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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 60 Dr. Mocb's MocdenscbrLN. Sette 805 Damit hat er den Pöbel sofort gewonnen. Er' streckt aber seine Fühler auch nach oben aus und sucht sich angenehm zu machen. Im August dieses Jahres hat der Flügeladjutant des Erzherzogs Franz Ferdinand, Oberstlieutenant Karl v. Gelb im höchsten Aufträge an das Gurker Fürsterzbischöfliche Ordinariat eine Zuschrift gerichtet, die sich mit derselben Materie beschäftigt. Es heißt in derselben u. A., daß „Seine kaiserliche und königliche Hoheit stets sehr unangenehm berührt werde, bei Juden und ausländischen Antiquitätenhändlern aus Kirchen stammende Kunstgegenstände zu finden." Herr Dr. Lueger hat ein gutes Gedächtnis, und ein solches ersetzt gelegentlich originale Gedanken. Jetzt nimmt er die Aktion auf und dabei braucht er die Juden nicht einmal hervorzuheben und kann sich einfach mit den „Antiquitätenhändlern" begnügen. Man versteht ihn auch so. — Damals haben wir uns erlaubt, einige Bemerkungen an die Kundgebung des Thronfolgers zu knüpfen. Wir meinten u. A.: „Wie zu jedem Geschäft gehören auch zum Schacher mit Heiligtümern immer zwei, Käufer und Verkäufer. Es fällt auf, daß bei den pietätlosen, auch von uns verurteilten Handelsgeschäften der V e r k ä u f e r gar nicht gedacht ist. Diese Verkäufer sind aber naturgemäß katholische Geistliche und katholische Verwaltungen katholischer Kirchen." Für Dr. Lueger bleibt aber die Geschäfte machende Geistlichkeit unschuldig. Sie ist verführt worden, und dafür kann man ja nichts! Im Vereine „Christliche Familie" hat Bürgermeister Dr. Lueger letzten Sonntag eine Rede gehalten, in welcher er zur Rückkehr zum „alten Katechismus" aufforderte. Der Katechismus ist bekanntlich eine kurze, prägnante Zusammenfassung der Lehren der Kirche; der Antisemitismus hat bei seiner Entstehung gleichfalls geglaubt, seine „Heilslehren" in einen Katechismus bringen zu müssen. Der Wiener Bürgermeister Dr. Lueger fühlt sich gedrungen, denselben seinen Gläubigen wieder in Erinnerung zu bringen. Vor Allem eine These des „alten Katechismus": „Kauft nur bei Christen!" Die Weihnachtszeit, die schöne Zeit des Gebens und des Nehmens, scheint ihm besonders geeignet, diese These wieder zur Geltung zu bringen. Die Weihnachtswoche ist eine Geschäftswoche und der Antisemitismus selbst ist ja auch nichts anderes als ein Geschäft, notabene ein Geschäft en gros, und somit ist auch der Kausalnexus hergestellt. ... „Es ist gut", sagte der Herr Bürgermeister. „daß wir es schon so weit gebracht haben, daß sich jede Christin schämt, zu einem Juden hineinzugehen, noch besser wird es sein, wenn sie überhaupt zu keinem Juden hineingeht. Die Christen sollen bei den Christen einkaufen und die Juden bei den Juden. . . . Jeder muß seinen Nächsten unterstützen und uns Christen sind die Christen die nächsten." — Eine gemeinderätliche Kommission, die mit der Aufgabe betraut war, für die armen Kinder Stoffe anzukaufen, hat in einem jüdischen Geschäfte den Einkauf besorgt. In öffentlicher Gemeinderatssitzung hierüber interpelliert, mußte der Obmann besagter Kommission erklären, daß die Kommission in keinem christlichen Geschäfte die Waare in so guter Qualität und zu so billigen Preisen erhalten konnte, als eben im jüdischen Geschäfte. Teuer und schlecht ist auch der arische Katechismus. Allein ein Bürgermeister, der solche Reden hält, ist in der Geschichte ein Unikum. W h i g. Der Vitt. Karrd der Jewish-Encyclopedie. Das jüdische Schrifttum hat das 20. Jahrhundert mit einem grandiosen Werk angefangen, welches in der jüdischen Literaturgeschichte von epochaler Bedeutung zu sein bestimmt ist. das ist die jetzt in New-Iork erscheinende Jewish-Encyclopedie. Die Notwendigkeit eines solchen monumentalen Werkes wurde schon lange im Judentum gefühlt. Besonders wird es in unserer Zeit des drohenden Verfalles zur Erhaltung des Judentums von ganz besonderer Bedeutung sein, indem es im Innern die Ueberzeugung und die Liebe zum väterlichen Ideale festigen, und nach Außen hin die geistigen Waffen den Kämpfern die stets wiedergekauten Verleumdungen lügnerischer Anschuldigungen in die Hände liefern. Nur die durch eingehendes Studium erworbene Erkenntnis des Wesens des Judentums verleiht Mut und Ausdauer zum Widerstande gegen die zahllosen, nie endenwollenden Angriffe auf dasselbe. Leider sind jene Zeiten vorüber, wo diese Erkentnis Gemeingut des Gesamtjudentums war. Die moderne Kulturrichtung, die gewaltigen Fortschritte der Wiffenschaften, die Anhäufung des Materials derselben, sowie endlich der erschwerte Kampf ums Dasein nehmen die geistigen Kräfte unserer lerngierigen Jugend so in Anspruch, daß ihr weder die Zeit noch die Kraft zu Gebote steht, der jüdischen in der ihr unverständlichen hebräischen Sprache gehüllten Wissenschaft einenTeil ihrer Arbeit zu widmen. Die Kenntnis dieser Wissenschaft ist daher bloß Gegenstand der Rabbinen und gewisser Fachleute geworden. Diese Encyklopedie wird daher dem Laien alles Wiffenswerte in der jüdischen Geschichte und Literatur in einer modernen Sprache gewissermaßen fertig darbieten und die Jugend frühzeitig mit den überlieferten Idealen bekannt und vertraut machen. Der nun erschienene Band VIII enthält eine Fülle jüdischen Wiffens, und wir erlauben uns einige Betrachtungen über manche Stellen seines Inhalts. Derselbe enthält Artikel talmudischen, rabbinischen und midraschischen Inhalts aus der Feder meist gewiegter Kenner, welche förmliche Abhandlungen aus allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft, Kunst und Literatur sind samt Illustrationen und Photographien. Besonders hervorzuheben sind die Artikel über Midrasch- Agada und Midrasch-Halaeha: Elfterer ist gleichsam ein ganzes Buch, eine Einleitung in alle Uidrascdim (Agada) und konnte nur von einem so gewiegten Midraschkenner geschrieben werden, wie Rabbiner Dr. Theodor in Bojonawa (Posen). Von eben so großem Werte ist der Artikel über Mdrasch- Halacda von Dr. Lauterbach, der uns über die Entwicklung der Halacha und ihrer Exegese und den Unterschied zwischen der älteren Halacha und ihrer Lehrmethode und der Lehrweise der jüngeren Halacha, von Rabbi Akiwa an ^fangen, gründlich belehrt. Dr. Lauterbach macht aufmerksam auf die Lehrmethode der Rabbinen der talmudischen Epoche und unterscheidet die Art der ersten Thanai'in bis auf Rabbi Akiwa, die sich noch an die Wortbedeutung der biblischen Gebote hielten, während die spätere von Rabbi Akiwa abwärts sich in gezwungene Auslegungen einließ, die dem eigentlichen Wortsinne Gewalt antaten, um irgend ein neues Gebot gleichsam unter biblischen Schutz zu stellen. Im Verlaufe der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ergeben sich Rechtsfälle, welche in den Rahmen der bestehenden Gesetze sich platterdings nicht einfügen lassen und daher gewaltsam eingezwängt werden müssen, selbst auf Kosten des eigentlichen Wortlautes der bestehenden Gesetzbestimmungen, und in einer Deutung, die vielleicht dem Gesetzgeber fern lag, ein Umstand, der sich auch noch heutzutage in der sehr entwickelten Gesetzgebung zuweilen ereignet, mit dem Unterschiede jedoch, daß, während der moderne gesetzgebende Körper neue, dem Zeitgeiste angemessene Gesetze schaffen und alte, obsolete außer Kraft setzen kann, sich der Rabbi nur ausnahmsweise vom eigentlichen Urquell seiner Legislation, dem göttlichen Gesetzesworte der Bibel, und auch nicht gar zu weit entfernen durfte. Die Gesetzesvorschriften der Bibel find im Lapidarstil gleichsam in Form von Aphorismen geschrieben, die verschiedene Auslegung zulassen, daher die Rabbinen aus denselben weitere Vorschriften nach Ort und Zeit folgern konnten. Schon die Mischna (Chagega 10) sagt: ibs .1-21 warn na» rrobn .rvanö mabm tara mpa ,mr©a pbnrt p-n p „Die Gesetze der Sabbatruhe und der Feiertage rc. find Berge, die auf einem Haar hängen, wenig Text (Bibelwort) und viele Vorschriften". Dagegen ist es uns nicht einleuchtend, warum neben den Artikeln Llidrasch-Agada von Theodor und Midrasch - Halacha von Lauterbach noch der Artikel „Midrasch" ohne nähere Bezeichnung ausgenommen wurde, da dieser doch nur eine Wiederholung deffen ist, was in den beiden genannten Artikeln ausführlich behandelt wurde. Der Vorwurf trifft nicht den Verfaffer des Artikels „Midrasch", den Professor Hurwitz aus Breslau, denn als er seinen Artikel schrieb, konnte er nicht wiffen, daß noch andere Gelehrte zwei getrennte Artikel über diesen Literaturgegenstand geschrieben haben, deren Stoff er in einem Artikel zusammen behandelte. Die Redaktion, der sämtliche Artikel Vorlagen, hätte nach Einsicht ihre Wahl treffen sollen.

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