Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 774 jdr. JBiocb's Mocvenscvrttt. Nr. 48 Gegner im Sinne des Redners entschieden fortentwickelt hätten. Ern Symptom hierfür wäre die Ehrung gewesen, welche die Wiener Kultusgemeinde den Manen Dr. Herzl's erwiesen habe, was eine gerechte Würdigung dieses großen Juden gewesen sei, der die einzige weitausgreifende und zukunftverhcißende Politik für sein geliebtes Volk betrieb und unter der übermenschlichen Arbeit als Märtyrer der Liebe zu seinen Brüdern zusammenbrach. Trotz dieser günstigen Symptome habe sich Redner bis in die letzte Stunde strikte geweigert, das ihm angebotene Mandat für den Kultusvorstand anzunehmen. Denn die Arbeit für seinen Beruf und vor allem die Arbeit, die er bekanntermaßen an anderer Stelle zum Wohle des Judentums gewissenhaft betreibe, seien Last genug für seine Kräfte. Wenn er aber in letzter Minute sich doch umstimmen ließ, so sei das auf den Umstand zurückzuführen, daß bei der ersten Nennung seines Namens unter den Kandidaten gehässige Verdächtigungen und Verleumdungen gegen ihn entstanden seien, die sich an den Umstand knüpften, daß ihm von der Kultusgemeinde eine in sein Fach schlagende Arbeit, aus der er keinen Vorteil ziehe, übertragen worden sei. Gewohnt, jeder Verdächtigung Aug in Aug entgegenzutreten, habe Redner gerade deshalb seiner Kandidatur zugestimmt, um jedem Gegner Gelegenheit zu geben, seine Anwürfe vor der Oeffentlichkeit vorzubringen. Was sein Programm anbelangt, sagt der Redner, so sei es doch allgemein bekannt. Drei Grundzüge leiten chn bei allem seinem Tun: Eine unbegrenzte Liebe zu seinem Volke, aber auch der feste Wille, das Volk in seiner traurigen, schwierigen Lage nicht durch das verderbliche Wohltätigkeitssystem zu betäuben, sondern weiter auszublicken und die jüdische Frage von einem höheren Gesichtspunkte anzufasten, nicht bloß über den Augenblick hinwegzukommen trachten, sondern für eine endlich dauernde Hilfe zu arbeiten, für die Heimatlosen ein Heim, für die Verfolgten eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Nicht zu klagen und zu molestieren, sondern zu arbeiten, sei die Aufgabe der Kultusgemeinde. (Ein Ruf aus dem Publikum: Lueger muß auf's schärffte bekämpft werden!) Nein, Lueger /bekämpfen zu wollen, ist ein Wahnsinn, denn wir sind Zwerge seiner Macht gegenüber, und jedes Quentchen Kraft, das in diesem ungleichen Kampfe verbraucht wird, ist eine Vergeudung und kann viel bester verwendet werden zu posittver Arbeit für unser armes Volk, besser verwendet werden zur Bekämpfung der Feinde im eigenen Lager, der Abtrünnigen und Indifferenten. In diesem Sinne, mit diesen Absichten wolle Kandidat in den Vorstand treten und dort wirken. Er werde einer gegen 35 Anschauungsgegner sein. Er werde nicht durch mechanische Stimmenabgabe wirken können, er hoffe aber durch die Macht der von ihm vertretenen Ideen und Anschauungen den Vorstand zu überzeugen und mit sich fortzureißen. Redner geht sodann in Erörterung von Detailftagen ein. Ueberall fordert er das Eindringen des nationalen Geistes; an Stelle der „Glaubensgemeinschaft" müsse endlich das Volk treten, für das auch an dieser Stätte zu wirken er nun bereit sei. Obwohl durchaus kein Jüngling mehr, will ich es versuchen, im Kultusvorstande die Jugend zu Worte kommen zu lassen. Ein neuer Geist ist es, der ganz Israel erfüllt, er gehört auch in die Kultusstube. (Lebhafter Beifall.) Thonwareufabrikant S. Steiner: Der Verein zur Hebung der Gewerbe, welcher nahezu 600 Mttglieder besitzt und dessen Vorstand ich seit seiner Gründung bin, das sind 15 Jahre, hatte die Freundlichkeit, mich als Kandidaten für die bevorstehende Kultuswahl aufzustellen, um in dem Kultusvorstande seine Interessen zu vertreten, und ich glaubte dieser ehrenvollen Aufforderung Folge lefften zu sollen. Es wird vielleicht behauptet werden, daß es im Kultusvorstande keine Jntereffenvertretutig gebe, aber diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Richtig ist, daß es Pflicht des ganzen Kultusvorstandes und auch jedes einzelnen Mitgliedes desselben ist, für die Ehre, den Ruhm und die Achtung des Judentums nach außen voll und ganz einzustehen, jeden Angriff und jede Schmähung des Judentums mit voller Kraft abzuwehren, und gewiß hat dies der Kultusvorstand bisher getan und wird es auch in Zukunft tun, soweit es in seinen Kräften steht. Nach dieser Richtung gibt es allerdings keinen Unterschied, keine verschiedenen Interessen. Anders gestaltet sich jedoch die Frage, wenn wir auf die Verwaltung der Kultusgemeinde unseren Blick werfen, da ist das Bild nicht mehr so einheitlich und kann es auch nicht sein; denn die vermiedenen Ressorts erfordern auch verschiedene Vertreter. In dem großen Haushalt, welchen die Kultusgemeinde repräsentiert, gibt es Agenden, die am besten vom Juristen ausgeführt werden können; andere, die nur durch den Arzt erledigt werden können u. s. w. Wir sehen daher auch in unserem Kultusvorstande tüchtige Juristen, hochgeschätzte Aerzte, bedeutende Finanziers und Kaufleute, erprobte Ingenieure und Architekten, die alle dem Kultusvorstande zur Zierde gereichen und nicht nur nach Außen zur Würdigung des Judentums beitragen, sondern auch im Innern durch ihren Beruf Gelegenheit finden, sich der Gemeinde nützlich zu erweisen, und aus diesem Grunde glaube ich, daß es dem Kultusvorstande sehr zum Vorteile wäre, wenn auch 1 oder 2 Vertreter des Gewerbestandes daselbst Sitz und Stimme hätten. Die Gemeinde besitzt mehrere Gebäude, verwaltet und subventioniert Wohltätigkeitsanstalten, hat Kranken- und Waisenhäuser u. s. w.; in allen diesen Häusern und Anstalten ergeben sich während eines Jahres Bedürfnisse für allerlei Handwerker und Gewerbetreibende. Die Art und Weise, wie jedoch diese Arbeiten und Lieferungen bis heute vergeben werden, bedarf große Reformen, denn nur wer sich der Gunst eines Beamten und der Protektion eines Höheren erfreut, erhält eine solche Arbeit. Es .wäre daher notwendig, bei der Vergebung der Arbeiten derart vorzugehen, wie es bei der Wiener Kommune und den Staatsämtern geschieht, nämlich durch Ueberreichung schriftlicher, gesiegelter Offerte, .die auf . Grund eines e i n h e i t l sich e n Kostenvoranschlages verfaßt und nur in Gegenwart der Offerenten geöffnet werden dürfen. Wenn die Arbeiten und Lieferungen in dieser Weise vergeben werden, dann hätten die Gewerbsleute keine Ursache und auch keinen Grund, sich über den Kultusvorstand zu beklagen. Sollte ich in den Kultusvorstand gewählt werden, dann würde ich meine Zeit und meine Kraft aufbieten, um mich nach dieser Richtung hin nützlich..zu machen. Falls Sie mich also für die Ehrenstelle eines Kuttusvorstandes würdig halten, dann bitte ich Sie bei der am Sonntag stattfindenden Wahl um Ihre Stimme. Hofrr. Gerichts-Advokat Dr. Ernst Franz Weist: „Geehrte Wählerversammlung! In dem Segensspruche über die Thora heißt es: ^seder boedar bonu mikol hoammim wenossan lonu ess taurossau. Unsere Väter haben uns das erklärt und haben gesagt: Merke dir, das „doellar“, das Auserwähltwerden, steht vor dem „wenossan“, dem Gegebenwerden der Thora, und haben hinzugefügt: als Gott die Juden auserwählt hatte, hat er sie auserwählt nicht ob ihrer besonderen Verdienste, die sie vor anderen Völkern hätten, sondern ohne Verdienste, und dann hatte er ihnen die Thora gegeben. Er hatte Israel auserwählt, das in einem Jahrtausende währenden Martyrium die höchste Gabe Gottes, ^die Thora, hochgehalten hat — wenn ich mich des Vergleiches bedienen soll, zu Wasser und zu Lande, in Sturm und Ungewitter, in Feuer und Pulverdampf. Und unwillkürlich erinnere ich mich dessen in dem Augenblicke, da ich, um zu kandidieren, vor sie hintrete. Wählt mich aus Hunderten von Mitgliedern Eurer Gemeinde, überträgt auf mich Euer Vertrauen! Warum? Ich habe keine Vorzüge vor den anderen, keine Verdienste, keine Traditionen, nichts als den guten Willen, für das Judentum zu arbeiten. Doch da bescheiden sein unter Umständen Lump sein heißt—einen Vorzug habe ich: meine Liebe zum Judentum, aber wohlgemcrkt, meine Herren! meine