Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021598--14103-3038793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bloch’s Jahr««««- HI Centrslorgsn für die gessmmten Interessen des Indenthums. iE TU. ft. Pofisparraffen-Amt Clearing-Verkrtzr Nr. 610.876. Lrdsrlion und Administration: »- Wien ' IX/1, Verggalle Ar. 39.! Telephon Nr. 14.847. * -« Wie«, 9. Dezember 1904. -- Erscheint jeden Freitag. - 44- -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. »rrugsprri» flir Oesterreich: Halbjährig 8 äkrouen. Einzelexemplare Sv Heller, Für'» Jtastmb: Halbjährig 10 äkroue». «Nanzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Streifzüge durch den Antisemitismus. — Jahrmarkt: Glossen zur Tagesgeschichte. — Ter VIII. Band der Jewish-Encyclopedie. — Korrespondenzen: Der siebzigste Geburtstag David Ritter v. Gutmann's. Chaimkafeier in der israelitischen Versorgungsanstalt. Wien, Leipnik, Wiesbaden, Rom. Der Homeler Prozeß. Paris. Tie Rolle der Polizei während der Judenexzeffe in Mohilew. —Vermischtes: Wien, Baden, Proßnitz, Jangbunzlau, Triest, Prag, Klattau, Nürnberg, Berlin. — Feuilleton: Zum ewigen Licht. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Streifzöge durch den Antisemitismus. Vortrag, gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus vom G -R. Oswald H o h e n s i n n e r. Es ist gewiß eine große Kühnheit von mir, hier in dem Vereine als Redner aufzutreten, in dem bisher hoch wissenschaftliche Stoffe von ersten Vertretern der Wissenschaft behandelt worden sind, und die Kühnheit ist um so größer, als ich nichts Neues sagen und bieten kann, nachdem alle Anklagen, die von antisemitischer Seite erhoben worden sind, längst entkräftet find. Wenn ich aber dennoch spreche, so liegt der Grund dafür in dem Umstande, daß der Antisemitismus frecher denn je sein Haupt erhebt. Ich glaube daher, daß es an der Zeit wäre, seine Anklagen näher zu beleuchten. Ich bilde mir nicht ein, daß es mir gelingen wird, in den Kreisen der Antisemiten irgend eine Wirkung zu erzielen. Unsere größten Männer haben gegen sie protestiert, ein Mommsen hat gesprochen, — wie sollte ich glauben, daß ich eine Wirkung erzielen könnte? Wenn ich dennoch spreche in diesem Vereine, der sich als Hauptzweck die Abwehr des Antisemitismus gestellt hat, so geschieht es, um berufenere Männer anzuregen, von dieser Stelle aus diese Anklagen zu beleuchten und zurückzuweisen. Antisemitismus! Schon das Wort ist eine Fälschung; find denn die Juden allein nur Semiten? — Sind es nicht auch die Assyrier, Babylonier, Chaldäer rc.? Was aber gerade diese Völker für die moderne Kultur bedeuten, das wird uns erst in unseren Tagen so recht klar gemacht. Ich erinnere an Delitzsch, an seine Bibel- und Babelvorträge. Nun sagt man freilich, die Juden seien die minderwertigste Ausprägung semitischen Wesens. Dem gegenüber möchte ich eine Autorität ins Feld führen. Der Geschichtsforscher Schlosser, ein Mann von unbestechlicher Wahrheitsliebe, bezeichnet den ganzen semitischen Volksstamm, zu dem auch die Chaldäer, Babylonier und Assyrier gehören, als denjenigen, welcher mit indogermanischen Völkern für die Entwicklung unseres Menschengeschlechtes den wichtigsten Teil gebildet hat. Hätten die Juden keinen Moses, keine Propheten, keine Makkabäer, keine Dichter, keine Philosophen, hätten sie nur diesen einen Gedanken der Nächsten- und Menschenliebe gezeitigt, durch den das Christentum eine Religion der Nächsten-, der Menschenliebe geworden ist, es müßte das Judentum zu den höchststehenden Rassen der Menschheit gezählt werden. Alle Vorwürfe gegen die Juden, die Vorwürfe der Unlust zur Arbeit, der Unfähigkeit zur Arbeit — alle diese Vorwürfe sind unberechtigt. Fragen wir einmal die Geschichte. Schon unsere Kinder wiffen aus der Bibel, daß die Juden Ackerbauer waren, daß sie den Weinbau pflegten, schon diese lernen die rührende Geschichte von der edlen, ährenlesenden Ruth. Aber auch das Handwerk betrieben sie fleißig. Ganz besonders beim Bau der Stiftshütte, beim Bau des Tempel zur Zeit des Herodes. Herodes hatte viele Tempeldiener und Priester im Zimmermeisterhandwerk unterrichten lassen, damit dieser Bau recht schnell vor sich gehe. Ja, ist Christus nicht der Sohn eines Zimmermannes, ist Paulus nicht ein Zeltmacher gewesen? Doch die Antisemiten können die moderne wirtschaftliche Entwicklung nicht einsehen. Der Handwerker kann nicht einsehen, warum er plötzlich trotz seines Fleißes verarmt. Neben seiner Werkstätte sieht er den glänzenden Bazar eines Juden. Es ist eine Verwechslung der wirtschaftlichen Erscheinung mit der Person, welche die wirtschaftliche Erscheinung zum Ausdruck bringt. Nun fragen wir uns, find denn die Juden dieses untätige, faule, zu jeder Arbeit unfähige Volk, wie es von den Antisemiten dargestellt wird? Ist der Vorwurf, daß die Juden seit Beginn an diesem Manko gelitten haben, berechtigt? Im Gegenteil! Schlagen wir irgend eine Weltgeschichte auf, so finden wir, daß die Verdienste der Juden um die Kultur groß waren. Dem nüchternen Sinne der Juden verdanken wir den Weltverkehr, den Welthandel und die nüchterne Erforschung der Wirklichkeit während des im Dunkel des Aberglaubens dahintappenden Mittelalters. Den Juden ist es zu verdanken, daß die Christen überhaupt die klassischen Schätze des Altertums übersetzen konnten. Es ist nicht wahr, daß die Klöster sich diese großen Verdienste erworben haben, es ist entschieden nicht wahr. Die Juden und die Araber — diese waren es, denen wir diese Schätze zu verdanken haben. Die Juden waren es, die die Universität zu Padua und Palermo gegründet haben. Und was sie auf dem Gebiete der Medizin geleistet haben, das kann nur Lüge und Ignoranz leugnen. Ich zitiere den großen Virchow: „Hebräische Manuskripte find erst in unserer Zeit ans Tageslicht gebracht worden, welche bezeugen, wie die Juden sich im frühen Mittelalter für die Erhaltung der Medizin verdient gemacht haben." — „Schon zu Moses' Zeiten", sagte Virchow