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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Blortz's Wortzrnfchrlf). Seite 787 vom Schicksal beschieden. Erst wenn man also die volle Sicherheit hat, daß die Wohltat der modernen Wissenschaft nicht auch einem Juden, und was noch schrecklicher wäre, am Ende gar einem polnischen Juden zu Gute kommen kann, soll man die Tasche auftun. Das ist christlich-soziale Humanität; das die Humanität jener Partei, die das Wort „christlich" mit besonderer Ostentation in der Firma führt! Nein, das ist ist nicht christlich. Seien wir nur aufrichtig und nennen wir das Kind beim richtigen Namen. Das ist lediglich die Politik der durch eine Schlammwelle des Zeitenstromes in die Höhe und zur Herrschaft gebrachten Borniertheit und Brutalität. Für diese Weltanschauungen besteht die Bevölkerung, zumal die leidende Bevölkerung nicht aus Menschen schlechthin, sondern es werden noch besondere Kategorien aufgestellt, und wo es ein Unglück zu lindern gibt, da ist es nicht die Menschenliebe, die zuerst zu Worte kommt, sondern der Haß. Das ist die christlich-soziale Journalistik, die den breiten Schichten unserer Bevölkerung die geistigen Anregungen bietet. Und dabei steht das Organ Vergani's nicht allein und bildet durchaus nicht einen monströsen Ausnahmsfall. Auch der große Denker und Führer Hermann Bielohlawek hat sein Organ, in dem er wöchentlich seine Leitartikel in Plakatschrift drucken läßt, wobei es fraglich ist, ob deshalb weil die dort niedergelegten Gedanken gar so groß und bedeutend sind, oder so kläglich dürftig, daß ihre Entwicklung nicht ausreicht, auch nur eine Spalte in herkömmlicher Zeitungsschrift zu füllen. Man vernehme, wie dieser Denker und Führer schriststellert. Die Ueberschrift lautet: „Die roten Feiglinge am Rückzuge" und im Kontext heißt es unter Anderem: „Die an der Krepier- Halfter hängende jüdische Sozialdemokratie wollte im Parlamente durch eine große Gemeinheit die Genossen durchs Fenster — aufrütteln". „Zu diesem Behufe ergriff der gemeinste, ordinärste Volksbetrüger dieser Partei, Genosse Gaunerstorfer das Wort, um die Dynastie Habsburg anzuflegeln". Es ist fast überflüssig, anzumerken, daß es der Äbgedrdnete Pernerstorfer ist, von dem hier in so urbanen Wendungen geredet wird, daß er bekanntermaßen kein Jude ist, und daß die Wut des bedeutenden Denkers Bielohlawek sich vornehmlich deshalb gegen ihn wendet, weil er in seiner Rede nachgewiesen hat, daß jene bewußte Anflegelung schon viel früher von Herrn Bielohlawek selber besorgt worden sei. So geht es dann fort in dem sonderbaren „Leitartikel", der doch wohl geeignet ist, ein Denkmal unserer Zeit zu bilden: „Die von den Juden bezahlte rote Horde war über die Wirkung der blöden Rede des roten Renegaten — konsterniert! Der Oberjude der Kanalstrotterpartei" u. s. w. Weitere Zitate dürfen wir uns wohl ersparen. Man hat schließlich sein Reinlichkeitsgefühl. Bemerkenswert ist, daß niemals eine unflätige Beschimpfung ausgestoßen wird, ohne dabei in irgend einer Form die Juden in Mitleidenschaft zu ziehen. Pernerstorfer ist, wie erwähnt, kein Jude; das Judentum hat mit dem ganzen Zwischenfall nicht das Mindeste zu tun, aber der tiefe Denker weiß, wie er sich seinen Leuten, seiner Partei angenehm zu machen hat. Und diese Partei ist bei uns die herrschende! Das Vild wäre zu abgebraucht, wenn wir das Judentum mit dem roten Faden vergleichen wollten, wir entscheiden uns lieber für das rote Tuch. Das tertinm comparat!oni8 klappt da besser. Nun könnte man sagen, daß die tiefe Unbildung solcher Parteiführer eigentlich Alles entschuldige. Gewiß kann man das sagen, wobei aber dann die weitere Frage auftaucht, wie es denn.menschenmöglich sei, daß in unserer Zeit solche geistige und moralische Potenzen im öffentlichen Leben Rollen spielen können. Selbst die Zulassung des angedeuteten Milderungsumstandes wäre jedoch nicht geeignet, die christlich-soziale Partei zu entlasten. Denn ihre gebildeten Elemente sind in der Form vielleicht nicht so banausenhaft, aber in der Sache selbst und in der tiefstehenden Gesinnung ist kaum noch ein Unterschied zu bemerken. Se. Hochwürden der Herr Pater Dr. Heinrich Giese ist sowohl seinem Stande wie seiner Stellung nach — er ist Direktor des katholischen Lehrerseminars in Währing — unzweifelhaft dem Kreise der Gebildeten zuzurechnen. Er hielt jüngst in der Nachmittagsversammlung des katholischen Schulvereins einen Vortrag, in welchem er sich über die geistige Bedeutung Darwin's und Häckel's abfällig äußerte. Das ist sein gutes Recht, wie es unser Recht ist, die geistige Bedeutung der Denker der christlichsozialen Partei, beispielsweise die Herren Hermann Bielohlaweks anzuzweifeln. Bezeichnend ist nur, wie tief selbst dieser gelehrte Herr ad captandam benevolentiam seiner Zuhörer hinabsteigen muß bei Behandlung ernster, wissenschaftlicher Probleme. Er beginnt seinen Vortrag mit folgenden Worten: „Jedesmal, wenn die christlich-soziale Partei einen Schritt vorwärts tut in der Verwirklichung ihres Programms zum Wohle des christlichen Volkes, geht ein Geserres durch die mauschelnde Welt und Sturm heult es gegen die Rückschrittler und Finsterlinge im jüdischen Blätterwalde. Alles, was fich freiwillig oder gezwungen in den Dienst des ungläubigen Jude nt u m s gestellt hat, wird mobil gemacht." Der gelehrte Redner weiß, was er tut. Nicht die Erörterungen über Darwin und Häckel sichern ihm den begeisterten Beifall seiner Zuhörerschaft, sondern die einleitende Hetzrede, die sich zum Standpunkt eines Bielohlawek erniedrigt. Mag was immer auf der Tagesordnung stehen, der Jude wird verbrannt. Schmähung und Verfolgung der Juden — das wirkt immer und damit kann man es bei uns weit bringen. Noch ein paar solche Einleitungen — die Vorträge selbst sind dabei nebensächlich — und der Direktor des katholischen Lehrerseminars in Währing ist der kommende Mann. Wh. Aus der zionistischen Kemegnug. Wien oder London? Nachstehenden, in der Berliner „Jüdischen Rundschau" erschienenen Artikel bringen wir über Wunsch unseren geschätzten Lesern zur Kenntnis. „Im neuesten Hefte der „Welt" vom 4. November macht Dr. Friedemann den Vorschlag, den Sitz des Aktionskomitees nach London zu verlegen. Auf mich persönlich hat dieser Vorschlag gewirkt, wie auf einen Kürasfiergaul, der lange wartend im Stalle stand, das Trompetenfignal: Schwadron marsch! Hört er es auch nur als „Uebung" auf dem Kasernhof, so spitzt er doch freudig die Ohren! — Freilich find die Erwägungsgründe, die mich bestimmen würden, für London als Vorort zu votieren, (ich würde dieses Votum nicht mit der Hartnäckigkeit eines „oetertun censeo“ wiederholen) nur teilweise dieselben, wie die des Gefinnungsgenoffen Friedemann. Der Grund, den er anführt, daß in Wien erheblich weniger zionistische Arbeitskräfte mobilisiert werden können, als in London, ist zwar für jeden, der die heitere Phäakenstadt an der Donau kennt, überzeugend. Männer mit größerer Arbeitskraft, als die Herren vom Aktionskomitee, haben allezeit die capuanifierende Wirkung der Wiener Luft empfunden und fich nur zu oft entschließen müssen, dieses gefährliche Klima ^u verlaßen. Bereits vor langen Jahren schrieb ich in meiner Schrift: „Rudolf von Jhering", an deren Schluß ich auch der Wiener Periode Jherings (1868—72) gedenken mußte: „Die lebhafte Kaiserstadt an der Donau mit ihrer Fülle künstlerischer und wiffenschaftlicher Bestrebungen, mit ihrem reich entwickelten geselligen Leben war bei der vielseitigen Natur Jherings auf die Dauer nicht ohne Gefahr für die literarische Arbeitskraft Jherings und es ist einer der vielen leuchtenden Züge in dem Charakterbilde des Meisters, daß er selbst sie mit dem ganzen Pflichtbewußtsein, das ihm eigen, erkannte und ihr entging. (Er fiedelte nach Göttingen über.)" Immerhin würden Gründe der historischen Kontinuität und auch der Pietät gegen den bahnbrechenden Urheber unserer jüdischen Staatsbewegung dafür sprechen, die Stadt, in der Theodor Herzl sieben Jahre diese Bewegung leitete, auch ferner als zionistische Hauptstadt beizubehalten, wenn nicht zu jenem organisationstechnischen Grunde noch ein zweiter politischer entscheidend hinzuträte. Für mich steht mit der Kraft des Dogmas, des zionistischen „Glaubensartikels", die Gewißheit fest, daß die

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