Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 786 Dr. Mocb's U&ocbenscbrift. Nr. 49 jüdischen Arbeitsvermittlung werden abgelehnt, wenn das Prinzip der Trägheit noch von einem Vorurteile gegen die jüdischen Arbeiter unterstützt wird. Dieses Vorurteil aber, täuschen wir uns nicht, besteht noch an vielen Orten. Es bezieht sich natürlich weniger auf die kommerziellen Angestellten, als auf die Handwerker und nnqualifiziertcn Hilfsarbeiter und Taglöhner, sowie auf das Dienstpersonal. Dieses Vorurteil ist nicht damit abgetan, daß man es als eine Art Ansteckungsfolge des Antisemitismus bezeichnet. Aber es hat mit ihm die geistige Abstammung gemein: Die Neigung, flüchtige Entwicklungsergebnisse für dauernde zu halten, und die Disposition, eingetretcne Veränderungen, neue Erscheinungen inder Entwicklung einfach nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen. In einer nicht allzufern abliegendcn Vergangenheit mag es ja richtig gewesen sein, von einer geringeren Eignung der Juden für Handwerk und schwere Handarbeit zu sprechen. Die geschichtlichen Ursachen dieses Mangels sind ja bekannt. Heute ist eine derartige Behauptung eine deplazierte Phrase, wirklich nur für antisemitische Zungen gut genug. Es ist selbstverständlich, daß eine mehrhundertjährige Tradition nicht in wenigen Jahren vollkommen paralysiert sein kann, — namentlich dort nicht, wo, wie im Westen, die einheimischen Juden wegen ihrer verhältnismäßig geringen Zahl wenig in die Notwendigkeit kommen, den kaufmännischen Beruf, in welchen sie sich schon seit Jahrhunderten eingelebt haben, zu verlassen. Aber immerhin hat die industrielle Entwicklung auch hier eine gehörige Anzahl einheimischer jüdischer Arbeiter geschaffen, die ihren Mann stellen und zumindest nicht schlechter sind, als ihre nichtjüdischen Kollegen. Das sehen auch schon viele jüdische Arbeitgeber ein und das beklagenswerte Vorurteil verliert an Boden. Allein, damit ist der jüdischen Arbeitsvermittlung noch nicht ganz geholfen. Denn, um den Arbeitgeber daran zu gewöhnen, daß er sich bei Arbeiterbedars an den jüdischen Nachweis wende, genügt es nicht, ihm gute jüdische Arbeiter, wenn man sie gerade hat, zu verschaffen. Mau muß vielmehr in der Lage sein, ihm jederzeit, wenn er Arbeiter braucht, und mit allen Kategorien, die er verlangt, zu dienen. Sonst wird er leicht verdrießlich, ungeduldig und mißtrauisch gegenüber der Leistungsfähigkeit des jüdischen Arbeitsnachweises. Er gerät leicht in Versuchung, das Kind mit dem Bade ausznschütten, d. h. auf jüdische Arbeiter überhaupt zu verzichten, wenn er nicht so viele und so mannigfaltige, als er jeweils benötigt, haben kann. Die jüdischen Arbeiter geraten so in Gefahr, trotz ihrer individuellen Arbeitstüchtigkeit und Arbeitswilligkeit und trotz reichlicher Arbeitsgelegenheit keine Arbeit zu finden, — einfach deshalb, weil mehr Arbeitskräfte gebraucht werden, als sie repräsentieren und schon wegen der Geringfügigkeit der jüdischen Bevölkerung repräsentieren müssen. Aus diesem Umstande erwächst dem jüdischen Arbeitsnachweise eine neue Schwierigkeit, über die er nur mit dem Aust wände seiner ganzen Propagationskraft siegreich hinwcgkommt, wobei ihm das allmächtige Anwachsen der jüdischen Arbeiterschaft zu Hilfe kommt. Dieses selbst ist außer anderen Umständen auch dem Zufluß jüdischer Arbeiter aus dem Osten, die sich durch ihre echte, stramme Arbeiterart rasch beliebt gemacht haben, zuzuschreiben. Und wir werden so Zeugen einer insoferne interessanten Gestaltung der Dinge, als wir die' sonst so gefürchtete Einwanderung, wenigstens in den bisherigen Grenzen, auch wohltätig wirken sehen. Daß die Leistungsfähigkeit des Arbeitsnachweises erhöht wird, die Arbeitgeber öfter zufriedengestellt werden, kommt auch den einheimischen jüdischen Arbeitern zugute. Doch trägt der Arbeitsnachweis selbst das Meiste dazu bei, daß die jüdische Arbeiterbevölkerung zunimmt und sich immer mehr differenziert. Er übt nämlich eine bedeutende erziehliche Wirkung aus, nicht etwa durch billige und nutzlose Moralpredigten, sondern dadurch, daß er ratlosen Existenzen neue, bisher von Juden kaum kultivierte Arbeitsgebiete eröffnet und daß er durch den Hinweis auf die jüdischen Pionniere solcher Arbeiten diesen immer neue Adepten gewinnt. So kann sich z. B. der Wiener jüdische Arbeitsnachweis die starke Verwendung jüdischer Hilfsarbeiter im Baugewerbe als sein eigenstes Verdienst anrechnen. Nach dem Gesagten ist es leicht herauszufinden, worin sich allgemeiner und jüdischer Arbeitsnachweis methodisch unterscheiden, worin d;r letztere das Mittel findet, um die ihm entgegenstehenden besonderen Schwierigkeiten zu besiegen. Im Priuzipe der Individualisierung! Gewiß kann auch er nicht eines gewissen Quantums sozusagen Fabriksarbeit entbehren; es wäre dies auch nicht wünschenswert, da dadurch die Wirkung in die Breite verloren ginge. Aber er wird, soferne er seinen Zweck erfüllen, soferne er Zukunft haben will, immer darauf bedacht sein müssen, jeden einzelnen Mann auf den richtiger! Platz zu stellen, geradezu peinlich darauf zu achten haben, daß jede einzelne Kraft zur Mehrung des guten Rufes jüdischer Arbeit ausgenützt werde. So stellt denn die richtig geleitete Tätigkeit des jüdischen Arbeitsnachweises im Kleinen die große Synthese dar, welche den Charakter der aubrechenden neuen Zeit ausmacht: die Synthese zwischen Massen- und Jndividualbedürfnis. Sie ist eine Tätigkeit, des Lebens voll, — und kein Jude, der Anspruch darauf macht, mitten im Leben der jüdischen Gemeinschaft und im Gesamtleben unserer Zeit zu stehen, wird ohne Interesse und ohne den Wunsch der Anteilnahme an dieser Arbeit vorüber gehen dürfen. Z. L. „Ghristlich-Koziate KUiterr." „Die Taschen zu!" Das „Deutsche Volksblatt" ist es, das diesen Warnungsruf ertönen läßt. Man wird doch aufmerksam, wenn man diesen Ruf hört. Man fühlt sich beunruhigt. Es ist beinahe, als hätte jemand den Schrei ausgestoßen: „Haltet den Dieb!" Man stutzt unwillkürlich, selbst wenn es das „Deutsche Volksblatt" ist, das diesen Ruf ausstößt, /Änd dann vielleicht erst recht. Was ist los? Um nordische Reisebriefe handelt es sich nicht, für welche Herr Vergani eine besondere Schwäche hat. Hat er doch bekanntermaßen Sensation zu erregen gewußt als „Verfasser" von Briefen, die nicht e r geschrieben. Es handelt sich aber nicht um literarischen Diebstahl, es ist etwas Anderes, etw.is ganz Anderes. Es wird die Werbetrommel gerührt zu Gunsten der Sicherung und Ausgestaltung einer Heilstätte für Lupuskranke. Das ist ein Werk der Menschlichkeit. Unsägliches Elend soll an dieser Stätte gemildert werden. Die Lupuskranken galten bisher für verloren und verfallen, und ihr Los ist weit entsetzlicher, als das anderer unheilbar Kranker. Es ist nicht der Tod, hier wie dort im Aspekt, der so erschütternd wirkt, sondern das grauenvolle Leben, zu dem sie verurteilt sind. Freilich hier wie dort ein Siechtum ohne Hoffnung, aber hier doch tausendmal schlimmer, die Hölle auf Erden, weil der Leidende ohne Liebe und ohne Pflege langsam hinstirbt. Seine Mitmenschen meiden, fliehen ihn. Er sollte womöglich wie das waidwunde Wild das Dunkel des dichtesten Waldes aufsuchen, uin dort endlich den letzten, den erlösenden Atemzug zu tun. Ein Segen, der nicht zum Ausdenken ist, kann von einer solchen Heilstätte ausgehen, in welcher der moderne Geist, Menschenliebe und Wissenschaft ihre schönsten Triumphe feiern. Wie erklärt sich nun der Alarm- und Warnungsruf, der zur Vorsicht mahnt. Es ist das Organ Vergani's, das ihn in die Welt hinausschmettert, ein rauhes Organ. Die Sache ist die: es könnte dort ein Leidender Aufnahme, vielleicht Heilung finden, ohne daß er zuvor um seinen Taufschein gefragt worden wäre. Deutsch und deutlich gesprochen: es könnte auch ein Jude sein! Das Blatt Vergani's ahnt schreckliche Gefahren. Es könnte dort so werden, wie es im allgemeinen Krankenhause ist, wo auch die zugereisten reichen polnischen Juden der armen Bevölkerung den Platz wegnehmen. Es ist wahr, das hervorstechendste Merkmal der polnischen Juden ist ihr Reichtum. Sie führen ein schwelgerisches Leben und taumeln von Genuß zu Genuß. Ein so üppiges Dasein ist gar keinem anderen Menschenschlag