moment lang den Atem. Doch er raffte sich zusammen und schritt festen Fußes vorwärts. In der ersten halben Stunde begegnete er Niemandem. Plötzlich vernahm er ein fernes Rollen und bald darauf kam ihm der Wagen eines bekannten Bauern zu Gesicht. Die rasch dahin eilenden Pferde dampften und der Bauer, in Pelze gehüllt, rief ihm von seinem Sitze zu: „Melamed, wohin so spät? Geh zurück, in dieser gottverfluchten Kätt' kommst Du nicht weit. Sitz' auf, ich führ Dich heim!" Melamed dankte und sagte ihm, daß er heute in die Nachbarstadt wolle, da morgen sein Hochzeitstag wäre. Der Bauer warnte und meinte, es fände sich morgen gewiß eine Fahrgelegenheit. Er hielt sogar seine Pferde an, um den Lehrer auffitzen zu lassen, doch der Wanderer mochte seinem Rate nicht folgen und schritt mit Dank weiter. „Daß dies nur gut bekommt!", rief ihm der Bauer nach, zog an und weiter ging es in scharfem Trab der Stadt zu. Der Melamed bebte vor Frost, nahm sein Ränzel von einerHSchulter auf die andere und bemühte sich, so schnell als möglich weiter zu gehen. Seine Gedanken eilten dem Wege voraus und seine Phantasie malte ihm lockende Zukunftsbilder. Wie würde sich der morgige Tag für ihn schön gestalten. Im Tempel sollte ihn der alte hochberühmte Rabbi Daniel trauen,

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