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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seiti 780 Dr. JBlocb s MlocdenscdrM. Nr. 48 Dr. W. Pappenheim. Der Ausschuß, welcher sofort zusammentrat, wählte zum Vorsitzenden Dr. Alfred Stern, Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, zum Schatzmeister Emil Horn°r, Prokuristen des Hauses Rothschild, zum Schriftführer Dr. F. E. Wcisl, Vizepräsidenten der Oesterr. Kolonialgesellschaft. Auch wurde die Wahl des Oberrabbiners Dr. Güdcmann zum Ehrenpräsidenten in Aussicht genommen. Der jüdische Kolonisationsverein vereinigt in seinem Ausschuß die Vertreter sämtlicher Gruppen der Wiener Kultusgemeinde, deren gemeinsames Werk er ist. Beachtenswert ist es, daß die erste Anregung zu seiner Begründung von den Leitern der Gemeinde ausaegangen ist. Die neue Organisation dürfte also wesentlich zur Verbreitung der Erkenntnis beitragen, daß das jüdische Kolonisationswerk eine Aufgabe bildet, an deren Lösung sämtliche jüdische Großgemeindcn durch ihre offiziellen Vertretungen sich zu beteiligen verpflichtet sind und die nur auf diesem Wege tatsächlich durchgeführt werden kann. Eine Raschi-Stiftung. Der hochverdiente Forscher Herr Salomon B u b e r in Lemberg versendet einen Aufruf, welcher von allen Freunden der jüdischen Geschichte und Wissenschaft mit Freuden begrüßt wird. Im Laufe dieses Jahres wird das achte Säkulum nach dem Tode Raschi's sich vollenden und es gilt, diesen Gedenktag würdig zu begehen. Herr Salomon Buber selber hat eine größere Zahl interessanter Raschi-Manuskripte erworben und bereitet dieselben zum Drucke vor. Zweifellos wird er sich dadurch neuerdings ein großes Verdienst erwerben. Es gilt aber auch, eine dauernde Raschi-Stiftung zu gründen, um die Erinnerung an diesen Gedenktag festzuhalten. Diese Anregung wird auch vom Grand-Rabbin Zadok Kahn in Paris in einem besonderen Schreiben unterstützt. Herr Salomon Buber wendet sich daher in einem hebräisch geschriebenen Aufruf an alle jüdische Gemeinden und Rabbiuen, sowie an alle Freunde und Gönner der jüdischen Literatur um Beiträge für diese Raschi-Stiftung. Herr Salomon Buber selber hat dreihundert Kronen gezeichnet. Etwaige Zuschriften sind zu senden an die Adresse: Salomon Buber in Lemberg. 28iett. (Jüdische Toynbeehalle.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 20. November 1904. Sehr geehrter Herr Doktor! Der von Ihnen in Nr. 47 in der „Oesterreichischen Wochenschrift" gebrachte Artikel „Jüdische Toynbeehalle" veranlaßt mich als Vorstandsmitglied derselben, und obgleich ich, oder gerade weil ich der zionistischen Partei nicht angehöre, Einiges richtig zu stellen, und ich erwarte mit Sicherheit, daß Sie meinen Zeilen in Ihrem geehrten Blatte Raum geben werden. Die Toynbeehalle ist nicht durch die Leitung des Rektors Dr. Schwarz, den ich persönlich nahezu gar nicht kenne, materiell so heruntergekommen, sondern durch den Jndifferentismus von hiesigen Glaubensgenossen, die diese so überaus wohltätige Anstalt nicht genügend unterstützten, so daß jedes Jahr ein größeres Defizit entstand, welches übrigens von Herrn Johann Kremenetzky in höchst vornehmer Weise aus eigenen Mitteln gedeckt wurde. Da dieser Zustand aber ein unhaltbarer war, hat sich der israelitische Humanitätsverein „Einracht" der Toynbeehalle angenommen und infolge eines freundschaftlichen Uebereinkommens mit dem bisherigen Vorstand den größten Teil der Vorstandsstellen mit seinen eigenen Mitgliedern besetzt. Ich bemerke dies deshalb, weil man nach Ihrem Berichte glauben müßte, daß die bisherigen Leiter der Anstalt gestürzt und nur 2 derselben wiedergewählt wurden. Dies ist durchaus nicht der Fall. Wir haben, obgleich wir die Majorität bei der Generalversammlung hatten, diese zwei sehr verdienten früheren Mitglieder deshalb gewählt, weil wir Wert darauf gelegt haben, auch Zionisten in unserem Vorstand zu haben, denn obgleich die Anstalt selbst mit Zionismus nicht das Geringste zu tun hat, so ist sie doch unbestritten eine sehr verdienstvolle Gründung dieser Partei, und wenn wir dieser Letzteren auch nicht angehören, werden wir doch immer daran denken, daß sie die Anstalt ins Leben gerufen und damit der Humanität einen hervorragenden Dienst geleistet hat. Gestatten Sie mir noch die Bemerkung, daß Herr Rektor Dr. Adolf Schwarz in der Generalversammlung zum Ehrenmitglied der jüdischen Toynbeehalle ernannt wurde. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichne ich ergebenst Max Frank. Nachschrift der Redaktion: Indem wir vorstehende Zuschrift wörtlich abdrucken und somit der Pflicht der Loyalität genügt haben, konstatieren wir andererseits, daß der Inhalt dieser Zuschrift mit den von uns in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" publizierten Bericht über die Vorgänge nicht nur nicht im Widerspruch, sondern in voller Uebereinstimmung ist. Wir haben konstatiert, daß das segensreiche Institut der Toynbeehalle, welches, obwohl von Zionisten in's Leben gerufen, bald nach seinem Entstehen in allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft mit warmen Sympathien begrüßt worden, später unter der Leitung des Rektors Dr. Adolf Schwarz einem allgemeinen „Jndifferentismus der hiesigen Glaubensgenossen" begegnete. Mehr wurde nicht behauptet, aber diese Tatsache durfte nicht verschwiegen werden. In seiner Eröffnungssprache sagte der Rektor selber, die Einberufung der Versammlung habe sich verspätet, weil man nicht wußte, ob man zu einer Beerdigungsfeier oder zu einem Wiederauferstehungsfest zu rüsten habe. Herr Johann Kremenetzky hat für das Institut große Opfer gebracht und es ist ohnehin bekannt, daß er für jede gute Sache Opfer zu bringen bereit ist. Die Ernennung des Rektors Dr. Schwarz zum „Ehrenmitglied" der Toynbeehalle haben wir allerdings zu melden unterlassen, wir begrüßen sie aber natürlich mit derselben Genugtuung, mit welcher die Jünger und Hörer der Jüdischtheologischen Lehranstalt die Ernennung des Herrn Rektor Dr. Ad. Schwarz zum „Ehrenmitglied" jener Anstalt begrüßen möchten. Prag. Im „Hotel Central" veranstalteten vorige Woche die Ortsgruppen Prag, Smichow und Weinberge des galizischen Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung einen zahlreich besuchten Vortragsabend, bei welchem der Sekretär des Hilfsvereines, Magistratssekretär i. R. Dr. Wilhelm L ö w y aus Wien, den Bericht über die bisherige Tätigkeit erstattete. Der Vortragende leitete seine fesselnden Ausführungen mit einem Dank für das zahlreich erschienene Publikum ein und besprach dann die Lage der Judenschaft in Galizien. Zwei Dritteile der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs leben in Galizien und von diesen etwa drei Viertel in bitterster Not. Der dort systematisch betriebene Antisemitismus dränge die Juden aus allen Gebieten des Erwerbslebens zurück und veranlasse dadurch einerseits das Zuwandern der Juden vom Land in die Städte und dadurch neues, womöglich noch verschärftes Elend, andererseits die Auswanderung nach dem Westen und nach überseeischen Ländern. Es sei kein Wunder, wenn unter so tristen Verhältnissen die Moral Schaden leide. Die Sterblichkeitsziffer unter den Juden, die im übrigen Oesterreich 15 betrage, sei in Galizien auf 20 gestiegen. Es sterben also in Galizien jährlich 40H0 Juden an der Armut. Diese Verhältnisse zu bessern und Hilfe zu bringen habe sich der im Jahre 1901 gegründete Hilfsverein zum Ziele gesetzt. Der Vortragende schilderte die segensreiche Tätigkeit dieses Vereines, die nicht in der Unterstützung durch Almosen bestehe, sondern in Schaffung von Arbeitsgelegenheit. Man bemühe sich, Unternehmer zu finden, die bereit sind, in Galizien irgend eine Industrie, womöglich mit Heimarbeit, zu begründen, deren Erzeugnisse, um die heimische Industrie nicht zu schädigen, exportfähig sein müssen. Wenn sich ein solcher Unternehmer findet, werde er von dem Verein subventioniert. Auf solche Weise sei es gelungen, verschiedene Industriezweige im Laude unter der jüdischen Bevölkerung einzubürgeru. Redner nannte die Haarnetzindustrie, die Spitzenklöppelei, die Erzeugung von Metalltäschchen, Fezquasten und die Häkeleischule in Krakau. Zahlreiche arbeitswillige Menschen haben so Arbeit und Brod gefunden.

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