Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Blocbs Mocbenscbrtrr. SeUe 797 sie, Zweifel kommen ihnen, und die kurzen Stunden der Begeisterung verfliegen, die Alltäglichkeit und Gewohnheit behalten ihre Rechte, und das Herz bleibt ewig hungernd, während der Verstand in ausgiebigster Weise seine Nahrung empfängt. Unser eigentliches Wesen verkümmert; wir scheinen anders, als wir sind und verlieren den Halt. Wir hören 'nicht das zeitweise Mahnen der Religion an uns. Erinnerungstage gehen an uns vorüber, ohne einen Eindruck auf uns zu machen und doch birgt jeder einzige der Tage einen Lichtquell für unser Herz, einen festen Brennpunkt in unserem Streben. Sie stehen gewissermaßen da als Ausgleich, sie vermitteln das gemeinsame Arbeiten des Herzens und des Geistes. Sie wirken erziehend und veredelnd und lenken langsam in ihrer stillen fordernden Weise wieder in jene Bahnen zurück, die der hungernde Verstand immer wieder von neuem nutzlos zu überschreiten wagt! In des Winters trostloses Dunkel, in die lichtarmen, feuchtkalten Tage fällt für uns das Fest des Lichtes. Die ewigen Lampm brannten, als unser Heiligtum zerstört, vernichtet von Feinden und der Erde gleich gemacht war. Geknechtet und unfrei, gedrückt und verfolgt blieben wir nach außen, aber in uns leuchtete jene ewige Lampe, der Glaube auf, jener Glaube an den einig einzigen Gott, der uns zum Leitstern wurde für kommende Jahrhunderte. Langsam irrten wir durch das Dunkel des Hasses, der Verfolgung, fast erdrückt durch das Uebermaß unserer Feinde, den verschlungenen Pfad, der den heimatlosen Wanderern vorgezeichnet war, doch blieben wir stets uns selber treu und wirkten durch das Licht, das der Glaube in uns entfacht, fördernd, nicht nur für uns, sondern auch für die Allgemeinheit. Noch immer durchströmt ein kräftiger Lebensodem unsere kleine Schar und erhält sie trotz der vielen Kämpfe und Widerwärtigkeiten. Unserem Geist wird der Hunger gestillt und unser Herz richtet sich auf immer von neuem in dem Gedenken an die Vergangenheit, an die unwandelbare Huld und Güte, die uns Gott bewahrt. Wenn uns auch jeder Tag von neuem seine Allmacht zeigt, so bedarf es doch stets noch besonderer Festtage, die uns ganz zurückführen in jene Zeit der Vergangenheit, um aus ihr Trost zu schöpfen und Hoffnung zu finden für Gegenwart und Zukunft. Doch achten wir jener Tage nicht, gehen wir darüber hinweg und halten sie nicht heilig, geben wir unseren Kindern nicht von frühester Jugend durch unser Beispiel und Handeln diesen sicheren Stab für unser Lebensglück, nähern wir nicht sogleich mit ihrem Geiste das Herz, das ideale Empfinden, die Sehnsucht nach etwas Großem und Unbekanntem, die schließlich in jedem Menschenherz wohnen, dann werden wir wohl wissenschaftlich gebildete Menschen erzielen, doch das Erlernte wird nie vollkommen ihr Eigen sein, weil ihr Herz leer und kalt geblieben! So mögen wir denn die Mahnung, die das Lichtfest mit seinem Erscheinen in uns wachruft, nicht vorübergehen und in unserem Hause und in unserem Herzen es licht und hell werden lassen, mit jedem Tage von neuem in die Heizen unserer Kinder aufglühen lassen die Flamme des Glaubens, des Vertrauens aus Gott, der Würdigung der großen Taten unserer Helden, damit die Begeisterung früh ihre jungen Herzen erfüllt und sie in ihrem Streben jenen gleichen, deren Erinnerung noch heute lichtumstrahlt in den Annalen unserer Geschichte verzeichnet ist! Warum? Darum! Von Martha Wolfenstein. (Fortsetzung und Schluß.) Aber Schaie war durchaus noch nicht beruhigt. „Warum sollte ich nicht gesund sein?" schrie er. Mendel sah verlegen d'rein. „Setz' Dich!" schrie Schaie dann, Mendel auf einen Stuhl nötigend, „und da bleibst Du fitzen, bis Du mir ein für allemal sagst, was all diese Narrheit bedeuten soll.^Denkst Du, ich sehe nicht, daß die Dinge nicht mehr find, wie sie zu sein pflegten. Die Leute scheuen mich gleich der Pest. Sie treten beiseite, wenn ich komme, mit einem Gebühren, als ob ich ein Feldmarschall wäre. Ich dachte, Jemand habe ein böses Gerücht über mich verbreitet; warte, es wird vorübergehen, aber es geht nicht vorüber. Jetzt will ich wiffen warum?" „Weil sie Dich fürchten", wagte Mendel zaghaft. „Ja, das sehe ich", daß sie mich fürchten, sie flüchten vor mir und versperren ihre Türen, wie vor dem Feinde, aber warum, ich frage Dich — warum?" „Es ist wegen dessen, was sich während Deiner großen Krankheit zutrug", begann Mendel zögernd. „Es war Dir damals so schlecht, meinem ärgsten Feinde wünsche ich nicht, daß es ihm gehe, wie Dir damals. Und schließlich warst Du doch von einem schrecklichen Wunsche besessen. Gott erbarme sich! — was glaubst Du, Schaie, daß Du zu essen wünschest? Gepöckeltes Schweinefleisch und durchaus nur dieses. Und bittere Tränen weintest Du darum, bis zuletzt der Doktor sagte, man möge es Dir geben, weil Du sonst stürbest. Was konnte man tun? So brachte Jtzig Schulklopser Dir ein Stück aus dem Wirtshaus und Du aßest es." „Und es war nicht einmal gutes Schweinefleisch, — zähe und ranzig, wie ein alter Stiefel!" sagte Schaie. Mendel starrte ihn an. „Wie?" schrie er, „Du wußtest, was Du tatest?" „Warum sollte ich es nicht gewußt haben?" sagte Schaie. „Du warst also nicht meschugge?" Mendel schlug die Hände zusammen und schüttelte den Kopf vor Erstaunen und Abscheu. „Daß Du ein großer Sünder bist, habe ich immer gewußt", sagte er, „aber was für ein großer Schurke Du bist, sehe ich jetzt erst!" „Nu, nu", sagte Schaie, „ich bin noch lange nicht der Aergfte, der Allmächtige wird mich wegen dieses Stückchen Schweinefleisch nicht zu hart strafen, denn er sah, daß ich es in meiner großen Verzweiflung aß. Und so glaubten die Leute, ich sei meschugge — hu! solche Schafsköpse! aber daß auch Du Mendel, ein solcher Narr sein sollst — das wundert mich. Kannst Du nicht einsehen, weshalb ich dieses Schweinefleisch zu effen wünschte?" „Möge mich der Blitz treffen, wenn ich es einsehen kann." — „Nun so will ich es Dir sagen", sagte Schaie. „Siehst Du, wie ich in meiner großen Krankheit so dalag und es Zeit war, die Bruderschaft zu holen, fing ich an, mein vergangenes Leben zu überdenken und daß ich bald vor ihm stehen würde, vor dem Allerhöchsten, gelobt sei Sein Name! Ich hatte meine kleinen Schwächen und ich leugne sie nicht, und als ich mich all der Sünden erinnerte, die ich begangen hatte, da fing ich an, mich zu fürchten. Dann war es mir Plötzlich, als ob ich mich im Jenseits sähe, und ich wurde durch ein Tor geführt und da saß der Allerhöchste." „Was denkst Du, Mendel, er sah genau so aus, wie der Ober-Rabbiner von Prag, den ich einmal gesehen habe, als ich noch ein Knabe war. Er saß in seinem großen Lehnstuhle, las in einem dicken Buche und strich seinen weißen Bart. „Aha!" rief er, als er mich sah, da kommt mein Schaieleben — ein netter, kleiner Schuft — hier, bringt mir mein Buch; und sie brachten ihm das, in welchem die Sünden aller Menschen verzeichnet find. Er blätterte in demselben und als er an meinem Namen kam, hielt er an. „Pfui!" sagte er, als er die lange Reihe meiner Sünden sah, „was ist das für ein Sünder, einen solchen haben wir schon lange nicht vor uns gehabt. Er wird aber seine Schläge dafür bekommen. Du, hole Deinen Stock. Er ries und ein großer, starker Engel trat vor, mit Armen so kräftig wie die eines Hufschmiedes und einen Stock so dick wie eine Faust. Meine Haare stiegen zu Berge, als ich das sah, und dann begann der Allerhöchste, Sein Name sei gepriesen! die Sünden zu verlesen — Sünden, deren ich mich auch im Traume erinnerte. Ganz zu Anfang las er: 50 Streiche, weil er aus dem Elternhause entlief, worüber sich seine armen, guten Eltern fast zu Tode kränkten, obgleich er es wahrlich nicht wert war", sagte der Allerhöchste — und klapp! klapp! sauste es auf meinen Rücken nieder. Und weiter ging es, 20 Streiche für das