Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021598--14105-3038795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr.80 Dr Klock s MocbenscbrM. Seite 803 ganze Antisemitismus steht aus dem Geldbeutel. Die hohe Ziffer, das ist ihr Ideal. Der Tiroler Freiheitssänger Adolf Pichler sagte: „In Tirol gibt es wenige Juden; den Wucher besorgen dort — wie die gerichtlichen Verurteilungen zeigen — unsere katholischen Brüder. Der deutsche Buchhändler ist durchschnittlich schäbiger als der schäbigste Jude. In unserer Jugend lebten wir den Idealen der Humanität. Heute werden wir als alte Achtundvierziger ausgelacht. Juden haben mir Liebe und Freundschaft erwiesen und ich auch ihnen. Ich frage niemanden, was er ist, ob Jude oder Christ, das geht mich gar nichts an. Den Juden die Menschenrechte abzuerkennen, halte ich für die gemeinste Sünde. Ich verhalte mich ganz unbefangen, ohne Dogma, von rechts nach links". Diese Worte klingen wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Auch Goethe kann man zitieren. Er sagt: „Die Kirche hat einen großen Magen, Hat viele Länder schon vertragen." „Das ist ein allgemeiner Brauch, Ein Jud und König kann das auch." Und wenn heute die Antisemiten rufen, daß die Juden in schmutzigen Geldgeschäften arbeiten, so ist das nur ein Geschäftskniff; „Halt ihn auf!" schreien sie. um sich selbst zu bereichern. Also diese Leute haben am wenigsten das Recht, über die Juden zu klagen. Natürlich für einen vermögenden Mann ist es leichter, ehrlich zu sein. Aber trotzdem haben diese Leute wenig Ursache, die Sittenrichtc r zu spielen. So hat der bekannte Bürgerschuldirektor, der klerikale Herr Moser, der nie in der Schule, aber immer wo anders ist, gesagt: „Wenn es sich um Parteigenossen handelt, braucht man die Geschichte nicht so genau zu nehmen". Wir haben ja auch von antisemitischen Führern Beweise über ihre moralische Minderwertigkeit. So schreibt Gilbert: „Keine Partei hat in ihren Reihen so elende Kerle gehabt, wie die antisemitische". Und so sagt unser Bürgermeister Lueger: „Ein Antisemit kann nur ein Schuft oder ein Esel sein!" Ich will nicht untersuchen, ob er recht hat. Aber wenn ich so die Antisemiten in ihrer Lebensführung beobachte, bei ihrer Arbeit, so fällt mir ein Ausspruch Martin L u t h e r's ein. Er sagte:. „Wenn ich ein Jude wäre und hätte solche Tölpel und Knödel den Christenglauben regieren und lehren sehen, so wäre ich eher eine Sau worden als ein Christ". Ich glaube, die Juden hindern am Erwerb nur denjenigen, welcher dazu unfähig ist. Die Antisemiten sollen doch einmal nachschauen, was die Ursache des wirtschaftlichen Rückstandes ist! Und da frage ich: Sind denn die Katholiken nicht auch gegenüber den Protestanten im Rückschritt? In Gegenden, wo Protestanten und Katholiken nebeneinander wohnen, wie schaut es dort aus? Die katholischen Bürger arm, die protestantischen reich, so daß die „Kölnische Zeitung" gesagt hat, wenn das so weiter geht, so sind in zehn Jahren alle Katholiken Proletarier. Nehmen wir den Handel der fünf katholischen Staaten mit 100 an, so müssen wir den Handel der fünf protestantischen Staaten mit 192 annehmen — also nahezu das Doppelte. Es zeigt sich also, daß die Katholiken auch den Protestanten gegenüber im Rückschritt sind und da sind die Juden gar nicht daran schuld. Ebenso leichtfertig ist der Vorwurf, den man den Juden gegenüber erhebt bezüglich des sittlichen Einflusses. Man sagt, sie wirken entsittigend auf die Bevölkerung. Wodurch unterscheiden sich denn die guten Juden von den guten Christen und die schlechten Juden von den schlechten Christen? Aber ich glaube, daß die Antisemiten alle Ursache haben, in diesem Punkte zu schweigen; denn die Statistik zeigt die größte Verbrecherzahl gerade dort, wo der Klerikalismus am mächtigsten ist. Nur eine Bemerkung, die nicht abzuweisen ist. Von Tacitus haben wir das Zeugnis, daß die heidnischen Germanen Muster von Treue und Sittlichkeit gewesen sind. Zur Zeit der Merowinger erkennen wir das deutsche Volk nicht mehr. Es gibt keine Roheit, keine Brutalität, die diese Germanen damals nicht erfüllt hätte. Was ist die Ursache? Etwa die Juden? Aber ich will aus der europäischen Sittengeschichte einige Proben nehmen, ob die Juden entsittlichend gewirkt haben. Ein englischer Schriftsteller weist nach, daß 30 Jahre nach der Reformation die Zahl der in England Hingerichteten von 2000 auf 200 pro Jahr herabgesunken ist. In England kamen im Jahre 1869 aus 178.000 Engländer ein Mörder, in Holland auf 163.000 e i n Mörder, in dem zum dritten Teile katholischen Deutschland aus 100.000 Menschen e i n Mörder, in Oesterreich auf 7 5.000 Menschen e i n Mörder, in dem katholischen Spanien aus 4113 Menschen e i n Mörder und in dem päpstlichen Kirchenstaat auf 750 Seelen ein Mörder. Waren da auch die Juden daran schuld? Nun wird man freilich sagen: Diese Völker lebten nicht unter den gleichen Verhältnissen. Das muß man ja berücksichtigen. Doch gibt es in England unter 10.000 Atheisten fünf Mörder, unter 10.000 Katholiken 250. Wie ist es in Wien? Im Jahre U)01 fielen bei den Juden auf 100 Geburten 17 uneheliche, bei den Protestanten 30, bei den Katholiken 54 uneheliche Geburten. Sind da auch die Juden daran schuld? Nun ist es sehr leicht, sich da einen Sündenbock zu schaffen. Aber schon Christus sagt: „Ziehe zuerst den Balken aus Deinem Auge, und dann magst Du auch den Splitter aus dem Auge Deines Bruders ziehen". Außerdem Wersen die Antisemiten den Juden vor. sie wären der Typus der Unreinlichkeit. Nun ich gebe ja die Tatsache zu, es gibt äußerst schmutzige Juden. Aber das ist doch nichts spezifisch Jüdisches, sondern nur ein Zeichen einer rückständigen Kultur. Als die Priesterherrschast im 14. Jahrhundert in Europa angebrochen war, da lebte man im größten Schmutz, man badete und wusch sich nicht. Ludwig XlV. ist ins Grab gestiegen, ohne daß ihm jemals ein Bad vergönnt wäre. Und aus unserer Zeit! Die Nonnen vom „guten Hirten", die haben Douchen als Strafen gegeben. Man macht auch den Juden den Vorwurf, daß sie sich an den Talmud halten. Unser großer Schneider sagt: Der Talmud ist eine große Anzahl von Verhaltungsmaßregeln für Diebe, Gauner, Juden und derartiges Gesindel. Ich glaube, der Talmud hat mit dem eigentlichen Judentum ebensoviel zu tun, als die Moralbücher der Jesuiten mit den Lehren des Christentums. Aus dem Glauben (der Menschen), daß Gott der Vater der Menschen und alle Menschen Brüder sind, ergibt sich dem Judentum der Glaube, daß alle Menschen Brüder sind, und es kann kein Antisemit leugnen, daß sich die Juden zu hochherzigen Anschauungen emporgeschwungen haben. Und diesen Vorwurf machen den Juden jene Leute, die heute noch jüdische Geschäftsleute boykottieren, jüdische Beamte in Not und Elend sitzen lassen. Die vom Schneider gesagten Worte mögen ja im Talmud enthalten sein,*) aber wer die Geschichte kennt, der weiß, daß sie nur das Echo, der Wutschrei der Gewalttätigkeit sind, die die Christen gegen die Juden verübt haben. Ich glaube, diese Leute haben am wenigsten das Recht, jemanden den Vorwurf der Intoleranz zu machen. Was ist denn eigentlich der Antisemitismus? Fragt man die Antisemiten, so müßte man meinen, wenn nur die Juden Wien verlassen, so wäre es sofort ein wirtschaftliches Paradies. Nun die Spanier haben die Juden vertrieben. — Ich zitiere einen Professor der spanischen Literatur: „Die Austreibung der Juden hatte die Verarmung des Landes zur Folge, den Ruin des Ackerbaues und des Handels und den Verfall des Gewerbes". Er selbst sagt: „Ich bin Katholik ohne Verkürzung, ohne Hintergedanken". Und von der Inquisition sagt er wieder: „Ich billige sie, ich segne sie, sie ist der größte Ruhmestitel Spaniens". Und dieser Gelehrte sagt, die Austreibung der Juden war der Ruin Spaniens. Als die Jesuiten den Antisemitismus neu erweckten, verfolgten sie die alte Taktik des Mittelalters. Sie erregten gegen den Liberalismus ein mehr oder weniger bewußtes Vorurteil. Sie sagten, die Juden bestehlen das Volk, alle sind Millionäre. Ein Priester der Religion der Liebe sagt: „Die Russen machen mit den Juden wie sie es verdienen". In Wien selbst hat Herr Ortsschulrat Johann König in seiner Zeitung, in der er die zehn Gebote herausgab, gesagt: „Taufet die Hunde nach dem Namen Jsak und Rebekka. Verfluchet unter allen Völkern nur die Juden, sagt nicht mehr euren Kindern, um sie zu schrecken, der Wau-Wau kommt, saget der Jude kommt. Den Raubvogel nennt fernerhin Judenvogel". Der Antisemitismus, der von den Jesuiten neu geweckt wurde, ist *) Die Behauptungen des Meisters Stampiglius sind, wie an dieser Stelle wiederholt betont wurde, nichts als gemeine Lüge, Ausgeburten der Berbrecherphantafie eines Säufers.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.