Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr-4» inn Bloch’s Jahr-«»- HI T Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Wie«, A. Dezember 1904. - > 4- - Erscheint jeden Freit ag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegrannn-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. *-.- . — *! A. ft. Postsparcaffril-Amt j Clearing-Verkehr i Nr. 810.976. Redarlion und Administration! Wien 1X/1, Verggasse Nr. 39. i Telephon Nr. 14.847. ■ ' -K Iudenthums. U- »rrnjisprei» fttr Sesterrrtry L-a^jährig 8-Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 « Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Jüdische Arbeitsnachweise. — „Christlich-SozialeWlüten." — Aus der zionistischen Bewegung. — Zweckmäßige Lehrbücher für den Religionsunterricht. — Eine abfällige Aeußernng über Lehrer. — Korrespondenzen: Wahlen in den Wiener israelitischen Kultusvorstand. David Ritter von Gutmann. Generalversammlung des Vereines für Arbeitsnachweis. Wien. Aus der Gemeinde Baden. Ein Gedenkblatt für Alfred Benvenisti. S. Hammerschlag. Salomon Sternthal de Nagypel. Prag, Mähr.-Weißkirchen, Köln, Berlin. — Vermischtes: Wien, Wien-Fünfhaus, Wien-Ottakring, Börserat Kantor gestorben. Brünn, Graz, Pilsen, Nachod. Zur Statistik. Pohrlitz, Berlin, Paris, London, Zürich. — Feuilleton: Zum Ehanuka-Fest. Warum? Darum! — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Jüdische Arbeitsnachweise. Die Einrichtung öffentlicher, nicht gewerbsmäßiger Arbeitsnachweise hat sich in den letzten Zeitläuften ungemein rasch entwickelt. Die anfangs wenig beachteten Anstalten wußten sich einen ersten Platz auf dem Arbeitsmarkte zu verschaffen. Einerseits mußte der wachsende Industrialismus sowie die Massenhaftigkeit des Kleinbetriebes in der Großstadt den engen Rahmen privater erwerbsmäßiger Arbeitsvermittlung sprengen. Andererseits konnte sich auch das wachsende soziale Bewußtsein der Arbeiter und Arbeitersreunde immer weniger damit absurden, daß die Arbeitsnot noch zur Schröpfung der Arbeitsuchenden ausgenützt werde. Diese beiden Umstände haben es auch verhindert, daß die Arbeitsnachweise von ihrer Höhe als Wohlfahrtsinstitute zu vulgären Wohltätigkeitsanstalten herabsanken. Und je vielseitiger und breiter ihre Tätigkeit wurde, desto mehr konnten sie und durften sie sich auf dieser Höhe erhalten. Es gibt nichtsdestoweniger noch viele Leute, die den Wert der Arbeitsnachweise nicht zu erfassen vermögen. Allerdings wer in ihnen sozial-ökonomische Allheilmittel sucht, muß enttäuscht werden. Die Arbeitsnachweise sind gewiß nicht berufen, die soziale Frage zu lösen. Aber innerhalb der einmal gegebenen wirtschaftlichen Ordnung stellen sie, was Arbeitsangebot und Nachfrage betrifft, förmlich das Ei des Kolumbus dar. Sie sind, consequent durchgeführt und ausgestaltet, fähig, die Anarchie auf dem Arbeitsmarkte zu beseitigen. Sie bringen aus die einfachste Weise der Welt das Prinzip zur Geltung, daß alle Arbeitgeber, die Stellen zu vergeben haben, von allen Arbeitern, die entsprechende Stellen suchen und alle diese von allen jenen erfahren sollen. Sie sind geschaffen, um dem tiefbeschämenden Zustande ein Ende zu machen, daß suchende Arbeitgeber und suchende Arbeitnehmer an einander vorübergehen, ohne zu ahnen, daß sie, was sie suchen, einander gegenseitig bieten könnten. Es ist nun aber selbstverständlich, daß bei der Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit der gesellschaftlichen Interessen die Zentralisation, wie sie im Prinzipe der Arbeitsnachweise liegt, auf mannigfache Hemmnisse stößt und, bisher wenigstens, kaum vollkommen hergestellt werden konnte. Da ist zunächst der Gegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern selbst. Wiewohl gerade auf dem Gebiete der Arbeitsvermittlung durch ausdrückliche Vereinbarungen oder stillschweigendes Uebereinkommen mehr gemildert als auf anderen Gebieten, durchbricht er dennoch mannigfach das erwähnte Prinzip. Davon legen die Branchennachweise der Genossenschaften einerseits und Gewerkschaften andererseits Zeugnis ab. Ein anderes Beispiel bildet die gewohnheitsmäßige Inanspruchnahme erwerbsmäßiger Vermittler und des Inserates. Aber auch Gegensätze ganz anderer als wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Natur können zur Durchbrechung des allgemeinen Zentralisationsprinzipes führen. So namentlich, wenn eine Bevölkerungsschichte vermöge ihrer Abstammung und ihres Bekenntnisses so eingewurzelten Vorurteilen begegnet, daß für ihre Arbeiter der zentrale Nachweis nichts tun kann oder will. In diesem Falle befinden sich in den großen Mittelpunkten des gewerblichen und geschäftlichen Lebens fast allenthalben die Juden. Dann bleibt nichts anderes übrig, als gesonderte jüdische Arbeitsnachweisstellen zu schaffen. Und dies ist auch mancherorts schon geschehen. Im großen Maßstab und nach durchaus modernem Zuschnitt bisher nur in Wien*). Der jüdische Arbeitsnachweis, der seiner Aufgabe entsprechen will, muß zunächst die Vorbedingung aller Arbeitsnachweise erfüllen, d. h. für die jüdische Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft dieselbe zentrale Bedeutung erlangen, wie ihn ein allgemeiner, staatlicher oder städtischer Arbeitsnachweis für die gesamte Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft besitzt. Nun hat er aber auf dem Wege zu diesem Ziele ganz eigene Widerstände, die den allgemeinen Arbeitsnachweisen fremd find, zu überwinden. Ihm steht nicht nur die Macht der Gewohnheit, die sich gedankenlos des „Kleinen Anzeigers" oder der privaten Vermittler bedient, gegenüber. Er hat auch mit dem Umstand zu rechnen, daß der aus der Zugehörigkeit zum Judentum sich ergebende Nachteil nur den jüdischen Arbeitnehmer, den jüdischen Arbeitgeber fast nie trifft. Der jüdische Stellesuchende wird zurückgewiesen, der jüdische Arbeitgeber bekommt Arbeiter genug. Schon die bloße Gelegenheit wirkt hier den Bestrebungen der jüdischen Arbeitsnachweise entgegen. Und die Gelegenheit wird um so leichter ergriffen, je mehr einzelne Arbeitgeber zur Bequemlichkeit neigen. Die Gelegenheit wird sogar ausgesucht, die Angebote der *) Der Wiener „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" hatte letzten Samstag seine d. ordentliche Generalversammlung, über die wir an anderer Stelle des Blattes berichten.