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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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<ÖeÜe 773 »tr. 48 Dr. Bloch’s WocvenscvrM. Salo Landau und Dr. Isidor Schnabel. Der Obmann des Wahlkomitees, Herr kaiserl. Rat Wilh. Anninger, verliest hernach nachstehendes, an ihn gelangtes Schreiben: Wien, 19. November 1904. Euer Wohlgeboren! Sehr geehrter Herr kaiserl. Rat! Eine große Anzahl von Freunden und Gesinnungsgenossen, insbesondere die Mitglieder' unseres Vereines „Beth Israel" haben an mich die Aussorderung gerichtet, um das durch den frühzeitigen Tod unseres unvergeßlichen Vertreters Arthur Edlen von Mises s. A. freigewordene Mandat für den Kultusvorstand mich zu bewerben. Nachdem auch jenes aus den verschiedensten ansehnlichen, einflußreichen und maßgebenden Vereinen und Korporationen hervorgegangene große Wahlkomitee diese Kandidatur zu unterstützen beschlossen hat, war cs meine Absicht, der heutigen Versammlung mich persönlich vorzustellen und um das Vertrauen der Wähler zu werben. Eine Plötzliche körperliche Indisposition verhindert mich jedoch zu meinem aufrichtigen Bedauern, der Versammlung beizuwohnen, und ich sehe mich daher bemüssigt, mich an Sie, als Vorsitzenden, mit der Höst. Bitte zu wenden, in meinem Namen bei der geehrten Versammlung meine Kandidatur gefl. anmelden zu wollen. Es sei mir gestattet, bei diesem Anlasse darauf hinzuweisen, daß ich einer Familie entstamme, deren Mitglieder in der Geschichte unseres Volkes und in seinen Gedenkblättern wiederholt mit Ehren und Auszeichnung genannt worden. Wir gehören nämlich zu den Nachkommen des berühmten Prager Oberlandesrabbiners Ezechiel Landau s. A., und ich darf behaupten, daß in unserer Familie jüdisches Wissen und jüdische Gesinnung nie aufgehört hat, eine Pflegestätte zu finden. Mein seliger Vater war viele Jahrzehnte hindurch und bis an sein Lebensende Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in unserer Heimatstadt. Es ist daher auch begreiflich, daß ich ein Mann konservativer Gesinnung bin, und wenn die Stimmen der Wähler auf mich sich vereinigen, werde ich bemüht sein, nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte jene Wünsche der Verwirklichung näher zu führen, welche in dem ausgezeichneten Wahlprogramme des vereinigten Wahlkomitees niedergelegt sind. Treue zu unserer Religion, Treue zu unserem Volke, Teilnahme und Mitgefühl mit dem schwachen und bedrängten Bruder, Pflege des jüdischen Wissens und jüdischer Gesinnung: diese Grundsätze wären die Leitsterne meines Wirkens; vor Allem abe gilt es, in jeder Lage und bei jedem Anlasse für die Unantastbarkeit unserer religiösen Ueberzeugung und die Ehre unseres Volkes unerschrocken einzutreten. In allen Einzelfragen aber werde ich — ich wiederhole es — im Sinne des gediegenen, von dem großen Wahlkomitee entworfenen, trefflich formulierten Programmes wirken, — falls die geehrte Wählerschaft mich durch ihr Vertrauen in den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde entsendet. Mit der Versicherung vorzüglichster Hochachtung verharre ich als Ihr ergebenster S. Landau. Der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern bringt zur Kenntnis, daß Herr Dr. Isidor Schnabel seine Kandidatur angemeldet hat, jedoch durch einen Krankheitsfall in der Familie persönlich in der Versammlung zu erscheinen verhindert ist. Es sprechen hieraus der Reihe nach folgende Kandidaten. Kais. Rat Leopold Sachs: Meine sehr geehrten Herren! Von vielen Seiten aufgefordert, leiste ich dieser Einladung gerne Folge und erlaube mir, mich als Kandidat zur Wahl in den Kultusvorstand vorzustellen. Die Delegierung in die jüdische Gemeindevertretung ist die größte Ehre, die einem Juden seitens seiner Glaubensgenossen zuteil werden kann; dies und der lebhafte Wunsch, den Interessen der jüdischen Gemeinde meiner Vaterstadt zu dienen, bestimmen mich, zu kandidieren, obwohl man in der heutigen, so düsteren Zeit damit ein Sorgenamt, einen Wirkungskreis voll Kümmernis übernimmt. Ich, ein alter Wiener, Sohn eines gewesenen, den älteren Herren in der Versammlung wohl noch in guter Erinnerung stehenden Mitgliedes unserer Khille, glaube die Verhältnisse in unserer Gemeinde zu kennen und bin Jude mit Herz und Seele. Ich wäre glücklich, wenn ich in unserem Bertretungskörper mit dazu beitragen könnte, den Jndifferentismus, der leider in gewissen Teilen unserer Gemeinde existiert, zu bannen. Ich erachte es namentlich in jetziger Zeit als Akt der größt denkbaren und schwerft zu verurteilenden Felonie seitens derjenigen, die kemachone gehen. (Lebhafter Beifall.) Ich möchte Mitarbeiten, die Anteilnahme an den religiösen und sonstigen Interessen in der Gemeinde wach zu erhalten, und ich ambitioniere, mitzuwirken an der Erhaltung des gottlob bestehenden Friedens. Angesichts der jetzigen Situation ist ja Friede die Hauptsache, er allein ermöglicht gedeihliche Verwaltung und ruhiges Arbeiten. Ich bin mit dem Programm des Wahlkomitees, gebildet aus den verschiedenen verehrlichen Vereinen, einverstanden und bin überzeugt, daß der Vorstand alle Anregungen, die durchzuführen möglich sind, berücksichtigen wird. Ich niöchte mir erlauben, beizufügen, daß meiner Ansicht nach der amtierende Vorstand sich um die Verwaltung verdient gemacht hat. Ich finde nicht, daß der Perzentsatz der Ausgaben für Wohltätigkeit — er ist zirka ein Drittel der Einnahmen — zu hoch ist, wenn Sie, meine Herren, das große unsagbare Elend in Betracht ziehen, das in einem Teile hiesiger jüdischer Bevölkerung herrscht, und daß doch das Spital, das Versorgungs-, das Siechenhaus erhalten werden müssen — Zdoke und Tefillah, Kultus- und Wohlfahrtseinrichtungen sind ganz gleichwertige Elemente in der Verwaltung einer jüdischen Gemeinde. So ist es stets gewesen! Ich will da gar nicht Vergleiche ziehen mit anderen großen oder kleinen Gemeinden, weil Sie mir vielleicht erwidern, daß wir hier durch den Zuzug der armen galizischen und rumänischen Juden so in Mitleidenschaft gezogen sind. Meine Herren, gestatten Sie mir, nur für einen Augenblick das sogenannte Politikum zu streifen — die Mitglieder hiesiger jüdischer Gemeinde sind mit Recht der Ansicht, daß. obwohl nach Statut eine Verwaltungsbehörde, die Gemeindevertretung die Pflicht hat, sich auch für die allgemeinen jüdischen Interessen, speziell für die so sehr gefährdeten Interessen der Wiener Juden einzusetzen — das ist ja wohl schon bisher geschehen, und ich erinnere da nur an diesbezügliche Beschlüsse des Vorstandes sowie an Enunziationen des hochgeehrten Herrn Präsidenten unserer Kultusgemeinde, und ich bin überzeugt, daß auch weiter in diesem Sinne mannhaft vorgegangen werden wird. Der Vorstand vertritt über 160.000 Seelen, fürwahr eine gewaltige und imponierende Ziffer; sind wir einig, so wird der Appell des Vorstandes an maßgebender Stelle gehört werden. Bleiben wir einig! Der alte Gott lebt noch, der jüdische Glaube hat Anderes überwunden, als die boshaften Pygmäen unserer Zeit! Ich möchte kurz sein und mit der Bemerkung schließen, daß Sie für den Vorstand brauchen: Männer guten Rufes, unabhängig nach oben und nach unten, die handeln und nicht zu viel versprechen, Männer, deren Herz in unwandelbarer Liebe für ihre Glaubensgenossen schlägt und die für ihre Glaubensbrüder Opfer zu bringen bereit sind zu jeder Zeit. Wenn Sie, meine Herren, glauben, daß ich eines dieser Desiderata erfülle, so bitte ich um Ihre Stimmen. (Langanhaltender Beifall.) Architekt Oskar Marmorek. Hierauf ergreift, beifällig begrüßt, Herr Architekt Oskar Marmorek düs Wort zu folgenden Ausführungen: Die Taten der jüdischen Gesellschaft in letzter Zeit und die Reden des heutigen Abends enthielten viel von jenem gut jüdischen, gut nationalen Geiste, den Redner aus vollem Herzen wünsche und begrüße. Seine und der Versammlung Ideen seien einander näher gekoinmen und da des Redners politischer Standpunil unbeugsam und unverrückbar sei, so konstatiere er mit Genugtuung, daß sich die politischen Triebe der ftüher erbitterter.

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