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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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N. 48 Dr. Mocv s Mwcdenscvrm. Gene 775 Liebe zum Gesamtjudentum, und dieses Gefühl ist leider nicht so oft vorzufinden, als es vorzufinden sein sollte." Nach einer Erläuterung dieses Satzes fährt Redner fort: „Der mächtige Baum des Judentums wurzelt fest auf Religion, Sprache und Nationalität, und bei jeder Bestrebung, welche dahin geht, diese Wuseln zu kräftigen, werden Sie mich finden in der Förderung dieser Bestrebung, und bei jedem Versuche, diese Wurzeln zu schädigen, werden Sie mich finden als energischen Gegner, und sei es auch der nächste Parteimann, wenn er nicht anerkennt die Notwendigkeit der Zusammenfassung der Religion, Sprache und Nationalität. Meine Stellung bezüglich der Bethausfrage, der Schulfrage und bezüglich des Armenwesens will ich folgendermaßen spezialisieren. Ich stelle in erste Linie die Bethaussrage aus einer Pflicht der Dankbarkeit gegen jene Männer, welche in entlegenen Stadtteilen Bethäuser errichtet haben, in täglichem Kampfe und unter großen Mühseligkeiten. Den Wünschen dieser Gruppe von Mitgliedern unserer Gemeinde die größte Aufmerksamkeit zu schenken, ist nur eine Pflicht der Dankbarkeit. Was die Schulfrage anbelangt, möchte ich da an ein Ereignis aus den Siebziger-Jahren erinnern. Damals war der Liberalismus Trumpf und die Flut der All-Liebe war groß; Uebertritte von einer Religion zur anderen, Uebertritte zum Judentum waren nicht selten. Da kam eines Tages eine Deutsche zum Rabbiner Jellinek, erklärte ihm den Entschluß, zum Judentum übertreten zu wollen, und bat ihn, er möge ihr in einem kurzen Satze den Inhalt und die Wesenheit des Judentums bekanntgeben, und, sich anlehnend an den Ausspruch des Rabbi H i l l e l, sagte er, es genüge, täglich dreimal zu sagen: „Unser Gott ist einzig." Diese Antwort war nicht richtig, sie war unvollständig. Sie werden sich erinnern, was unsere Väter gelehrt haben. Es kam einst ein Grieche zu Rabbi S ch a m m a i und bat ihn, er möge ihm den Inhalt und die Wesenheit des Judentums in so kurzer Zeit, als er sich stehend auf einem Beine erhükten könnet beibringen.Zornig wies ihn Rabbi Schamm'cri von sich, in dieser Bitte eine frevelhafte Zumutung erblickend. Der Grieche ging zu Rabbi Hillel; dieser, der durch Sanftmut: und Geduld ausgezeichnet war, sprach: ich werde Dir den Inhalt des Judentums in einem Satze sagen: Schema ji’sroel adonai elanhenu adonai echod. — Es war ein Grieche, er sprach aramäisch zu Hillel und Hillel antwortete nicht griechisch, auch nicht in der landesüblichen aramäischen Sprache, sondern hebräisch*). Die National-Religion erfordert die Nationalsprache, sie gehören zusammen und lassen sich nicht trennen, und ich erkenne denjenigen nicht als vollwertigen Juden an, der nicht sein Gebet mit Verständnis in der Nationalsprache zu Gott erheben kann. Wenn der Deutsche, Czeche und Pole zu seinem Gotte in lateinischer oder griechischer Sprache betet, hat es nichts auf sich, sie beten nicht zum Gotte ihrer Väter; wenn wir zu unserem Gotte beten, ist es der Gott unserer Väter und zu ihm müssen wir in der Sprache unserer Väter beten. Damit habe ich die Frage der Schul» gelöst. — Wir müssen solche Lehrer haben, welche unsere Kinder lehren, mit Verständnis in der Sprache unserer Väter zum Gotte unserer Väter zu beten. *) Das ist ein Irrtum und eine bedauerliche Verwechslung. Im Markus-Evangelium heißt es allerdings, Kap. 12, V. 29 u. 30: Jesus wurde von einem Pharisäer befragt: „Welches ist das allererste Gebot? Jesus antwortete ihm: Das allererste Gebot ist: Höre Israel, der Herr Dein Gott ist einzig. Und Du sollst lieben den Herrn Deinen Gott vom ganzen Herzen . . Dementsprechend erscheint dieser Satz auch im christlichen Katechismus als „Hauptgebot". Hillel dagegen — er und Schammai werden übrigens niemals mit dem Titel Rabbi zitiert — hat dem Heiden auf sein Verlangen, er möge ihm die ganze Thora lehren, während er auf einem Beine stehend sich erhalten könne", (diese Phrase kommt auch bei Horaz Sat. 1. 4, 9 und 10 vor, versus diotadat, 8taus xeäe in uuo) — Hillel hat auf dieses Verlangen dem Heiden den Satz eingeschärft: „Was Dir unlieb ist, füge Deinem Nebenmenschen nicht zu. Das ist aller Inhalt der Thora." Und Hillel lehrte diesen Satz selbstverständlich auch nicht hebräisch, sondern in aramäischer Mundart. Vergl. Sabbath 31a. Die Redaktion. Das Armenwesen ist so zutreffend von unserem verehrten Dr. F i a l l a gekennzeichnet worden, daß es wirklich schade um die Zeit wäre, noch viel Worte darüber zu verlieren. — Er hat es mit begeisternder Schärfe auseinandergesetzt: Notwendigkeit der Konzentration der Kontrolle und Dezentralisation der Verteilung. — Ich habe nichts hinzuzufügen als die Bemerkung, daß auch dies im jüdischen Geiste geschehen müsse. Wie der Gott unserer Väter ein anderer ist als der Gott anderer Väter, so ist auch das Armenwesen des Juden grundverschieden von dem anderer Völker. — Bei uns gibt es kein Almosen, kein Wohltatenerteilen, bei uns gibt es Zedoko: Gerechtigkeit, und bei uns gibt es kein Tugcndüben, indem man einen armen Bruder unterstützt, bei uns gibt es Mizwoh: Gebot. — In diesem Sinne muß das moderne jüdische Armenwesen geschlichtet werden. Das, meine Herren, ist mein Programm. (Lebhafter Beifall.) Herr Wilhelm Pappenheim ergreift das Wort, um zu sagen, wie er sich für Wien die Ausgestaltung der drei Säulen des Judentums: „Thora", „Awoda" und „Gemilas- Chassodim" denke. Richtige Wahl der Religionslehrer und Aufrollen der gesamten Frage des jüdischen Schulwesens wären nötig. Bezüglich „Awoda" stehe Redner auf dem Standpunkte, daß sowohl für konservative Glaubensgenossen durch die rituellen Einrichtungen, als für die freisinnigen durch Hervorkehren des philosophisch-ethischen Inhaltes des Judentums gesorgt werden müsse. Herr Pappenheim ist weder für Ausschalten der Wohlfahrtseinrichtung aus der Gemeindeverwaltung, noch für eine die finanzielle Gebarung erschütternde Ueberrreibung, wie sie öfter propagiert wird. Weder Verknöcherung, noch Affimilierung, sondern Hochhaltung der jüdischen Solidarität ohne politisch sein sollende, in Wirklichkeit aber höchst unpolitische Phrase, Kampf mit modernen Waffen für das uralte Ideal Israels, Glaubenstreue und Pietät, dafür möge eingestanden werden! Herr Pappenheim schließt lebhaft akklamiert. Herr Dr. Schreiber, ein Redner von zweifellos ungewöhnlicher Begabung, bespricht mit großer Anerkennung die tüchtigen Leistungen des Beamtenpersonales in der Verwaltung des Wiener israelitischen Gemeinwesens, mit dem trefflichen Sekretariat an der Spitze, und plaidicrt mit großem Nachdruck für eine Revision des Gemeindestatutes, welches den geänderten Verhältnissen nicht mehr gewachsen ist. Die Wiener jüdische Gemeinde zählt jetzt bereits 160.000 Seelen und ihr Wohl und Wehe soll von einer Korporation abhängen mit nur 36 Mitgliedern. Mit der steigenden Zunahme der Bevölkerungszahl muß auch die Organisation des Vorstandskollegiums entsprechend geändert und erweitert werden. Zum Schluffe mahnt der Redner unter Zustimmung und wiederholtem Beifall der Versammlung, an die brennende Wunde desPolnaprozesses nicht zu vergessen. Dieser Prozeß, welcher eine Schmach für Oesterreich ist, hat uns Juden eine Aufgabe gestellt, alles aufzubieten, um dieses Unrecht zu sühnen. Redner erwartet vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien, daß er an diese Aufgabe nicht vergesse, und er erachte es für nicht unangebracht, in dieser Versammlung an diese Pflicht zu mahnen. Nun kam die scharfe und allerschärfste Opposition zu Wort. Wähler Herr Moritz Baum unterzog alle Verwaltungszweige der Gemeinde, insbesondere die synagogalen Funktionen einer harten Kritik. Insoweit, als der Redner substantiierte Tatsachen vorbrachte, unterließ der Präsident Dr. Alfred Stern nicht, die Tatsachen richtigzustellen und die Beschwerden zu widerlegen. Unter großer Unruhe und wiederholten Unterbrechungen besprachen die Wähler Ingenieur Hirsch und Ingenieur Löwenbein den Einzelfall einer Arbeitsvergebung, die sie öffentlich tadeln zu müssen glaubten. Trotz ausführlicher Aufllärung, welche der Vorsitzende ihnen prompt zu erteilen in der Lage war, erneuerten die Redner ihre Anschuldigung. Herr S. B r o d, der Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, erklärte, daß die genannten Redner nichl im Aufträge seines Vereines gesprochen haben.

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