Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 798 Dr. LLocd s Mocdenscvnrr N. 49 und 30 für das, 50 Streiche für die Schuld bei Herdel, Federschleißerin, die, Gott weiß es — ein frommes und arbeitsames Weib ist. 20 Streiche für den Speckkuchen, den er aß, u. s/w. u. s. w. Seite um Seite und jedesmal, wenn ich dachte, Er ist zu Ende, wandte er das Blatt um und las weiter. „Weh mir!" rief ich in meinem Herzen, „ich kann das nicht ertragen! Wann wird das enden?" — Nun sieh, Mendel, ich habe in meinem Leben viel Trefes gegessen, Hasen und Rindfleisch in Butter gebraten, Speck und Schinken und allerlei Schweinefleisch, aber — ich spreche hier die Wahrheit — nie habe ich einen Bissen gepöckeltes Schweinefleisch gegessen, und wie ich so dalag in meiner Todesangst, dachte ich: Ich will jetzt ein Stückchen gepöckeltes Schweinefleisch essen. Und wenn dann der Allerhöchste, Sein Name sei gepriesen, rufen wird: „10 Streiche für das Pöckelfleisch, das er aß — dann werde ich wissen: Endlich, Gott sei Dank — endlich ist es zu Ende!" Aus dem Englischen von Mathilde Loew. Literatur. Eine Anregung. Von Professor Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. Täglich kann man in den Zeitungen von den Vorbereitungen lesen, welche allerorten anläßlich des 100jährigen Todestages des deutschen Dichterfürsten Schiller getroffen werden. Wir finden dies gewiß ganz begreiflich. Warum aber, so habe ich mich oft gefragt, sind wir Juden so indifferent gegen unsere jüdischen Geistesheroeu. Das Judentum verschmäht Denkmäler aus Erz und Stein, es erklärt „en aussim nefoschans lazadikim", „dem Frommen setzt man keine Denkmäler", ,.ckivrsli6n hen hen sichrannom“, „ihre Werke sollen i h n e n U n,st erblich k e i t sichern." Wenn aber die Werke der jüdischen Geistesheroen nicht bekannt sind oder dem großen Publikum nicht popularisiert werden, dürfen wir uns da wundern, wenn eine krasse Unkenntnis über Israels Geistesgrößen herrscht. Am 20. Tebcth — er fällt diesmal auf den 28. Dezember 1904 — ist der 700 jährigeTodestag eines unserer größten Geistesheroen, des Maimonides. Hat man etwa schon von Vorbereitungen gehört, um diesen Tag feierlich zu begehen? Man frage einmal in einzelnen Gemeinden nach, wie Vielen nur der Name dieses Mannes bekannt ist, von seinen Werken gar nicht zu reden. Die Statistik über diese Frage würde wohl zweifelsohne ein recht trauriges und beschämendes Resultat liefern. Wer ist aber daran schuld? Rabbiner nicht minder wie die Vorstände, wie überhaupt der Mangel einer Organisation, in der Rabbiner und Laien vertreten wären, die es sich zur Ausgabe machten, für die Popularisierung der jüdischen Wiffenschaft Sorge zu tragen. Durch Vorträge allein, deren Wert gewiß nicht geleugnet werden soll, kann die Kenntnis der jüdischen Literatur nicht popularisiert werden. Was wir brauchen, sind billige Volksschristen, welche Wissenschaftl i ch und doch zu gleicher Zeit populär gehalten sind. Möge dieser Gedanke anläßlich des bevorstehenden 700jährigen Todestages von den maßgebenden Kreisen in Erwägung gezogen werden. Auch sollte meiner Anschauung nach der Sabbath, der dem 20. Tebeth folgt, der Sabbath Schemas, in allen Gemeinden zum Anlässe genommen werden, Maimonides in besonderen Gedenkreden zu feiern. Dr. L Benetiauer, A zsidösäg eszmei £s tanai (Die Ideen und Lehren des Judentums), Budapest 19 4, 184 ©. Es ist eine alte Wahrheit, daß man Schulbücher mit mehr Umsicht schreiben muß, als wiffenschaftliche Werke. Schulbücher gibt es freilich genug, aber wenig solche, die leicht anziehend und belehrend zugleich sind. Bei uns Juden hört besonders eine Klage nicht auf: unsere Ideen, unsere großartige Literatur, der reiche .Inhalt der jüdischen Lehre sind zu wenig popularisiert. Venetianer's vorliegendes Buch trägt die Lehren und Ideen des Judentums in einer überaus glücklichen Weise, man könnte sagen nach einer neuen Methode vor. Es läßt nur die Quellen sprechen, und so rücken sie heran, die alten Zeugen des jüdischen Denkens und Wissens, die Heilige Schrift mit ihren kernigen Lehren und Sentenzen, der so reichhaltige Talmud und Midrasch mit ihrer Ethik und Lebensweisheit, und auch die Apokryphen, diese Stiefkinder im Schoße des Judentums, kommen zu Worte. Es sind auserlesene Perlen von Sätzen und Aussprüchen über Gott, den Menschen, die Liebe, Hauptsünden, Glückseligkeit. Tugenden, Buße. Gesetz, Lohn und Strafe, Israel. Die hauptsächlichsten Lehren des Judentums werden in glücklich gewählten Zitaten vorgeführt, die bloß aneinandergereiht zu werden brauchen, um ein ganzes Lehrsystem zu bilden. Die Arbeit des Verfassers besteht in der Auswahl des geeigneten Stoffes, wobei die Belesenheit des Autors io talm u ä i e i s volle Achtung verdient, ferner in der schönen, anziehenden, wohltuende Wärme atmenden Uebersetzung, die den Leser ahnen läßt, welchen Schatz unsere altehrwürdige Literatur birgt. Durch diese wohlgeordnete Reihe von Sentenzen will Ve nett a n e r, wie er im Vorworte sagt, dartun, daß „der Inhalt des Judentums an Ideen nicht um ein Haar breit hinter dem Christentum stehe, daß also das dem Christentum zugesprochene Verdienst in Wahrheit das Verdienst des Judentums sei", wovon man freilich in unseren vornehmen Kreisen, in denen man so wenig vom Judentum weiß, nichts ahnt. V e n e t i a n e r's Buch würde da vorzügliche Dienste leisten, wenn nicht zu fürchten wäre, daß es gerade die nicht lesen werden, auf die. es einwirken will. Es eignet sich sowohl dem Tone als der Ausstattung nach zum vertrauten Familienbuch, da es aber zugleich das Wesen des Judentums behandelt, kann es auch als Schulbuch Verwendung finden. In beiden Richtungen wünschen wir dem neuen Buche viel Glück. Nur Weniges hätte ich auszusetzen. Manche Stücke sind allzusehr nach dem Leisten des Christentums zugeschnitten, so das Stück, welches das „Vaterunser" abkonterfeien soll. Auf S. 61 wird etwas aus Tosasoth angeführt, was sehr leicht aus primärer Quelle geholt werden könnte. S. 111 ist aus weitgehender Rücksicht das Wort „Schwein" mit Unrecht gemieden. Bezeichnungen, wie „Jalk. Sim. I." (S. 159) taugen nichts, das weiß der Autor nur allzuwohl; auch die Transskription der Quellennamen ist ungenau. Bei einer ferneren Anflage werden diese kleinen Mängel leicht zu beseitigen sein. Hoffentlich wird das Buch auch in deutscher Bearbeitung erscheinen, denn einem solchen Buche ist der möglichst größte Leserkreis zu wünschen. Budapest. Dr. Samuel Krauß. Jüdische Ghettogeschichten aus Rußland. Erst in den letzten fünf Jahren haben russische Schriftsteller ihre Aufmerksamkeit den im sogenannten Niederlasfungsgebiete zusammengepferchten jüdischen Massen znzuwenden begonnen und aus dem jüdischen Ghetto in Rußland Bilder und Bildchen hervorgezaubert, welche in ihrer Lebenswahrheit und Farbenpracht, in ihrer großartigen Beleuchtung aller Erscheinungen im Leben der Juden Rußlands und in ihrer glänzenden Charakteristik der Ursachen und Folgen vieler Lebenserscheinungen im Ghetto das größte Interesse Wecken und zu tiefem Nachdenken Anlaß geben. Die russische Literatur, welche noch vor fünf Jahren keine literarisch und künstlerisch wertvollen Sittenbilder aus dem jüdischen Niederlassnngsgebiete aufweisen konnte, besitzt jetzt viele junge Schriftsteller von großer Begabung und hervorragender Gestaltungskraft, welche das russische Schrifttum mit formvollendeten und künstlerischen Arbeiten aus dem Leben im jüdischen Ghetto in Rußland bereicherten und so den Russen die jüdische Welt mit allen ihren Kümmernissen und Drangsalen, allen ihren vernichteten Hoffnungen und gebrochenen Existenzen und allen Faktoren, welche diese unhaltbaren Zustände geschaffen, völlig erschlossen. Unter diesen Schriftstellern nehmen die Novellisten Juschkewitsch, Tschirikow und Eismann den hervorragendsten Platz ein. Jewgenij Tschirikow, der anmutige Schilderer des russischen Studentenlebens, hat unlängst ein Drama „Die Juden" geschrieben, welches, in Rußland verboten, vor Kurzem in Berlin zum erstenmale mit durchschlagendem Erfolge anfgeführt wurde. Das kummervolle Dasein der Juden wurde von Tschirikow in seinem Schauspiele mir großem dramatischen Talent und tiefer Sachkenntnis geschildert. Blutgetränkt sind die Bilder, welche Tschirikow vorführt, herzbedrückeud sind die Ereignisse, welche er schildert, entrüstend und beschämend die von einer kurzsichtigen Politik geschaffenen Zustände im jüdischen Niederlassungsgebiete, welche Tschirikow unerschrocken und mit seltenem Mute geißelt. Der begabte Novellist Eismann hat in seinen kürzlich in Petersburg erschienenen Erzählungen unter dem Gesamllilel: „Schwarze Tage", Miniaturbilder aus dem Leben im Ghetto geliefert, welche gleich kostbaren Edelsteinen in künstlerischer Fassung funkeln, glitzern und alle Farben spielen. Eismann eröffnete in seinen Novellen die jüdische Kleinstädterwelt mit ihren grausanl geknickte!« Existenzen, ihren unmöglichen Daseinsbedingungen und ihren dennoch immer rein menschlichen Regungen, ehrlichen Anschauungen und immer kostbaren, idealen Familiensinn. Man lese nur die kleine Erzählung „Ein Verbrechen", um die ganze Tragik in der Lage der Juden Rußlands und die Größe des ihnen innewohnenden idealen Zuges zu begreifen. Der jüdische Fuhrmann Leiser lebt in tiefster Armut und seine zahlreiche Familie befindet sich in großer, steter Notlage. Als er einmal mit hungrigem Magen und wie immer, mit leerer Tasche einen reichen Fahrgast weiblichen Geschlechts in eine benacib rte