Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sette 771 Nunmehr ergriff als erster Redner außerhalb der Reihe der Kandidaten das Wort Herr Hofu. Gerichtsadvokat Dr. Hermann Fialla, von lebhaftem Beifalle der Zuhörer begrüßt: Sehr geehrte Versammlung! Indem ich Ihnen zunächst für Ihre überaus freundliche Begrüßung meinen besten Dank ausspreche, erkläre ich, daß ich nicht zuvörderst als Wähler und für meine eigene Person, vielmehr einem ehrenvollen Rufe folgend, Ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit in Anspruch nehme. Gleichwie in den früheren Wahlperioden seit dem Bestände unseres neuen Gemeindestatuts, so hat sich auch angesichts des bevorstehenden Wahlganges ein Kreis von Männern aus verschiedenen Korporationen, Vereinen und Gesellschaftskreisen unserer Gemeinde in treuer Fürsorge für unser öffentliches Wohl zusammengeschlossen, um die Interessen und Bedürfnisse, die Wünsche und Anforderungen zu prüfen, welche anläßlich der diesmaligen Neu- und Ergänzungswahlen zum Ausdrucke gebracht und nicht nur den Bewerbern um die Mandate als Bedingung unserer Unterstützung zur Richtschnur dienen, sondern auch dem Vorstande selbst zur Würdigung empfohlen sein sollen. Vermöge der Mannigfaltigkeit der Zusammensetzung dieses Kreises freiwilliger und selbstloser Förderer unserer allgemeinen Wohlfahrt sich Eins wissend mit den Gefühlen und Gesinnungen eines überwiegend großen Teiles der jüdischen Wählerschaft, hat es dieser Verband für seine Pflicht erachtet, die nach reiflicher Erwägung als notwendig und richtig erkannten P o st u l a t e in bestimmte präzis gefaßte Punkte zu formulieren und dieselben als W a h l p r o g r a m m des Vereinigten Wahlkomitees hiermit durch mich Ihrer genehmigenden Zustimmung zu unterziehen, durch welche es erst zum wirklichen Ausdrucke der öffentlichen Meinung erhoben werden soll. (Beifall.) Indem ich sonach der Ehre teilhaft bin, als Wortführer dieser ansehnlichen Anzahl von Wählern und Gesinnungsgenossen zu Ihnen zu sprechen, dienen wir zugleich der wünschenswerten Oekonomie an Zeit, wenn ich Ihnen unser vorbezeichnetes Programm in seinen einzelnen Artikeln wie folgt zur Kenntnis bringe: 1. Zur Betreuung und Verwaltung unseres großen jüdischen Gemeinwesens wollen wir nur solche Männer berufen wissen, deren Charakter, Glaubenstrene, Stanimesbewutztsein, Fähigkeiten und Pflichteifer volle Bürgschaft dafür bieten, daß sie gewissenhaft beitragen und Mitwirken werden, das Ansehen und die Stellung unserer Gemeinde innerhalb des Judentums stets zu mehren, und zu diesem Behufs auch der religiösen und jüdischen Weiterbildung der nachtvachsenden Generation ihre nachhaltigste Bemühung zuznwenden. (Allseitige Zustimmung.) 2. Wir verlangen und gewärtigen von allen jenen Männern, welche durch das Vertrauen ihrer Brüder als deren Führer und Anwälte an die Spitze unserer ehrwürdigen Gemeinde, — „der ersten Kultusgemeinde Mitteleuropas" — gestellt sind, daß sie unter ausnahmsloser Wahrung der Würde dieser ihrer Stellung in ihrer Amts-, wie in ihrer Lebensführung das allmälig schwindende jüdische Solidaritätsgefühl mit aneiferndem Verspiele Zwecken und durch Bekennen und Betätigung ihres jüdischen Gemeingefühles die nur allzu dringend erforderliche Wider st andskraft unserer von außen vielfach bedrohten Gemeinschaft stärken und fördern. (Stürmischer Beifall.) 3. Auf dem Gebiete der Verwaltung unserer Gemeinde wollen wir die Leistungen für Kultuszwecke uud in Wohltätigkeitsangelegenheiten in weise Uebereinstimmung gebracht sehen mit den ökonomischen Bedingungen, von welchen die dauernde Aufrechthaltung eines geordneten Gemeindehaushaltes abhängig erscheint. (Sehr richtig!) 4. Jnsoferne jedoch anerkannt werden muß, daß die an die Gemeinde auf allen Gebieten herantretenden gerechten Ansprüche in stetiger Zunahme und Steigerung anwachsen, könnte und soll unseres Erachtens für die Befriedigung dieser Mehrbedürfnisse unter Anderem auch dadurch vorgesorgt werden, daß die Veranlagung der Kultus st euer, welche derzeit lediglich auf dem diskretionären Gutdünken der Schätzungskommissionen, somit auf schwankender und unzulänglicher Grundlage beruht, auf bestimmte Normen und Prinzipien gestützt werde, durch welche unter wesentlicher Erhöhung ihres Gesamteffektes deren gerechtere Verteilung erzielt werden würde. Hierbei wäre behufs Erweiterung des Wahlrechtes die Festsetzung des obligatorischen S t e u e r m i n i m u m s auf zehn Kronen ins Auge zu fassen. (Lebhafter Beifall) 5. Durch eine derartige Besserung des Einnahmenbndgets erschiene zugleich die ernstlichst anzustrebende Möglichkeit nähergerückt, den in unserer Gemeinde segensreich wirkenden, der privaten und opferwilligen Initiative unserer Glaubensgenossen zu verdankenden Tempelvereinen jene ausgiebigen und nach bestimmten gerechten Normen zu regelnden Subventionen und' jene Erweiterungen ihres amtlichen Wirkungskreises zuzuwenden, deren sie behufs sicherer Durchführung ihrer Aufgaben und Zwecke, welche zugleich eine Entlastung der Pflichten und Leistungen der Gemeinde in sich schließen, ebenso würdig als bedürftig sind. (Einmütige Zustimmung.) 6. Das an sich wertvolle, neu geschaffene Institut der Bezirksk o m m i s s i o n e n erscheint uns angesichts seiner Leistungsfähigkeit und allenthalben vorhandenen Leistungswilligkeit für eine erhöhte und vielseitigere Inanspruchnahme, insbesondere im Dienste der Armenpflege und Waisenfürsorge im Sinne einer Zentralisierung der Kontrolle und Dezentralisierung der H a u db e t e i l u n g geeignet und empfehlenswert. (Lebhafter Beifall.) 7. Wir verlangen eine jederzeitige fürsorgliche Förderung und Rücksichtnahme auf die durch den feindlichen Boykott und die ihm nachgefolgte Kreditentziehung schwer geschädigten jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden, deren Geschäftsführung und Leistungen im Allgemeinen als einwandfrei anerkannt sind, — sowie bei Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen der Gemeinde die Ermöglichung eines allgemeinen Wettbewerbes der jüdischen Interessenten mit Ausschluß jedweder privaten Begünstigung.; Stürmischer Beifall.) 8. Als selbstverständlich hat es zu gelten, daß jedes Mitglied des Vorstandes während der Dauer seiner Funktion von auf Gewinn abzielenden Geschäftsverbindungen m i t d e r Gemeinde ausgeschlossen ist. (Allgemeine Zustimmung.) 9. Im Interesse der unmittelbaren Anteilnahme eines jeden Vorstaudsmitgliebes an allen Agenden der Gemeinde, deren großer Teil gemäß der Geschäftsorganisation der Entscheidung des Vertreter-Kollegiums Vorbehalten ist, erscheint es wünschenswert, daß die Sitzungen dieses Kollegiums den übrigen Vorstandsmitgliedern als Zuhörern zugänglich gemacht werden. (Beifall.) 10. Mit Bedauern registrieren wir die Richtigkeit des in dem für die Jahre 1902 und 1903 erstatteten und soeben den Wählern mitgeteilten Rechenschaftsberichte enthaltenen Zugeständnisses des Vorstandes, daß der derzeitige Religionsunterricht in seinem Erfolge „selbst den b e r e ch t i g t e n A n f o r d e r u n g e n V i e l e r nicht entspricht". Mit desto größerem Befremden verzeichnen wir dieser Tatsache gegenüber die weitere Mitteilung eben dieses Rechenschaftsberichtes, daß der im Jahre 1900 an der Wiener Israelitisch- Theologischen Lehranstalt geschaffene Religionslehrer- Bildungskurs im Jahre 1903 ..z u E n d e" gegangen i st, ohne daß für einen angemessenen Ersatz Vorsorge getroffen worden wäre. Indem in Uebereinstimmung hiermit der jüngst erschienene Jahresbericht des genannten Seminars die weitergehende Eröffnung darbietet, daß die Israelitisch-Theologische Lehranstalt es mit „freudiger Genugtuung" verzeichnet, von dem „m i ß g l ü ck t e u Versuche" der Ä n g l i e d e r u n g einer „Präparandie für Religio uslehrer an ihre nur der Heranbildung moderner R a b b i n e u" dienenden Anstalt befreit zu sein, — erklären wir es als eine dringliche und unaufschiebbare, im Interesse unserer nachwachsenden Generation tief begründete Forderung, daß der Kultusvorstand behufs Schaffung und berufsmäßiger Heranbildung der für den Religionsunterricht an unseren Volks- und B ür g e rsch u l e n derzeit und in Hinkunft erforderlichen und den umfassenden Ansprüchen der Eltern und des Lehrplanes vollkommen entsprechenden, fachlich und pädagogisch auf der Höhe der Zeit stehenden Lehrkräfte ohne Verzug an d i e G r ü n d u n g einer jiidischenReligionsl e h r e r - B i l d u n g s a n st a l t s ch r e i t e, wie deren mehrere schon seit Jahren in Deutschland und Ungarn mit größtem Erfolge tätig sind. Hierbei bleibt es der Erwägung des Kultusvorstandes Vorbehalten, wegen Aufteilung der mit dieser Neuschöpfung verbundenen Kosten mit den größeren, an dieser Anstalt zu interessierenden Kultusgemeindeu des Reiches und mit diesem selbst das geeignete Einvernehmen zu pflegen. (Anhaltender lebhafter Beifall.) Geehrte Versammlung! Ihre zahlreichen und lebhaften Zustimmungskundgebungen dürften mich wohl der Aufgabe entheben, den einzelnen Punkten unseres Programmes eine nähere Begründung Nachfolgen zu lassen, zumal dieselben, mögen sie prinzipiellen Charakters sein, wie die bedingenden Anforderungen an die Eignung und die Pflichten unserer Kultnsoertreter, oder mögen sie konkrete Anforderungen auf dem Gebiete der Verwaltung beinhalten, immer so sachlich und klar sich darstellen, daß sie durch sich selbst ohne weiteren Kommentar sich empfehlen. (Allgemeine Zustimmung.) Nur bezüglich des an letzter Stelle des Programmes enthaltenen Punktes, der meines Wissens noch niemals zur öffent