Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021596--14076-3038764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Settk na Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. *r- 4s Hatte sich bereits während dieser Szenen der Versammlung eine große Unruhe bemächtigt, so kam diese in gesteigertem Maße zum Äusbruch, als der Hofu. Gerichts-Advokat Dr. Jakob K o h n die Tribüne betrat, um einen seit vielen Monaten schwebenden Konflikt, betreffend den gewesenen Religionslehrer Dr. F i n k, vor der Versammlung zur Sprache zu bringen. Der Präsident unterbrach den Redner und erklärte nachdrücklich, daß er über Personalfragen, insbesondere in einer Disziplinarsache, nicht in öffentlicher Versammlung verhandeln lasse, da derartige Angelegenheiten auch im Vorstande nur in vertraulichen Sitzungen erledigt werden. Herr Dr. K o h n beharrte dabei, die Angelegenheit einer öffentlichen Diskuffion zu unterbreiten. Mit großer Schärfe erneuerte der Präsident seine Mahnung an den Redner, diesen Gegenstand nicht zu behandeln. Er sei bereit, die Akten einem Komitee von 10 Personen zur Einsichtnahme vorzulegen. Er sei überzeugt, daß die Herren in Kenntnis dieser Akten über die Vorfälle ein anderes und ein ungleich richtigeres Urteil sich bilden dürften. Er habe diese Erfahrung bereits mit einer Deputation gemacht, die in dieser Angelegenheit bei ihm vorsprach. Die von ihm aktenmäßig erteilten Auskünfte haben die Herren sofort zur Aenderung ihres Standpunktes und ihres Verlangens bestimmt. Indessen Herr Dr. Jakob Kohn, unterstützt von einigen Gesinnungsgenossen, beharrte bei seinem Vorhaben, die Angelegenheit Dr. Finks zu besprechen. Herr Dr. Fink selber, der ebenso wie der Religiousschul - Inspektor Rabbiner Dr. David in der Versammlung anwesend war, erschien plötzlich vor der Tribüne. Da unter solchen Verhältnissen Ausschreitungen zu befürchten waren, erklärte der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, die Versammlung für geschlossen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Zwischenstadium. — Der katholische Redakteur und der jüdische Vertreter. — Worauf es ankommt. — Dr. Scheiche r's Bedauern. — Der K a u s a l u c x u s. — D i e Ideen assoziativ n.) Das Schulgesetz für Niederösterreich wäre also glücklich unter Dach gebracht, wenigstens für vorläufig; ob auch für die Dauer, das wird erst die Zukunft lehren. Bei uns liegen die Dinge so, daß man nichts für unmöglich halten darf. Wohl oder übel muß man sich zu dem Satze bekennen: Orsäo quia absurdum. Die großzügige Aktion ist also abgeschlossen, die Gewäffer sind abgelaufen und die Partei, die davon lebt, daß sie die Juden nicht leben lassen will, säße nun eigentlich auf dem Trockenen. Denn augenblicklich ist die Welt bei uns in ein Zwischenstadium geraten, in eine Art von Ausnahmszustand, in dem sich das öffentliche Interesse doch nicht ausschließlich auf jene Gelegenheiten konzentriert, welche die vorteilhaften Möglichkeiten erschließen, die stets bereite Meute auf die Juden zu hetzen. Ein sehr unangenehmer Zustand, der keinen aktuellen Anlaß schafft, auf die Juden zu schimpfen. Die Welt hat nämlich zufälligerweise jetzt etwas anderes zu tun. Und so säßen sie denn auf dem Trockenen, aber Gott hilft und die antisemitischen Kulturträger, die seine Propheten sind, sind nicht die Leute, die so leicht in Verlegenheit geraten. Sie geben sich auch mit Kleinigkeiten ab, wenn die großen historischen Anlässe fehlen. Heben wir einige Kleinigkeiten hervor. Man soll über Kleinigkeiten nicht gering denken. Wie auch in einem Wassertropfen sich der Himmel und die ganze Pracht der Sonne spiegelt, so kann sich auch in einer kleinen Schurkerei der ganze Geist einer großen Partei offenbaren. Im „Deutschen Volksblatt" findet sich folgende kleine Notiz: „Bei einer kürzlich in Linz stattgehabten Verhandlung ließ sich der Redakteur des katholischen „Linzer Volksblattes", Haas, von dem Juden Doktor Mandelbaum aus Wien vertreten. — Eine nette Gesellschaft diese. Katholischen!" Eine kleine, unscheinbare Kulturblüte, aber von zeitgeschichtlicher Bedeutung. Es ist der Geist der Zeit, der sich iü einem Tropfen Wasser spiegelt. Sehen wir uns diese Kleinigkeit einmal näher an. Die Notiz ist ein zweischneidiges Instrument, oder sagen, wir anders im beliebten Jnseratenstil: ein Gnff — zwei Denunziationen! Der Jude wird denunziert und der Katholik wird denunziert^ Dem Juden kann man zwar nicht recht zu Leibe, denn er hat nur seine Berufspflicht erfüllt und wahrscheinlich sehr gut erfüllt; denn sonst hätte man ja sicherlich schon Näheres darüber im „Deutschen Volksblatt" zu lesen bekommen. Um so schlechter kommt der Katholik weg, der sich vermessen, die Tüchtigkeit eines Juden in Anspruch zu nehmen. Machen wir uns die Sache nur ganz klar. Wenn ein katholischer Redakteur in Linz sich an einen jüdischen Vertreter wendet, so wird er wohl seine Gründe dafür gehabt haben. Die Gerichte in Linz sind sicherlich nicht so verjudet, daß er geglaubt haben konnte, sie für sich zu gewinnen, wenn er ihnen in seiner Sache einen jüdischen Vertreter hinstellte. Als Versuch einer captatio benevolentiae wäre das nicht besonders geistvoll gewesen. Darauf war es also gewiß nicht abgesehen. Er entschied sich offenbar für seinen Advokaten, weil er für seinen Fall nicht nur auf Gewissenhaftigkeit, sondern auch auf juristische Tüchtigkeit, Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, auf Talent und Wissen reflektierte, sonst hätte er sich ja gleich an eine der gut christlich-sozialen Größen wenden können. Der Vizebürgermeister Dr. Neumayer ist ja auch Advokat und christlich-sozial von der Zehe bis zur Schulter. Wenn das den Ausschlag gegeben hätte, hätte er sich ja recht nützlich erweisen können. Aber nicht darauf kam es au, und wenn ein katholischer Redakteur in Linz einen jüdischen Advokaten für sich plaidieren läßt, so war die, wenn auch unausgesprochene Meinung dabei maßgebend, daß er seine Sache besser machen werde, als ein anderer. So viel steht nun doch schon längst fest, daß ein Jude ans jedem Gebiete ungleich mehr leisten muß, als sein begünstigterer christlicher Rivale, um nur dieselbe moralische und materielle Anerkennung dafür zu erlangen. Die zweischläftige Anflegelung des „Deutschen Volksblatt"-gewinnt unter diesem Gesichtswinkel ein besonderes Relief. Was gilt Talent, was Leistung, wenn dabei ein Jude ins Spiel kommt! Die gesamte Wissenschaft und Moral des Antisemitismus kondensiert sich in dem Kernsatz kultureller Erhebung: „Nieder mit die Juden!" Nicht nur die Ehre soll ihnen abgeschnitten werden, sondern jegliche Erlverbsmöglichkeit. Was sich da als Gesinnung gibt, ist die nackte Gemeinheit, mit der aber — es hat sich gezeigt — sich sehr gute Geschäfte machen lassen. Noch eine andere Kulturblüte. Wir blättern im „Korrespondenzblatt für den katholischen Klerus". Dr. Scheicher, der Landesausschuß und Priester der Religion der Liebe, öessen Wort Gewicht hat bei der Partei und beim Klerus, schreibt dort u. A. wie folgt: Man verachtet das Volk der Juden, aber läßt sich von ihm beherrschen". Ein Priester sollte kein Volk verachten und keines Haffen, denn im Kern ist jedes Volk gut, und schlecht sind immer nur seine Verführer. Und daß „man" vom Judentum beherrscht wird, das kann der geistliche Artikelschreiber doch selber nicht glauben. Er sehe sich doch nur die Zusammensetzung der herrschenden Potenzen an, er wird weder im- Landtag, noch im Gemeinderat, noch im Stadtrat, noch im Parlament eine erdrückende Majorirät des Judentums vorfinden. — Er schreibt sodann weiter: „Im heurigen Frühjahr hat ein Wiener Schuljunge die empfangene heilige Kommunion dazu benützt, die heilige Hostie aus dem Munde zu nehmen und sie dann 6oram aliis auf die Straße zu werfen. So lange die Völker religiös waren, wurden Stänkerer oder Schänder der Heiligtümer derselben gesteinigt, erschlagen oder mindestens gezüchtigt". Ja wohl, so war es früher, und die Geschichte weiß von furchtbaren Bluttaten zu berichten, die eine wirkliche oder vermeintliche Nichtachtung der Hostie zum Ausgangspunkt hatten. Das kann widerspruchslos festgestellt werden, und ebenso stellen wir einfach das Bedauern eines neuzeitlichen Politikers und eines Priesters des zwanzigsten Jahrhunderts fest, daß es nicht mehr so ist. Der hochwürdige Verfasser behauptet nicht, daß der betreffende Schuljunge ein Jude gewesen sei; er war es natürlich