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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 804 Dr. Dlocb's Mocbenscbrm. Nr. .80 eine Revanche für die Reformen Auersperg's, eine Revanche der Jesuiten für die liberalen Schulgesetze unseres Hafner. Das wäre der Triumph der christlichen Idee, das der Erfolg all der Predigten und Bibeln der ganzen christlichen Literatur! Bedauerlich ist es nur, daß auch die Deutschnationalen, welche die „Los von Nom "-Bewegung propagieren, den Jesuiten eben dadurch in die Hände arbeiten. Moses Mendelssohn trat für die Emanzipation der Juden ein, ein Heinrich Heine für die Assimilierung des Gemütes, Mommsen sagt: „DerAntisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille". Es wäre eine Schmach, wenn Juden jetzt, wo sie so angegriffen werden, sich von ihrer Gemeinschaft lossagen würden. Früher aber, bevor der Antisemitismus erwacht war, hat es eine Reihe von Juden gegeben, die gar nicht gewußt haben, daß sie Juden sind. Zum Bewußtsein ihres Judentums sind sie erst durch den Antisemitismus gebracht worden. Ich sage und damit will ich auch schließen: „Es gibt kein höchstes Gut außer der Humanität, es gibt keinen größeren Ruhm als die tolerante Gesinnung." Unsere Antisemiten, sie mögen welche Stellen immer bekleiden, sind vom Scheitel bis zur Sohle nur lackierte Barbaren. Wir in unserem Vereine werden nicht müde werden, immer wieder zu predigen das heilige Evangelium der Menschenliebe. Wir werden unserem Volke wieder eine neue Seele geben, wir brauchen nicht zu verzweifeln, denn die geschichtliche Flutwelle, die den Klerikalismus und den Antisemitismus in die Höhe getragen hat, muß zu Boden stürzen. Und deshalb rufe ich den Damen und Herren zu, mit uns fortzuarbeiten, nicht müde zu werden, es gibt keine Niederlage der Wahrheit, die Wahrheit ist nie besiegt worden, die ganze Geschichte bisher ist nur ein fortgesetzter Sieg der Wahrheit und ihr antisemitischen Lügner zittert, denn ihr seid ja doch verloren. (Lebh. langanhaltender Beifall.) Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschrchte. (Den Manen Moulmsens. — Das „Deutsche Volksblatt", Bielohlawek und Mommsen. — Geschichten und Geschichte. — Dr. Lueger und die kirchlichen Kun st Werke. — D i e frommen Kirchenvor st an de und die bösen Juden.) Wir sehen uns genötigt, der Redaktion des „Deutschen Volksblatt" doch eine ernste Ermahnung zu Teil werden zu lasten. So redigiert man nicht. Da wird über eine Gedenkfeier an der Wiener Universität zu Ehren des verstorbenen „großen Historikers" Theodor Mommsen berichtet, den Lesern des „Deutschen Volksblatt" erzählt, daß diese würdige Feier sich nun alljährlich an derselben Stätte wiederholen soll, daß an die Feier sich ein Kommers im „Hotel de France" schloß, kurz der ganzen Veranstaltung beinahe dieselbe Bedeutung beigemesten, als wenn es sich um eine Namenstagfeier Herrn Bielohlaweks gehandelt hätte. Das geht doch nicht. Unter den Anwesenden wurden genannt: Ministerialrat Kuranda, ohne daß dabei sinnige Vermutungen über seine Abstammung aufgestellt wurden, die Professoren Dr. Gomperz und Dr. Jerusalem, ohne daß hinter ihren Namen das brandmarkende und sie in den Augen der ganzen gebildeten Welt geradezu vernichtende „(!)" zu finden wäre. Sehr wenig gemildert wird diese Gesellschaft durch die gleichzeitige Anwesenheit des Eisenbahnministers Freiherr von Wittä, des großen Freundes und Verehrers unseres einzigen Bürgermeisters Dr. Karl Lueger. Es fehlt der sonst so wohltuende erhebende Ausdruck sittlicher Empörung, wie ein solcher Manu sich so wett erniedrigen konnte, sich in solche Gesellschaft zu begeben. Da soll sich noch jemand auskennen! Wir fürchten nicht, mtt unserer Verwarnung eine Indiskretion begangen und uns einer Denunziation schuldig gemacht zu haben. Denn sicherlich hat der zaubergewattige Chef des „Deutschen Volksblaü", der sich nicht leicht etwas entgehen läßt, die Ungeheuerlichkeit ohnedies schon bemerkt und dementsprechend seiner edlen männlichen Entrüstung durch einen Mordstandal bereits zur Genüge Luft gemacht. Für seine braven Antisemiten wird über eine Mommsen-Feier berichtet genau wie in dem schlimmsten Judenblatte. Ein großer Historiker wird der genannt, der mit dem Hammerschlage seines freien Geistes ein Wort geprägt hat, das das ganze Gelichter überdauern wird, seine Wortführer und Brotglber, die sich nun so blähen im Vollbewußtsein ihrer Machtfülle, und das ihnen auf der Seele brennen wird, bis die Götterdämmerung für ihre ganze Herrlichkeit heranbricht: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille!" Das Vorgehen der Redaktion des „Deutschen Volksblatt" ist umso strafwürdiger, als Herr Bielohlawek doch schon hinlänglich deutlich die Stellung gekennzeichnet hat, die „dem" Momm'en in der Literatur und in der Wissenschaft für alle Zeit anzuweisen ist. Sofort nachdem die Nachricht vom Tode Mommsens eingelaufen war, erhob sich Herr Bielohlawek, der.Denker der Partei, um den Mythus, der sich um das Haupt des dahingeschiedenen Gelehrten gewunden hatte, zu zerstören und diesen selbst vor der Nachwelt zu entlarven. Wer war denn „der" Mommsen überhaupt? Kein Mensch würde heute noch von ihm reden, wenn er seine „Geschichten" nicht „von unseren Mönchen und Priestern abgeschrieben hätte". Schon damals war der schwarze Verdacht nicht ganz abzuweisen, daß der illustre Redner, der wie kein zweiter Rhetor die Debatten im niederösterreichischen Landtage auf ein hohes und der Partei vollkommen würdiges Niveau zu erheben vermag, sich nicht vollkommen klar geworden sei über den Unterschied, der notwendigerweise unter gebildeten Menschen zwischen „Geschichten" und „Geschichte" gemacht werden sollte, aber Gott sieht bekanntlich auf das Herz und nicht auf die Orthographie oder die Definition. Das „Deutsche Bolksblatt" hat kein Recht, an den fundamentalen Gedanken und Anschauungen der Partei zu rütteln. Mommsen ist einmal parteimäßig abgetan, und nicht nur die Partei, auch wir haben uns dagegen zu verwehren, daß nun ein Organ des Antisemitismus es sich plötzlich herausnehme, seine Huldigungen darzubringen einer geistigen Bedeutung und Gesinnungsreinheit. Das heißt die Standpunkte verrücken, und der ergebenst Unterzeichnete Whig müßte sein Geschäft sperren und sein Gewerbe an den Nagel hängen, wenn die kleinen und großen Niederträchtigkeiten der antisemitischen Organe mit einemmale aufhören sollten. Fasse Dich, bewegt Gemüt, die Gefahr scheint vorläufig noch nicht allzugroß zu sein. Ein Erlaß des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger tut dar, daß es mit jener Gefahr wirklich seine guten Wege hat. Der Erlaß verfolgt einen edlen Zweck, indem er sich gegen die Verschleuderung kunsthistorischer, namentlich kirchlicher Objekte wendet, — aber Schaden macht klug und Erfahrung vorsichtig. Eine Aktion Dr. Lueger's zu Gunsten der Kunst und der Geschichte — nun ja doch — aber nur um des idealen Zweckes willen? Wir bitten um die Erlaubnis, ein Lächeln zu unterdrücken. Cherchez le juif! das vor allen Dingen. Aber damit ist es nicht getan. Die Aktion muß ihn nach oben oder nach unten, am liebsten nach beiden Richtungen hin wohlgefällig machen, sonst hätte sie keinen Zweck. Hier ist das nun in der wünschenswertesten und allseitig befriedigenden Weise der Fall. Der Erlaß wendet sich vornehmlich an die Kirchenvorsteher, klingt aber harmonisch in einen solennen Hepp Hepp-Ruf aus. Die Spitze, und es ist eine vergiftete Spitze, richtet sich doch wieder nur gegen die Juden. Während er nämlich den armen Kirchenvorstehern die Rechtswohltat der mildernden Umstände, als da sind Unkenntnis der bestehenden Vorschriften und Mangel an Verständnis für den Kunstwert der einzelnen Objekte, zuerkennt, wendet er sich mit umso größerer, aber im Grunde genommen schmeichelhafter Strenge gegen die hierbei in Frage kommenden Antiquitätenhändler, welchen er die geistige Minderwertigkeit als Entschuldigungsgrund zuzubilligen nicht in der Lage ist. Freundlicher Leser, merkst Du was? Antiquitätenhändler wird es geschrieben, Trödler, Tandler oder Jud wird es ausgesprochen.

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