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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 802 k)r. JBiocb 5 Mocbenscbrttr. Nr. 50 „haben die Juden Kenntnisse von der Hautfläche besessen, auf denen der Professor Dr. Hebra sein epochales Werk über Dermatologie aufgebaut hat." Wenn ich den Vorwurf gegen die Juden, daß sie seit Menschengedenken Geld- und Handelsgeschäfte betrieben haben, daß ihre Neigung zu diesen Geschäften eine angeborene sei, und daß sie sich dabei nicht von. den Motiven der Ehrlichkeit leiten lassen, zurücklveise, muß ich einen Blick auf vergangene Zeiten werfen. Bis zu den Kreuzzügen leben Juden und Christen in Deutschland im schönsten Frieden. Die Juden hatten damals in Deutschland eine Stellung etwa wie die Metöken im alten Attika. Sie trugen die inneren und äußeren Rcichtümer der römischen Kulturwclt in die einscunen, armen germanischen Wälder und sie haben auch eine ihrem Verdienste entsprechende soziale Stellung angenommen. Die Juden wurden „Burgemaster" der rheinischen Kommunen. Sie wurden Minister der deutschen Kaiser, Berater der römischen Päpste. Juden waren Berater Karl des Großen, Ludwig des Frommen. Die Juden waren aber auch das handeltreibende Volk. Später, als ein germanischer Kausmannsstand erwachsen ist, da wurde den Christen * die jüdische Konkurrenz unangenehm. Was sie vom Juden gelernt haben, das wollten sie zu ihrem eigenen Nutzen verwerte«. Dazu katn noch etwas anders. Kaiser und Papst wollten damals den Orient erobern und es mußte Stimmung gemacht werden für die Kreuzzüge. Und darum hat man den christlichen Fanatismus geweckt. Dieser schloß nun die Juden vom Grundeigentum aus, beschränkte sie aus den Kleinhandel, steckte sie in das Ghetto und besudelte die deutsche Geschichte mit Judenplünderungen und Judenausraubungen. Nicht genug an dem, machte man auch den Juden noch den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit. Ich will nun diese Vorwürfe prüfen, sine ira aber cum Studio. Und da muß ich sagen: Juden haben es zu jeder Zeit verstanden sich in der niederträchtigsten Weise zu bereichern. Sie haben cs verstanden, durch ganz unehrliche Mittel, durch Wucher und Schacher, sich Vermögen zu erwerben. Ja, ich glaube, es wird keinen anständigen Juden geben, der das Treiben solcher Menschen nicht auf das Schärfste verurteilt. Aber — und nun kommen die „aber" '— sind denn das alle Juden. Handeln alle Juden so oder nur der geringste Teil? Das ist die gemeine verbrecherische Taktik der Antisemiten, daß sie immer generalisieren: Wenn ein Jud stiehlt, sind alle Juden Diebe, wenn in Rußland ein Jud eine Bombe wirft, so sind alle Juden Anarchisten — alle müssen vertilgt werden. So hat der „berühmte" Abgeordnete Schneider im Jahre 1901 in einer Zeitung gesagt: „Wenn irgendwo ein Minister ermordet wird, so würde ich eine starke Stadt zernieren und die darinwohnenden Juden und Jüdinnen erbarmungslos erschießen lassen, ihre Güter zu Gunsten des Staates konfiszieren. Das würde ich so oft tun, so oft ein politischer Mord stattfindet. Ich gäbe meinen Kops darum, daß die politischen Morde aufhören würden." Ist das nicht klassische Brutalität, absolute Rohheit, ist das die Gemütstiefe eines Deutschen oder eines Kannibalen? Das ist das Resultat des Generalisierens. Nun glaube ich, was dem Einen recht, ist dem Andern billig. Generalisieren wir bei den anderen Völkern. Wenn man so sagen würde: Alle Deutschen sind Säufer! — wäre das recht? — Wäre das recht, wenn man sagen würde: Alle Franzosen sind leichtfertige Springinsfelde oder: Alle Czechen sind Diebe — oder: Alle Antisemiten sind Defraudanten. Wäre das recht, zu sagen: Alle Antisemiten sind Münzverfälscher, weil ein Ahne ihres Führers, des Prinzen Liechtenstein, eine große Münzverfälschung in die Welt gesetzt hat? Schon Lessing hat diese Taktik der Antisemiten verurteilt, zwar in vornehmer Weise aber doch, indem er gesagt hat: Aus der jüdischen Bevölkerung sind ehedem soviele Helden und Propheten erstanden, und jetzt zweifelt man daran, ob unter chnen nur ein ehrlicher Mensch sei? Ich glaube, wer etwas selbständig denkt, der wird die Tatsache feststellen müssen, daß es unter den Juden ebenso viele rechtschaffene, ehrliche Mitglieder gibt als unter den Nichtjuden. Ja, die Juden übertreffen Alle in ihrer Innigkeit des Familienlebens und in ihrem stark ausgeprägten sozialen Empfinden. Wenn wir für unsere armen Schüler etwas haben wollen, da wenden wir uns an das „Wienee Tagblatt" oder an die „Presse" dieses Welt-Judenblatt, aber nicht an das „Deutsche Volksblatt"; denn dieses gibt nichts her. Ich glaube, sie übertreffen die Nichtjuden auch in ihrer warmherzigen Fürsorge für die Kranken, Witwen und Waisen, und was entscheidend ist, auch in ihrer Fürsorge für Nichtkonfessionsverwandte und auch im stillen Wohltun. Ich glaube, es ist jeder überzeugt davon, daß es unter den Juden ganz dieselben edlen, braven und tüchtigen Menschen gibt wie unter den Christen. — Ja, das wissen die Antisemiten selbst, denn ich kann nicht annehmen, daß sie so gerne sonst mit den reichen Juden champagnisieren, oder soll man sagen: „Gleich und gleich gesellt sich gern?" Ja, gibt es unter den Christen keine Schwindler, Betrüger, Gauner, denen man mit demselben Recht den Vorwurf machen kann, den man einzelnen Juden machen könnte? Ist denn der christliche Wucherer ein edlerer Mensch als der jüdische? Treibt er sein Opfer nicht geradeso herzlos von der Schwelle wie der Jude? — und Lueger selbst hat doch gesagt: „Nur im Rathaus bekommt man echten Wein". Ja, wer fälscht dann den anderen? Und ist die Bäuerin, die die Milch und die Butter fälscht oder der Selcher, der in die Wurst Sägespäne hineinfüllt, ist das ein edler Mensch, nur deshalb, weil er ein Christ ist? Ich glaube, auch er ist ein Schwindler und Betrüger, den man dazu verurteilen sollte, seine Wurst selbst zu fressen. Und ist es denn ganz und gar vergessen, daß die Juden im Mittelalter zum Wucher gesetzlich gezwungen wurden? Ja, die Unsicherheit des Geschäftes, die hohen Abgaben an weltliche und geistliche Fürsten haben sie dazu gezwungen. Sie standen außerhalb des Zinsverbotes; hatten das traurige Privilegium des Geldverleihens, sie sollten nun dafür auch ordentlich blechen. (Wie der Wiener sagt.) Da gibt es eine kaiserliche Verordnung, die lautet: Daß es den Juden, nachdem sie in viel höherer Weise als die Christen zu allen Abgaben herangezogen werden, daneben keine Güter haben, kein Handwerk betreiben dürfen, gestattet sein solle, höhere Interessen zu nehmen als die Christen, und eine andere Verordnung vom böhmischen König Wladislaw aus dem Jahre 1494: „Wo die Christen 10 Schock nehmen, sollen die Juden 20 Schock nehmen, da er doch zuerst seine Pflichten gegen den König erfüllen muß, dann dem Herrn, in dessen Schutz er sich gestellt hat, zahlen muß rc. rc. und weil doch der Jude schließlich selbst etwas haben muß, um zu leben." Aus den zitierten Verordnungen der Könige ist erwiesen, daß die Juden vom Erwerb und vom Grundeigentum ausgeschlossen warea, daß sie in den Handelsberuf und auch einigermaßen in den Gelehrtenstand — ich meine hauptsächlich den Aerztestand — eingezwängt waren. Heute ist es auch nicht mn vieles anders. Heute sind sie wieder aus der Justizverwaltung, dem Militär- und auch dem Lehrerstand hinausgedrängt. Und schließlich sind sie in einen bestimmten Beruf zusammengedrängt. Wie steht es bei den Christen? Durch die Urkunden der Geschichte ist es genug erwiesen, daß weltliche und geistliche Christen sich bis zu den höchsten Instanzen hinauf im Schacher und Wucher betätigt haben und dabei die größte Gewalt anwendeten, die den Juden nie zur Verfügung gestanden ist. Ist denn der Satz nicht bekannt: „Rauben ist keine Schande; das tun ja die Besten im Lande". Ist es nicht bekannt, daß die Babylonier auch 25 Perzent nahmen und auch die arischen Indier 50—60 Perzent genommen haben? Ist es nicht bekannt, daß Ulrich v. Hutten die Geistlichen seiner Zeit die „habgierigsten Räuber" genannt hat? Ist es ganz vergessen, daß der Klerus im Jahre 1900 in Oesterreich 400 Millionen besessen hat? Sind denn unsere größten Millionäre nicht bedauernswerte Schlucker ihnen gegenüber? Haben die Jesuiten nicht 100 Perzent genommen? Vorigen Monat konnten wir im „Deutschen Volksblatt" lesen: „Christliche Kapitalisten können ihre Kapitalien sicher bringen bis zu 20 Perzent". Sind denn 20 Perzent gar so kleine, christliche Zinsen? Die rücksichtsloseste Wut, sich zu bereichern, erfüllt ja gerade die Antisemiten. Der

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