Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 794 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. ftt. 49 werden. Im ersten Akt setzt Tschirikow mit breiten, wenn auch äußerst echten Diskussionen über die verschiedenen religiösen und politischen Anschauungen, die in seiner Familie Frenke! herrschen, ein. Dann aber, in drei weiteren Akten, entwickelt er in eindringlicher und einheitlicher Steigerung die innere und äußere Trcgödie dieser Familie bis zu entsetzlicher Katastrophe. Ein Konflikt entsteht dadurch, daß Lija einen christlichen Studienfreund von Boruch liebt, den Bercsin, der von sich sagt, daß die armselige, gedrückte Existenz, die er geführt hat, ihm das Recht gibt, sich gleichfalls als Juden zu betrachten. Durch ihre Liebe zu Bercsin wird sie genötigt, die Bewerbung von Nachmann zurückzuweisen und vor allen Dingen ihrem Vater einen furchtbaren Schmerz zu bereiten, der es bei seiner orthodoxen Gläubigkeit nicht verwinden kann, daß seine Tochter einen Christen will. Das tragische Verhängnis aber entspringt nicht aus diesen Konflikten, sondern es bricht von außen herein. Unter dem Eindruck der Nachrichten aus Kiichenew rottet sich auch in der Stadt, in der das Stück spielt, der Pöbel gegen die Juden zusammen. Im letzten Akt dringt ein Haufen Plünderer in den Laden des Leiser Frenkel ein, erst wird alles kurz und klein geschlagen, dann ivill sich die Bande über die Lija hermachen und sie vergewaltigen. Der alte Vater, der die Tochter schützen will, wird durch einen Schlag mit einer Eisenstange niedergeworfen. Nun stellt sich Bercsin, der in der Not seine jüdischen Freunde nicht verlassen hat, vor seine Braut, wird aber gleichfalls zu Boden geschlagen. Jetzt rettet sich Lija vor der Schändung, indem sie sich mit einem Revolver erschießt, welchen ihr Nachmann in die Hand gedrückt hat, als er forteilte, um die kleinen Kinder des Bruders von Frenkel. die ihm deren Mutter iu den Arm gelegt hat, zu retten. Eine Minute später schallt von der Straße der Ruf: „Die Kosaken kommen!" und die Morderbande eilt in wilder Flucht von dannen. Leiser Frenkel, durch den Schlag gelähmt, aber nicht bewußtlos, hat alles mit ansehen müssen und spricht weinend die Worte Hiobs: „Der Wind kam von der Wüste her und fegte alles weg." Indessen beruht der künstlerische Wert des Schauspiels nicht in der Formung seiner Szenen, die oft durchaus epischen Charakter tragen, oder in der Gestaltung der Handlung: er liegt vielmehr in der menschlichen und künstlerischen Wahrheit der Figuren, die von einem Dichter erschaut und beseelt und mit nicht gewöhnlicher poetischer Begabung dem Leben nachgebildet worden sind. Darum muß man der Leitung der Freien Volksbühne Dank zollen, daß sie weiteren Kreisen die Bekanntschaft mit diesem Werke Tschirikows vermittelt, dem die in ihm eingeschlossene Tendenz und Grausigkeit der Farben wohl die meisten ständigen Bühnen verschließen werden, eine Grausigkeit so groß, daß gestern sogar einige Mitglieder des im allgemeinen nicht gerade nervenschwachen Kreises der Freien Volksbühne ihr nicht stand hielten. Ein schönes Verdienst um dies Drama und seinen Schöpfer haben sich auch die Künstler erworben, die sich zur Aufführung der „Juden" der Freien Volksbühne zur Verfügung gestellt haben. Adolf Klein, Eduard von Winterstein, Josef Klein und Tilla Durieux verkörperten die Hauptrollen mit sicherer und feiner Individualisierung, und in einer humoristischen Episodenfigur tat sich Alexander Tyokowski hervor. Nicht ganz so glücklich waren ein paar andere Rollen besetzt; aber in ihrer Gesamtheit gab die Darstellung das Drama in vorzüglicher Form wieder und tat das Ihrige, um den starken Eindruck des erschütternden Schauspiels noch zu erhöhen. Vermischtes. Wie«. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) Am Sonntag den 4. Dezember l. I., präzise 7 Uhr abends, findet im großen Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, ein Vortragsabend des Vereines statt. Tagesordnung: Vortrag des kais. Rates Adolf Schwarz: „Die sozialen Verhältnisse in Amerika und die Weltausstellung in St. Louis" mit ganz neuen Lichtbildern (Skioptikon). Auch für Damen höchst interessant. Wieu. (Konfirmation.) Herr Isidor Schwarz, Disponent der Firma Clayton & Shuttleworth Ltd., feiert am 3. Dezember d. I., halb 9 Uhr früh, im Leopoldstädter Tempel, II., Tempelgasse die Konfirmation seines Sohnes Hans. A8tkU. (Trauung.) Am 27. v. M. feierte Herr Gottlieb Bettelheim, Obmann des Bethausvereines im IX. Bezirke, die Vermählung seiner Tochter, Frl. Rosa Bettelheim mit Herrn Hans Lemberger, Beamter des Wiener Bankvereines. Die Feier vollzog sich in der Wohnung des Brautvaters. Am halb 3 Uhr nachmittags füllten sich bald die dekorierten Räume des Hauses mit einer distinguierten Gesellschaft, welche Zeugen des Trauaktes waren. Die Trauungszeremonie vollzog der Gemeinde- und Vereinsrabbiner Herr Dr. Gelbhaus, welcher in geistreicher Weise dem Brautpaare ihre Stellung als Ehegatten zueinander präzisierte und die Verdienste der beiderseitigen Familien um die Kultusgemeinde Wiens hervorhob. Oberkantor Kläger brachte einen von ihm zu dieser Feier verfaßten „Miadir" in erhebender Weise zum Vortrag, wobei er von dem vollzähligen Tempelchor unter der bewährten Leitung des Kantors P e k a r n i k unterstützt wurde. Nach vollzogener Trauungsfeierlichkeit begann um 3 Uhr der Gratulationsempfang. Hunderte von Freunden und Bekannten der beiderseitigen Familien fanden sich ein, um die Eltern und das Brautpaar zu beglückwünschen. Unter den Erschienenen bemerkten wir: Frau Baronin G o r n p p, Frau Direktor Popper, Fräulein Irma von Kalaszy, den I. Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, die Kultusvorsteher Salo Cohn, Salo Landau und Architekt Marmorek, Chefarzt und Bezirksrat Dr. M. Schn epp, die kais. Räte Dr. v. H a l a s z y und Lemberger, Direktor Friedländer, Maler Kaufmann, die Architekten Gärtner und Modern, Prof. Joseph S u l z e r, Dr. L. K o h n, Dr. Stern, Dr. Krauß, Dr. Max P o l l a k, die Doktoren Oskar und Paul G r o a g, Dr. Emil Spitzer, Dr. Mittler u. a. m.; ferner erschien zur Gratulation der Vorstand des Bethausvereines im IX, Bezirke unter Führung des Vizepräsidenten Dr. M. S ch n e p p, welcher in einer Ansprache an den Brautvater die großen Verdienste desselben um den Verein und das Judentum hervorhob. Dem Brautpaar überreichte die Deputation eine prachtvolle „Jardiniöre", gefüllt mit Myrthen und Orangenblüten. Dann kamen zu gleichem Vwgehen die Vorstandsmitglieder des israelitischen Wohltätigkeitsvereines im IX. Bezirk, „Frauenhort", geführt von der Präsidentin Frau Rosa Z i f f e r e r. Wien. (Trauung.) Donnerstag den 8. Dezember l. I., um 2 Uhr nachmittags, findet i-n Tempel, II., Tempelgasse, die Trauung des Fräulein Olga Königsberger, Tochter der Witwe Nathan Königsberger, mit Herrn Heinrich Hahn statt. Wien. (Jüdische Toynbeehalle.) Vortragsordnung: Sonntag 4. Dezember. Rev. W. H. Hopkins, Eine Reise im Orient (mit Demonstrationen). Montag: 5. Dezember. Herr H. May: Chemie des Alltags. Dienstag, 6. Dezember. Herr Kolom. F r e u d e r : Jüdische Aerzte im Orient und in Spanien. Mittwoch. 7. Dezember. Diskussion. Donnerstag. 8. Dezember. Dr. Leop. Kahn: Die Makkabäer. Freitag, 9. Dezember. Herr Arthur Schwarz. Bibel-Erklärung. Samstag, 10. Dezember. Konzert. Börserat Theodor Kantor gestorben. In einem hiesigen Sanatorium ist Mittwoch der Börserat Theodor Kantor, nachdem er sich in den letzten Tagen einer Operation unterziehen mußte, gestorben. Kantor war Chef der Bankfirma Theodor Kantor & Ko., Ritter des Ordens der Eisernen Krone und Oberschützenmeister l es Wiener Schützenvereines. Sein Tod hat nicht nur an der Börse, sondern in den weitesten Gesellschaftskreisen lebhafte Teilnahme hervorgerufen. Als Kaufmann war er von den solidesten geschäftlichen Grundsätzen, als Menich von strengster Wahrheitsliebe, scharf ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und nimmermüder Hilfsbereitschaft. Die kleinen Leute an der Börse verfügten m ihm über einen Wohltäter, der gerne und mit vollen Händen gab. Manche Krise der letzten Jahre wäre ohne sein werktätiges Eingreifen für die Koulisse verhängnisvoll geworden. In Zeiten der Not war er stets am Platze und er half ohne Anspruch auf Dankbarkeit, aus reinem Menschlichkeitsgefühl. — Die seltene Sympathie, deren sich der Verstorbene erfreute, kam in der Sitzung der Wiener Börsekammer, der Börserat Kantor durch 18 Jahre angehörte, zum vollen Ausdruck. Der Präsident der Kammer, Vinzenz Miller v. Äichholz, gedachte in den wärmsten Worten der Verdienste und der seltenen persönlichen Eigenschaften des Verstorbenen. Der Regierungsvertreter Hofrat Pöschl schloß sich den Worten des Präsidenten in wärmster Weise an und betonte den schmerzlichen Verlust, den die Kammer ebenso wie jeder Einzelne, der Theodor