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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 772 Dr. Dlocb's lichcn Diskussion gestellt wurde, möchte ich als dessen Urheber- Einiges Vorbringen, wodurch die Motive und Zwecke dieses Verlangens klar hervortrcten sollen. Allgemein und alt ist die Klage über die Beschaffenheit des bei uns bestehenden, unseren Kindern gewidmeten Religionsunterrichtes, so allgemein, daß unser Vorstand selbst offiziell anerkennen muß, daß der Erfolg selbst den b erechtigten Anforderungen Vieler nicht entspricht. Sehr begreiflich! Je höher das obligate Lernziel, welches biblische Geschichte, Morallehre und Hebräisch umfaßt, gesteckt und je geringer die dieser Aufgabe schulplanmäßig gewidmete auf zwei Wochenstunden beschränkte Unterrichtszeit ist, desto natürlicher erscheint es, daß sich hieraus in den Kreisen der Eltern zweierlei Klagen diametral entgegengesetzter Natur ergeben: man tadelt vermeintliche Ueberlastung der Schüler auf der einen und beklagt die Dürftigkeit des Unterrichtserfolges auf der anderen Seite. Kein Zweifel, daß diese unleugbaren Zustände und Verhältnisse die Aufgabe des mit dem Religionsunterrichte betrauten Lehrers ungewöhnlich erschweren, der diese Gegensätze vermittelnd ausgleichen und, was wohl die Hauptsache wäre, den Schüler selbst mit diesen Schwierigkeiten versöhnen soll, indem er ihm an Stelle des dermalen vorherrschenden Un- und Widerwillens Liebe und Interesse an der Sache einzuflößen hätte. (Stürmischer Beifall.) Je größer nun die Aufgabe des Lehrers erscheint, desto größer müssen denn auch unsere Ansprüche sein, die wir an dessen Qualifikation zu stellen genötigt sind, da nur in dieser selbst oder richtiger in ihrer wesentlich erhöhten Vollkommenheit eine der mehreren Remeduren zur Milderung oder Behebung der jetzigen Uebelstände erblickt werden kann. (Lebhafte Zustimmung.) Nicht als ob die Eigenschaften des Lehrers die derzeit ach so sehr mangelnde Mithilfe der Familie zu ersetzen, oder empfindliche Gebrechen unseres Schulwesens zu beheben vermöchten, aber unter allen Umständen bildet die Qualifikation des Lehrers das bedeutsamste Mittel, mittels dessen dem Religionsunterrichte als solchen immerhin segensreiche Wirkungen und Früchte, welche wir jetzt vermissen, abgewonnen werden können. Und diese sördersame und wirkungsreiche Qualifikation beruht nicht bloß und nicht einmal in erster Linie auf dem scientifischen Werte und Gehalte des Lehrers, vielmehr auf den ethischen Grundlagen seiner Tätigkeit, auf seinem eigenen Gefühls- und Seelenzustande. (Lebhafte Zustimmung.) Und dieser Letztere kann nur dann ein einheitlicher und belebender sein, wenn der Lehrer von wahrhafter Berufssreudigkeit erfüllt ist, wenn sein Lehramt einem ursprünglich und frei gewählten Berufe, wenn es einer Lebensaufgabe entspricht, deren Erreichung innere Beftiedigung gewährt und deren Erfüllung seinem Lebensideale entspricht. (Allseitiger Beifall.) Unter vollster und, wie ich ausdrücklich betone, doppelt unterstrichener Anerkennung der Tätigkeit und Pflichterfüllung unserer jetzigen Religionslehrer, die gewiß ihr Bestes leisten, — muß gleichwohl unsere Sorge und Achtsamkeit darauf gerichtet sein, unseren künftigen Lehrern von vornherein diese freie Berufswahl und deren Ausübung so zu sichern, wie auch alle anderen Berufe im Leben meist schon in einem gewissen jugendlichen Alter und einem gewissen ftühzeitigen Stadium der Ausbildung gewählt und als Lebensziel aufgestellt werden. Dies vermag jedoch nur eine diesen Aufgaben gewidmete Lehrerbildungsschule zu bewirken. (Lebhafte Zustimmung.) Das Lehreramt darf fürderhin nicht als Z uf l u ch t für sonst gescheiterte Absichten und Bestrebungen, nicht als Rettungsanker gelten, den enttäuschte Literaten, gestrandete Mocbenscbrttr. Nr. 48 Rabbiner ohne innere Wahl, nach herben Erfahrungen und fruchtlosen Lebenskämpfen verdrossen zu ergreifen gezwungen sind. (Lebhafter Beifall.) Das Lehreramt soll und muß dem inneren Wunsche, der Freudigkeit an dem Berufe, dem Interesse an dem Unterricht, der Liebe zu Kindern und zur Jugend, mit einem Worte einer in'.'.eren Vocation entspringen, aus welcher dann von selbst Wohlwollen und Freundschaft für die Schüler hervorsprießen, die sich den Kindern als nachhaltigste Aneiferung mitteilen und ihren Wert und ihre Dauer auch weit über die Schulzeit bis in die reiferen Lebensepochen hinaus betätigen. Aus diesen tieferen, ethisch und psychologisch gerechtfertigten Gründen verlangen wir die alsbaldige Errichtung einer unter bestimmten Voraussetzungen zugänglichen und die Erreichung des Zieles verbürgenden jüdischen Religionslehre r- Bildungsanstalt, deren beispielsweise in Deutschland neben 3 Rabbinerseminaren und 17 jüdischen Mittelschulen nicht weniger als neun segensreich wirken, während wir in -Oesterreich uns auf dem Gebiete des gesamten jüdischen Schul- und Bildungswesens vorläufig mit dem einzigen Rabbinerseminare in Wien abzufinden gezwungen sind! Und wer weiß, gerade bei uns in Oesterreich und bei der furchtbar bedrohlichen Entwicklung, welche das Schulwesen insbesondere in Wien und Niederösterreich nimmt, — welche noch ganz andere Zukunfts Mission einer solchen Anstalt Vorbehalten sein mag, wenn uns wirklich die sichtbar herannahende konfessionelle Schule aufgenötigt werden sollte und wir daher nur rechtzeitig Vorsorgen sollen, von derlei Ereignissen nicht allzusehr überrascht zu werden. (Stürmischer Beifall.) Dies, hochgeehrte Versammlung, ist unser derzeitiges und diesmaliges Glaubensbekenntnis, — diesmalig deshalb, weil wir durchaus nicht mit allen Wünschen und Anforderungen in einem einzigen Zeitpunkte hervortreten können, weil wir bei Aufstellung unserer Pöstulate nicht populärer Begehrlichkeit dienen und nicht blos die Phantasie walten lassen dürfen, weil wir systematisch nur nach und nach Erfüllbares verlangen, hiebei aber uns dessen wohl bewußt sind, daß jeder Erfolg nur ein Ansporn zu neuen fortschrittlichen Bestrebungen sein darf, die der Ausgestaltung und Weiterentwicklung unseres großen jüdischen Gemeinwesens immerdar gewidmet bleiben. (Lebhafter Beifall.) In diesem Sinne, meine Herren, lade ich Sie dringlichst ein, an dem bevorstehenden Wahlgange sich lebhaft zu beteiligen, rücksichtlich dessen ich Ihnen noch die erfreuliche Mitteilung zu machen in der Lage bin, daß derselbe voraussichtlich einen durchaus einheitlichen Charakter haben und uns das betrübende Schauspiel einer Parteiung bei Wahlen von Juden durch Juden erspart bleiben dürfte, nachdem dank allseitigem guten Willen und Streben sich in unserem Wahlkomitee nicht bloß alle Schattierungen religiöser Natur, sondern auch alle auf politischem Gebiete sonst dissentierenden Gruppen zu einheitlichem Handeln und zu einheitlichen Zielen verbunden haben. (Anhaltender stürmischer Beifall und Händeklatschen. Redner wird allseitig beglückwünscht). Nachdem sich die Beifallskundgebung gelegt, nimmt der Vorsitzende Herr Präsident Dr. Alfred Stern das Wort zu folgender Erklärung: Wir sind den Ausführungen des Herrn Redners mit Interesse gefolgt und finden, daß dieselben nicht bloß an die Herren Wähler, sondern zum großen Teile auch an den Kultusvorstand gerichtet waren. Obgleich einzelnen der vorgebrachten Wünsche bereits teilweise entsprochen erscheint, ersuche ich dennoch den Herrn Redner, das von ihm entwickelte Programm in schriftlicher Form dem Vor stände mitzuteilen, welcher es als seine Pflicht erachten wird, dasselbe seinem Studium zu unterziehen und tunlichst zu erfüllen. (Lebhafter Beifall.)

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