Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021597--14100-3038789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 49 Dr. JSlocb s Mocbens^örM. Kette 79S Stadt führte, entdeckte er zwischen Reisekoffern. Ballen und Kolli einen Topf mit einem großen, vorzüglich riechenden Braten. Der immer hungernde, niemals gesättigte Leiser vermochte dem lockenden Gedanken, den Braten zu verspeisen, nicht zu widerstehen; nach vielen inneren Kämpfen entschloß er sich, den Braten zu stehlen und zu verzehren. Als er aber Abends von der Reise heimkehrte u-d seine Familie hungernd und frierend fand, begannen ihm nagende Gewissensbisse über das begangene „Verbrechen" zu peinigen. Mit großer psyichologischer Analysekraft schildert Eismann den Seelenzustand des armen Leiser, welcher durch das begangene Verbrechen den Fuhrlohn einbüßen und seine Familie so hungern sehen niußte. Den Augenblick begreiflicher Schwache bezahlte Leiser mit langer Seelenpein und immer sich erneuernden, quälenden Gewissensbissen. Auch in allen anderen Erzählungen hat Eismann lebenswahre, blutwarme Bilder aus dem Leben der Juden in Rußland geliefert, voll Tragik und Seelenkunimer, düster wie die Wirklichkeit, der sie entnommen wurden. Der Verfasser der Novelle, „Die Parias", S. Iuschk e w i t s ch*) nimmt in der russischen Literatur bereits eine geachtete Stellung ein. Er liebt es, große Bilder zu entwerfen, nicht kleine Episoden und unscheinbare Existenzen, sondern große Ereignisse, tiefeinschneidende soziale Erscheinungen und neue Ledensbedingungen zu schildern. Seine Erzählungen ans dem Ghetto, welche in Rußland mehrere Auflagen erlebt haben, gleichen großen Wandgemälden, auf denen historische Ereignisse in ihren Hauptzügen und in ihren Helden farbenprächtig, mit starkem Ausdrucke dargestellt sind. Wenn er auch nicht das lyrische Talent eines Eismann besitzt, der es versteht, den Leser tief zu bewegen, zu ergreifen und zu erschüttern, so vermag Juschkewitsch dafür blendende Kollektivbilder zu schaffen, welche eine beredte Sprache führen und Herz und Verstand der Leser in gleiche»! Maße gefangennehmen. Die Haupthelden seiner Erzählungen sind jüdische Proletarier, die neueste Erscheinung im Leben des Ghetto. Die immer stärker zu Tage tretende Zersetzung der sozialen Verhältnisse in Rußland hat auch eine Umgestaltung der Ledensbedingungen der jüdischen Bevölkerung herbeigeführt. Dieselbe hat nun ein vieltausendköpfiges Proletariat, das Anspruch auf ein erträgliches Daseui erhebt und die Fesseln sprengen will, welche die Verbesserung seiner Lage hemmen und es furchtbar bedrücken. Juschkewitsch, der das Ghetto durchquert und alle Verhältnisse beobachtet hat, welche die neuen Lebensbedingungeu der jüdischen Bevölkerung geschaffen haben, schildert nun mit großem Talent und großer Gestaltungskraft das Leben dieser jüdischen Proletarier, das qualvolle, durch Menschentücke und Menschenbosheit 'unsäglich tragische Ringen nach menschenwürdiger Existenz und den hoffnungslosen Kampf gegen das unbeschreibliche Elend, unter dessen Zeichen sie alle im Ghetto stehen, verkommen und verkümmern. Und dieses Elend, welches Juschkewitsch schildert, ist erschreckend, deprimierend und herzerschwerend. Alle diese Proletarier gleichen einem riesigen Ameisenhaufen, auf welchem Steine von ungeheuer großer Last und Schwere geschleudert, Tausende und Tausende von Ameisen erdrückt und zermalmt werden. Ein Held aus der Erzählung „Die Parias", der Jude Schlisma, erzählt in knappen Worten die Biographie aller in den verfallenen Hütten lebenden jüdischen Proletarier-Familien, und das Bild, das er entrollt, ist einfach erschreckend. Nichts als Hilflosigkeit, tiefste Armut, unsägliche Notlage und nagende Verzweiflung, welche die Jndenmädchen auf die „Gasse" treiben, die Alten mit grenzenloser Erbitterung erfüllen und die Grundpfeiler jedweden menschlichen Daseins untergraben. Aber die größte und niederdrückendste Tragik im Leben dieser Unglücklichen liegt darin, daß die engherzige, unmoralische Politik den Juden gegenüber diese Verfolgten und Geächteten in den Augen der russischen Volksmassen grenzenlos diskreditiert und den blinden Haß eines fanatisierten Pöbels gegen sich richtet, um in blutigen Greueltaten gleich denen von Kischenew den Vernichtungskampf zum Ausdruck zu bringen. Eine solche Tragödie schildert Juschkewitsch in der vorliegenden Erzählung „Die Parias", eine erschütternde Tragödie voll Bestialität und Grausamkeit sogar gegen jene jüdischen Proletarier, die sich zu allgemeinen humanitären Idealen emporringen und dennoch es erleben müssen, wie halbwilde Horden die jüdischen Häuser zertrümmern, die jüdischen Mädchen schänden und die Weiber und die Kinder grausam erschlagen. Mit großem Talent und großer Anschaulichkeit schildert Juschkewitsch diesen Ausbruch der wilden Leidenschaften des aufgehetzten Pöbels, mit überwältigender Kraft erzählt er die erschütternde und leidensvolle Geschichte dieses Ausbruches von Menschenhaß. „Die Nacht kam heran .... Wie geblendete Augen blickten die scheibenlosen Fenster der verwüsteten Häuser. Von fremdem Leid gesättigt, vom dahinsterbenden Murren der Menge gewiegt, schlief die verfluchte Stadt ruhig und friedlich ein. Nur in den Kellern und Kanälen, nur draußen auf dem Felde wußte man nichts von Schlaf: dort wachten die Juden und ächzten und beweinten ihre erschlagenen Väter und Mütter und Brüder und Schwestern, und die dunkle, trostlose Nacht stimmte in ihr Wehklagen ein ... . Und lange noch zitterten die Seufzer nach: ein heiliger, blutiger Regen war niedergegangen und hatte die Erde getränkt. Dieses Blut war unschuldig geflossen." So schließt Juschkewitsch seine erschütternde Erzählung „Die Parias". Mit dem Blute seines Herzens und mit der Kraft feiner Nerven hat er dieses Buch geschrieben und ein blutwarmes Bild aus dem Leben der jüdischen Volksmassen in Rußland entrollt. *) S. Juschkewitsch „Die Parias". Erzählung aus dem Leben der russischen Juden. Autorisierte Ueberfetzung aus dem Russischen. Verlag von Dr. I. Marchlewski und Co. München, 1904. welches, nach dem Leben der jüdischen Volksmassen treu gezeichnet, uns zu Tränen rührt, zugleich aber uns Einblick in die sozialen Zustände im modernen Rußland gewährt, die unter den Einwirkungen einer fluchwürdigen Politik es möglich machen, daß Tausende und Tausende von Menschen gewaltsam in den Abgrund menschenunwürdigen sozialen Elends gestoßen werden. Der scharfbeobachtende Künstler Juschkewitsch hat in den „Parias" ein Stück russischer Zeitgeschichte voll packenden Interesses und sozialen Wertes enthüllt, ein blutiges Blatt aus der noch rauchenden Vergangenheit entrollt. Mit kühner Hand hat er dem russischen Lesepublikum eine der traurigsten Ghetto-Episoden vorgeführt, welche in mehr als einer Hinsicht Anlaß zu tiefem Nachdenken gibt. Nene Bücher. The New Era lllustrated Magazine. Pubiished monthly by The New Era lllustrated Magazine Company 98 Park Row, New-York. City. Vol. VI. November 1904. Nr. 6, Contents: Drawing by E. M. Lilien: The Menorah; Theodor Herzl: The Menorah: Ulrich Frank: The Tale of Two Sabbaths; Macle 0 d Hearsley: Jews in Medicine. L. E. M i l l e r: The Jewish Labor Movement in Kussia; Edgar Stant 0 n M a c l a y: A Privateer of 1812; Rev. Dr. Joseph Silverman: The Emanu- E1 Brotherhood; Dr. Gotthard Deuts ch: The Ohl Prague Cemeterv. Zangwill and East Africa; Percival S. Menken: The Yonng Men's Hebrew Association. C hall u k k a h: Bertha Wiernik: The 8ehammes of Berdyanslc; M. G. Gold: Queen Wilhelmina at the Amsterdam Synagogue; Hartwi g C. Cassel: The National Game of Chess: B e r nard P. Brown: The Telephone in the Home. T he Bo o k \V 0 r 1 d; Rev. Dr. Max S ch l e s i ng e r: An Anthology frow Rabbinical Literatnre. The Editorial 8 u r v e y. 0 f Interest t 0 J e vv i s h Readers. A Reviews 0 f J e w i s h Reviews. Oskar Klein. Humoresken aus dem jüdis ch e n Leb e n. Dritte vermehrte Auflage, Preis Mk. 2.—. Verlag von Karl D u n ck e r, Berlin W. 35. Friedrich Hertz. A n t i s e m i t i s m u s und W i f f e nschafr. (Preis 60 Pfennige) Verlag E. W. Stern (Buchhandlung L. R 0 s n e r). Wie n, 1904. Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Des Gotteshauses Bedeutung »»nd Berechtigung. Weiherede, gehalten am 4. September 1904 bei der Einweihung der Gemeindesynagoge in der Rykestraße. Verlag von M. P 0 p p e l a u e r, Berlin, 1904. Briefkasten. Wahrheit über 'Alles. Falkenan a E- Artikel 12 des Gesetzes vom 28. Mai 1868 bestimmt, daß keine konfessionelle Gemeinschaft, welche im Besitze eines Friedhofes ist, dem Inhaber einer Familiengruft es verwehren darf, ein Familienmitglied anderen Bekenntnisses dort beizusetzen. So sind wiederholt Männer jüdischen Bekenntnisses, deren Angehörige auf dem katholischen Friedhofe eine Familiengruft besitzen, dort beigesetzt worden. Lesen Sie die Nummer 17 der „Oesterreichischen Wochenschrift" über die Verhandlungen der Generalversammlung der Wiener Ehewra-Kadischa. Josef Strunsky in S. Goethe soll irgendwo sagen: „Ich verachte jeden Renegaten, den politischen, wie den religiösen." Die Stelle zu finden ist uns nicht gelungen. Emma Sch - Jaurnig Wenden Sie sich an den Herrn Rabbiner und bitten Sie ihn, bet Ihren Herren Eltern zu intervenieren. St. — Im sogenannten russischen Ansiedlungsrayon gibt es gegen 1200 Zionlstenvereine, die alljährlich über 100.000 Rubel zum Nationalfond beisteuern. K. N. Der Ansspruch kommt vom wiedergewählten Präsidenten Roosevelt und lautet wörtlich: „Amerikanismus ist eine Frage der Begeisterung, der Ueberzeugung und des Strebens und hat mit Glauben und A b st a m m u n g nichts zu tun. Wir fordern, daß alle Bürger, Protestanten und Katholiken, Israeliten und Ungläubige gleichmäßig behandelt und in ihren Rechten beschützt werden sollen." Dr. Sch. in Sp- Alle solche Berichte zu publizieren, würde der doppelte Raune unseres Blattes nicht hinreichen. Wilhelm, 2. Bezirk. Der alte israelitische Friedhof hinter dem israelitischen Waisen- und Versorgungshause in der Seegaffe Nr. 9 in Wien wird bereits in den Jahren 1629 und 1641 urkundlich erwähnt Als die Juden im Jahre 1669 Wien verlassen mußten, erlegten die Gebrüder Frankel viertausend Gulden beim Magistrat, damit die Grabstätten ihrer Glaubensgenossen erhalten blieben. Bei der Türlenbelagernng brannte die hölzerne Einfriedung ab; der Hofjude Samuel Oppenheimer ließ dann eine Steinmauer errichten. Im Jahre 1784 wurde der Friedhof durch eine Ueberschwemmung arg zerstört; im Jahre 1844 wurde er vom Gestrüpp befreit, aber bald darauf geschlossen.