Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 788 zionistische Politik nur im Anschluß an das britische Weltreich sich fortentwickeln kann, daß der Zionismus eine organische Verbindung mit dem britischen Imperialismus eingehen muß und wird! Die englische Nation ist das führende Kulturvolk der Menschheit, der Pionnier unter den europäischen Völkern, allen um 1—2 Jahrhunderte voraus und so auch in seiner Haltung unserem Volke gegenüber. Und so wie die Sonne der Judenemanzipation zuerst in England am frühesten aufging, so wie in einem englischen Durchschnittstheologen (trotz aller kirchlichen Benebelung und Finsternis) mehr Verständnis für die Zukunft Israels steckt, als in einem Dutzend deutscher Theologen zusammengenommen, so begrüßten die Briten auch den Zionismus zuerst mit Verständnis und fast brüderlichem Vertrauen. Und so unannehmbar die Anregungen der britischen Regierung in Sachen des Ostafrika-Projektes waren, so soll es ihr jedoch allezeit unvergessen bleiben, daß sie zuerst dem jüdischen Volke einen Beweis ernster, politischer Berücksichtigung und tiefen Verständnisses für seine Staatsbestrebungen gegeben hat. Und daß sie auf diesem Wege, wenn auch nur langsam, fortfahren wird, daran glaube ich so fest, wie an die Realisierung unseres Staatsideals überhaupt. Die Zeit wird kommen im nächsten Jahrzehnt des Jahrhunderts, wo England in Syrien und Palästina fest Fuß fassen wird, fester noch als heute in Egypten und das heilige Land als freies Land, wenn auch als Teil des britischen Weltreichs, einräumen wird. Als Teil des weltumspannenden britischen Reiches, aber frei, nicht halbsouverän, sondern volkssouverän, wird unser Volk und Staat sich im Organismus des gewaltigen britischen Staatengebildes entwickeln, ähnlich den Bundesstaaten im Deutschen Reich und der König von England nicht der Lehnsherr unseres Fürsten sein, wie im alten Deutschen Reich der Kaiser, sondern lediglich dieselbe Stellung ihm gegenüber einnehmen, wie der heutige Deutsche Kaiser gegenüber dem König von Bayern. (Ich verweise übrigens noch auf meine Schrift: „Jerusalem oder Mombassa?", S. 37—38.) — Sind somit die Engländer dereinst unser Bruder- und Bundesvolk, so müssen sie wir heute schon als unser vorbestimmtes Schutzvolk in Europa betrachten und behandeln. Nicht länger in der antisemitischen Luegerstadt, sondern in London, unter dem Zeichen des britischen Banners, nicht in einer Stadt, deren Mauern von dem Echo des „Juden raus!" in toto widerhallen, sondern in der Stadt, in deren Regierungsgebäuden noch heute die Mauern das Echo des erzjüdischen Namens „Disraöli" vernehmlich zurückklingen lassen, muß fortan der europäische Zionismus „residieren"! Dort können unsere provisorischen „Minister" rechtzeitig die Grundlagen schaffen für das dereinst nach Gottes Willen zu konstituierende Bundesverhältnis zwischen Judäa und Britannia! Fordert dieser zweite Grund gebieterisch London als Vorort statt Wien, so tritt noch ein dritter Grund hinzu. Jedem staatsmännisch geschulten Beobachter ist es unzweifelhaft, daß die örtliche Koinzidenz von Vorort und Kongreßort aus vielen Gründen mehr und mehr eine Notwendigkeit wird. Auch wir müffen uns rechtzeitig daran gewöhnen, daß das „Parlament" am Sitze der „Regierung" Zusammentritt. Kann der Kongreßort nicht Vorort werden, so muß der Vorort Kongreßort werden! Und welch geeigneteren Kongreßort in Europa wüßte man auch in rein örtlicher Beziehung als London, wohin die Ruffen, Oesterreicher und Norddeutschen gerade so leicht, die Amerikaner und Engländer aber erheblich leichter gelangen, als nach Basel, und wo auch (ganz abgesehen von der unmittelbaren Nähe der zionistischen Regierung) die gewaltige Weltstadt unserem Parlament ein ganz anderes politisches „Relief" zu bieten vermag, als die Voralpen und die Kantönli-Hauptstadt Basel?! — Eine freundliche Begrüßungsrede des Baseler Regierungsrates ist schön und gut — aber eine Rede des Lordmayors in Guilhall oder eine Gardenparty in St. James Palace uns zu Ehren ist bester! Darum aus drei Gründen sei London die Parole! Erstens, wegen der reicheren Arbeitskräfte und geeigneteren organisatorischen Voraussetzungen im Vergleich zu Wien; zweitens, weil London ohnehin unsere vorbestimmte, dereinstige „Reichshauptstadt" ist; Nr. 49 drittens, weil unser „Reichstag" dort richtiger raten und taten wird als in Basel! Die Wahl Londons zur zionistischen „Residenz"- und „Parlamentsstadt" wird einen Wendepunkt bezeichnen in der Geschichte des Zionismus — den Uebergang von der Ideologie zur Realpolitik! M. de Jonge, Dr. jur. Köln, 6. November 1904. ZweckrniißigeKehrbiicher für den Religionsunterricht. Von Moritz Bader, Oberlehrer in Pohrlitz. In Nr. 40 der „Oesterr. Wochenschrift" wurde die Notwendigkeit der Einführung zeitgemäßer Lehrbücher für den Religionsunterricht in der Volksschule nachgewiesen. Es dürfte für die Förderung dieser hochwichtigen Angelegenheit gewiß von großem Werte sein, wenn nun die Anforderungen, die an ein zeitgemäßes Lehrbuch der Religion zu stellen sind, in eingehenderer Weise besprochen und näher beleuchtet werden. Die Gesamtanlage der gegenwärtig in Gebrauch stehenden Lehrbücher! st fehlerhaft, indem sie dem Alter und der Entwicklungsstufe der Schüler sowie den jetzigen Schulverhältnissen gar nicht oder nur sehr mangelhaft Rechnung trägt. Eine Unmasse von Begebenheiten, Namen, Belehrungen rc. starren dem Schüler aus denselben entgegen, die schon infolge ihrer verwirrenden Häufigkeit dem raschen Vergessen geweiht find. Diese Einrichtung der Bücher datiert noch aus jener Zeit, da der Religionsunterricht in der Schule die breiteste Basis hatte und der gesamte Unterricht zum großen Teile im Dienste desselben stand.' Schon der eine Umstand, daß diese Tatsache gegenwärtig vollständig geändert ist, schließt die weitere Verwendung dieser veralteten Lehrbücher aus und bedingt die Herausgabe neuer Lehrbücher zunächst für die Unterklassen. Hier erscheint die Hauptaufgabe des Religionsunterrichtes, die schlummernden religiösen Gefühle wie: Liebe zu Eltern, Lehrern und Gott, sittliche Begriffe als gut und schlecht, dankbar und undankbar u. s. w. durch Vorführung biblischer Geschichtsbilder und deren Persönlichkeiten zu Wecken. Der Rahmen, in welchen diese Bilder zu fassen sind, damit sie das zarte Kind interessieren, aber auch bleibendes Eigentum desselben werden, ist die Erzählform, daher eine zweckmäßige Auswahl der biblischen Geschichten nach Altersstufen, von welchen alles Unklare, dem unreifen kindlichen Geist-e Unverständliche ferngehalten ist und welche in schlichter, dem Kinde verständlicher Sprache abgefaßt sind, vor allem not tut. Allerdings hilft hier am besten das Bibelwort, das ja in seiner charakteristischen und bezeichnenden Einfachheit geradezu unübertrefflich ist, daher auch nach Tunlichkeit im Lernbüchlein für die Unterklassen verwendet werden soll. Daß hier jede Erzählung in einfache und kurze Absätze gegliedert ist, welche nach Inhalt und Sprache der Auffastungskraft der Anfänger angepaßt sind, ohne daß aber der Zusammenhang der Erzählung als Ganzes verloren geht, ist eine pädagogische Notwendigkeit. Durch eine derartige Einrichtung wird die methodische Entwicklung des Lehrstoffes möglich, der Schüler gewinnt eine rasche und klare Uebersicht und kann zu einer annehmbaren- Wiedergabe des Gelernten erzogen werden, dem Lehrer aber wird die Fragestellung, die wesentlichste Bedingung eines jeden erfolgreichen Unterrichtes, in handgreiflicher Weise zurechtgelegt. Die Namen der biblischen Personen, Orte rc., die wichtigsten Fakten, die sich dem kindlichen Geiste einprägen sollen, hie und da auch eine dem Kinde verständliche Belehrung werden in kurzer und ins Auge fallender Weise als Randbemerümgen jeder einzelnen biblischen Erzählung beigesetzt und ein bezeichnender Kernspruch in der Sprache des Kindes beschließt jede einzelne derselben. Ein Blick in das so eingerichtete Lehrbuch Dr. Llocb's MocbenscbrLtt.